Ahriman: Unterschied zwischen den Versionen
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''' | '''Ahriman''' ist die mittelpersische Wortform des [[a:avestisch|avestischen]] Namens '''Angra Mainyu''', „zerstörerischer Geist, böser Geist.“ Nach der [[a:Urperser|urpersischen]] Überlieferung ist Angra Manyu der Zerstörer, der sich als Widersacher dem lichten Gott [[a:Ahura Mazdao|Ahura Mazdao]] (Ormuzd) entgegenstellt. | ||
Der Goethesche [[a:Mephistopheles|Mephistopheles]] (von hebräisch ''mephiz'' „der Verderber“ und ''tophel'' „der Lügner“) ist die Gestalt des Ahrimans,<ref>Rudolf Steiner: ''Geisteswissenschaftliche Menschenkunde.'' GA 107. 5. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1988, ISBN 3-7274-1070-1, S. 172. ([https://odysseetheater.org/GA/Buecher/GA_107.pdf#page=172&view=Fit Online])</ref> ebenso der [[a:Satan|Satan]] der Bibel. | |||
= | [[Rudolf Steiner]] (1861–1925) entwickelte die Bedeutung des Begriffs in Bezug auf die Entwicklung des Menschen weiter und brachte Ahriman mit der Bindung an die sterblichen Sinne und die physische Wirklichkeit in Verbindung.<ref name=":0">[https://heinz-grill.de/ahriman-inkarnation-angst/ ''Die Verkörperung Ahrimans – Teil 1.''] In: ''Beiträge zu einem Neuen Yogawillen.'' Abgerufen am 28. Dezember 2025.</ref> | ||
Das Wesen des Ahriman zeigt sich in verschiedenen Formen. Er wirkt im Menschen auf den Verstand mit schädlicher Überspitzung, sodass dieser sich im mehr materialistisch-technischen Denken fixiert und sich immer mehr in seine Leiblichkeit bindet. Sein Wesen der Versuchung zur Weltanhaftung und triebhaften Begierde verstrickt den Menschen in ein Spinnennetzwerk von Lügen in der Welt. | |||
Geisteswissenschaftliche Forschungen erwarten eine Inkarnation Ahrimans in der gegenwärtigen [[a:Germanisch-Angelsächsische Kultur|Kulturepoche]]. Dies könnte auf eine einzelne Person bezogen geschehen ([[Rudolf Steiner]]) oder in einer Vereinnahmung ganzer Scharen von Menschen eintreten ([[a:Heinz Grill|Heinz Grill]]). | |||
== Wortbedeutung == | |||
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=== Angra Mainyu als Gegenteil von Spenta Mainyu === | |||
[[Datei:Text-pal-Ahlmn'-ahreman.png|mini|Das mittelpersische Wort ''ʾhlmn''', ''Ahreman'']] | |||
''Angra'' ist das Gegenteil von ''Spenta'' (auch ''Sepanta''), weshalb die Übersetzung von Angra Mainyu stark abhängig von der Übersetzung von [[w:Spenta Mainyu|Spenta Mainyu]] ist. ''Mainyu'' bedeutet in etwa „Geist, Gedanke, Vorstellung“; ''Spenta'' wird unter anderem als „aufbauend, freigebig, heilig“ übersetzt. | |||
Spenta Mainyu ist somit der Geist der Vermehrung und Angra Mainyu der Geist des Widerstands. Diese Ur-Geister (als Vergegenwärtigung der freien Entscheidungskraft des Gewissens und des Gedankens ansehbar) wählen gemäß ''[[w:Yasna|Yasna]]'' (30,3-5) frei zwischen einander entgegengesetzten Prinzipien, so zwischen ''Ascha'' (''asha-'') und ''Drudsch'' (''druj-''), Ordnung und Nicht-Ordnung, Leben und Nicht-Leben. Ursprünglich stand Angra Mainyu dem Spenta Mainyu gegenüber.<ref>Antonio Panaino: ''Religionen im antiken Iran.'' In: Wilfried Seipel (Hrsg.): ''7000 Jahre persische Kunst. Meisterwerke aus dem Iranischen Nationalmuseum in Teheran: Eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museums Wien und des Iranischen Nationalmuseums in Teheran.'' Kunsthistorisches Museum, Wien 2001, S. 22–29, hier: S. 26 f.</ref> | |||
Als Antonym könnte Angra Mainyu somit als „zerstörerischer Geist“ übersetzt werden. Dies ist auch häufig der Fall, denn die Idee des Zerstörerischen steht stellvertretend für einen Aspekt der Kernphilosophie des Zoroastrismus: die Verwicklung des Universums in einen Kampf zwischen ''ascha'' („Wahrheit, Ordnung, Sein, Existenz“) und ''drudsch'' („Lüge, Chaos, Zerstörung des Seins“). | |||
Sprachentwicklungsbedingt wandelte sich das avestische Angra Mainyu zu mittelpersisch Ahriman (mittelpersisch ''ʾhlmn', Ahreman''). | |||
=== Im Avesta === | |||
[[Datei:Ahura mazda representación.gif|mini|Faravahar, symbolosiert die drei Grund­prinzipien des [[w:Zoroastrismus|Zoroastrismus]]:<br>Gutes Denken, gutes Sprechen und gutes Tun]] | |||
Die [[w:Gathas|Gathas]] umfassen fünf Hymnen aus der [[w:Zoroastrismus|zoroastrischen]] mündlichen Tradition der [[w:Avesta|Avesta]]. Das älteste erhaltene Textfragment der Gathas stammt aus dem Jahre 1323. Der Begriff Angra Mainyu kommt in den Gathas nur ein einziges Mal vor. In ''Yasna'' 45.2 ist der Begriff, wie die meisten anderen Begriffe der Gathas auch, nur ein reguläres Adjektiv-Nomen-Paar. Hier wird Angra Mainyu vom „Freigiebigen der beiden“ (Spenta Mainyu) als Widersacher in allen Belangen deklariert. | |||
Ein ähnlicher Ausdruck erscheint auch an anderer Stelle in den Gathas, aber dort ist nicht Angra Mainyu, sondern Aka Mainyu („böser Geist“) der Widersacher Spenta Mainyus. An weiteren Stellen wird vom ''akem manah'' „böses Denken“ und vom ''daebaaman'' „Betrüger“ gesprochen. | |||
Erst im jüngeren Avesta ist Angra Mainyu eindeutig Stellvertreter des Zerstörerischen. | Erst im jüngeren Avesta ist Angra Mainyu eindeutig Stellvertreter des Zerstörerischen. | ||
Während in den älteren Texten des jüngeren Avesta noch Angra Mainyu und Spenta Mainyu sich bekriegen, wandelt sich die Situation schlagartig in der [[w:Avesta#Der_Vendidâd|Vendidâd]]. In diesen sehr späten Texten der ''Vendidâd'' 1 (4. Jahrhundert v. Chr. | Während in den älteren Texten des jüngeren Avesta noch Angra Mainyu und Spenta Mainyu sich bekriegen, wandelt sich die Situation schlagartig in der [[w:Avesta#Der_Vendidâd|''Vendidâd'']]. In diesen sehr späten Texten der ''Vendidâd'' 1 (4. Jahrhundert v. Chr.) wird der Kampf nicht mehr von Angra Mainyu und Spenta Mainyu ausgetragen, sondern von Angra Mainyu und lichten Gott [[a:Ahura Mazdao|Ahura Mazdao]] (Ormuzd).<ref>Vgl. auch Antonio Panaino: ''Religionen im antiken Iran.'' In: Wilfried Seipel (Hrsg.): ''7000 Jahre persische Kunst. Meisterwerke aus dem Iranischen Nationalmuseum in Teheran: Eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museums Wien und des Iranischen Nationalmuseums in Teheran.'' Kunsthistorisches Museum, Wien 2001, S. 22–29, hier: S. 27 f.</ref> Dies belegt ein Zitat des [[a:Aristoteles|Aristoteles]] bei [[w:Diogenes Laertios|Diogenes Laertios]] (1.6), in dem die Widersacher Ariemanios und Oromazdes genannt werden. | ||
== Ahriman im Schāhnāme == | == Ahriman im Schāhnāme == | ||
[[Datei:Shah Namah, the Persian Epic of the Kings Wellcome L0035183.jpg|mini|[[w:Faramarz|Faramarz]] tötet einen ahrimanischen | [[Datei:Shah Namah, the Persian Epic of the Kings Wellcome L0035183.jpg|mini|[[w:Faramarz|Faramarz]] tötet einen ahrimanischen [[w:Diw|Diw]]. Persische Miniaturmalerei aus ''Schāhnāme'']] | ||
Im [[w:Schāhnāme|Schāhnāme]], | Im [[w:Schāhnāme|''Schāhnāme'']], Lebenswerk des persischen Dichters [[w:Firdausi|Firdausī]] (940/41–1020) und gleichzeitig Nationalepos der persischsprachigen Welt, bildet Ahriman den Gegenspieler und Feind der Könige und Helden. Er gebietet über eine Schar dienstbarer Geister, Dewen oder [[w:Diw|Diws]] genannt. | ||
Der zentralen Bedeutung Ahrimans als dem Repräsentanten des Bösen entsprechend führt Firdausi ihn bereits in der ersten Sage von | Der zentralen Bedeutung Ahrimans als dem Repräsentanten des Bösen entsprechend, führt Firdausi ihn bereits in der ersten Sage von ''Schāhnāme'' über [[w:Gayomarth|Gayomarth]] ein: | ||
<poem style="margin-left:31px"> | <poem style="margin-left:31px"> | ||
„Kein Feind lebt’ ihm auf der Erdenflur | „Kein Feind lebt’ ihm auf der Erdenflur | ||
Als heimlich ein arger Ahriman nur.“<ref>Friedrich Rückert (Übersetzer): ''Firdosi’s Königsbuch (Schahname). Sage I–XIII.'' Georg Reimer, Berlin 1890, [https://archive.org/stream/firdosisknigsbu00bayegoog#page/n60/mode/2up S. 4.]</ref> | Als heimlich ein arger Ahriman nur.“<ref>Friedrich Rückert (Übersetzer): ''Firdosi’s Königsbuch (Schahname). Sage I–XIII.'' Georg Reimer, Berlin 1890, [https://archive.org/stream/firdosisknigsbu00bayegoog#page/n60/mode/2up S. 4.]</ref> | ||
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„Schwarz war die Welt vor des Dewsohns Blick | „Schwarz war die Welt vor des Dewsohns Blick | ||
Über des Schahs und Sijamak's Glück. | Über des Schahs und Sijamak's Glück. | ||
[…] | |||
Des Schahsohns Leib warf er auf den Grund, | Des Schahsohns Leib warf er auf den Grund, | ||
Und macht ihm mit Klauen die Weichen wund. | Und macht ihm mit Klauen die Weichen wund. | ||
Vom grimmigen Feind war des Lebens beraubt | Vom grimmigen Feind war des Lebens beraubt | ||
Sijamek, und das Volk ohne Haupt.“<ref>Friedrich Rückert | Sijamek, und das Volk ohne Haupt.“<ref>Friedrich Rückert: ''Firdosi's Königsbuch.'' [https://archive.org/stream/firdosisknigsbu00bayegoog#page/n60/mode/2up S. 4 f.]</ref> | ||
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Abschnitt er das Haupt ohn' gleichen ihm; | Abschnitt er das Haupt ohn' gleichen ihm; | ||
Warf ihn zu Boden und trat in kraus, | Warf ihn zu Boden und trat in kraus, | ||
Sein Fell war zerrissen, mit ihm war's aus.<ref>Friedrich Rückert | Sein Fell war zerrissen, mit ihm war's aus.<ref>Friedrich Rückert: ''Firdosi's Königsbuch. [https://archive.org/stream/firdosisknigsbu00bayegoog#page/n62/mode/2up S. 7.]</ref> | ||
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Nach dieser Niederlage Ahrimans verschwindet das Böse allerdings nicht aus der Welt. Auch in den folgenden Sagen wird Ahriman seine niederträchtigen Pläne umzusetzen versuchen. | Nach dieser Niederlage Ahrimans verschwindet das Böse allerdings nicht aus der Welt. Auch in den folgenden Sagen wird Ahriman seine niederträchtigen Pläne umzusetzen versuchen. | ||
[[Datei: | == Wesensmerkmale == | ||
[[Datei:Menschheitsrepräsentant.jpg|mini|''Menschheitsrepräsentant'' (Rudolf Steiner)<br>Christus in der Mitte zwischen Luzifer und Ahriman (unten)]] | |||
Die [[a:Anthroposophie|Anthroposophie]] sieht in Ahriman ein Wesen, das in schädlicher Überspitzung des materialistisch-technischen Verstandes den Gegenpol zum rauschhaft schwelgenden, weltflüchtigen [[a:Luzifer|Luzifer]] bildet. Der Mensch müsse in sich mit der Hilfe des Christus die Mitte zwischen den beiden Wesen und deren Qualitäten halten. Rudolf Steiner drückte dies in seiner Holzplastik [[a:Menschheitsrepräsentant|Menschheitsrepräsentant]] aus. | |||
Ahriman ist ein Geist, der begabt ist mit einer die menschliche Fassungskraft übersteigenden, durchdringenden aber kalten [[a:Intelligenz|Intelligenz]], die er jedoch begierig in sich verschließt. Im Gegensatz zu Luzifer erscheint er daher als der Geist der Finsternis und der Widermächte, welcher der Menschenseele den Zugang zur seelisch-geistigen Welt verdunkeln und versperren möchte, um ihr Bewußtsein immer mehr an die physische Leiblichkeit zu ketten und einzuschränken.<ref>Walter Bühler: ''Anthroposophie als Forderung unserer Zeit.'' Kapitel 10: ''Das Rätsel des Bösen. Luzifer und Ahriman.'' Oratio Verlag, 2003, ISBN 978-3-7214-0589-7, S. 137 ff.</ref> | |||
:„Esoterisch und gemäß der anthroposophischen Lehre würde man sagen, dass die Wesenheit der Versuchung zur Weltanhaftung und triebhaften Begierde mit Ahriman benannt wird. So sprechen viele Personen in anthroposophischen Zweigen von der Inkarnation Ahrimans. Die Anhaftung in diese Sphäre, die die dunkle Wesensgestalt gibt und die sie schließlich wie ein Spinnennetzwerk von Lügen immer weiter auf den Menschen wirft, den sie in ihr klebriges Gefesseltsein bringt, ist typisch für die Wesenheit Ahrimans.“<ref>>([https://heinz-grill.de/2022-gedanke-geist-vernunft-prognose/])Abgerufen am 29. Januar 2026</ref> | |||
Eine andere Form der verführerischen Kräfte des Ahriman wirkt auf die bereits sehr verbreitete Stimmung unter den Menschen, dass es genügt, wenn im öffentlichen Leben dafür gesorgt wird, dass die Menschen wirtschaftlich zufriedengestellt werden: | |||
=== | :„Je mehr es gelingen würde, die Menschen aufzurütteln, daß sie nicht bloß wirtschaften im materiellen Sinne, sondern ebenso wie das Wirtschaftsleben auch das selbständige freie Geistesleben, das den wirklichen Geist hat, als ein Glied des sozialen Organismus betrachten, in demselben Maße würden die Menschen die Inkarnation Ahrimans so erwarten, daß sie eine menschheitsgemäße Stellung zu dieser Inkarnation würden einnehmen können.“<ref name=":1">Rudolf Steiner: ''Soziales Verständnis aus geisteswissenschaftlicher Erkenntnis.'' S. 201. ([https://odysseetheater.org/GA/Buecher/GA_159.pdf#page=236&view=Fit Online])</ref> | ||
[ | Die heutige offizielle Wissenschaft bietet nichts für eine wirkliche Erkenntnis des Geistes und der Seele. Sie ist allein darauf ausgerichtet, die äußere sichtbare Natur der Dinge aufzufassen. Es steht das Nutz- und Gewinnprinzip in der Mitte und eine Auseinandersetzung mit dem Geistigen und der Seele erscheint unsinnig oder unnütz für den Menschen.<ref name=":1" /> | ||
Ahriman arbeitet darauf hin, dass der Mensch durch den ausschließlichen Gebrauch des Intellekts sein Wissen verliert, dass er in seinem Körper ein seelisch-geistiges Wesen ist: | |||
:„Wenn man menschliche Ausdrücke auf göttliches Wollen anwenden möchte, so möchte man sagen: Ahriman wartete mit Sehnsucht auf den Augenblick, wo er in das menschliche Bewußtsein mit seiner Macht eindringen konnte. Nun wurde er überrascht davon, daß er früher nicht gewußt hat, daß ein göttlicher Entschluß vorlag, ein Wesen auf die Erde zu senden, den Christus, der durch den Tod ging. Dadurch war zwar das Eingreifen des Ahriman möglich, aber seiner eigentlichen Herrschaft war die Spitze abgebrochen. Seit jener Zeit benützt Ahriman jede Gelegenheit, um die Menschen zum bloßen Gebrauche des Intellektes zubringen; Ahriman hat noch heute die Hoffnung nicht aufgegeben, daß es ihm gelingen werde, die Menschen zum bloßen Gebrauch ihres Intellektes zu bringen. Was würde das bedeuten? Wenn es Ahriman gelingen könnte, den Menschen die Überzeugung restlos beizubringen, so daß jede andere Überzeugung von der Erde hinschwinden würde, daß der Mensch nur in seinem Leibe leben kann, daß er nicht trennbar ist als geistig-seelisches Wesen von seinem Leibe, so würde die menschliche Seele so ergriffen werden von der Todesidee, daß Ahriman leicht seine Pläne verwirklichen könnte. Darauf hofft Ahriman immer.“<ref>Rudolf Steiner: ''Das Sonnenmysterium und das Mysterium von Tod und Auferstehung. ''GA 211. 2. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1986, ISBN 3-7274-2110-X, S. 111. ([https://odysseetheater.org/GA/Buecher/GA_211.pdf#page=111&view=Fit Online])</ref> | |||
Im ''Goethe-Wörterbuch'' wird Ahriman mit der ewigen geistigen Finsternis gleichgesetzt. Trotzdem soll er die Farben, die aus der Finsternis entsprungen sind, selbst ausgeströmt haben: | |||
:„Es sind aus der Finsterniß, mit der weißen Farbe der Kälte, alle Farben des Lichts und des Feuers entsprungen, und selbst der böse Ariman, die ewige geistige Finsterniß, soll die Farben ausgeströmt haben.“<ref>''[https://woerterbuchnetz.de/?sigle=GWB&lemid=A01445 Ahriman.]'' In: ''Goethe Wörterbuch.'' Abgerufen am 15. Januar 2025.</ref> | |||
Das Wesen von Ahriman wird im ''Herders Conversations-Lexikon'' als der Schöpfer aller schädlichen Pflanzen und Tiere beschrieben. Er verführte auch die Menschen zum Abfall von Ormuzd, dem Schöpfergott in der Religion der Perser. „Am Ende der Zeit aber wird er sammt den Dews besiegt und mit Ormudzd versöhnt und verschwindet mit demselben im allgemeinen Weltuntergange, wo nur das Urwesen, aus dem alles hervorgegangen, Zeruane Akarene, übrig bleibt.“<ref>''[https://woerterbuchnetz.de/?sigle=Herder&lemid=A00890 Ahriman.]'' In: ''Herders Konversations-Lexikon.'' 1. Auflage, 1854-1857. Abgerufen am 15. Januar 2025.</ref> | |||
== In der Anthroposophie == | |||
[[Datei:Ahriman Mysteriendrama.jpg|mini|Ahriman in einer Inszenierung von [[Rudolf Steiner]]s Mysteriendrama „[[a:Die Pforte der Einweihung|Die Pforte der Einweihung]]“ am Goetheanum in Dornach]]Rudolf Steiner beobachtete 1915, dass man das ahrimanische Element am stärksten in Amerika findet. Er sah auch die Tendenz in der Entwicklung dieser Kultur, dass die Sehnsucht immer mehr wächst, die Geister sichtbar zu machen, selbst da, wo nach Spiritualität, nach Geistigem gestrebt wird. Nach und nach werde das ahrimanische Element auch den Westen Europas ergreifen und es seine Mission erfüllen, sich in die Kultur einzuführen.<ref>Rudolf Steiner: ''Das Geheimnis des Todes. Wesen und Bedeutung Mitteleuropas und die europäischen Volksgeister. ''GA 159. 2. durchgesehene Auflage, Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1980, ISBN 3-7274-1590-8, S. 236. ([https://odysseetheater.org/GA/Buecher/GA_159.pdf#page=236&view=Fit Online])</ref> | |||
Ahriman ist nicht als [[a:Das Böse|böse]] im absoluten Sinn zu bezeichnen. Sein Zurückbleiben bzw. Ausscheiden aus der Menschheitsentwicklung kann auch als [[a:Opfer|Opfer]]tat verstanden werden, die einen wertvollen Beitrag für die gesamte [[a:Weltentwicklung|Weltentwicklung]] leistet. So ist Ahrimans Beitrag wesentlich dafür, dass der Mensch die [[a:Freiheit|Freiheit]] erringen kann, die er später einmal durch die Entfaltung überschüssiger [[a:Liebe|Liebe]] entgelten kann. | |||
In seinem 11. Vortrag in Dornach am 1. November 1919 charakterisiert Rudolf Steiner weiter, was Ahriman in der Entwicklung des Menschen gefördert haben will. Es sind die Menschen mit den verschiedensten Parteimeinungen und Parteilebensauffassungen, von denen dieser mit seiner gegenwärtigen Intelligenz, eben das Nein und das Ja zugleich beweisen kann. Deshalb können sie aus gleich guten Gründen, dann beides in Anspruch nehmen und "ihres" gegenüber dem Anderen vertreten. Es ist für den Menschen nicht einzusehen, dass diese Beweisart so weit an der Oberfläche liegt, dass sie für eine tiefere Erkenntnis, was geistiges Leben ist, unbrauchbar ist. | |||
:„Dann werden sie das Entgegengesetzte beweisen, der eine dieses, der andere jenes, die eine Gruppe dieses, die andere Gruppe jenes; und da man beides beweisen kann, so werden die Menschen übergehen zu Haß und Erbitterung, die wir ja genügend in unserer Zeit finden. Das alles sind wiederum Dinge, die Ahriman fördern will zur Förderung seiner eigenen Erdeninkarnation.“<ref>Rudolf Steiner: ''Soziales Verständnis aus geisteswissenschaftlicher Erkenntnis. ''GA 191. 3. Gesamtausgabe, Dornach 1989, Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung, Dornach/Schweiz, ISBN 3-7274-1910-5, S. 194 ff. ([https://odysseetheater.org/GA/Buecher/GA_191.pdf#page=194&view=Fit Online])</ref> | |||
Der Geistforscher Heinz Grill regt eine wirklichkeitsgemäße und sachliche Auseinandersetzung mit dem Bösen an, denn sie dient dem Menschen, um hoffnungsvolle Perspektiven zu entwickeln. Richtet sich der Geistschüler intensiv auf Ideale aus und studiert er gleichzeitig die Widersachermächte bis in die Tiefe des Keimgrundes ihres untergründigen Weltendaseins, so kann er ein gewisses Gegengewicht zu den Untergangsstimmungen legen. | |||
:„Wer Ahriman kennt, wird ihn deshalb aus Weisheit niemals angreifen, wer ihn aber nicht kennt, konfrontiert ihn und verbindet sich auf unsolide Weise mit ihm. Das geeignete Mittel gegenüber Ahriman ist, ihn zu beobachten und zu erkennen, aber nicht gegen ihn anzukämpfen."<ref>[https://heinz-grill.de/ahriman-inkarnation-mensch/ ''Die Verkörperung Ahrimans – Teil 2.''] In: ''Beiträge zu einem Neuen Yogawillen.'' Abgerufen am 28. Dezember 2025.</ref> | |||
Aus geistiger Sicht wird es nach den Forschungen von Heinz Grill für die Menschen in der Zukunft keinen Führer, keinen Lehrer, keinen Meister oder eine besondere Autoritätsperson geben, der sie in einer neuen religiösen Bewegung oder in der Politik anführt. Der Mensch wird von der ahrimanischen Kraft bis in die Tiefe hinein zerstört. Um sich aus dieser Zerstörung wieder aufzurichten, bedarf es einer mutigen freien Entscheidung zur Eigenständigkeit und Bewusstseinserkraftung. Diese eigene individuelle Selbstrealisation wird sich in verschiedenen Beziehungsverhältnissen zeigen, die in den kommenden Jahren besonders gefördert werden."<ref>>([https://heinz-grill.de/2022-gedanke-geist-vernunft-prognose/])Abgerufen am 29. Januar 2026</ref> | |||
=== | == Inkarnation Ahrimans == | ||
Die Ankündigung Rudolf Steiners, 11. Vortrag in Dornach am 1. November 1919, dass vor dem Ablauf des 3. Jahrtausends der nachchristlichen Zeit, Ahriman im Fleische im Westen zu einer wirklichen Inkarnation kommen wird, zeigt sich seine Vorbereitung dafür in der Entwicklung verschiedener Wesensanteilen in der Menschheit. Aus der geisteswissenschaftlichen Sicht, dient die Inkarnation Ahriman, der Menschheitsentwicklung dahingehend, dass “die Erdenmenschheit ihre richtige Stellung finden muss, zu dieser ahrmanischen Erdeninkarnation.“<ref>Rudolf Steiner: ''Soziales Verständnis aus geisteswissenschaftlicher Erkenntnis. ''GA 191. 3. Gesamtausgabe, Dornach 1989, Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung, Dornach/Schweiz, ISBN 3-7274-1910-5, S. 194ff. ([https://odysseetheater.org/GA/Buecher/GA_191.pdf#page=194&view=Fit Online])</ref> | |||
Um erfolgreich auf der Erde inkarnieren zu können, lenkt die Wesenheit Ahriman seine Kräfte in der menschlichen Entwicklung so, dass die Menschen zu seinem Vorteil auf sein Wirken eingestimmt sind. | |||
:“Und schlimm wäre es, wenn die Menschen schlafend dahinleben würden und gewisse Erscheinungen, die im Menschenleben vor sich gehen, nicht so nehmen würden, daß sie in ihnen erkennen können eine Vorbereitung für die fleischliche Inkarnation des Ahriman. Nur dadurch werden die Menschen die rechte Stellung finden, daß sie erkennen: In dieser oder jener Tatsachenreihe, die der menschheitlichen Entwickelung angehört, muß man erkennen, wie Ahriman vorbereitet sein irdisches Dasein. Und heute ist es an der Zeit, daß einzelne Menschen wissen, welche von den Vorgängen, die um sie herum sich abspielen, Machinationen Ahrimans sind, die - ihm zum Vorteil - seine demnächstige irdische Inkarnation womöglich vorbereiten.“<ref>Rudolf Steiner: ''Soziales Verständnis aus geisteswissenschaftlicher Erkenntnis.''GA 191. 3. Gesamtausgabe, Dornach 1989, Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung, Dornach/Schweiz, ISBN 3-7274-1910-5, S. 194ff. ([https://odysseetheater.org/GA/Buecher/GA_191.pdf#page=194&view=Fit Online])</ref> | |||
< | 1919 teilte [[Rudolf Steiner]] in einem Vortrag mit, dass sich Ahriman im dritten Jahrtausend nach der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus in einem Menschen inkarnieren müsse.<ref>Rudolf Steiner: ''Der innere Aspekt des sozialen Rätsels. Luziferische Vergangenheit und ahrimanische Zukunft.'' GA 193. 4. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1989, ISBN 3-7274-1930-X. S. 165. ([https://odysseetheater.org/GA/Buecher/GA_193.pdf#page=165&view=Fit Online])</ref> | ||
Hierzu stellt der Geistforscher Heinz Grill fest, dass es sich nicht mit Gewissheit sagen lässt, „ob die Inkarnation Ahrimans eine einzelne Person betreffe oder ob sie ganze Scharen von Menschen vereinnahme. Manche behaupten, dass die künstliche Intelligenz eine unmittelbare Offenbarung Ahrimans sei und andere wieder definieren Personen, die die Physiognomie Ahrimans und das Charakterverhalten mit allen amoralischen Offenbarungen, die es nur gibt, erfüllen.“<ref name=":0" /> | |||
== Siehe auch == | == Siehe auch == | ||
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* Ulrich Hannemann (Hrsg.): ''Das Zend-Avesta.'' Band 1: ''Allgemeiner Teil.'' Überarbeitete Neuauflage der Ausgabe von 1776. Weißensee-Verlag, Berlin 2011, ISBN 978-3-89998-199-5. | * Ulrich Hannemann (Hrsg.): ''Das Zend-Avesta.'' Band 1: ''Allgemeiner Teil.'' Überarbeitete Neuauflage der Ausgabe von 1776. Weißensee-Verlag, Berlin 2011, ISBN 978-3-89998-199-5. | ||
* Firdausi: ''Geschichten aus dem Schahnameh'' (= ''Diederichs Taschenausgaben.'' 21.) Ausgewählt und übertragen von Uta von Witzleben | * Firdausi: ''Geschichten aus dem Schahnameh'' (= ''Diederichs Taschenausgaben.'' 21.) Ausgewählt und übertragen von Uta von Witzleben. Eugen Diederichs, Düsseldorf 1960, S. 13 ff. | ||
== Einzelnachweise == | == Einzelnachweise == | ||
Version vom 31. Januar 2026, 12:35 Uhr

Ahriman ist die mittelpersische Wortform des avestischen Namens Angra Mainyu, „zerstörerischer Geist, böser Geist.“ Nach der urpersischen Überlieferung ist Angra Manyu der Zerstörer, der sich als Widersacher dem lichten Gott Ahura Mazdao (Ormuzd) entgegenstellt.
Der Goethesche Mephistopheles (von hebräisch mephiz „der Verderber“ und tophel „der Lügner“) ist die Gestalt des Ahrimans,[1] ebenso der Satan der Bibel.
Rudolf Steiner (1861–1925) entwickelte die Bedeutung des Begriffs in Bezug auf die Entwicklung des Menschen weiter und brachte Ahriman mit der Bindung an die sterblichen Sinne und die physische Wirklichkeit in Verbindung.[2]
Das Wesen des Ahriman zeigt sich in verschiedenen Formen. Er wirkt im Menschen auf den Verstand mit schädlicher Überspitzung, sodass dieser sich im mehr materialistisch-technischen Denken fixiert und sich immer mehr in seine Leiblichkeit bindet. Sein Wesen der Versuchung zur Weltanhaftung und triebhaften Begierde verstrickt den Menschen in ein Spinnennetzwerk von Lügen in der Welt.
Geisteswissenschaftliche Forschungen erwarten eine Inkarnation Ahrimans in der gegenwärtigen Kulturepoche. Dies könnte auf eine einzelne Person bezogen geschehen (Rudolf Steiner) oder in einer Vereinnahmung ganzer Scharen von Menschen eintreten (Heinz Grill).
Wortbedeutung
Angra Mainyu als Gegenteil von Spenta Mainyu

Angra ist das Gegenteil von Spenta (auch Sepanta), weshalb die Übersetzung von Angra Mainyu stark abhängig von der Übersetzung von Spenta Mainyu ist. Mainyu bedeutet in etwa „Geist, Gedanke, Vorstellung“; Spenta wird unter anderem als „aufbauend, freigebig, heilig“ übersetzt.
Spenta Mainyu ist somit der Geist der Vermehrung und Angra Mainyu der Geist des Widerstands. Diese Ur-Geister (als Vergegenwärtigung der freien Entscheidungskraft des Gewissens und des Gedankens ansehbar) wählen gemäß Yasna (30,3-5) frei zwischen einander entgegengesetzten Prinzipien, so zwischen Ascha (asha-) und Drudsch (druj-), Ordnung und Nicht-Ordnung, Leben und Nicht-Leben. Ursprünglich stand Angra Mainyu dem Spenta Mainyu gegenüber.[3]
Als Antonym könnte Angra Mainyu somit als „zerstörerischer Geist“ übersetzt werden. Dies ist auch häufig der Fall, denn die Idee des Zerstörerischen steht stellvertretend für einen Aspekt der Kernphilosophie des Zoroastrismus: die Verwicklung des Universums in einen Kampf zwischen ascha („Wahrheit, Ordnung, Sein, Existenz“) und drudsch („Lüge, Chaos, Zerstörung des Seins“).
Sprachentwicklungsbedingt wandelte sich das avestische Angra Mainyu zu mittelpersisch Ahriman (mittelpersisch ʾhlmn', Ahreman).
Im Avesta

Gutes Denken, gutes Sprechen und gutes Tun
Die Gathas umfassen fünf Hymnen aus der zoroastrischen mündlichen Tradition der Avesta. Das älteste erhaltene Textfragment der Gathas stammt aus dem Jahre 1323. Der Begriff Angra Mainyu kommt in den Gathas nur ein einziges Mal vor. In Yasna 45.2 ist der Begriff, wie die meisten anderen Begriffe der Gathas auch, nur ein reguläres Adjektiv-Nomen-Paar. Hier wird Angra Mainyu vom „Freigiebigen der beiden“ (Spenta Mainyu) als Widersacher in allen Belangen deklariert.
Ein ähnlicher Ausdruck erscheint auch an anderer Stelle in den Gathas, aber dort ist nicht Angra Mainyu, sondern Aka Mainyu („böser Geist“) der Widersacher Spenta Mainyus. An weiteren Stellen wird vom akem manah „böses Denken“ und vom daebaaman „Betrüger“ gesprochen.
Erst im jüngeren Avesta ist Angra Mainyu eindeutig Stellvertreter des Zerstörerischen.
Während in den älteren Texten des jüngeren Avesta noch Angra Mainyu und Spenta Mainyu sich bekriegen, wandelt sich die Situation schlagartig in der Vendidâd. In diesen sehr späten Texten der Vendidâd 1 (4. Jahrhundert v. Chr.) wird der Kampf nicht mehr von Angra Mainyu und Spenta Mainyu ausgetragen, sondern von Angra Mainyu und lichten Gott Ahura Mazdao (Ormuzd).[4] Dies belegt ein Zitat des Aristoteles bei Diogenes Laertios (1.6), in dem die Widersacher Ariemanios und Oromazdes genannt werden.
Ahriman im Schāhnāme

Im Schāhnāme, Lebenswerk des persischen Dichters Firdausī (940/41–1020) und gleichzeitig Nationalepos der persischsprachigen Welt, bildet Ahriman den Gegenspieler und Feind der Könige und Helden. Er gebietet über eine Schar dienstbarer Geister, Dewen oder Diws genannt.
Der zentralen Bedeutung Ahrimans als dem Repräsentanten des Bösen entsprechend, führt Firdausi ihn bereits in der ersten Sage von Schāhnāme über Gayomarth ein:
„Kein Feind lebt’ ihm auf der Erdenflur
Als heimlich ein arger Ahriman nur.“[5]
Firdausi spricht ohne Umschweife den Grundkonflikt der iranischen Mythologie zwischen Gut und Böse an, vertreten durch den Schah und Ahriman. Ahrimans Sohn will den Sohn des Schahs, Sijamak, töten, um sich so der Herrschaft über die Welt zu bemächtigen:
„Schwarz war die Welt vor des Dewsohns Blick
Über des Schahs und Sijamak's Glück.
[…]
Des Schahsohns Leib warf er auf den Grund,
Und macht ihm mit Klauen die Weichen wund.
Vom grimmigen Feind war des Lebens beraubt
Sijamek, und das Volk ohne Haupt.“[6]
Am Ende gelingt es Huschang, dem Sohn von Sijamak, den Vater zu rächen, den Sohn Ahrimans zu töten und sich Herrschaft und Thron in Iran zu sichern:
„Die Hand schwang wie ein Löw Hoscheng,
Die Welt macht' er dem Dewen eng.
Er zog ihm von Kopf zu Fuß in den Riem,
Abschnitt er das Haupt ohn' gleichen ihm;
Warf ihn zu Boden und trat in kraus,
Sein Fell war zerrissen, mit ihm war's aus.[7]
Nach dieser Niederlage Ahrimans verschwindet das Böse allerdings nicht aus der Welt. Auch in den folgenden Sagen wird Ahriman seine niederträchtigen Pläne umzusetzen versuchen.
Wesensmerkmale

Christus in der Mitte zwischen Luzifer und Ahriman (unten)
Die Anthroposophie sieht in Ahriman ein Wesen, das in schädlicher Überspitzung des materialistisch-technischen Verstandes den Gegenpol zum rauschhaft schwelgenden, weltflüchtigen Luzifer bildet. Der Mensch müsse in sich mit der Hilfe des Christus die Mitte zwischen den beiden Wesen und deren Qualitäten halten. Rudolf Steiner drückte dies in seiner Holzplastik Menschheitsrepräsentant aus.
Ahriman ist ein Geist, der begabt ist mit einer die menschliche Fassungskraft übersteigenden, durchdringenden aber kalten Intelligenz, die er jedoch begierig in sich verschließt. Im Gegensatz zu Luzifer erscheint er daher als der Geist der Finsternis und der Widermächte, welcher der Menschenseele den Zugang zur seelisch-geistigen Welt verdunkeln und versperren möchte, um ihr Bewußtsein immer mehr an die physische Leiblichkeit zu ketten und einzuschränken.[8]
- „Esoterisch und gemäß der anthroposophischen Lehre würde man sagen, dass die Wesenheit der Versuchung zur Weltanhaftung und triebhaften Begierde mit Ahriman benannt wird. So sprechen viele Personen in anthroposophischen Zweigen von der Inkarnation Ahrimans. Die Anhaftung in diese Sphäre, die die dunkle Wesensgestalt gibt und die sie schließlich wie ein Spinnennetzwerk von Lügen immer weiter auf den Menschen wirft, den sie in ihr klebriges Gefesseltsein bringt, ist typisch für die Wesenheit Ahrimans.“[9]
Eine andere Form der verführerischen Kräfte des Ahriman wirkt auf die bereits sehr verbreitete Stimmung unter den Menschen, dass es genügt, wenn im öffentlichen Leben dafür gesorgt wird, dass die Menschen wirtschaftlich zufriedengestellt werden:
- „Je mehr es gelingen würde, die Menschen aufzurütteln, daß sie nicht bloß wirtschaften im materiellen Sinne, sondern ebenso wie das Wirtschaftsleben auch das selbständige freie Geistesleben, das den wirklichen Geist hat, als ein Glied des sozialen Organismus betrachten, in demselben Maße würden die Menschen die Inkarnation Ahrimans so erwarten, daß sie eine menschheitsgemäße Stellung zu dieser Inkarnation würden einnehmen können.“[10]
Die heutige offizielle Wissenschaft bietet nichts für eine wirkliche Erkenntnis des Geistes und der Seele. Sie ist allein darauf ausgerichtet, die äußere sichtbare Natur der Dinge aufzufassen. Es steht das Nutz- und Gewinnprinzip in der Mitte und eine Auseinandersetzung mit dem Geistigen und der Seele erscheint unsinnig oder unnütz für den Menschen.[10]
Ahriman arbeitet darauf hin, dass der Mensch durch den ausschließlichen Gebrauch des Intellekts sein Wissen verliert, dass er in seinem Körper ein seelisch-geistiges Wesen ist:
- „Wenn man menschliche Ausdrücke auf göttliches Wollen anwenden möchte, so möchte man sagen: Ahriman wartete mit Sehnsucht auf den Augenblick, wo er in das menschliche Bewußtsein mit seiner Macht eindringen konnte. Nun wurde er überrascht davon, daß er früher nicht gewußt hat, daß ein göttlicher Entschluß vorlag, ein Wesen auf die Erde zu senden, den Christus, der durch den Tod ging. Dadurch war zwar das Eingreifen des Ahriman möglich, aber seiner eigentlichen Herrschaft war die Spitze abgebrochen. Seit jener Zeit benützt Ahriman jede Gelegenheit, um die Menschen zum bloßen Gebrauche des Intellektes zubringen; Ahriman hat noch heute die Hoffnung nicht aufgegeben, daß es ihm gelingen werde, die Menschen zum bloßen Gebrauch ihres Intellektes zu bringen. Was würde das bedeuten? Wenn es Ahriman gelingen könnte, den Menschen die Überzeugung restlos beizubringen, so daß jede andere Überzeugung von der Erde hinschwinden würde, daß der Mensch nur in seinem Leibe leben kann, daß er nicht trennbar ist als geistig-seelisches Wesen von seinem Leibe, so würde die menschliche Seele so ergriffen werden von der Todesidee, daß Ahriman leicht seine Pläne verwirklichen könnte. Darauf hofft Ahriman immer.“[11]
Im Goethe-Wörterbuch wird Ahriman mit der ewigen geistigen Finsternis gleichgesetzt. Trotzdem soll er die Farben, die aus der Finsternis entsprungen sind, selbst ausgeströmt haben:
- „Es sind aus der Finsterniß, mit der weißen Farbe der Kälte, alle Farben des Lichts und des Feuers entsprungen, und selbst der böse Ariman, die ewige geistige Finsterniß, soll die Farben ausgeströmt haben.“[12]
Das Wesen von Ahriman wird im Herders Conversations-Lexikon als der Schöpfer aller schädlichen Pflanzen und Tiere beschrieben. Er verführte auch die Menschen zum Abfall von Ormuzd, dem Schöpfergott in der Religion der Perser. „Am Ende der Zeit aber wird er sammt den Dews besiegt und mit Ormudzd versöhnt und verschwindet mit demselben im allgemeinen Weltuntergange, wo nur das Urwesen, aus dem alles hervorgegangen, Zeruane Akarene, übrig bleibt.“[13]
In der Anthroposophie

Rudolf Steiner beobachtete 1915, dass man das ahrimanische Element am stärksten in Amerika findet. Er sah auch die Tendenz in der Entwicklung dieser Kultur, dass die Sehnsucht immer mehr wächst, die Geister sichtbar zu machen, selbst da, wo nach Spiritualität, nach Geistigem gestrebt wird. Nach und nach werde das ahrimanische Element auch den Westen Europas ergreifen und es seine Mission erfüllen, sich in die Kultur einzuführen.[14]
Ahriman ist nicht als böse im absoluten Sinn zu bezeichnen. Sein Zurückbleiben bzw. Ausscheiden aus der Menschheitsentwicklung kann auch als Opfertat verstanden werden, die einen wertvollen Beitrag für die gesamte Weltentwicklung leistet. So ist Ahrimans Beitrag wesentlich dafür, dass der Mensch die Freiheit erringen kann, die er später einmal durch die Entfaltung überschüssiger Liebe entgelten kann.
In seinem 11. Vortrag in Dornach am 1. November 1919 charakterisiert Rudolf Steiner weiter, was Ahriman in der Entwicklung des Menschen gefördert haben will. Es sind die Menschen mit den verschiedensten Parteimeinungen und Parteilebensauffassungen, von denen dieser mit seiner gegenwärtigen Intelligenz, eben das Nein und das Ja zugleich beweisen kann. Deshalb können sie aus gleich guten Gründen, dann beides in Anspruch nehmen und "ihres" gegenüber dem Anderen vertreten. Es ist für den Menschen nicht einzusehen, dass diese Beweisart so weit an der Oberfläche liegt, dass sie für eine tiefere Erkenntnis, was geistiges Leben ist, unbrauchbar ist.
- „Dann werden sie das Entgegengesetzte beweisen, der eine dieses, der andere jenes, die eine Gruppe dieses, die andere Gruppe jenes; und da man beides beweisen kann, so werden die Menschen übergehen zu Haß und Erbitterung, die wir ja genügend in unserer Zeit finden. Das alles sind wiederum Dinge, die Ahriman fördern will zur Förderung seiner eigenen Erdeninkarnation.“[15]
Der Geistforscher Heinz Grill regt eine wirklichkeitsgemäße und sachliche Auseinandersetzung mit dem Bösen an, denn sie dient dem Menschen, um hoffnungsvolle Perspektiven zu entwickeln. Richtet sich der Geistschüler intensiv auf Ideale aus und studiert er gleichzeitig die Widersachermächte bis in die Tiefe des Keimgrundes ihres untergründigen Weltendaseins, so kann er ein gewisses Gegengewicht zu den Untergangsstimmungen legen.
- „Wer Ahriman kennt, wird ihn deshalb aus Weisheit niemals angreifen, wer ihn aber nicht kennt, konfrontiert ihn und verbindet sich auf unsolide Weise mit ihm. Das geeignete Mittel gegenüber Ahriman ist, ihn zu beobachten und zu erkennen, aber nicht gegen ihn anzukämpfen."[16]
Aus geistiger Sicht wird es nach den Forschungen von Heinz Grill für die Menschen in der Zukunft keinen Führer, keinen Lehrer, keinen Meister oder eine besondere Autoritätsperson geben, der sie in einer neuen religiösen Bewegung oder in der Politik anführt. Der Mensch wird von der ahrimanischen Kraft bis in die Tiefe hinein zerstört. Um sich aus dieser Zerstörung wieder aufzurichten, bedarf es einer mutigen freien Entscheidung zur Eigenständigkeit und Bewusstseinserkraftung. Diese eigene individuelle Selbstrealisation wird sich in verschiedenen Beziehungsverhältnissen zeigen, die in den kommenden Jahren besonders gefördert werden."[17]
Inkarnation Ahrimans
Die Ankündigung Rudolf Steiners, 11. Vortrag in Dornach am 1. November 1919, dass vor dem Ablauf des 3. Jahrtausends der nachchristlichen Zeit, Ahriman im Fleische im Westen zu einer wirklichen Inkarnation kommen wird, zeigt sich seine Vorbereitung dafür in der Entwicklung verschiedener Wesensanteilen in der Menschheit. Aus der geisteswissenschaftlichen Sicht, dient die Inkarnation Ahriman, der Menschheitsentwicklung dahingehend, dass “die Erdenmenschheit ihre richtige Stellung finden muss, zu dieser ahrmanischen Erdeninkarnation.“[18] Um erfolgreich auf der Erde inkarnieren zu können, lenkt die Wesenheit Ahriman seine Kräfte in der menschlichen Entwicklung so, dass die Menschen zu seinem Vorteil auf sein Wirken eingestimmt sind.
- “Und schlimm wäre es, wenn die Menschen schlafend dahinleben würden und gewisse Erscheinungen, die im Menschenleben vor sich gehen, nicht so nehmen würden, daß sie in ihnen erkennen können eine Vorbereitung für die fleischliche Inkarnation des Ahriman. Nur dadurch werden die Menschen die rechte Stellung finden, daß sie erkennen: In dieser oder jener Tatsachenreihe, die der menschheitlichen Entwickelung angehört, muß man erkennen, wie Ahriman vorbereitet sein irdisches Dasein. Und heute ist es an der Zeit, daß einzelne Menschen wissen, welche von den Vorgängen, die um sie herum sich abspielen, Machinationen Ahrimans sind, die - ihm zum Vorteil - seine demnächstige irdische Inkarnation womöglich vorbereiten.“[19]
1919 teilte Rudolf Steiner in einem Vortrag mit, dass sich Ahriman im dritten Jahrtausend nach der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus in einem Menschen inkarnieren müsse.[20]
Hierzu stellt der Geistforscher Heinz Grill fest, dass es sich nicht mit Gewissheit sagen lässt, „ob die Inkarnation Ahrimans eine einzelne Person betreffe oder ob sie ganze Scharen von Menschen vereinnahme. Manche behaupten, dass die künstliche Intelligenz eine unmittelbare Offenbarung Ahrimans sei und andere wieder definieren Personen, die die Physiognomie Ahrimans und das Charakterverhalten mit allen amoralischen Offenbarungen, die es nur gibt, erfüllen.“[2]
Siehe auch
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Literatur
- Ulrich Hannemann (Hrsg.): Das Zend-Avesta. Band 1: Allgemeiner Teil. Überarbeitete Neuauflage der Ausgabe von 1776. Weißensee-Verlag, Berlin 2011, ISBN 978-3-89998-199-5.
- Firdausi: Geschichten aus dem Schahnameh (= Diederichs Taschenausgaben. 21.) Ausgewählt und übertragen von Uta von Witzleben. Eugen Diederichs, Düsseldorf 1960, S. 13 ff.
Einzelnachweise
- ↑ Rudolf Steiner: Geisteswissenschaftliche Menschenkunde. GA 107. 5. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1988, ISBN 3-7274-1070-1, S. 172. (Online)
- ↑ 2,0 2,1 Die Verkörperung Ahrimans – Teil 1. In: Beiträge zu einem Neuen Yogawillen. Abgerufen am 28. Dezember 2025.
- ↑ Antonio Panaino: Religionen im antiken Iran. In: Wilfried Seipel (Hrsg.): 7000 Jahre persische Kunst. Meisterwerke aus dem Iranischen Nationalmuseum in Teheran: Eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museums Wien und des Iranischen Nationalmuseums in Teheran. Kunsthistorisches Museum, Wien 2001, S. 22–29, hier: S. 26 f.
- ↑ Vgl. auch Antonio Panaino: Religionen im antiken Iran. In: Wilfried Seipel (Hrsg.): 7000 Jahre persische Kunst. Meisterwerke aus dem Iranischen Nationalmuseum in Teheran: Eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museums Wien und des Iranischen Nationalmuseums in Teheran. Kunsthistorisches Museum, Wien 2001, S. 22–29, hier: S. 27 f.
- ↑ Friedrich Rückert (Übersetzer): Firdosi’s Königsbuch (Schahname). Sage I–XIII. Georg Reimer, Berlin 1890, S. 4.
- ↑ Friedrich Rückert: Firdosi's Königsbuch. S. 4 f.
- ↑ Friedrich Rückert: Firdosi's Königsbuch. S. 7.
- ↑ Walter Bühler: Anthroposophie als Forderung unserer Zeit. Kapitel 10: Das Rätsel des Bösen. Luzifer und Ahriman. Oratio Verlag, 2003, ISBN 978-3-7214-0589-7, S. 137 ff.
- ↑ >([1])Abgerufen am 29. Januar 2026
- ↑ 10,0 10,1 Rudolf Steiner: Soziales Verständnis aus geisteswissenschaftlicher Erkenntnis. S. 201. (Online)
- ↑ Rudolf Steiner: Das Sonnenmysterium und das Mysterium von Tod und Auferstehung. GA 211. 2. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1986, ISBN 3-7274-2110-X, S. 111. (Online)
- ↑ Ahriman. In: Goethe Wörterbuch. Abgerufen am 15. Januar 2025.
- ↑ Ahriman. In: Herders Konversations-Lexikon. 1. Auflage, 1854-1857. Abgerufen am 15. Januar 2025.
- ↑ Rudolf Steiner: Das Geheimnis des Todes. Wesen und Bedeutung Mitteleuropas und die europäischen Volksgeister. GA 159. 2. durchgesehene Auflage, Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1980, ISBN 3-7274-1590-8, S. 236. (Online)
- ↑ Rudolf Steiner: Soziales Verständnis aus geisteswissenschaftlicher Erkenntnis. GA 191. 3. Gesamtausgabe, Dornach 1989, Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung, Dornach/Schweiz, ISBN 3-7274-1910-5, S. 194 ff. (Online)
- ↑ Die Verkörperung Ahrimans – Teil 2. In: Beiträge zu einem Neuen Yogawillen. Abgerufen am 28. Dezember 2025.
- ↑ >([2])Abgerufen am 29. Januar 2026
- ↑ Rudolf Steiner: Soziales Verständnis aus geisteswissenschaftlicher Erkenntnis. GA 191. 3. Gesamtausgabe, Dornach 1989, Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung, Dornach/Schweiz, ISBN 3-7274-1910-5, S. 194ff. (Online)
- ↑ Rudolf Steiner: Soziales Verständnis aus geisteswissenschaftlicher Erkenntnis.GA 191. 3. Gesamtausgabe, Dornach 1989, Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung, Dornach/Schweiz, ISBN 3-7274-1910-5, S. 194ff. (Online)
- ↑ Rudolf Steiner: Der innere Aspekt des sozialen Rätsels. Luziferische Vergangenheit und ahrimanische Zukunft. GA 193. 4. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1989, ISBN 3-7274-1930-X. S. 165. (Online)
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