Hirse

In unseren Breitengraden steht der Begriff „Hirse“ synonym für die Rispenhirse als die hierzulande übliche Speisehirse





Hirse ist ein Sammelbegriff für kleinkörnige Gräser aus der Familie der Süßgräser (Poaceae), die beispielsweise zu den Gattungen Panicum (Rispenhirse), Setaria (Borsten-/Kolbenhirse) oder Sorghum (Sorghumhirse) und weiteren Unterarten gehören.[1] Deshalb werden diese kleinkörnigen Gräser mit „Hirsen“ – also in der Mehrzahl – bezeichnet, während die anderen Getreidearten, die ebenfalls zur Familie der Süßgräser gehören, jeweils nur eine Gattung umfassen. So gehört Weizen zur Gattung Triticum, Roggen zu Secale, Hafer zu Avena, Reis zu Oryza, Mais zu Zea und Gerste zu Hordeum.
Hirsen werden weltweit als Nahrungs- und Futterpflanzen angebaut. Sie galten und gelten vielfach als Nahrung für arme Menschen, da sie auf kargen sowie trockenen Böden gedeihen und in ertragsarmen Gegenden auch ohne Düngung angebaut werden können. Aufgrund ihrer Trockenresistenz und Anspruchslosigkeit können sie unter extremen klimatischen Bedingungen mit hohen Temperaturen, unregelmäßigen Niederschlägen und nährstoffarmen Böden, wie sie z. B. in der Sahelzone herrschen, kultiviert werden.[2] Deshalb spielen sie eine zunehmende Rolle bei der Bewältigung der steigenden Ernährungsunsicherheit. Das von der UN-Generalversammlung erklärte „Internationale Jahr der Hirse 2023“ sollte ihren Anbau fördern.[3] Da die Hirse tief wurzelt, trägt sie zudem zur Bodenverbesserung bei.[4] Mit ihrem Anbau kann auch der ökologische Fußabdruck verringert werden.[5]
Auch in Europa gewinnt die Hirse durch steigende Jahrestemperaturen wieder an Interesse und stellt ein ideales Getreide für trockene Sommer dar. Wegen ihrer kurzen Vegetationszeit (Millethirsen 100–120 Tage[6] und Sorghumhirsen 150–160 Tage[7]) kann sie als Zwischenfrucht bzw. Zweitfrucht[8] angebaut werden und als Ersatz beim Ausfall[9][10] einer Wintergetreideart dienen. Wegen ihrer Kälteempfindlichkeit erfolgt die Saat erst ab etwa Mitte Mai.
Ein weiterer Vorteil ist die relative Resistenz der Hirse, die zu geringem Schädlingsbefall führt, weshalb kaum Pestizide eingesetzt werden müssen.[11] Verschiedene Hirsearten erleben zudem aufgrund ihrer Glutenfreiheit und ihres Gehalts an wertvollen Mineralstoffen wie Eisen und Kieselsäure ein Comeback in Europa.[12] Im Mittelalter war Hirse auch in Europa ein wichtiges Grundnahrungsmittel.[13]
Global ist Indien mit Abstand der größte Hirseproduzent (40 % der Weltproduktion), gefolgt von Niger mit 12 % und China mit 10 %.[14] Bei einer weltweiten Gesamtgetreideernte von 2,946 Milliarden Tonnen im Jahr 2025[15] liegt der Anteil der Hirsen bei lediglich etwa 3 % (davon entfallen 1 % auf die Millethirsen[14] und 2 % auf die Sorghumhirsen[16]). Sie sind im globalen Maßstab daher von untergeordneter Bedeutung. Vor allem in trockenen Regionen Afrikas und Asiens sind sie jedoch für die lokale Bevölkerung ein überlebenswichtiges Grundnahrungsmittel. Nach Angaben des Welternährungsprogramms verzehren schätzungsweise 1,2 Milliarden Menschen Hirse als Teil ihrer Ernährung.[17]
Zu den Hirsen zählen auch einige weltweit verbreitete invasive Ungräser.
Etymologie
Der Name Hirse geht auf mittelhochdeutsch hirs(e) und althochdeutsch hiros zurück. Die indogermanische Wurzel *keros– bedeutet „Nahrung“ oder „Sättigung“. Denselben Ursprung haben auch das lateinische Ceres („Göttin des Wachstums“, von crescere „wachsen“) und das griechische kóros („Sättigung“). Hirse wurde somit als „das Ernährende, das Sättigende“ benannt.[18]
Besondere Eigenschaften
Alle Hirsen sind wie Mais und Zuckerrohr C4-Pflanzen. Das bedeutet, dass sie eine effizientere Photosynthese betreiben als C3-Pflanzen (zu denen 90 % aller Pflanzen gehören, darunter Weizen, Roggen, Gerste, Hafer und Reis) und dadurch eine sehr gute Trockenheitsresistenz besitzen. Indem sie das CO2 effektiver nützen als C3-Pflanzen, können sie bei starker Hitze und Dürreperioden dennoch gut weiter wachsen und Biomasse produzieren.[19]
Verwendung
Die Hirsen werden sowohl als Nahrungsmittel für den Menschen angebaut als auch als Tierfutter verwendet. Durch das starke Biomassewachstum eigenen sie sich auch sehr gut für die Energieerzeugung aus Biomasse.
Arten der Hirse
Insgesamt umfasst der Sammelbegriff Hirse etwa 10–12 Gattungen. Die zwei bedeutendsten Hauptgruppen sind die Millethirsen (Echte Hirsen) und die Sorghumhirsen (große Hirsen).[20] Die invasiv auftretenden Ungräser stammen aus beiden Gruppen.
Aufgrund des hohen Nährstoffgehalts, den die Hirsen aufweisen, werden sie auch als „Nährstoffgetreide“ bezeichnet. Die Hauptsorten sind Sorghum, Perlhirse und Fingerhirse genannt und die Nebensorten Kolbenhirse, Zwerghirse, Kodo-Hirse, Rispenhirse, Braunhirse, Fonio, Teff und Hühnerhirse. Ein wesentlicher Unterschied liegt darin, dass die Hauptsorten direkt nach Ernte und Reinigung verwendet werden können, während die Nebensorten einer Vorbehandlung bedürfen, d. h. die äußeren unverdaubaren Schichten des Korns, die reich an Antioxidantien sind, müssen schonend entfernt werden.[21] Die folgende Übersicht erfolgt jedoch nicht nach den Hauptsorten, sondern nach der botanischen Unterscheidung in Millethirsen und Sorghumhirsen.
Millethirsen (Echte Hirsen)
Rispenhirse (Panicum miliaceum)
→ Hauptartikel: Rispenhirse (Goldhirse)
Von den Hirsen spielt die Rispenhirse die wesentliche Rolle in Europa. Sie ist auch wegen ihrer hellen gelben Farbe als Goldhirse bekannt. In der Alten Welt wird sie seit Jahrtausenden als Getreidepflanze angebaut[22] und ist auch vielfach verwildert. Die Rispenhirse wurde von den Römern Milium genannt[23] und unter diesem Namen auch bis in die frühe Neuzeit in der pharmazeutischen Literatur geführt.[24] Sie wurde für Brot und Brei verwendet.[25] In Ägypten ist Hirse seit der römischen Zeit nachgewiesen, beispielsweise in der Oase Dachla in Kellis. Nach Isotopenstudien wurde sie dort als Viehfutter eingesetzt.[26]
Im Mittelalter war die Rispenhirse in Mitteleuropa ein wesentliches Grundnahrungsmittel, besonders für arme Menschen. Da sie wenig Kleber enthält, aß man sie vor allem als Brei. In Mitteleuropa wurde sie schließlich durch die Kartoffel weitgehend verdrängt und in Südeuropa vom Mais. Auch der wachsende Weizen- und Roggenanbau verdrängte die Hirse zunehmend.[25] Mit den Brotgetreiden erfolgte eine Abkehr von Breinahrung, wodurch der Anbau weiter stark zurück ging.[27] In Thüringen, Pommern, Brandenburg, Posen, den unteren Donauländern und im Süden Russlands war sie in sandigen Gebieten noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts auf den Feldern zu finden. In Österreich erfolgt der Anbau heute hauptsächlich für Vogelfutter sowie teilweise als menschliche Nahrung..[25]
Heute wird die Rispenhirse vor allem in Zentralasien (nördliches China, Japan, Indien) angebaut.[28] Ihre Vegetationszeit ist recht kurz, je nach Sorte und Standort beträgt sie 90–120 Tage. Wie alle Hirsen hat sie einen relativ geringen Wasseranspruch. Da Rispenhirse im Vergleich zu anderen Hirsearten auch in etwas kühleren Gegenden wächst, konnte sie in Mitteleuropa kultiviert werden. Infolge der Klimaerwärmung rückt die Rispenhirse in Europa wieder mehr in die Aufmerksamkeit. Laufende Anbauversuche ermitteln derzeit die optimalen Kultivierungsparameter.[29] Wegen ihrer Hitzeresistenz und der kurzen Vegetationsperiode eignet sie sich sehr gut als Zwischenfrucht für den Anbau in heißen Sommern oder auch bei Ausfall eines Wintergetreides, da sie ab Ende Mai gesät werden kann. Da Hirse glutenfrei ist und Glutenunverträglichkeiten zunehmen, wird sie auch deshalb wieder interessanter für den Anbau. Zu erwähnen sind noch ihr hoher Gehalt an Eisen[30] und Kieselsäure.[31]
Braunhirse (Panicum miliaceum L.)

Braunhirse ist eine Form der Rispenhirse, die braune Samenschalen besitzt. Anders als bei der Goldhirse, welche durch einen Schälgang von den unverdaulichen Samenschalen befreit wird, wird die Braunhirse zusammen mit Spelzen und Samenschalen vermahlen, denn bei ihr ist die Samenschale fest mit dem Korn verwachsen und sie kann deshalb nicht geschält werden. Wegen der Härte ihrer Schale wird sie mit Spezialmühlen sehr fein vermahlen und als Mehl im Handel angeboten.[32] Dadurch sind auch die Mineralstoffe und Spurenelemente aus den Schalen im Mehl enthalten. Aufgrund des hohen Kieselgehaltes ist die Schale so hart, dass sie mit einer normalen Haushalts-Getreidmühle nicht gemahlen werden kann. Auch beim Kochen würden die Samenschalen nicht weich werden. Braunhirse enthält sehr viel Silizium, Magnesium, Eisen und Ballaststoffe.[33]
Die Wirkungen der Braunhirse auf die Gesundheit werden sehr konträr beurteilt. Einerseits werden sie wegen des hohen Kieselsäuregehaltes und weiterer Inhaltsstoffe[34] als sehr wertvoll eingeschätzt. Andererseits wird gerade der hohe Anteil der kieselsäurehaltigen harten Samenschalenteile als problematisch bezeichnet. Auch wenn die harten Kieselsäureschalen sehr fein vermahlen sind, werden sie als reizend für Magen- und Darmschleimhäute bei magen- und darmempfindlichen Personen sowie Zöliakiekranke dargestellt.[35] Da Braunhirse roh verzehrt werden soll, enthält sie noch alle Antinährstoffe wie auch die Phytinsäure, die die Aufnahme von Mineralstoffen verhindert. Auch die Kohlenhydrate können in roher Form kaum verdaut werden.[36] An anderer Stelle wird davon ausgegangen, dass aufgrund der angegebenen Verzehrsmengen keine gesundheitlichen Nachteile zu erwarten seien.[37]
Fingerhirse (Eleusine coracana)

Die Fingerhirse stammt aus dem ostafrikanischen Hochland und wurde bereits um 3000 v. Chr. domestiziert. In Indien nennt man sie Ragi und in Äthiopien Dagussa. Sie wird vor allem in Tansania, Kenia, Uganda, Äthiopien, Indien und Nepal angebaut.
Das Korn hat einen Durchmesser von nur 1–2 mm; seine Farbe reicht von rötlich-braun bis dunkel rötlich-violett. Fingerhirse hat einen besonders hohen Calciumgehalt. Ragi wird mit rund 344 mg Calcium pro 100 g angegeben. Das ist ein Vielfaches der Calciummenge jedes anderen Getreides. Deshalb wird sie traditionell als Beikost gegessen und es prädestiniert sie zum Grundnahrungsmittel bei vegetarischer Ernährung, in der Milchprodukte fehlen oder nur sehr begrenzt verwendet werden. Fingerhirse hat einen Proteingehalt von 7–8 % und bietet ein vollständiges Aminosäureprofil inklusive guter Werte für Methionin und Tryptophan.[38]
Foniohirse (Digitaria exilis)

Die Foniohirse gehört zu Gattung der Fingerhirsen. Sie ist die kleinste Hirseart und eine der ältesten Getreidearten, die in Afrika kultiviert werden. Wegen ihres schnellen Wachstums und ihres reichen Nährstoffgehalts wird die Pflanze in ganz Afrika hoch geschätzt. Die überaus anspruchslose Foniohirse gedeiht selbst in trockenen Savannen mit unregelmäßigen Regenfällen sowie auf kargsten Böden. Ein besonderes Merkmal ist ihre schnelle Reife, die bei einigen Sorten bereits nach acht Wochen eintritt. Bemerkenswert ist ihre Widerstandskraft: Sie wächst sogar auf sauren Böden, deren hoher Aluminiumgehalt für andere Pflanzen tödlich wäre.
Aufgrund der winzigen Körner ist das Entspelzen und Mahlen besonders arbeitsintensiv. Traditionell wird es von Frauen mit Mörserkeulen und Reibschalen gemacht. Aktuellen Daten zufolge werden in Westafrika inzwischen jährlich rund 700.000 Tonnen Fonio auf einer Fläche von über 920.000 Hektar geerntet, wobei Guinea mit Abstand der größte Produzent ist.[39]
- „In der Mythologie der Dogon, eines in Mali ansässigen Volksstammes, hat der Schöpfer das Universum durch die Explosion eines einzigen Fonio-Kornes geschaffen, das in sich das «Ei der Welt» getragen hat.“[40]
Kodohirse (Paspalum scrobiculatum)
Kodohirse stammt ursprünglich aus Indien und wird auch „Varagu“ genannt. Sie ist ein nahrhaftes Getreide, das einen leicht nussigen Geschmack und eine feste Konsistenz besitzt. Kodohirse kann in vielen Gerichten, die klassisch mit Reis zubereitet werden, den Reis ersetzen..[41]
Kolbenhirse (Setaria italica)

Die Kolbenhirse, auch Borstenhirse (Setaria) genannt, ist als Kulturpflanze besonders in Asien von großer Bedeutung. Der Anbau in Mitteleuropa endete Ende des 19. Jahrhunderts.[42]
Zusammen mit der Rispenhirse wurde die Kolbenhirse in China bereits um 2500 v. Chr. angebaut. In Europa sind Funde aus der Zeit der Pfahlbauer in der Schweiz sowie in Süddeutschland belegt. In Gallien und in der Po-Ebene wurde sie zur Zeit der alten Römer angebaut.[43]
Kolbenhirse zählt zu den bedeutenderen Hirsen. Sie wird hauptsächlich in Indien, Afghanistan, im Norden Chinas und Mittelasien angebaut, aber auch in Australien, Südafrika, Südostasien und Südosteuropa. In Europa und Amerika nimmt sie eine gewisse Bedeutung als Futtergras ein. Es gibt Sorten der Kolbenhirse, die einen höheren Kleberanteil haben und sich daher auch zum Brotbacken eignen.[44]
Kolbenhirse ist im Unterschied zu anderen Hirsearten nicht trockenresistent. Frühe Sorten benötigen 400–500 mm Niederschlag und die späten bis zu 700 mm. Ihre Ansprüche an den Boden sind aber gering.[44]
Perlhirse (Pennisetum glaucum)

Mit etwa 75 % der weltweiten Hirseanbauflächen ist Perlhirse unter den Hirsen die flächenmäßig am häufigsten angebaute Art.[45] Hinsichtlich ihres Produktionsvolumens steht sie allerdings hinter Sorghum bicolor.
Sie hat im Vergleich zu anderen traditionellen Sorten einen besonders hohen Eisengehalt (etwa 8 mg pro 100 g). Die biofortifizierte Sorte von ICRISAT und Partnern erreicht sogar 9–10 mg pro 100 g. Aufgrund ihrer Eisendichte wird Perlhirse vielfach in Ernährungsprogrammen gegen Eisenmangelanämie eingesetzt.[38]
Da Perlhirse sehr widerstandsfähig ist und auch unter sehr trockenen, heißen klimatischen Bedingungen und selbst auf nährstoffarmen Böden gut wächst, kann sie beim Ernteertrag zwar nicht mit Mais, Reis oder Weizen konkurrieren, bleibt jedoch für die Bevölkerung arider und semiarider Gebiete Asiens und Afrikas ein unverzichtbares Grundnahrungsmittel.[46]
Teff (Eragrostis tef)

Teff, auch bekannt als Zwerghirse, gilt weltweit als das kleinste Getreide. Es wächst auch an trockenen Standorten und ist sehr robust. Seine Halme sind jedoch lang und dünn und knicken deshalb leicht um. Das natürliche Verbreitungsgebiet von Teff umfasst Äthiopien und Eritrea; die Pflanze wird jedoch auch in anderen tropischen und subtropischen Gebieten kultiviert.
Teff gehört in Äthiopien zu den Grundnahrungsmitteln. Man mahlt die Körner zu Mehl und bereitet es zu Brot oder Grütze. Aus Teffmehl wird das äthiopische und eritreische Nationalgericht Injera gemacht. Es handelt sich um ein pfannkuchenähnliches Fladenbrot, das zu Gemüse- und Fleischgerichten gereicht wird. Zum Brotbacken werden die weißlichen Samen bevorzugt, während die braunen Samen zur Bierherstellung dienen und als Viehfutter verwendet werden. Nach Angaben der Welternährungsorganisation (FAO) liefert Teff dort zwei Drittel der täglichen Proteinmenge. Teff ist glutenfrei.
Da die Samen gegen die meisten Schädlinge resistent sind, lassen sie sich unkompliziert lagern. Wenn Feuchtigkeit und Kontakt mit Sonne vermieden wird, dann bleiben Teffsamen mehrere Jahre lang lebensfähig.[47]
Sorghumhirsen (Große Hirsen)
Die Sorghumhirsen stehen botanisch dem Mais näher als den Millethirsen. Bereits an der Wuchsart wird dies sichtbar, denn die Sorghumhirsen ähneln in Größe und gesamtem Erscheinungsbild dem Mais, während die Millethirsen kleiner und feiner strukturiert sind. Die Wuchshöhe der Sorghumhirsen reicht von 1–5 m Höhe.[48] Die Wuchshöhe hängt von der jeweiligen Nutzung ab: Körnerhirse ist niedriger gezüchtet, um eine hohe Standfestigkeit zu gewährleisten. Steht hingegen die Gewinnung von Biomasse für Tierfutter (Silage), Biogas oder Biokraftstoffe im Vordergrund, sind die Sorten auf starkes Massenwachstum ausgelegt und erreichen große Höhen.[49]
Sorghumhirse (Sorghum bicolor)

Die hinsichtlich ihres Produktionsvolumens weltweit bedeutendste Hirseart ist die Sorghum- oder Mohrenhirse (Sorghum bicolor). Sie ist eine Unterart der Gattung Sorghum und wird häufig synonym als „Sorghumhirse“ bezeichnet. Kultiviert wird die Pflanze in tropischen sowie subtropischen Klimaregionen, innerhalb Europas insbesondere in den Mittelmeerländern Frankreich, Spanien und Italien.[50] Diese Sorte ist auf Kornertrag gezüchtet und dient in vielen Regionen der Welt als Grundnahrungsmittel für den Menschen sowie als Tierfutter. Was die Trockenheitsresistenz betrifft, nimmt die Sorghumhirse eine Spitzenstellung ein. Sie verwurzelt sich sehr tief und kann dadurch Wasser und Nährstoffe aus tieferen Erdschichten nützen. Außerdem besitzt sie eine dicke wachsartige Beschichtung an Blättern und Stängeln, wodurch sie bei längeren Dürreperioden und großer Hitze Wasser speichern kann.[51] Bei sehr starker Trockenheit kann sie ihr Wachstum sogar einstellen und in eine Art Trockenstarre übergehen, aus der sie erst wieder erwacht, wenn Regen einsetzt. Von ihrem Aussehen her ähnelt sie sehr dem Mais.[48]
Sudangras (Sorghum bicolor ssp. drummondii)

Der Ursprung von Sudangras wird in Äquatorialafrika vermutet. Die USA, Indien, Niger und Mexiko sind die Hauptanbaugebiete. Als Energiepflanze nimmt ihr Anbau in Europa deutlich zu.[52]
Sudangras wächst extrem schnell, ist sehr mehrtriebig (mehrschnittig) und wird vor allem als frisches oder siliertes Grünfutter genutzt. Da es eine starke Massenwüchsigkeit hat, wird das Sudangras zunehmend interessant für die Biogasbranche. Wenn eine Reinvergärung von Sudangras erfolgt, entsteht eine Biogasausbeute von 500–600 Kubikmeter pro Tonne organischer Trockensubstanz mit Methangehalten von 50–55 Volumenprozent.[52]
Sorghum-Sudangras-Hybriden
Sorghum-Sudangras-Hybriden sind eine Kreuzung beider Arten. Sie verbinden die hohe Biomasse der einen Art mit der schnellen Regenerationsfähigkeit und Entwicklung der anderen. Sie werden vorwiegend als nachwachsender Rohstoff für Biogasanlagen angebaut. Die Hybride bringt hohe Biomasse-Erträge in kürzester Wachstumszeit bei geringerem Wasserbedarf als Mais.[53]
Zuckersorghum (Sorghum bicolor var. saccharatum)
Zuckersorghum bildet kleine Rispen, speichert dafür aber große Mengen Zucker im Stängel. Er dient der Futternutzung (Silage), Biogas-, Bioethanol- und Melasseproduktion und ist deshalb auf starkes Biomassenwachstum gezüchtet. Zuckersorghum erreicht Höhen von bis zu 5 Metern.[54]
Grundsätzlich wird zwischen zwei Sorghumtypen unterschieden: Die zuckerreichen Typen weisen eine reduzierte Körnerbildung auf und lagern den Zucker in löslicher Form ein. Die stärkereichen Sorghumtypen bleiben niedriger, bilden mehr Körner aus und lagern den Zucker in Form von Stärke ein.[55] Das französische Institut Arvalis konnte bei Versuchen mit Sorghumsorten im Jahr 2024 einen mittleren Zuckergehalt von 15 % erzielen. Spitzensorten erreichten Werte bis zu 27,5 %.[56]
In der Schweiz werden seit einigen Jahren Versuche mit verschiedenen Sorghumsorten unternommen, um die Zuckerrübe zu ersetzen. Mit der Zuckerrübe sind verschiedene ökologische Probleme verbunden: sie ist anfällig für Trockenheit, erfordert hohen Pestizideinsatz und fördert die Bodenverdichtung. Sorghum verträgt höhere Temperaturen bestens, benötigt wenig Wasser und ist genügsam.[57]
Hirsearten als Ungras


Aleppo-Hirse (Sorghum halepense)
Aleppo-Hirse wird auch „Wilde Mohrenhirse“ genannt und gilt als besonders gefährliche, lange Rhizome bildende Art, die zudem mehrjährig ist. Aufgrund ihrer Frostempfindlichkeit breitet sie sich in Europa primär südlich der Alpen aus, ist jedoch auch in Österreich sowie im Schweizer Kanton Tessin anzutreffen. In Experimenten wurde festgestellt, dass sie Temperaturen unter -3 °C weniger als 24 Stunden lang überlebte.[58] Die oberirdischen Pflanzenteile sind empfindlich gegenüber sehr hohen Lufttemperaturen und Dürre, während die Rhizome Dürrezeiten gut vertragen und auch mehrere Wochen Überflutung gut überstehen. Die Aleppohirse wächst am besten auf nährstoffreichen, lockeren, neutral bis schwach sauren Böden mit ausreichender Wasserversorgung.[59] Besonders gut gedeiht sie bei Wärme und Trockenheit und so kommt ihr der Klimawandel entgegen. In milden Wintern überleben dann auch ihre frostempfindlichen Rhizome in den tieferen Bodenschichten. Aleppohirse ist sehr anpassungsfähig und bildet ihre Samen einfach näher am Boden, wenn sie gemäht wird. Eine Pflanze kann bis zu 28.000 Samen produzieren.[60]
Wegen ihrer Herbizidresistenz ist sie ein Problemunkraut, das teilweise hohe Schäden verursacht. Sie nimmt Platz 6 auf der Liste der stärksten Unkräuter weltweit ein.[61]
Hühnerhirse (Echinochloa crus-galli)
Hühnerhirse ist ein extrem invasives Unkraut und zählt zu den fünf bedeutendsten Unkräutern weltweit. Sie kann beispielsweise den Ertrag in Reisfeldern um 50 % verringern. Sie verdrängt die Kulturpflanzen und erschwert die mechanische Ernte. Zudem kann sie bis zu 80 % des vorhandenen Stickstoffs im Boden aufnehmen. In der Permakultur dient sie vor allem als Pflanze zur Gründüngung. Da sie schnell wächst und eine dichte Masse bildet, bedeckt sie den Boden sehr gut und schützt ihn vor Erosion. Später kann ihre Biomasse als Mulch zur Verbesserung des Bodens dienen und um andere Unkräuter zu unterdrücken.[62] Hühnerhirse kommt in Gemüsekulturen, in Maisflächen, im Kartoffelanbau und in Sommerkulturen vor. Wenn sie viele Nährstoffe zur Verfügung hat, kann sie sehr konkurrenzstark werden. Die wirtschaftliche Schadschwelle liegt bei sechs Pflanzen pro Quadratmeter.[63]
Siehe auch
- Rispenhirse (Goldhirse)
Weblinks
- Getreideart Hirse: Hohe Erträge trotz Trockenheit? In: Unser Land
- Silomais-Alternative: Sorghum trotzt Dürrephasen und bringt stabilen Ertrag. In: KWS SAAT SE & Co. KGaA Deutschland
- Sorghum 101, probieren Sie dies anstelle von Reis! In: SuperfoodEvolution
- Anbauversuch Rispenhirse. In: UNESCO-Biosphärenreservat Rhön
- Hirsenotizen. In: Eden – Edenfoods
- Sorghum anbauen: Ein umfassender Leitfaden für Gärtner, Selbstversorger und neugierige Anfänger. In: Thresh Seed.Co
- Feldtag & Zukunftsdialog "Hirse – vom Vogelfutter zum Superfood". In: Julius Kühn Institut jKi
- Ayurvedic perspective and clinical significance of millets. In: Journal of Ayurveda and Integral Medical Scienzes
Einzelnachweise
- ↑ Rispenhirse – alte Kulturpflanze neu entdeckt. Alternativfrucht in Zeiten des Klimawandels. In: Landwirtschaftliches Wochenblatt. Abgerufen am 10. Juni 2026.
- ↑ Warum Hirse die globale Nahrungskrise bekämpfen kann. In: Focus online. Abgerufen am 10. Juni 2026.
- ↑ Für mehr Ernährungssicherheit: Internationales Jahr der Hirse 2023. In: Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen e.V. Abgerufen am 10. Juni 2026.
- ↑ Hirse – vom Vogelfutter zum Superfood: Feldtag und Zukunftsdialog in Wilmersdorf. In: Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde. Abgerufen am 20. Juni 2026.
- ↑ Hirse - Ökologischer Fussabdruck. In: Stiftung Gesundheit & Ernährung. Abgerufen am 29. Juni 2026.
- ↑ Rispenhirse ökologisch anbauen In: Ökolandbau.de Informationsportal. Abgerufen am 20. Juni 2026.
- ↑ Anbauanleitung Körnerhirse (Sorghum bicolor L.) In: EIP Projekt LUPI-HIRSE-Huhn, 2022. Abgerufen am 20. Juni 2026.
- ↑ Hirse als Zweitfrucht nach Gerste In: Landwirt. Abgerufen am 20. Juni 2026.
- ↑ Hirse in der Bronzezeit: Ein Superfood erobert die Welt. In: Archaeologie online. Abgefragt am 25. Juni 2026.
- ↑ Anbauversuch Rispenhirse. In: UNESCO-Biosphärenreservat Rhön (YouTube-Kanal). Abgerufen am 20. Juni 2026.
- ↑ Krankheiten der Rispenhirse. In: Pflanzenkrankheiten und Schädlinge erkennen – verstehen – vermeiden. Abgerufen am 29. Juni 2026.
- ↑ Hirse. In: Getreide.org. Abgerufen am 29. Juni 2026.
- ↑ Getreide ABC: Hirse. In: Bundeszentrum für Ernährung. Abgerufen am 29. Juni 2026.
- ↑ 14,0 14,1 Production – Millet. In: USDA Foreign Agricultural Service. Abgerufen am 9. Juni 2026 (englisch).
- ↑ 6.1 Pflanzliche Erzeugung. In: Deutscher Bauernverband DBV. Abgerufen am 20. Juni 2026.
- ↑ Production – Sorghum. In: Foreign Agricultural Service USDA. Abgerufen am 20. Juni 2026 (englisch).
- ↑ Internationales Jahr der Hirse 2023. In: Embassy of India Berlin. Abgerufen am 9. Juni 2026.
- ↑ Hirse. In: wissen.de. Wahrig Herkunftswörterbuch. Abgerufen am 9. Juni 2026.
- ↑ C4-Pflanzen. In: Pflanzenforschung.de. Abgerufen am 11. Juni 2026.
- ↑ Hirse. In: Lexikon des Agrarraums. Abgerufen am 11. Juni 2026.
- ↑ The nutrition and therapeutic potential of millets: an updated narrative review. In: NIH National Library of Medicine. Abgerufen am 28. Juni 2026 (englisch).
- ↑ Rispenhirse – alte Kulturpflanze neu entdeckt. In: Landwirschaftliches Wochenblatt. Abgerufen am 28. Juni 2026.
- ↑ Vgl. auch Otto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Mathematisch-naturwissenschaftliche Habilitationsschrift, Halle an der Saale 1959, S. 189 (Geguers sive milium – hyrsen, dochen = Panicum miliaceum L.)
- ↑ Otto Zekert (Hrsg.): Dispensatorium pro pharmacopoeis Viennensibus in Austria 1570. Hrsg. vom österreichischen Apothekerverein und der Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie. Deutscher Apotheker-Verlag Hans Hösel, Berlin 1938, S. 147 (Milium).
- ↑ 25,0 25,1 25,2 Udelgard Körber-Grohne: Nutzpflanzen in Deutschland von der Vorgeschichte bis heute. Theiss, Stuttgart 1995, ISBN 3-933203-40-6, EAN 9783933203403.
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- ↑ SUSU Sorghum x Sudangrashybride. In: agrarshop. Abgerufen am 19. Juni 2026.
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- ↑ Eine Alternative zu Rum: Hirse / Zuckersorghum, Teil II. In: Die Kleinbrennerei. 8, 2025, S. 4–5. Abgerufen am 29. Juni 2026 (Link führt zum Download).
- ↑ Farmer Science: Zuckersorghum, eine Alternative zur Zuckerrübe? In: BIO Aktuell.ch. Abgerufen am 29. Juni 2026.
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- ↑ Aleppo-Hirse: Früherkennung wichtig. In: Schweizer Eidgenossenschaft. Artikel vom 29. Oktober 2025. abgerufen am 29. Juni 2026.
- ↑ Aleppo-Hirse. In: AGES. Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH. Abgerufen am 29. Juni 2026.
- ↑ Hühnerhirse, Gemeine Hühnerhirse, Krushirse, Reishirse - Echinochloa crus-galli. In: LexiPLant. Abgerufen am 21. Juni 2026.
- ↑ Hühnerhirse (Echinochloa crus-galli). In: ikonline Landwirtschaftskammer Oberösterreich. Abgerufen am 29. Juni 2026.
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