Gleichnis von der engen Pforte und dem schmalen Weg


Das Gleichnis von der engen Pforte und dem schmalen Weg stammt aus der Bergpredigt im Matthäusevangelium (Mt 7,13–14). Darin stellt Jesus Christus die zum Leben führende „enge Pforte und den schmalen Weg“ der „weiten Pforte und dem breiten Weg“ gegenüber, die ins Verderben führen.
Im Lukasevangelium (Lk 13,24) findet sich eine Parallelstelle, nach der der Mensch um den Eintritt durch die enge Pforte „ringen“ muss. Diese Aussage steht dort jedoch in einem anderen Kontext als bei Matthäus und bildet die Antwort auf eine Frage aus dem Volk, wie viele Menschen errettet werden.
In der klassischen christlichen Theologie wird die enge Pforte als die bewusste Entscheidung des Gläubigen zur Nachfolge Christi gedeutet. Der schmale Weg symbolisiert ein Leben in Gebet, Bibelstudium und Hingabe an Gott, während der breite Weg für ein weltliches, lasterhaftes Leben steht. In diesen Ausführungen stehen sich Erlösung und Verderben unversöhnlich gegenüber.
Im allgemeinen Sprachgebrauch leitet sich von der engen Pforte zudem eine Redewendung für schwierige, aber langfristig sinnvolle Lebensentscheidungen ab.
Die geisteswissenschaftliche Forschung fasst das Gleichnis hingegen als ein rein geistiges Bild auf. Aus dieser Perspektive befindet sich die enge oder weite Pforte am Anfang eines inneren Entwicklungsweges, gefolgt vom schmalen oder breiten Weg, der entweder zum „Leben“ oder ins „Verderben“ führt. Die enge Pforte symbolisiert dabei den Konzentrationsprozess, der bezogen auf die Meditation die aktive Phase darstellt, in der ein Gedankeninhalt längere Zeit frei im Bewusstsein gehalten wird.
Textstellen im Neuen Testament
Evangelium nach Matthäus
Die Elberfelder Übersetzung gibt diese Passage mit folgenden Worten wieder:
- „Geht ein durch die enge Pforte; denn weit ist die Pforte und breit der Weg, der zum Verderben führt, und viele sind, die durch sie eingehen. Denn eng ist die Pforte und schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind, die ihn finden.“ (Mt 7,13–14)[1]
Parallelstelle im Evangelium nach Lukas
- „Ringt danach, durch die enge Tür einzugehen; denn viele, sage ich euch, werden einzugehen suchen und es nicht vermögen.“ (Lk 13,24)[2]
Theologische Interpretationen (Auswahl)

Sophronius Eusebius Hieronymus (348–420), Kirchenlehrer und Verfasser zahlreicher Schriften, äußert sich zum schmalen und breiten Weg wie folgt:
- „Hört auf diese Worte, denn sie haben eine besondere Kraft: Viele gehen auf dem breiten Weg – wenige finden den schmalen Weg. Denn der breite Weg bedarf keiner Suche und wird nicht gefunden, sondern bietet sich von selbst an; er ist der Weg all derer, die in die Irre gehen. Der schmale Weg hingegen wird nicht von allen gefunden, und selbst wenn sie ihn gefunden haben, gehen sie nicht sogleich auf ihm. Viele, nachdem sie den Weg der Wahrheit gefunden haben, lassen sich von den Freuden der Welt verführen und geben auf halbem Weg auf.“[3]
Christian Briem, deutscher Theologe, Autor christlicher Schriften und Mitglied der freikirchlichen Brüderbewegung, verweist auf die Worte Jesu Christi, nach denen es nur den einen oder den anderen Weg gibt, aber keinen Mittelweg:
- „Er zeigt zwei Pforten, zwei Wege, zwei Gruppen von Wanderern, zwei Ziele. Man befindet sich in diesem Leben entweder auf dem schmalen oder auf dem breiten Weg, man steuert entweder dem Leben oder dem Verderben in der Ewigkeit zu.“[4]
Briem weist darauf hin, dass das griechische Wort Apōleia (ἀπώλεια) nicht „Auflösung“ oder „Vernichtung“ bedeutet, sondern „äußersten, endgültigen Ruin oder Untergang, unumstößliches Verderben“. In diesem Sinn werde Apōleia wiederholt im Neuen Testament gebraucht, um den Zustand nach dem Tod und die ewige Trennung vom wahren, göttlichen Leben zu beschreiben.[4]
Er vertritt den Standpunkt, dass es nur der Gnade und der Güte Gottes und nicht dem Verdienst des Menschen zuzuschreiben ist, wenn die enge Pforte und der schmale Weg gefunden werden. Auch wenn man durch die enge Pforte gegangen sei, bedürfe es „großer Energie“ und eines „ernsten Herzensentschlusses, um sich von der großen Masse abzusondern und um jeden Preis einen persönlichen, eben den „schmalen Weg“ zu gehen.“[4]
Geisteswissenschaftliche Forschungen
Das Ich des Menschen bildet die Pforte zur Himmelswelt

Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie, sieht das Gleichnis von der engen Pforte in direktem Zusammenhang mit der Entwicklung des menschlichen Ich. Diese Entwicklung hat sich durch das Christusereignis grundlegend verändert, wovon auch die Bergpredigt im Matthäusevangelium zeugt:
- „Der ganze Geist der Bergpredigt ist durchhaucht von dem neuen Impuls der Ichheit des Menschen.“[5]
Das menschliche Ich bildet in seiner Betrachtung den Schlüssel zum Weltenzentrum und damit die eigentliche Pforte zur Geisteswelt:
- „Das Ich im Menschen ist der Schlüssel zu diesem Zentrum der Welt. Es ist der Funke, der ihn mit dem Zentralfeuer der Welt verbindet. Es ist die Quelle, aus der er schöpfen muss; sie wird ewig erneuert durch das Welten-Ich, das Weltenleben selbst. Es ist die enge Pforte, durch die der Mensch hindurchgehen muss, um in die Geisteswelt zu gelangen. Alle menschlichen Kräfte müssen einströmen in das Ich, wie in einen Punkt, und erst durch diesen Punkt hindurch, durch die enge Pforte des Ich hindurch, können sie wieder hervorgehen, […].“[6]
Die enge Pforte – Bewusstseinskraft zur Gedankenformung
Heinz Grill, spiritueller Lehrer und Begründer des geistigen Schulungsweges Neuer Yogawille, sieht im Gleichnis von der engen Pforte ein Sinnbild für die Konzentration, die für den Meditationsprozess unerlässlich ist.
Seinen Ausführungen zufolge erfordert die Meditation eine klare Unterscheidung zwischen zwei Zuständen: Einerseits der Fähigkeit, einen gewählten Gedanken durch Aufmerksamkeit und Konzentration in einem vom Körper freien Verhältnis objektiv zu platzieren und ausdauernd zu halten. Andererseits der Dynamik, dass Stimmungen und Gefühle, die unwillkürlich aus der eigenen Innenwelt aufsteigen, das Meditationsobjekt verdrängen:
- „Die enge Pforte, die im Evangelium genannt wird, ist nichts anderes als die unmittelbare Bewusstseinskraft, die Kraft der Bewusstseinsseele, die einen Gedanken aus dem Gedanken selbst heraus formt und ihn auf den Weg zur Entwicklung führt. […] Die breite Pforte hingegen muss es ebenfalls im Leben geben. Sie muss nicht sogleich ins Verderben führen, wie es so eindrucksvoll und drastisch im Evangelium angeführt ist, sondern sie führt zu einem Sich-Verlieren und nicht wirklich zu einem Erkraften im Gedanken. Das Licht, das durch die Konzentration entstehen könnte, lenkt sich sehr leicht durch Interpretationen, Beigaben, Assoziationen und vorschnelle Nachlässigkeit in die körperlich gebundene Sphäre ab, das heißt in die niedrigeren Anteile des Astralleibes. Bis zu jenem Zielpunkt, an dem ein Gedanke ganz zur Reife gelangt ist, muss der Übende durchhalten und die Meditation über längere Zeit wiederholen. […]
- Der einzelne Mensch entwickelt, wenn er durch die enge Pforte eingeht und den Weg der Konzentrationsbildung durch gute allgemeine Zielsetzung und Wiederholung durchhält, eine lichte und kräftige Seelenverfasstheit durch den Gedanken. Er wird selbst zum Gedanken, zuerst auf der reinen Vorstellungsebene, schließlich auf der Empfindungsebene und zuletzt wird dieser Gedanke ganz zu seiner Persönlichkeitsstruktur.“[7]
Weiter stellt Heinz Grill dar, dass der einzelne Mensch eine lichte und kräftige Seelenverfasstheit durch den Gedanken entwickelt, wenn er durch die enge Pforte eingeht und den Weg der Konzentrationsbildung durch gute allgemeine Zielsetzung und Wiederholung durchhält. Der Übende werde dabei selbst zum Gedanken, zunächst auf der reinen Vorstellungsebene und schließlich auf der Empfindungsebene. Zuletzt werde dieser Gedanke vollständig Teil seiner Persönlichkeitsstruktur.[7]

Heinz Grill weist darauf hin, dass in Johann Wolfgang von Goethes Tragödie Faust I innerhalb der Verse 59–64 ein inhaltlicher Zusammenhang zur engen Pforte des Matthäusevangeliums zum Ausdruck komme. In Vers 37 äußert der Direktor: „Ich wünschte sehr, der Menge zu behagen“, worauf der Dichter antwortet:
„O sprich mir nicht von jener bunten Menge,
Bey deren Anblick uns der Geist entflieht.
Verhülle mir das wogende Gedränge,
Das wider Willen uns zum Strudel zieht.
Nein, führe mich zur stillen Himmelsenge,
Wo nur dem Dichter reine Freude blüht;“[8]
Goethe sei sich nach Heinz Grill sehr bewusst gewesen, dass mit dem „engen Himmelstor“ eine selige, erfahrbare Wirklichkeit verbunden ist. Diese selige Stimmung erschließe sich durch die Konzentration, welche mit zunehmender Übung in die Meditation übergehe.[9]
Außerbiblische Bezüge

André Paul Guillaume Gide (1869–1951) war ein französischer Schriftsteller. Er erhielt 1947 den Literaturnobelpreis. Sein Roman Die enge Pforte (1909) handelt von einer tragischen Liebesgeschichte:
Das Findelkind Lucile, eine junge Kreolin aus Martinique, kommt nach Le Havre in Frankreich und wird dort mit 16 Jahren verheiratet. Lucile nimmt es nicht so genau mit der Treue zu ihrem Mann und ihr Lebenswandel entspricht somit auch nicht den Moralvorstellungen der christlichen Kirche. Der Pastor des Ortes, sehr erzürnt über Luciles Lebenswandel, verurteilt ihr sündiges Verhalten von der Kanzel herab und beruft sich dabei auf den Vers aus dem Matthäusevangelium: „Geht ein durch die enge Pforte“.
Alissa, eine ihrer Töchter, verliebt sich in Jérome. Das Liebespaar, gefangen in seiner puritanischen Disziplin, nimmt die Predigt des Geistlichen so ernst, dass es sich jegliche Annäherung versagt. Alissa, die sich selber ein Liebesverbot erteilt, hält zeitlebens an dieser Enthaltsamkeit fest, bis sie schließlich daran zugrunde geht und einsam in Paris stirbt.[10]
Isaac Watts (1674–1748) war ein englischer Liederdichter, Theologe und Logiker. Er bezog sich in seinem Hymnus Broad is the road auf die breiten und die schmalen Wege. Eine Strophe aus diesem Hymnus lautet:
„Breit ist der Weg, der zum Tod führt,
und Tausende gehen dort gemeinsam;
Aber Weisheit zeigt einen schmaleren Weg,
mit hier und da einem Reisenden.“[11]
Von Immanuel Kant (1724–1804), deutscher Philosoph der Aufklärung sowie Professor der Logik und Metaphysik, stammt das folgende Zitat aus dem Jahr 1793. Es ist aus seiner Schrift Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft:
- „Die enge Pforte und der schmale Weg, der zum Leben führt, ist der des guten Lebenswandels; die weite Pforte und der breite Weg, den viele wandeln, ist die Kirche. Nicht als ob es an ihr und an ihren Satzungen liege, daß Menschen verloren werden, sondern daß das Gehen in dieselbe und Bekenntniß ihrer Statute oder Celebrirung ihrer Gebräuche für die Art genommen wird, durch die Gott eigentlich gedient sein will.“[12]
Siehe auch
- Sammelt euch nicht Schätze auf der Erde, wo Motte und Rost zerstören (Mt 6,19–21)
- An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen (Mt 7,15–20)
- Gleichnis vom Haus auf dem Felsen oder auf Sand (Mt 7,24–29)
Einzelnachweise
- ↑ Matthäus 7. In: Elberfelder Übersetzung. Edition CSV. Abgerufen am 13. Juni 2026.
- ↑ Lukas 13. In: Elberfelder Übersetzung. Edition CSV. Abgerufen am 13. Juni 2026.
- ↑ Kommentar zum Evangelium des HL. Matthäus In: Catena aurea. Kommentar zu den vier Evangelien. Abgerufen am 16. Juni 2026.
- ↑ 4,0 4,1 4,2 Christian Briem: Die enge Pforte. In: bibelkommentare.de. Abgerufen am 13. Juni 2026.
- ↑ Rudolf Steiner: Das Matthäus-Evangelium. GA 123. 5. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1988, ISBN 3-7274-1230-5. S. 186. (Online)
- ↑ Rudolf Steiner: Kosmologie und menschliche Evolution - Farbenlehre. GA 91. 1. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Basel 2018, ISBN 978-3727409103, S. 245. (Online)
- ↑ 7,0 7,1 Heinz Grill: Meditationsinhalt 62 vom 25. November 2020 (PDF). Über die E-Mail-Adresse meditationsinhalte@mail.de kann die PDF erbeten und eingesehen werden.
- ↑ Seite 10, Faust I (Goethe). In: de.wikisource.org. Abgerufen am 13. Juni 2026.
- ↑ Heinz Grill: Meditationsinhalt 116 vom 10. Dezember 2021 (PDF). Über die E-Mail-Adresse meditationsinhalte@mail.de kann die PDF erbeten und eingesehen werden.
- ↑ André Gide: Die enge Pforte. Gesammelte Werke in 12 Bänden. Band VIII/2. Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart 1992, ISBN 3-421-06468-7, S. 23–142.
- ↑ Isaac Watts: HYMN 158 In: ccel.org. Abgerufen am 4. Juli 2026.
- ↑ Immanuel Kant: Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft. Viertes Stück, Erster Teil, Erster Abschnitt (Originalausgaben: A 227 / B 241). In: Akademie-Ausgabe (AA), Band VI, 1793, S. 160. Online einsehbar im Kant-Informationssystem der Universität Bonn. Abgerufen am 13. Juni 2026.
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