Guna

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Die Guna Sattva im Bild einer blühenden Rose

Der Begriff Guna (Devanagari गुण, IAST guṇa), hat seinen Ursprung in der Samkhya-Philosophie des Ostens. Diese gliedert die Erscheinungsformen des Menschseins und der Natur (Prakriti, Devanagari प्रकृति, IAST prakṛti) in drei unterschiedliche Qualitäten des Daseins, die als Gunas bezeichnet werden. Diese heißen Sattva, Rajas und Tamas. Sattva ist das reine und lichte Prinzip, Rajas das aktive, bewegende und Tamas wird mit Dunkelheit sowie Trägheit in Verbindung gebracht.[1]

Bezogen auf den Menschen soll die Eigenschaft von Sattva zum Göttlichen, jene von Tamas zum Dämonischen führen, während Rajas zwischen diesen beiden steht.[2]

„Nach oben steigen jene empor, die in Sattwa sind. Die in Rajas leben, verbleiben in der Mitte. Die aber in Unwissenheit und Trägheit eingehüllt sind, in die Auswirkung der niedrigsten Eigenschaft, des Tamas, sinken nach unten.“ (BhG XIV.18)[3]

Übersetzung aus dem Sanskrit

Guna bedeutet wörtlich übersetzt „Qualität“, „Attribut“ oder „Eigenschaft“ im Allgemeinen, aber auch „Faden“, „Schnur“ oder „Seil“.[4][5] Wie viele Fachbegriffe in anderen Sprachen lässt sich auch Guna nur schwer mit einem einzigen deutschen Wort erfassen.

Die Übersetzung des Begriffs mit „Faden“ spielt auf die ursprünglichen, miteinander verwobenen Materialien an, die auf diese Weise die Realität bilden. „Man stellt sich die Natur als ein aus diesen drei Fäden gewebtes Gewebe vor. Das Geflecht der Fäden konstituiert das, was man prakriti nennt.“[6] Eine häufige, wenn auch nur annähernde Übersetzung im allgemeinen Sprachgebrauch lautet „Eigenschaft“.[7]

Guna in der Natur

Als konkrete Beispiele in der Natur kann ein Felsen dem schweren Element des Tamas zugehörig betrachtet werden, ein Vulkan entspricht dem leidenschaftlichen, bewegenden Prinzip des Rajas und das Sonnenlicht wird dem leichten und harmonischen Sattva zugeordnet.[8]

Guna und Hinduistische Philosophie

Die Gunas sind heute ein Schlüsselbegriff in fast allen Schulen der hinduistischen Philosophie. Nach dieser Weltanschauung gibt es drei Gunas (Triguna, Devanagari त्रिगुण, IAST triguṇa), die seit jeher in allen Dingen und Wesen der Welt vorhanden waren und weiterhin vorhanden sind.[9]

Diese drei Gunas heißen: Sattva (Güte, Ruhe, Harmonie), Rajas (Leidenschaft, Aktivität, Bewegung) und Tamas (Unwissenheit, Trägheit, Faulheit).[10] Alle diese drei Gunas sind in jedem und allem vorhanden; laut der hinduistischen Weltanschauung unterscheidet sich lediglich ihr Verhältnis zueinander. Das Zusammenspiel dieser Gunas bestimmt den Charakter eines Menschen oder einer Sache sowie der Natur und bestimmt den Verlauf des Lebens.[11][12]

B. K. S. Iyengar beschreibt, dass sich das Bewusstsein nach der Hindu-Philosophie in drei verschiedene Eigenschaften manifestiert. „Denn der Mensch, sein Leben und sein Bewußtsein sind, zusammen mit dem ganzen Kosmos, die Ausstrahlungen der einen und gleichen Prakriti (kosmische Materie oder Substanz) – Ausstrahlungen, die verschieden sind in ihrer Bezeichnung, je nachdem welches Guna vorherrschend ist.“

Sattva führt demnach zu Klarheit und mentaler Ruhe. Rajas macht den Menschen aktiv und energisch, gibt ihm Willensstärke und angespannte Kraft. Tamas dagegen hält das erstrebte Wirken von Rajas und das Bestrebende von Sattva nach Erleuchtung auf oder wirkt diesen entgegen.[2]

Samkhya-Philosophie

Nach der Samkhya-Philosophie ist niemand und nichts entweder rein sattvisch, rein rajasisch oder rein tamasisch. Die eigene Natur und das eigene Verhalten stellen ein komplexes Zusammenspiel aller drei Gunas dar, in unterschiedlichem Ausmaß. Bei manchen ist das Verhalten rajasisch mit erheblichem Einfluss des sattvischen Gunas; bei anderen ist es rajasisch mit erheblichem Einfluss des tamasischen Gunas und so weiter. Das Gleichgewicht der Gunas bei allem und jedem kann sich ändern und tut dies auch. Allerdings stößt eine Veränderung in einer Eigenschaft in der indischen Weltanschauung auf den Widerstand der beiden anderen Eigenschaften. Veränderung erfordert innere oder äußere Einflüsse oder Verstärkung, also Wissen und Kraft zur Transformation. Die Kraft zur Veränderung kommt aus dem Rajas-Guna. Das Sattva-Guna befähigt den Menschen zu einem harmonischen und konstruktiven Wandel, während das Tamas-Guna den Prozess bremst oder verzögert.[13]

In der Samkhya-Philosophie stellen die drei Seinsqualitäten eine Art dynamische Einheit dar. „Die Dreiheit bildet im Weltenkosmos die harmonische Gliederung und zugleich die bestehende Einheit. Während die Zahl 2 eine Polarität darlegt, bewirkt die 3 das Verbindende.“[14]

Nyaya-Philosophie

In der Nyaya-Philosophie des Hinduismus wird intensiv darüber diskutiert, was Guna bedeute, und ob Eigenschaften angeboren, subjektiv oder beschreibbar sind.[7] Sie betrachtet eine Eigenschaft als nicht wiederholbar – ein konzeptioneller Ansatz, der in der westlichen Philosophie nicht zu finden ist, wo „Eigenschaft“ als wiederholbar vorausgesetzt wird. Auch in einigen parallelen Schulen des Hinduismus ist dieser Ansatz nicht anzutreffen. Wiederholbarkeit bedeutet, dass das Weiß eines Objekts mit dem Weiß eines anderen Objekts identisch ist und dass „Weiß“ immer dasselbe bedeutet. Nyaya-Gelehrte vertreten die Auffassung, dass „Weißheit“ ein Guna von „Weiß“ ist, sich jedoch von der „Weißheit“ eines Objekts oder Lebewesens unterscheidet. Für sie weist Weiß viele Schattierungen auf und die „Weißheit“ ist subjektiv.[15]

Vaisheshika-Philosophie

Die Vaisheshika-Philosophie des Hinduismus, die der Nyaya-Philosophie am nächsten steht, vertritt die Auffassung, dass unser Bewusstsein, unser Verständnis und unsere Urteile über jede Person und jede Sache in der Welt relational sind.

Alle Beziehungen, so diese hinduistische Schule, sind dyadisch und bestehen zwischen dem Pratiyogin (dem Beziehenden oder abhängigen Element) und dem Anuyogin (dem Bezugspunkt oder tragenden Element). Guna gilt als eine der sieben Padartha (Devanagari पदार्थ, IAST padārtha, deutsch „Kategorien“) von Beziehungen.[16]

Guna in der Bhagavad Gita

Krishna mit Zitat aus der Bhagavad Gita (BhG VI.30)

Der Weg der Bhagavad Gita wird in der geistigen Forschung als „praktische Darlegung einer universalen Philosophie angesehen“, die „jedoch nicht von außen der Weltenschöpfung beigemessen werden müsste“, sondern die „sich von innen heraus ausspricht“.[17]

„Die Bhagavad Gita atmet von innen heraus und beschreibt in rhythmischen Versen das Bild der menschlichen Entwicklung.“[17]

In den Kapiteln 2, 3, 7, 13, 14, 17 und 18 der Bhagavad Gita werden die Gunas in verschiedenen Kontexten behandelt.

2. Kapitel

Im zweiten Kapitel heißt es, dass die Wirkungsweise der drei Gunas (Seinsbestimmungen) Gegenstand der Veden ist. Arjuna soll frei werden von den Gunas, fest im wahren Sein gegründet, frei von Erwerben- und Habenwollen (BhG II.45).[18]

3. Kapitel

Im dritten Kapitel, dem Yoga des Handelns, wird jeder Mensch als derart beschaffen beschrieben, dass er nie untätig bleibt, sondern unter dem Zwang der aus Prakriti geborenen Seinsbestimmungen (Gunas) zwangsläufig Handlungen ausübt (BhG III.5).[19]

7. Kapitel

Das 7. Kapitel handelt vom Yoga der Erkenntnis und Weisheit. Als Gunas werden mentale Zustandsformen, Gefühle des Verlangens, Regungen der Leidenschaft, Reaktionen der Sinne, das in Gegensätzen verlaufende Spiel der Vernunft sowie die Wandlungen der Gefühle und des moralischen Sinnes bezeichnet. Der „Erhabene“ spricht über seine göttliche Maya der Gunas, die kaum zu überwinden ist und über die nur diejenigen hinausgelangen, die seine Nähe suchen (BhG VII.12–14).[20]

13. Kapitel

Von den Begriffen Purusha und Prakriti mit Bezug zu den Gunas und der Wiedergeburt handelt das 13. Kapitel:

„Purusha, eingefaltet in Prakriti, genießt die Eigenschaften (Gunas), die aus Prakriti geboren werden. Den Gunas verhaftet zu sein, ist die Ursache für seine Geburt in guten oder schlechten Mutterschößen.“ (BhG XIII.22)[21]
„Wer so den Purusha und die Prakriti mit ihren Eigenschaften (Gunas) kennt, der soll nicht wiedergeboren werden, wie er auch leben und wirken mag.“ (BhG XIII.24)[21]

14. Kapitel

Das 14. Kapitel ist dem Yoga der drei Seins-Bestimmungen (Gunas) gewidmet.

Der „Erhabene“ spricht zu Arjuna, dass die drei Gunas Sattva, Rajas und Tamas, die aus Prakriti geboren sind, den unvergänglichen Bewohner des Körpers im Körper fesseln. Arjuna erfragt die Kennzeichen eines Menschen, der die drei Gunas überwunden hat. Der „Erhabene“ erläutert daraufhin die spezifischen Wirkungsweisen der Gunas sowie die Voraussetzungen, die für das Erreichen dieses Zustands erfüllt sein müssen (BhG XIV.5–25).[22]

17. Kapitel

Ein Fries im Virupaksha-Tempel (Pattadakal), das Szenen aus dem Mahabharata mit dem Streitwagen von Arjuna und Krishna darstellt

Das 17. Kapitel bringt die drei Gunas in Bezug zum menschlichen Denken und Handeln, den unterschiedlichen Motiven und auch der Bedeutung oder Folgen für das soziale Miteinander. Es werden unterschieden drei Arten des Glaubens (Shraddha), drei Arten von Nahrung, drei Arten von Opfer, drei Arten der Askese (Tapas) sowie drei Arten beim Spenden von Gaben (Dana, Devanagari दान, IAST dāna).

„Der Erhabene sprach:
Der Glaube in den verkörperten Wesen ist wie alle Dinge in der Natur von dreifacher Art und unterschiedlich gemäß der in ihrer Natur vorherrschenden Eigenschaft: Sattwa, Rajas oder Tamas. Höre nun von diesen!“ (BhG XVII.2)[23]

Nach der Interpretation von Heinz Grill ist der völlige Glaube die vollständige Akzeptanz einer Wahrheit, die erstrebt, erschaut und mit ganzem Willen verwirklicht wird. Intellektuelles Fürwahrhalten oder äußere Frömmelei wären rein oberflächliche Definitionen des Glaubens.[24]

Ob die Nahrung der Gesundheit und dem Wohlbefinden von Körper und Geist dient und die Gesundheit fördert, ob sie ein Unwohlsein auslöst oder ob sogar Verlangen nach unreiner, verdorbener Speisen besteht, wird in den Versen 7–10 thematisiert.[25]

Welcher Art das Opfer ist, behandeln die Verse 11–13.

„Sattwa-artig ist das Opfer, das von Menschen dargebracht wird ohne Begehren der persönlichen Frucht und das nach den richtigen Prinzipien vollzogen wird: mit dem Verstand, auf den Gedanken konzentriert, daß jede Tat, die getan wird, als Opfer getan wird.“ (BhG XVII.11)[26]

Nach Sivananda beschränkt sich das Wesen des Opfers nicht auf zeremonielle Riten. Jede selbstlose Handlung, die ohne Verhaftung und ohne die Erwartung einer Belohnung als Hingabe an den Herrn vollzogen werde, stelle ein Opfer dar.[27]

Askese (Tapas) kann sich auf den Körper, die Rede und die mentalen Kräfte beziehen, die sich je nach Reinheitsgrad den drei Gunas zuordnen lässt (BhG XVII.14–19).[26]

„Sattwa-artig nennt man diese dreifache Askese, wenn sie im höchsten erleuchteten Glauben, ohne Verlangen nach Belohnung und harmonisch ausgeführt wird.“ (BhG XVII.17)[26]

Das Geben oder Spenden entspricht im Idealfall Sattva:

„Spenden geschieht nach Art des Sattwas, wo man es um des Gebens und Wohltuns willen tut und den beschenkt, der die Wohltat nicht erwidert und die Spende unter den rechten Umständen von Zeit und Ort und an den richtigen Empfänger austeilt (der würdig ist und für den die Gabe eine wirkliche Hilfe bedeuten kann).“ (BhG XVII.20)[28]

Weicht das Geben von diesen Voraussetzungen ab, ist es von der Art des Rajas oder Tamas (BhG XVII.20–22).[28]

18. Kapitel

Das 18. Kapitel (Yoga des Entsagens der Befreiung) behandelt die philosophische Frage, ob der Mensch als verkörpertes Wesen auf Handlungen oder Wirken verzichten kann und wie er sich aus Sicht der Seinsqualitäten zu den Früchten seiner Handlungen positionieren kann und sollte.[29]

„Auf die Handlungen des Opferns, des Spendens und der Askese sollte auf keinen Fall verzichtet werden. Sie sollen vollzogen werden, denn sie läutern den Weisen.“ (BhG XVIII.5)[30]

Nachfolgend wird erörtert, dass sich der mentale Impuls zum Handeln aus drei Dingen bildet: Erkenntnis, Gegenstand der Erkenntnis und Erkennender. Nach dem Sankhya sind diese von dreifacher Art gemäß der Verschiedenheit der Gunas:

„Erkenne als sattwa-artig jene Erkenntnis, durch die man das eine unvergängliche Sein in allem Werden und das eine unteilbare Ganze in all diesen Teilerscheinungen wahrnimmt.“ (BhG XVIII.20)[31]

मुक्तसङ्गोऽनहंवादी धृत्युत्साहसमन्वितः ।
सिद्ध्यसिद्ध्योर्निर्विकारः कर्ता सात्त्विक उच्यते ॥ २६ ॥

mukta-saṅgo ’nahaṁ-vādī
dhṛty-utsāha-samanvitaḥ |
siddhy-asiddhyor nirvikāraḥ
kartā sāttvika ucyate ||

„Handelt der Täter frei von Verhaftung, frei von Ichhaftigkeit, voll fester, unpersönlicher Entschlossenheit, mit ruhiger Geradheit seiner Hingabe, weder hochgestimmt bei Erfolg, noch niedergeschlagen bei Mißerfolg, dann wird er sattwa-geprägt genannt.“[32]

—  Bhagavad Gita, Kapitel XVIII, Vers 26
(Devanagari, IAST und Deutsch)

Die Verse 26–28 beleuchten die Frage, wie sich der Handelnde mit seinem Werk verbindet, ob er frei bleibt oder daran haftet und welche moralisch-ethischen Werte ihn leiten:

„Handelt der Täter frei von Verhaftung, frei von Ichhaftigkeit, voll fester, unpersönlicher Entschlossenheit, mit ruhiger Geradheit seiner Hingabe, weder hochgestimmt bei Erfolg, noch niedergeschlagen bei Mißerfolg, dann wird er sattwa-geprägt genannt.“ (BhG XVIII.26)[32]

Im Gegensatz zum Einsatz der Kräfte im Sinne von Sattva werden die Tamas-Kräfte so beschrieben:

„Handelt einer unter nur mechanischem Einsatz seiner mentalen Kräfte (setzt er sich bei seinem Tun nicht richtig ein), ist er stupide und eigensinnig, verschlagen und anmaßend, träge, leicht entmutigt und zaudernd, dann gilt er als tamas-geprägt. (BhG XVIII.28)[32]

Einen weiteren Aspekt der Betrachtung nehmen Verstand und Beharrlichkeit ein, die ebenfalls dreierlei Art sind (BhG XVIII.29–35). Die dreifache Qualität des Verstandes wird aufgegliedert in ein steigendes Unterscheidungsvermögen und Kenntnis von Gesetzmäßigkeiten, wann eine Pflicht zum Handeln besteht.

„Jener Verstand, der das Gesetz des Handelns und das Gesetz des Verzichts auf das Handeln erkennt, der die Sache, die getan werden soll, zu unterscheiden vermag von der Sache, die man unterlassen soll, und das, was man fürchten soll, von dem, wovor man sich nicht fürchten soll, und der erkennt, was den Geist des Menschen fesselt und was ihn befreit, ein solcher Verstand, o Partha, ist sattwa-artig.“ (BhG XVIII.30)[33]
„Jene Beharrlichkeit, die ohne Schranken ist, mit der man durch Yoga das Mental und die Sinne und das Leben beherrscht, o Partha, ist sattwa-artig.“ (BhG XVIII.34)[33]

Die mit dem Opfer verbundene Qualität der Freude wird aus geistiger Forschung gemäß der drei Gunas auf folgende Weise charakterisiert:

„Das Opfer in sattva: Am Anfang erscheint keine rechte Freude und das Opfer lässt sich wie Gift, viṣa, erleben. Am Ende ist die Freude groß und das Opfer ist wie Nektar – amṛtopama (XVIII/37).“
„Das Opfer in der Qualität des rajas: Die Freude, sukha, die durch die weltliche Attraktion entsteht, erscheint am Anfang glücklich. Am Ende mündet rajas in Leid, duḥkha oder fühlt sich wie Gift an – viṣa (XVIII/38).“
„Das Opfer in tamas beginnt im Irrtum, moha, und seiner Versuchung. Es erweckt Scheinfreude. Am Ende lebt der Verfall und der Verlust des Selbst (XVIII/39).“[34]

Guna und Yoga

B. K. S. Iyengar

Iyengar führt in seinem Werk Licht auf Yoga aus, dass durch ständige Arbeit an sich selbst zum Schluss das Sattva-Guna übrigbleibt: „Wer mit Neigungen zum Göttlichen geboren ist, ist furchtlos und rein, großzügig und voller Disziplin.“ Weitere Qualitäten von Sattva seien die Freiheit von Verlangen, Freundlichkeit, Bescheidenheit und Standhaftigkeit. Ein Mensch, der in Sattva lebt, sei gütig und entschlossen, ihm fehle jede Gemeinheit und jeder Stolz.[35]

Die Rajas-Veranlagung kennzeichne sich durch inneren Lebensdurst und Verlangen. Leidenschaft und Gier fügten anderen Menschen Schaden zu. Durch Lust und Hass, Neid und Misstrauen habe der rajasische Mensch unersättliche Wünsche. Er schrecke vor unerfreulichen Dingen zurück und hänge an dem Erfreulichen. Seine Rede sei mürrisch, sein Magen gierig.[35]

Dämonische Neigungen (Tamas) seien Misstrauen, Frechheit, Dünkel, Zorn, Grausamkeit und Unwissenheit. Diesen Menschen fehle Reinheit, rechtes Benehmen und Wahrheit. Durch die zahllosen Begierden seien sie verwirrt und im Netz der Täuschung gefangen gehalten.[35]

Der Yogi, der auch ein Mensch ist, werde von den drei Gunas beeinflusst:

„Durch die ständige und disziplinierte Erforschung (abhyāsa) seiner selbst und der Gegenstände, denen seine Sinne folgen, lernt er, welche Gedanken, Worte und Handlungen von Tamas und welche von Rajas veranlaßt werden. Mit unaufhörlichem Bemühen jätet und reißt er Gedanken aus, die von Tamas stammen. Er bemüht sich, einen sattvahaften Körper und mentalen Zustand zu erlangen. Wenn Sattva-Guna alleine übrigbleibt, hat die menschliche Seele einen weiten Weg zum höchsten Ziel zurückgelegt.“[35]

Heinz Grill

Heinz Grill führt aus, dass die Trägheit, die Aktivität und die Bewusstheit an der richtigen Stelle im Menschen sein müssen. Die Trägheit (Tamas) müsse sich im besten Sinne für Ruhe und Erholung bereitstellen. Die Unruhe (Rajas) sei idealerweise eine regsame Dynamik, und die Reinheit (Sattva) sei dann gewährleistet, wenn das Bewusstsein die bestmöglichen, objektiven Wahrnehmungs- und Gedankenprozesse leisten könne. „Der einzelne Mensch braucht deshalb eine sinnvolle körperliche Betätigung und des Weiteren eine bewusstseinsbildende Aktivität, die seine sensiblen Nerven stärkt.“[1]

Er geht von einer Gliederung und Einheit der drei Gunas im menschlichen Körper aus:

„Sattva: Das Gehirn mit seinen sensiblen Nerven, das reflektierend und bewusstseinsspendend das Leben steuert, entspricht den lichten Prinzipien.
Rajas: Der Magen mit seiner aktiven, hochkarätigen Salzsäureproduktion bewirkt forsche Aktivität.
Tamas: Das Säftefließen und die Lymphe, die tief im Unbewussten ein autonomes Verdauen gewährleisten, wirken ganz in der Abschirmung und Dunkelheit.“[36]

Guna und Meditation

Saguna und Nirguna

Swami Sivananda und sein Schüler Swami Satchidananda Saraswati
Der Lavendel kann als konkretes Objekt zur Saguna-Meditation dienen.

Im Yoga wird zwischen gegenständlicher und nichtgegenständlicher Meditation, Saguna und Nirguna unterschieden. Nirguna bedeutet „ohne Eigenschaft“, Saguna „mit Eigenschaft“ oder „mit Attribut“.

Swami Sivananda nennt einige Beispiele für eine konkrete Saguna-Meditation: Ein Bild von Jesus aufstellen und an seine Lebensgeschichte denken, die von ihm vollbrachten Wunder und die außerordentlichen Kräfte, die er besaß. Als weitere Objekte werden Vishnu, Krishna, Licht und Sonne, Ozean und Himalaya genannt.

Im Vergleich wird eine abstrakte oder Nirguna-Meditation, wie beispielsweise auf die universelle Kraft, so beschrieben:

„Es gibt eine lebendige universelle Kraft, die all den Erscheinungen von Namen und Formen zugrunde liegt. Meditiere über diese formlose Kraft. Dies führt zur Erkenntnis des Absoluten ohne Attribute (nirguna) und ohne Form (nirakara).“[37]

Aus der Sichtweise des Neuen Yogawillens bewirke die methodisch gut aufgebaute gegenständliche Meditation strukturbildende, formende Expressionen, während das Meditieren auf das Unendliche oder andere sehr unkonkrete Vorstellungen zu einer Einkehr in die Subjektivität mit Gefühlen, die dem Leben fremd werden, führen könne.[38]

Guna und Konzentration

In der Konzentration ist der Übende nach B. K. S. Iyengar vollkommen auf einen einzigen Punkt ausgerichtet oder auf eine Aufgabe, von der er gänzlich gefesselt ist. Um diesen Zustand vollkommener Versenkung zu erreichen, müssen die Gedanken beruhigt werden. Mentale Zustände werden in fünf Gruppen unterteilt und in ihren Eigenschaften den drei Gunas zugeordnet.

Im ersten Zustand sind die mentalen Kräfte zerstreut, dies entspriche dem Rajo-Guna. In einer anderen Gruppe sind die Gedanken töricht, dumpf und stumpfsinnig und das Tamo-Guna habe die Vorherrschaft. Der vierte Zustand ist Ekagra (eka = eins; agra = vor allem[39]), bei dem die Gedanken ganz aufmerksam seien und die mentalen Fähigkeiten „auf ein einziges Objekt gesammelt werden“, was dem Sattva-Guna entspreche.[40]

Guna und Psychologie

In der Yoga-Psychologie können mit Hilfe der Gunas Veranlagung und Stimmung eines Menschen beschrieben werden. Ein von Natur aus besonnener und ausgeglichener Mensch manifestiert überwiegend Sattva, im Zorn zeigt sich jedoch Rajas und bei einer Depression fällt er in Tamas. Wer von Natur aus träge ist, dem wird aus Sicht des Yoga geraten, zunächst Energien zu mobilisieren um Leidenschaft und dynamische Kräfte, also Rajas, zu entwickeln. Als nächster Schritt sei dann auch Sattva anzustreben, um die oft hitzigen Rajas-Energien in lichtvollere zu überführen. Letztlich sei es aber das Ziel – mit Hinweis auf die Bhagavad Gita, II.45 – alle drei Ebenen der Guna zu transzendieren.[41]

Guna und Ayurveda

In der ayurvedischen Lehre wird zwischen den Gurvadi-Gunas – zehn Paaren mit jeweils gegensätzlichen Eigenschaften wie heiß und kalt sowie leicht und schwer – und den sogenannten Maha-Gunas, den drei großen Qualitäten Sattva, Rajas und Tamas, unterschieden. Lebensmittel und deren Zubereitung werden diesen Kategorien zugeordnet. Die Kenntnis der Gunas und ihres Zusammenspiels soll den Menschen dabei unterstützen, bewusster zu leben.[42]

Guna, Gesundheit und Entwicklung

Für ein physisch und psychisch gesundes Dasein ist nach der geistigen Forschung von Heinz Grill eine zu entwickelnde Selbstbestimmung des Menschen von großer Bedeutung. Diese kann durch eine aktive Auseinandersetzung – auf Grundlage der Gunas – nicht nur mit sich selbst, sondern mit den Phänomenen der Natur, den Nahrungsmitteln, den Bedingungen des Daseins, den Beziehungsverhältnissen und den verschiedensten Gefühlen gefördert werden. Von Vorteil ist dafür die Anwendung der Dreigliederung der Gunas und ihrer Kriterien, mit der der Mensch die Phänomene praktisch und erkenntnismäßig zuordnen und identifizieren kann, beispielsweise um seine Beobachtungsvorgänge bis auf eine objektive Stufe zu führen, was dem Sattva-Guna entspricht.[1]

Literaturverzeichnis

  • Sri Aurobindo: Bhagavadgita. 5., unveränderte Auflage. Hinder + Deelmann, Gladenbach 2013, ISBN 978-3-87348-163-3
  • Heinz Grill: Erkenntnisgrundlagen zur Bhagavad Gita. Stephan Wunderlich Verlag, Sigmaringen 2024, ISBN 978-3-948803-18-6
  • Wilfried Huchzermeyer: Das große illustrierte Yoga-Lexikon. Verlag Huchzermeyer, Karlsruhe 2022, ISBN 978-3-931172-41-1
  • B. K. S. Iyengar: Licht auf Yoga. O.W. Barth Verlag, München 2010, ISBN 978-3-426-29143-6
  • Swami Sivananda: Shrimad Bhagavad Gita. 2. Ausgabe. Sivananda Yoga Vedanta Zentrum, Reith 2015, ISBN 978-3-9503977-9-6
  • Swami Sivananda: Mit Konzentration und Meditation zur Selbstverwirklichung. 1. überarbeitete Auflage der deutschen Übersetzung. Yoga Vidya Verlag, Bad Meinberg 2022, ISBN 978-3-943376-58-6

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 Heinz Grill: Logik und Gesetze der Gesundheit VII – Die drei Seinsbestimmungen der Natur. In: Beiträge zu einem Neuen Yogawillen. Abgerufen am 21. Juli 2026.
  2. 2,0 2,1 B. K. S. Iyengar: Licht auf Yoga. O.W. Barth Verlag, München 2010, ISBN 978-3-426-29143-6, S. 40.
  3. Sri Aurobindo: Bhagavadgita. 5., unveränderte Auflage. Hinder + Deelmann, Gladenbach 2013, ISBN 978-3-87348-163-3, S. 91.
  4. गुण (guNa). In: Sanskrit Today. Abgerufen am 21. Juli 2026 (englisch).
  5. Suchergebnisse für „guNa“. In: learnsanskrit.cc. Abgerufen am 4. August 2026 (englisch).
  6. Michael von Brück (Hrsg.): Bhagavad Gita. Mit einem spirituellen Kommentar von Bede Griffiths. Kösel-Verlag, München 1993, S. 297 (Online).
  7. 7,0 7,1 Karl H. Potter: The Encyclopedia of Indian Philosophies. Band 2: Indian Metaphysics and Epistemology. Motilal Banarsidass, 2011, ISBN 978-812080309, S. 112.
  8. Wilfried Huchzermeyer: Das große illustrierte Yoga-Lexikon. 1. Auflage. Verlag Huchzermeyer, Karlsruhe 2022, ISBN 978-3-931172-41-1, S. 107.
  9. James G. Lochtefeld: The Illustrated Encyclopedia of Hinduism: A–M. Band 1, Verlag Rosen Publishing, ISBN 978-082393179, S. 265.
  10. Alban Widgery: The principles of Hindu Ethics. International Journal of Ethics, 1930, Vol. 40, No. 2, S. 234–237.
  11. Theos Bernard: Hindu Philosophy. Motilal Banarsidass, 1999, ISBN 978-8120813731, S. 74–76.
  12. James G. Lochtefeld: The Illustrated Encyclopedia of Hinduism: A–M. Band 1, Verlag Rosen Publishing, ISBN 978-082393179, S. 265.
  13. Alban Widgery: The principles of Hindu Ethics. International Journal of Ethics, 1930, Vol. 40, No. 2, S. 234–237.
  14. Heinz Grill: Erkenntnisgrundlagen zur Bhagavad Gita. 1. Auflage. Stephan Wunderlich Verlag, Sigmaringen 2024, ISBN 978-3-948803-18-6, S. 127.
  15. Karl H. Potter: The Encyclopedia of Indian Philosophies. Band 2. S. 112–132.
  16. Karl H. Potter, Sibajiban Bhattacharya: The Encyclopedia of Indian Philosophies. Band 6: Indian Philosophical Analysis. Princeton University Press, 1994, ISBN 978-0691073842, S. 15–24.
  17. 17,0 17,1 Heinz Grill: Erkenntnisgrundlagen zur Bhagavad Gita. S. 151.
  18. Sri Aurobindo: Bhagavadgita. S. 19.
  19. Sri Aurobindo: Bhagavadgita. S. 23.
  20. Sri Aurobindo: Bhagavadgita. S. 50–51.
  21. 21,0 21,1 Sri Aurobindo: Bhagavadgita. S. 86.
  22. Sri Aurobindo: Bhagavadgita. S. 89–92.
  23. Sri Aurobindo: Bhagavadgita. S. 102.
  24. Heinz Grill: Erkenntnisgrundlagen zur Bhagavad Gita. S. 331.
  25. Sri Aurobindo: Bhagavadgita. S. 103.
  26. 26,0 26,1 26,2 Sri Aurobindo: Bhagavadgita. S. 104.
  27. Swami Sivananda: Shrimad Bhagavad Gita. 2. Ausgabe. Sivananda Yoga Vedanta Zentrum, Reith 2015, ISBN 978-3-9503977-9-6, S. 346.
  28. 28,0 28,1 Sri Aurobindo: Bhagavadgita. S. 105.
  29. Sri Aurobindo: Bhagavadgita. S. 107–109.
  30. Sri Aurobindo: Bhagavadgita. S. 107.
  31. Sri Aurobindo: Bhagavadgita. S. 109.
  32. 32,0 32,1 32,2 Sri Aurobindo: Bhagavadgita. S. 110.
  33. 33,0 33,1 Sri Aurobindo: Bhagavadgita. S. 111.
  34. Heinz Grill: Erkenntnisgrundlagen zur Bhagavad Gita. S. 138.
  35. 35,0 35,1 35,2 35,3 B. K. S. Iyengar: Licht auf Yoga. S. 40–41.
  36. Heinz Grill: Erkenntnisgrundlagen zur Bhagavad Gita. S. 128.
  37. Swami Sivananda: Mit Konzentration und Meditation zur Selbstverwirklichung. 1. überarbeitete Auflage der deutschen Übersetzung. Yoga Vidya Verlag, Bad Meinberg 2022, ISBN 978-3-943376-58-6, S. 188–189.
  38. Heinz Grill: Die Meditationsbriefe im Jahr 2026 – Die Meditation und ihr Erfolg für die Lebensmeisterschaft. In: Beiträge zu einem Neuen Yogawillen. Abgerufen am 21. Juli 2026.
  39. Als Substantiv bedeutet agra „Gipfel“, „Spitze“, „Punkt“ oder „das Oberste“. Vergleiche: अग्र (agra). In: Sanskrit Today. Abgerufen am 5. August 2026 (englisch).
  40. B. K. S. Iyengar: Licht auf Yoga. S. 42.
  41. Wilfried Huchzermeyer: Das große illustrierte Yoga-Lexikon. 1. Auflage. Verlag Huchzermeyer, Karlsruhe 2022, ISBN 978-3-931172-41-1, S. 107.
  42. Die drei Maha Gunas im Ayurveda: Sattva, Rajas und Tamas. In: Ayurveda Campus. Abgerufen am 28. Juli 2026.
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