Rispenhirse


Die Rispenhirse, Echte Hirse, Prosohirse oder Baraga[1] (Panicum miliaceum), kurz auch Hirse genannt, ist eine Pflanzenart aus der Gattung Rispenhirsen (Panicum) innerhalb der Familie der Süßgräser (Poaceae).[2]
Wegen ihrer hellgelben Farbe ist sie im deutschsprachigen Raum auch als Goldhirse bekannt und war im Mittelalter in Europa ein Grundnahrungsmittel. Nachdem sie von Kartoffeln, Mais, Weizen und Roggen fast ganz verdrängt wurde, gewinnt sie aktuell wieder mehr an Bedeutung, da sie sich wegen ihrer Hitzeresistenz für den Anbau in zunehmend heißer werdenden Sommern bestens eignet. Als glutenfreies Getreide bildet sie bei steigender Glutenunverträglichkeit eine wertvolle Alternative. Insgesamt wird ihr gesundheitlicher Wert als recht hoch beschrieben.
Ihre allgemeine und religiöse Bedeutung in der Vergangenheit drückt sich im Brauchtum und in Märchen aus. Die geistige Sinnbedeutung oder Signatur der Hirse ist das „Wissen“.
Der Name Hirse geht auf mittelhochdeutsch hirs(e) und althochdeutsch hiros zurück. Die indogermanische Wurzel *keros– bedeutet „Nahrung“ oder „Sättigung“. Den selben Ursprung hat auch das lateinische Ceres „Göttin des Wachstums“, von crescere „wachsen“, und das griechische kóros „Sättigung“. Hirse wurde als „das Ernährende, das Sättigende“ benannt.[3]
Geschichte

Es wird angenommen, dass Hirse das älteste von Menschen kultivierte Getreide ist. Ihre ursprüngliche Heimat wird sowohl in Ostasien als auch in Afrika angenommen.[4] Erste Hinweise auf eine Domestizierung der Rispenhirse stammen aus China um 6000 v. Chr. Da Hirse wenig Wasser benötigt und sowohl in hohen wie auch in tiefen Lagen gedeiht, breitete sich ihr Anbau schnell aus.[5] Rispenhirse und Fuchsschwanzhirse (Setaria italica) waren in Nordchina die wichtigsten traditionell angebauten Getreidearten. Sie wurden erstmals in 7000 Jahre alten neolithischen Fundstätten identifiziert.[6]
Das Fan Shen Chih Shu (2800 v. Chr.) ist das älteste Dokument, in dem die Hirse schriftlich erwähnt wird. Darin werden detaillierte Anweisungen zu ihrem Anbau sowie zur Lagerung gegeben. Rispenhirse wird darin neben Reis, Weizen, Sojabohnen und Gerste als eine der fünf heiligen chinesischen Nutzpflanzen aufgeführt.[7][8] Ab etwa 2500 v. Chr. ist der Anbau von Hirse in den westlich von China gelegenen Ländern Kasachstan, Turkmenistan und dem Kaschmirtal durch Funde fossiler Hirsekörner belegt.[5] Der Herrscher der Shang-Dynastie (2. Jahrtausend v. Chr.) war als Hou Chi, als „Hirseherrscher“ bekannt.[6]
Aufgrund neuerer Untersuchungen mittels Radiokarbondatierung von 75 Hirseproben aus verschiedenen archäologischen Fundstätten Europas, konnten Forschende der Universität Kiel belegen, dass die Rispenhirse ab etwa 1600 v. Chr. (Beginn mittlere Bronzezeit) in Europa als ein Hauptnahrungsmittel angebaut wurde. Es wird angenommen, dass sie durch Halbnomaden aus Steppen Zentralasiens nach Mitteleuropa kam, welche zu dieser Zeit einwanderten. Hirse konnte infolge ihrer sehr kurzen Vegetationszeit von nur 90–100 Tagen auch von ihnen angebaut werden.[5] Zunächst ist der Hirseanbau in der südwestlichen Ukraine belegt. Ab 1500 v. Chr. verbreitete sie sich dann im heutigen Rumänien, Ungarn, Kroatien und nördlichem Italien. Bis 1350 v. Chr. war die Hirse in Mitteleuropa angekommen und auch bis in die Ägäis. Um 1150 v. Chr. war sie in Polen und Norddeutschland schon weit verbreitet.[9] Sie war während der gesamten Bronzezeit (2200–800 v. Chr.) ein Hauptnahrungsmittel.[5]
Bis ins Mittelalter (500–1500) und darüber hinaus war sie ein wichtiges Nahrungsmittel in Mitteleuropa, besonders für arme Menschen. Der Anbau verlagerte sich schwerpunktmäßig Richtung Osteuropa. Da Hirse wenig Kleber enthält, wurde sie vor allem als Brei gegessen. Als die Kartoffel nach Mitteleuropa kam und der Mais nach Südeuropa, verdrängten sie die Hirse. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts wurde sie aber noch in sandigen Gebieten, wie in Brandenburg, Pommern, Thüringen, Posen und in den unteren Donauländern angebaut; ebenfalls im südlichen Russland.[10]
Auch im gesamten Mittelmeerraum war Hirse in der Antike (800 v. Chr. – 500 n. Chr.) ein weit verbreitetes Grundnahrungsmittel.[11]
Im Süden Afrikas wird Hirse bis heute angebaut und stellt ein Grundnahrungsmittel dar, das als Brei, Brot, Bier und anderen Produkten täglich von einem großen Teil der Bevölkerung gegessen wird. Die langen Halme werden teilweise wie Bambus zum Bauen verwendet.[12]
Die Römer – wie auch die pharmazeutische Literatur bis in die Frühe Neuzeit[13] – nannten die Rispenhirse Milium[14] und verwendeten sie für Brot und Brei.[10] In Ägypten ist Hirse seit römischer Zeit (30 v. Chr. – 395 n. Chr.) belegt, zum Beispiel in Kellis (heute bekannt unter dem arabischen Namen „Ismant el-Kharab“) in der Oase Dachla, wo sie nach Isotopenstudien als Viehfutter eingesetzt wurde.[15]
Beschreibung und Ökologie

Vegetative Merkmale
Die Rispenhirse ist eine einjährige krautige Pflanze und erreicht Wuchshöhen von 30 bis 100, selten bis 150 Zentimetern. Ihre aufrechten Stängel sind meist an den unteren Knoten verzweigt, gerieft, 2 bis 5 Millimeter dick und unterhalb der Knoten 2 bis 3 Millimeter lang behaart. Die vier bis acht Knoten sind 1 bis 2 Millimeter lang behaart. Die Blattscheiden sind deutlich gerippt und zwischen den Rippen rauhaarig. Das Blatthäutchen ist häutig und 1 bis 2 Millimeter lang bewimpert. Die Blattspreiten sind 10 bis 40 Zentimeter lang und 8 bis 25 Millimeter breit. Sie sind flach, gerippt, im unteren Bereich rauhaarig, ansonsten zerstreut kurz behaart, Rippen und Rand sind rau.
Generative Merkmale

Der rispige Blütenstand ist 10 bis 30 Zentimeter lang, aufrecht bis überhängend, locker bis dicht. Im unteren Bereich ist er häufig von der obersten Blattscheide eingehüllt. Die Seitenäste sind rau und kantig. Die 2 bis 6 Millimeter lang gestielten Ährchen sind 4,5 bis 5 Millimeter lang und zugespitzt. Die untere Hüllspelze ist fünf- bis siebennervig, zwei Drittel so lang wie das Ährchen und zugespitzt. Die obere Hüllspelze ist neun- bis elfnervig und zugespitzt. Das untere Blütchen ist steril, seine Deckspelze ist neun- bis elfnervig. Die Deckspelze des oberen, zwittrigen Blütchens ist rund einen mm kürzer als das Ährchen, hellgelb, schwärzlich oder weiß, glänzend und knorpelig verdickt. Die Staubbeutel sind 1,2 bis 1,5 Millimeter lang und dunkelviolett. Die Blütezeit reicht von Juni bis September. Es erfolgt Selbstbestäubung.
Die Karyopse ist etwas kleiner als die Deckspelze, hat einen kreisförmigen Umriss und ist rund 3 Millimeter lang. Ihre Farbe reicht von strohfarben über rötlichbraun, olivbraun bis schwärzlich, kann aber auch weiß sein. Das Tausendkorngewicht liegt zwischen 4 und 8 Gramm.[16] Der Eiweißgehalt beträgt bis zu 10 (selten sogar bis 18) Prozent, der Fettgehalt rund 4 Prozent. Manche Sorten sind sogar kleberhaltig und liefern somit backfähiges Mehl.[16]
Die ökologischen Zeigerwerte nach Landolt et al. 2010 sind in der Schweiz: Feuchtezahl F = 2 (mäßig trocken), Lichtzahl L = 4 (hell), Reaktionszahl R = 3 (schwach sauer bis neutral), Temperaturzahl T = 5 (sehr warm-kollin), Nährstoffzahl N = 4 (nährstoffreich), Kontinentalitätszahl K = 3 (subozeanisch bis subkontinental).[17]
Eigenschaften und gesundheitliche Bedeutung
Hoher Eisengehalt
100 g Rispenhirse als ganzes Korn enthalten etwa 7 mg Eisen.[18] Der durchschnittliche Tagesbedarf von Eisen wird für Männer mit 11 mg angegeben. Bei Frauen liegt er zwischen 14–16 mg. Um die Aufnahme des Eisens noch zu verbessern, wird empfohlen, Vitamin-C-haltiges Gemüse oder Obst mit Hirse zu kombinieren.[19]
Eisen ist ein unentbehrlicher Bestandteil in den roten Blutkörperchen (Erythrozyten). Es bindet den Sauerstoff an sich und so kann dieser zu den Organen und Geweben transportiert werden. Wenn Eisenmangel besteht, kann es zu einer verminderten Sauerstoffversorgung im Körper kommen. Beschwerden wie Müdigkeit, Erschöpfung und Leistungseinbussen können dadurch auftreten.[20] Eisen ist ein Spurenelement, das für alle lebenden Zellen lebenswichtig ist. Es spielt auch eine wesentliche Rolle in vielen Enzymen und damit für den gesamten Stoffwechsel des Menschen. Eisenmangel stellt weltweit die häufigste Mangelerkrankung des Menschen dar. Hirse enthält auf 100 g bezogen mehr als doppelt so viel Eisen wie Rind- oder Schweinefleisch.[21]
Hoher Gehalt an Kieselsäure
Hirse wird allgemein als sehr kieselreich angegeben. Die Menge für Rispenhirse lässt sich aus Quellen jedoch nicht eindeutig angeben, da die Angaben von 50 mg bis 500 mg auf 100 g Hirse schwanken. Zudem sprechen manche Quellen von Kieselsäure (Molekül) und andere von Silizium (Atom), bzw. in manchen Artikeln werden die Begriffe abwechselnd synonym gebraucht.[22] Beide sind aber nicht vergleichbar, weil in Kieselsäure das Silizium mit Sauerstoff und Wasserstoff verbunden ist, und es daher viel schwerer ist als das reine Silizium.[23]
Für den Tagesbedarf an Kieselsäure finden sich ebenso unterschiedliche Werte, die zwischen 10 mg Kieselsäure und 200 mg Silizium liegen. Dies ist vor allem in Quellen der Fall, bei denen Kieselsäure und Silizium in Überschrift und Text synonym verwendet werden und daher nicht klar ist, worauf sich der angegebene Wert bezieht.[24][25]
In der Volksheilkunde wurde die Hirse bei Erkrankungen der Gefäße, Bindegewebsschwäche, Verdauungsbeschwerden, Gelenkbeschwerden und Krampfadern eingesetzt sowie bei Vergesslichkeit und Müdigkeit. Sogar bei jahreszeitlich bedingten Verstimmungen soll sie helfen. Im Mittelalter habe man sie deshalb „das fröhliche Getreide“ genannt. Laut der Ethnomedizinerin Dr. Maja Dal Cero sei es ganz logisch, dass Hirse bei so vielen Beschwerden helfen kann; dies sei dem hohen Gehalt an Kieselsäure zuzuschreiben.[26]

Der anthroposophische Arzt Dr. Udo Renzenbrink beschreibt, dass der gesamte menschliche Organismus von einer feinen Kieselstruktur durchzogen ist und Kieselsäure bedeutungsvolle Rolle für alle Sinnesprozesse im Menschen spielt:
- „Unsere Augen sind vom Kiesel geprägt, unsere äussere Hautschicht gleicht einem Kieselmantel. Auch die inneren Organe sind vom Kiesel umhüllt.“[27]
Durch den Kiesel würden einerseits Abschlüsse und zugleich auch Verbindungen geschaffen, weil er durchlässig für Licht und Wärme sei. Damit könne er als Reizleitung dienen. Gleichzeitig sei durch seine Festigkeit auch eine Schutzfunktion gegeben. Kiesel in reiner Form sei der Bergkristall, der sehr hart sei und gleichzeitig Licht und Wärme durchstrahlen lasse. In Bezug auf die inneren Organe erfülle er aufgrund seiner Durchlässigkeit ebenfalls eine Sinnesfunktion.[27]
- „Auch die Hüllen der inneren Organe dürfen weder zu dünn noch zu dick sein. Sie müssen das rechte Mass haben, damit die Organe einander «wahrnehmen» können. Zum Beispiel muss die Leber «wissen», was die Niere tut. Aber sie dürfen sich auch nicht gegenseitig irritieren wie beim Krankheitsbild der vegetativen Dystonie. Für all das ist der «Kieselorganismus» verantwortlich. Wir unterstützen seine Funktion durch eine Ernährung mit Hirse.“[27]
Die äußere Haut benötigt ebenfalls eine gewisse Festigkeit, damit sie den Körper schützen kann, aber als Sinnesorgan, das äußere Reize wie Wärme oder Kälte wahrnimmt, muss sie auch durchlässig sein. Renzenbrink schreibt, die Haut dürfe weder zu «dickfällig» noch zu offen sein. Laut Renzenbrink hat sich die Hirse bei Hautkrankheiten als Diätetikum bewährt. Er empfiehlt dafür, über mehrere Wochen hinweg konsequent zu jeder Mahlzeit Hirse zu essen, sei es in Form von Hirseflocken fürs morgendliche Müsli mit Obst und Nüssen, mittags als gut gewürzte Hirse mit Gemüse oder Rohkostplatte und abends als Hirsebrei mit Dörrobst.[27]
Weiterhin erwähnt er, dass Kinder oft eine instinktive Vorliebe für Hirse haben. Da sie in ihren Sinnen noch sehr offen und interessiert an der Welt sind, stellt die Hirse ein ideales Nahrungsmittel für sie dar.[27]
Den Zusammenhang der Kieselsäure mit der Wachheit in den Sinnen wies Renzenbrink experimentell nach. Die Versuchspersonen erhielten zu allen Hauptmahlzeiten Vollkorngetreide, die allgemein sehr mineralstoffreich und reich an Kieselsäure sind. Alle Testpersonen teilten mit, dass sie sich den ganzen Tag über bis zum Abend besonders wach in den Sinnen erlebten und das Denken leicht fiel. Bereits nach wenigen Tagen dieser Kost bemerkten sie diese Wirkung als „herausragendes Symptom“. Diese Wirkung konnte er mit dem Pauli- und Meilitest objektivieren. Bei der Rückkehr zu normaler Kost mit Fleisch und Kartoffeln verschwand der beobachtete Effekt nach etwa drei Wochen wieder völlig.[28]
Auf den Zusammenhang von geistiger Leistungsfähigkeit und Kieselsäure weist eine Studie hin, die feststellte, dass ältere Frauen, die kieselsäurehaltiges Mineralwasser tranken, geistig leistungsfähiger waren und seltener an Alzheimer-Demenz erkrankten.[24]
Geringer Gehalt an Ballaststoffen bewirkt leichte Verdaulichkeit
Rispenhirse hat mit etwa 3 g pro 100 g rohen Hirsekörnern den geringsten Ballaststoffgehalt unter den Hirsen.[6] Das macht sie leicht verdaulich, weshalb sie auch für Personen mit geschwächter Verdauung in der Regel gut verträglich ist.
Niederer GI (Glykämischer Index) gegen Typ-2-Diabetes
Trotz des geringen Ballaststoffgehalts der Rispenhirse liegt der GI in einem moderaten bis niedrigen Bereich von 52–55. Dies könnte damit zusammen hängen, dass bis zu 34 % ihrer Stärke von Amylose gebildet wird, einer Art der resistenten Strärke. Diese kann im Dünndarm nicht verdaut werden und daher den Blutzucker nicht in die Höhe treiben. Sie wird erst im Dickdarm von gesunden Darmbakterien verstoffwechselt, was gesundheitlich für den Darm sehr wertvoll ist. Ein weiterer günstiger Faktor gegen den Typ-2-Diabetes sind die Polyphenole der Rispenhirse, die hauptsächlich aus Hydroxybenzoesäuren, Hydroxyzimtsäuren und Flavonoiden bestehen. Sie stellen eine Molekülklasse dar, die hemmend auf Stärke verdauende Enzyme wirkt.[29]
Hirse in Brauchtum und Märchen
Die Bedeutung der Hirse im religiösen Sinne in früheren Zeiten spiegelt sich in verschiedenen Bräuchen wider. Hirse galt als Symbol der Fruchtbarkeit, Sättigung (siehe etymologische Herleitung des Wortes Hirse) und als Glückssymbol. Deshalb entwickelte sich beispielsweise der Brauch im Altertum, die Bräute während der Hochzeit mit Hirsekörnern zu bewerfen.[30]
Im Tal der Mosel wurde am Abend von Allerseelen Hirsebrei gegessen, weil man annahm, dass man so viele Seelen aus dem Fegefeuer befreien könne, wie man Körner isst.[31]
Zwischen Zürich und Straßburg wurde im Jahre 1456 die erste Hirsebreifahrt mit sogenannten Langschiffen auf der Limmat durchgeführt. Ein Topf voll heißem Hirsebrei wurde als Friedensgruß von Zürich nach Straßburg geschickt und musste dort noch heiß ankommen. Seit dem 2. Weltkrieg wurde die Tradition der Hirsebreifahrt wieder aufgenommen und findet alle 10 Jahre statt. Die nächste Fahrt ist am 19. August 2026.[32]

Hirse wird ebenfalls in verschiedenen Märchen erwähnt. Sehr bekannt sind die Märchen Der süße Brei[33] der Gebrüder Grimm und Der Hirsedieb[34] von Ludwig Bechstein.
Ein weiteres Märchen stammt aus Mazedonien:
- „Der Weizen wurde in Garben zur Tenne gebracht und begegnete unterwegs der Hirse, die man zum Säen heraustrug. Da sprach die Hirse: ›Schnell, Weizen, laß dich dreschen, denn ich werde auch kommen, um mich dreschen zu lassen.‹ – ›Ach was!‹ sagte der Weizen, ›du gehst jetzt, um gesät zu werden, und ich komme auf die Tenne, und du wirst mich nicht erreichen!‹ Aber bis der Weizen gedroschen war, reifte die Hirse, und man brachte sie auf die Tenne zum Dreschen. Da sprach die Hirse: ›Hab' ich's dir nicht gesagt, daß ich dich erreichen werde?‹ und der Weizen platzte vor Wut, und darum ist er noch immer geplatzt.“[35]
Hirse spielt auch im Schlaraffenland eine bedeutende Rolle, denn dieses ist von einem Hirseberg umgeben und jeder, der ins Schlaraffenland gelangen will, muss sich erst durch den Hirseberg hindurchessen.
Auszug aus der Erzählung von Hans Sachs zum Schlaraffenland:
- „Eine Gegend heißt Schlaraffenland,
den faulen Leuten wohlbekannt;
die liegt drei Meilen hinter Weihnachten.
Ein Mensch, der dahinein will trachten,
muß sich des großen Dings vermessen
und durch einen Berg von Hirsebrei essen;
der ist wohl dreier Meilen dick;
alsdann ist er im Augenblick
im selbigen Schlaraffenland.“[36]
Ganzheitliche Aussagen zur Hirse
Hirse – wärmend oder kühlend?
Rispenhirse in der TCM (Traditionelle chinesische Medizin)
In TCM-Artikeln finden sich gegensätzliche Angaben. Einmal wird Rispenhirse als leicht kühlend bewertet,[37] an anderer Stelle jedoch als wärmend, wobei sogar darauf hingewiesen wird, dass zu viel Rispenhirse eine zu starke Hitze im Menschen bewirken könnte.[38] Wieder an anderer Stelle wird angegeben, dass sie thermisch neutral sei.[39]
In vielen Quellen wird zudem nicht unterschieden zwischen verschiedenen Hirsearten und nur pauschal von Hirse gesprochen.[40] In China, dem Ursprungsland der TCM, werden aber verschiedene Hirsesorten kultiviert. So wird beispielsweise die Perlhirse als wärmend eingestuft und die Kolbenhirse als kühlend.[38]
Rispenhirse aus anthroposophischer Sicht
Udo Renzenbrink spricht von der wärmenden Wirkung der Rispenhirse und weist auf einen alten Segensspruch des Abtes Ekkehard aus dem Kloster St. Gallen hin:
- „Möge die Hirse dir nicht das Fieber und die Hitze bringen.“
Fieber war sehr gefürchtet, da alle tödlichen Krankheiten der damaligen Zeit, wie Tuberkulose, Pest oder Typhus, mit hohem Fieber einhergingen. Renzenbrink beschreibt die heutigen Krankheiten, wie Sklerose oder Karzinom als auf „Erstarrung“ beruhend, als Folge einer „mangelnden Wärmedurchflutung des Organismus“. Daher empfiehlt er die Hirse sehr und schlägt vor, den Spruch von Ekkehard für die heutige Zeit wie folgt zu verändern:
- „Möge die Hirse dir Wärme bringen, das beste Mittel zur Vorsorge der Zivilisationskrankheiten.“[27]
Bedeutung der Kieselsäureprozesse
Aus anthroposophischer Sicht weist Udo Renzenbrink auf die Bedeutung der Kieselsäure hin und unterscheidet zwischen der substantiellen Zufuhr, also der Menge an Kieselsäure und den Kieselsäureprozessen. Er legt Wert darauf, dass es die Kieselsäureprozesse im Menschen sind, die eine Anregung durch die Ernährung benötigen:
- „Dabei kommt es nicht so sehr auf eine substantielle Zufuhr von Kieselsäure an, sondern auf eine Nahrung, in der dem Menschen ausreichend Kieselprozesse in entsprechenden Pflanzen vermittelt werden. Die Kost des modernen Menschen ist arm an Kieselsäure, der Gehalt im Getreide, das künstlich gedüngt wurde, geht zudem erheblich zurück. Hier kann der substantielle Gehalt ein Masstab dafür sein, wie intensiv das prozessuale Geschehen in der Pflanze sich abspielte.“[28]
Hildegard von Bingen
Beweglichkeit
innerer Sinn für Literatur und Kunst
Weisheit
Festigkeit
Wachheit
sanguinisches freudiges Wesen
viel Kieselsäure, Eiweiße, Kohlenhydrate, Fette
(Heinz Grill)[41]
Für Hildegard von Bingen stellt Hirse kein besonders erstrebenswertes Nahrungsmittel dar. Sie schreibt in der Physica 1.9:
- „Hirse ist kalt und mäßig warm und taugt nicht zum Essen, weil sie im Menschen weder Blut noch Fleisch vermehrt und ihm keine Kräfte gibt, sondern nur seinen Bauch füllt und seinen Hunger vermindert, denn sie hat keinen erquickenden Geschmack.
- Vielmehr macht sie das Gehirn des Menschen wässrig und seinen Magen lau und träge und die Säfte, die im Menschen sind, wirbelt sie stürmisch auf: Sie ist mehr wie ein Unkraut und für den Menschen nicht gesund zu essen. […]“[42]
Geistige Sicht zur Hirse
Von Rudolf Steiner (1861–1925), dem Begründer der Anthroposophie, existiert in Bezug auf die Sinneswahrnehmung des Schmeckens eine geisteswissenschaftliche Aussage zur Kieselsäure, die in der Hirse reichlich vorhanden ist. Er bezeichnet die Kieselsäure als „Quarzsaft“:
- „Hätten wir nicht den Quarzsaft in uns, dann könnten wir zum Beispiel noch soviel Zucker essen – wir hätten niemals einen süßen Geschmack im Mund. Das macht der Quarz, den wir in uns haben, aber nicht durch seine Stofflichkeit, sondern durch das, daß der Wille in ihm ist, sechseckig zu werden als Kristall. Das macht es. Darauf kommt es an. […]
- Diese Kraft, sechseckige Gestaltungen hervorzubringen, die braucht der Mensch.“[43]
Der Geistforscher Heinz Grill (* 1960) beschreibt als geistige Eigenschaft der Hirse das „Wissen“.[Anmerkung 1] Auf der seelischen Ebene ordnet er die Beweglichkeit, den inneren Sinn für Literatur und Kunst sowie die Weisheit, Festigkeit, Wachheit und sanguinisches freudiges Wesen zu. Auf der physischen Ebene führt er Kieselsäure, Eiweiße, Kohlenhydrate und Fette an.[41]
Taxonomie und Systematik
Die Echte Hirse wurde 1753 von Carl von Linné in Species Plantarum Tomus I, S. 58 als Panicum miliaceum erstbeschrieben.[44]
Es werden drei Unterarten unterschieden:[45]
- Kulturhirse (Panicum miliaceum subsp. miliaceum) oder Echte Hirse:[45] Die Ährchen fallen zur Fruchtreife nicht aus oder ab, die Ährchenachse zerbricht nur unter Druck. In Mitteleuropa gibt es hier drei (Con)Varietäten:
- Panicum miliaceum convar. effusum Alef., die Flatter-Rispenhirse, mit ausgebreiteter und sehr lockerer Rispe. Sie ist die ursprünglichste Kulturhirse.
- Panicum miliaceum convar. contractum Alef., die Klump-Rispenhirse, mit zusammengezogener Rispe, die oben dichter ist als am Grund. Die Zweige sind überhängend.
- Panicum miliaceum var. compactum, die Dicke Hirse, mit zusammengezogener, überall gleich dichter Rispe, alle Zweige stehen aufrecht.
- Unkraut-Hirse (Panicum miliaceum subsp. ruderale (Kitagawa) Tzvelev) oder Ruderale Hirse: Die Rispe steht aufrecht, ihre Äste stehen steif ab. Die Ährchenachse zerfällt unter der oberen Blüte, auch der Ährchenstiel ist gegliedert. Zur Reife fallen die Scheinfrüchte und auch die Spelzen ab. Die Spelzfrüchte sind dunkel gefärbt. Diese Unterart wächst in Maisfeldern und auf Schuttplätzen. In Deutschland ist sie seit 1982 nachgewiesen und kommt heute an Rhein, Main, Isar und Elbe vor.[45]
- Unechte Unkraut-Hirse (Panicum miliaceum subsp. agricola H.Scholz & Mikoláš) oder Bauern-Hirse: Die Rispe ist stärker zusammengezogen und nickend. Die Ährchen fallen zur Reife aus den stehenbleibenden Hüllspelzen aus, die häutigen Spelzen bleiben aber stehen. Sie ist aus Kärnten, Steiermark, Tschechien, Baden-Württemberg[45] und dem Elsass bekannt.
Anbau und Nutzung

Die Rispenhirse wird vor allem in Zentralasien, im nördlichen China, Japan und Indien angebaut. Die Vegetationszeit beträgt je nach Standort und Sorte 60 bis 90 Tage, der Wasseranspruch ist relativ gering. Die nördliche Anbaugrenze ist die 20 °C-Juli-Isotherme. Im Himalaja wird die Rispenhirse bis in Höhenlagen von 3000 Metern angebaut.[10] Die Körner reifen in den Rispen nicht gleichzeitig. Wegen hoher Ausfallgefahr erfolgt die Ernte vor der Vollreife. Die Erträge liegen meist bei rund 1 Tonne pro Hektar und können unter günstigen Bedingungen bis 5 Tonnen betragen.[16]
Die Früchte werden als Korn, Brei und Brot verzehrt oder zu Hirsebier verarbeitet.[46] In Nordchina werden sie auch für Hirsewein (ähnlich dem Reiswein Huang Jiu 黄酒) verwendet. Das Stroh ist als Futter für Wiederkäuer geeignet.[16]
Literatur
- Udelgard Körber-Grohne: Nutzpflanzen in Deutschland von der Vorgeschichte bis heute. Theiss, Stuttgart 1995, Nachdruck ISBN 3-933203-40-6 (Abschnitte Anbau und Geschichte).
- Udo Renzenbrink: Die sieben Getreide. 2. Auflage. Rudolf Geering Verlag, Dornach 1983, ISBN 3-7235-0303-9, S. 98-101.
Siehe auch
Weblinks
- Anbauversuch Rispenhirse. In: UNESCO-Biosphärenreservat Rhön
- Hirsenotizen. In: Eden – Edenfoods
- Millet. In: Wikipedia 25 years of the free encyclopedia
- Ayurvedic perspective and clinical significance of millets. In: Journal of Ayurveda and Integral Medical Scienzes
- Ernährungsphysiologisches und therapeutisches Potenzial von Hirse: ein aktualisierter narrativer Überblick. In: National Library of Medicine
- Rispenhirse (Panicum miliaceum L.) als alternative Quelle für Stärke und phenolische Verbindungen: Eine Studie an fünfundzwanzig weltweiten Herkünften. In: National Library of Medicine
- Hirsebreifahrt 2026 – Einführung. In: LimmatClub (YouTube-Kanal)
Anmerkung
- ↑ Zum Verständnis, in welcher Sinnbedeutung Heinz Grill den Begriff „Wissen“ denkt, siehe die folgenden zwei Zitate:
- „Wer ein Evangelium oder eine Bhagavad-Gītā erforschen möchte oder wer Rudolf Steiner tiefgreifend in die Erfahrung zu bringen sucht, braucht den Geist des bhakti und muss seinen Willen aus allem intellektualistischen Wissen aufrichten und eine Wahrheit, die in der Weltenschöpfung besteht, erforschen. Schließlich ist die dritte Disziplin des Yoga der sogenannte karma-yoga oder allgemein der Yoga der Tat, der eine Idee, die ausreichend erfasst ist, in die solide, logische Vorstellung führt und sie schließlich in ausdauernder Mühe in die Sozialfähigkeit des Lebens praktisch einarbeitet.“
Heinz Grill: Die Kulthandlung und ihre Metamorphose – Der Umgekehrte Kultus. In: Beiträge zu einem Neuen Yogawillen. Abgerufen am 1. Juli 2026.
- Wissen im Sein oder Wissen im Haben
- „Die Logik zeigt ebenfalls, wie gerade Spiritualität nicht in das eigene persönliche Leben konserviert werden darf, gleichsam wie Gegenstände in einem Koffer, denn sie muss in lebensvoller und vollreifer Bewusstheit in die klare Strebsamkeit finden. Ein Wissen im Sein schafft eine Brücke zu allen geistigen Quellen, während das konservierte Habenwissen die Quelle selbst verschattet und nicht nur dies, sondern sogar den Zugang zu anderen Geistquellen verhindert.“
Heinz Grill: Spiritualität im Koffer – die Auflösung des Rätsels. In: Beiträge zu einem Neuen Yogawillen. Abgerufen am 1. Juli 2026.
- „Wer ein Evangelium oder eine Bhagavad-Gītā erforschen möchte oder wer Rudolf Steiner tiefgreifend in die Erfahrung zu bringen sucht, braucht den Geist des bhakti und muss seinen Willen aus allem intellektualistischen Wissen aufrichten und eine Wahrheit, die in der Weltenschöpfung besteht, erforschen. Schließlich ist die dritte Disziplin des Yoga der sogenannte karma-yoga oder allgemein der Yoga der Tat, der eine Idee, die ausreichend erfasst ist, in die solide, logische Vorstellung führt und sie schließlich in ausdauernder Mühe in die Sozialfähigkeit des Lebens praktisch einarbeitet.“
Einzelnachweise
- ↑ Waldemar Ternes, Alfred Täufel, Lieselotte Tunger, Martin Zobel (Hrsg.): Lebensmittel-Lexikon. 4., umfassend überarbeitete Auflage. Behr, Hamburg 2005, ISBN 3-89947-165-2, S. 1575.
- ↑ Rispenhirse. In: Lexikon des Agrarraums. Abgerufen am 10. Juni 2026.
- ↑ Hirse. In: wissen.de. Wahrig Herkunftswörterbuch. Abgerufen am 9. Juni 2026.
- ↑ Nährwerte, Mineralstoffe. In: HIRSANA. Abgerufen am 23. Juni 2026.
- ↑ 5,0 5,1 5,2 5,3 Wie die Rispenhirse nach Europa kam. In: Bild der Wissenschaft. Abgerufen am 3. Juni 2026.
- ↑ 6,0 6,1 6,2 The nutrition and therapeutic potential of millets: an updated narrative review. In: NIH National Library of Medicine. Abgerufen am 28. Juni 2026 (englisch).
- ↑ Millet Notes. In: edenfood.com. Abgerufen am 23. Juni 2026 (englisch).
- ↑ Siehe auch den Artikel: Five Grains. In: en.wikipedia.org. Abgerufen am 3. Juni 2026.
- ↑ New AMS 14C dates track the arrival and spread of broomcorn millet cultivation and agricultural change in prehistoric Europe. In: scientific reports. Abgerufen am 3. Juni 2026 (englisch).
- ↑ 10,0 10,1 10,2 Udelgard Körber-Grohne: Nutzpflanzen in Deutschland von der Vorgeschichte bis heute. Theiss, Stuttgart 1995. ISBN 3-933203-40-6 (Nachdruck).
- ↑ Getreide ABC: Hirse. In: Bundeszentrum für Ernährung. Abgerufen am 5. Juni 2026.
- ↑ Hirse, die unbeachtete Ernährerin. Hirsetagung vom VERN e.V. September 2023. In: VERN e.V. Abgerufen am 5. Juni 2026.
- ↑ Otto Zekert (Hrsg.): Dispensatorium pro pharmacopoeis Viennensibus in Austria 1570. Hrsg. vom österreichischen Apothekerverein und der Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie. Deutscher Apotheker-Verlag Hans Hösel, Berlin 1938, S. 147 (Milium).
- ↑ Vgl. auch Otto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Mathematisch-naturwissenschaftliche Habilitationsschrift, Halle an der Saale 1959, S. 189: Geguers sive milium – hyrsen, dochen = Panicum miliaceum L.
- ↑ Tosha L. Dupras, Henry P. Schwarcz, Scott I. Fairgrieve: Infant Feeding and weaning Practices in Roman Egypt. In: American Journal of Physical Anthropology 115/3. 2001, S. 208.
- ↑ 16,0 16,1 16,2 16,3 Gunther Franke (Hrsg.): Nutzpflanzen der Tropen und Subtropen. Band 2: Spezieller Pflanzenbau. Ulmer, Stuttgart 1994, ISBN 3-8252-1768-X, S. 107 f.
- ↑ Panicum miliaceum L. Echte Hirse. In: infoflora.ch. Abgerufen am 26. Juni 2026.
- ↑ Die Liste mit den eisenreichsten Lebensmitteln. In: Zentrum der Gesundheit. Abgerufen am 23. Juni 2026.
- ↑ Referenzwert Eisen. In: Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V. Abgerufen am 23. Juni 2026.
- ↑ Eisenmangel: Warum Eisen für den Körper so wichtig ist. In: USZ Universitätsspital Zürich. Abgerufen am 26. Juni 2026.
- ↑ Eisenmangel und Eisenmangelanämie. In: onkopedia. Abgerufen am 25. Juni 2026.
- ↑ Wasser mit Kieselsäure: Wofür ist die Kieselsäure gut? In: Gerolsteiner. Der Mineralienrechner. Abgerufen am 27. Juni 2026.
- ↑ Kieselsäure. In: Greenic. Abgerufen am 27. Juni 2026.
- ↑ 24,0 24,1 Tausendsassa Kieselsäure. In: Deutsche Heilbrunnen. Abgerufen am 23. Juni 2026.
- ↑ Kieselsäure (Silizium) – Mangel erkennen & vorbeugen. Abschnitt: Täglicher Kieselsäurebedarf. In: Hochbrücken Apotheke. Abgerufen am 27. Juni 2026.
- ↑ Regula Zehnder: Hirse – das älteste Superfood kommt wieder. In: SRF.ch. Abgerufen am 30. Juni 2026.
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- ↑ 28,0 28,1 Udo Renzenbrink: Die sieben Getreide. S. 35–36.
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