Tapas: Unterschied zwischen den Versionen
→Tapas und die drei Gunas: Siehe auch eingefügt |
K Textersetzung - „2. Auflage“ durch „2. Auflage“ |
||
| (20 dazwischenliegende Versionen desselben Benutzers werden nicht angezeigt) | |||
| Zeile 12: | Zeile 12: | ||
Tapas wird übersetzt mit Wärme, Hitze, Feuer, aber auch mit Schmerz und Leiden. Er bedeutet auch religiöse Enthaltsamkeit, Kasteiung und moralische Tugend.<ref>Apte Practical Dictionary Sanskrit-English: ''[https://archive.org/details/apte-practical-dictionary/page/764/mode/2up?q=%E0%A4%A4%E0%A4%AA%E0%A4%B8%E0%A5%8D Suchergebnisse für तपस्.]'' In: ''Internet Archive.'' Abgerufen am 3. Juni 2026 (englisch).</ref> | Tapas wird übersetzt mit Wärme, Hitze, Feuer, aber auch mit Schmerz und Leiden. Er bedeutet auch religiöse Enthaltsamkeit, Kasteiung und moralische Tugend.<ref>Apte Practical Dictionary Sanskrit-English: ''[https://archive.org/details/apte-practical-dictionary/page/764/mode/2up?q=%E0%A4%A4%E0%A4%AA%E0%A4%B8%E0%A5%8D Suchergebnisse für तपस्.]'' In: ''Internet Archive.'' Abgerufen am 3. Juni 2026 (englisch).</ref> | ||
Nach [[wen:B. K. S. Iyengar|Iyengar]] stammt Tapas von der Sanskritwurzel ''tap'' „blasen, brennen, scheinen, Schmerzen leiden“ oder „aufgezehrt werden durch Hitze“ ab. | Nach [[wen:B. K. S. Iyengar|Iyengar]] stammt Tapas von der Sanskritwurzel Tap (Sanskrit तप्, IAST ''tap''), deutsch „blasen, brennen, scheinen, Schmerzen leiden“ oder „aufgezehrt werden durch Hitze“ ab. Tapas umfasst Reinigen, Selbstzucht und Strenge.<ref>B. K. S. Iyengar: ''Licht auf Yoga.'' Neuausgabe. O.W. Barth Verlag, München 2010, ISBN 978-3-426-29143-6, S. 32.</ref> | ||
Als Tapasvin wird ein Mann bzw. als Tapasvini eine Frau bezeichnet, die Tapas | Als Tapasvin (Sanskrit तपस्विन्, IAST ''tapasvin'') wird ein Mann bzw. als Tapasvini (Sanskrit तपस्विनी, IAST ''tapasvinī'') eine Frau bezeichnet, die Tapas übt. Tapasya (Sanskrit तपस्य, IAST ''tapasya'') ist ein intensives [[wen:Sadhana|Sadhana]], eine konzentrierte spirituelle Anstrengung.<ref>Wilfried Huchzermeyer: ''Das große illustrierte Yoga-Lexikon.'' 1. Auflage. Verlag Huchzermeyer, Karlsruhe 2022, ISBN 978-3-931172-41-1, S. 297.</ref> | ||
== Etymologie, Veden und Upanishaden == | == Etymologie, Veden und Upanishaden == | ||
| Zeile 20: | Zeile 20: | ||
[[Datei:Paul Deussen (1914).jpg|mini|Paul Deussen (1845–1919)]] | [[Datei:Paul Deussen (1914).jpg|mini|Paul Deussen (1845–1919)]] | ||
Tapas ist ein wichtiger Begriff in den spirituellen Texten des alten Indiens.<ref>Wilfried Huchzermeyer: ''Das große illustrierte Yoga-Lexikon.'' S. 296.</ref> Die Bedeutung von Tapas, bezogen auf Hitze und Wärme, soll sich aus alten hinduistischen Schriften entwickelt haben. Einige der frühesten Erwähnungen von Tapas und von zusammengesetzten Worten mit der Wurzel ''tap'' finden sich in den aus vier Teilen bestehenden [[y:Veden|Veden]]. Als Quelle werden [[w:Rigveda|Rigveda]], [[w:Satapatha-Brahmana|Satapatha-Brahmana]] und [[w:Atharvaveda|Atharvaveda]] genannt. In diesen Texten wird Tapas auch als der Prozess beschrieben, der zur spirituellen Geburt der [[y:Rishi|Rishi,]] der Weisen mit geistiger Einsicht führte.<ref>Walter O. Kaelber: [https://de.scribd.com/document/366681943/Tapas-Birth-And-Spiritual-Rebirth-in-the-Veda-Walter-O-Kaelber/ ''Tapas, Birth, And Spiritual Rebirth In The Veda.''] In: ''Scribd,'' S. 344–345. Abgerufen am 3. Juni 2026.</ref> | Tapas ist ein wichtiger Begriff in den spirituellen Texten des alten Indiens.<ref>Wilfried Huchzermeyer: ''Das große illustrierte Yoga-Lexikon.'' S. 296.</ref> Die Bedeutung von Tapas, bezogen auf Hitze und Wärme, soll sich aus alten hinduistischen Schriften entwickelt haben. Einige der frühesten Erwähnungen von Tapas und von zusammengesetzten Worten mit der Wurzel ''tap'' finden sich in den aus vier Teilen bestehenden [[y:Veden|Veden]]. Als Quelle werden [[w:Rigveda|Rigveda]], [[w:Satapatha-Brahmana|Satapatha-Brahmana]] und [[w:Atharvaveda|Atharvaveda]] genannt. In diesen Texten wird Tapas auch als der Prozess beschrieben, der zur spirituellen Geburt der [[y:Rishi|Rishi,]] der Weisen mit geistiger Einsicht führte.<ref>Walter O. Kaelber: [https://de.scribd.com/document/366681943/Tapas-Birth-And-Spiritual-Rebirth-in-the-Veda-Walter-O-Kaelber/ ''Tapas, Birth, And Spiritual Rebirth In The Veda.''] In: ''Scribd,'' S. 344–345. Abgerufen am 3. Juni 2026.</ref> | ||
Der Philosophie-Historiker und Indologe [[w:Paul Deussen|Paul Deussen]] (1845–1919) untersucht in seinem Werk ''Die Philosophie der Upanishad’s'' viele Stellen der Veden beziehungsweise [[w:Upanishaden|Upanishaden]], in denen der Begriff Tapas vorkommt, den er mit Askese übersetzt. Er schreibt: | Der Philosophie-Historiker und Indologe [[w:Paul Deussen|Paul Deussen]] (1845–1919) untersucht in seinem Werk ''Die Philosophie der Upanishad’s'' viele Stellen der Veden beziehungsweise [[w:Upanishaden|Upanishaden]], in denen der Begriff Tapas vorkommt, den er mit Askese übersetzt. Er schreibt: | ||
:„Und auch | :„Und auch schon im Ṛigveda setzen sich die sieben Ṛishi’s zusammen, um ''Tapas'' zu üben (10,109,4), und der in den Himmel eingehenden Seele wird zugerufen (10,154,2): | ||
::Die, unbezwingbar durch Tapas,<br>Zum Licht durch Tapas sind gelangt,<br>Die großes Tapas vollbrachten, --<br>Zu diesen gehe jetzo ein!“<ref>Dr. Paul Deussen: ''Die Philosophie der Upanishad’s.'' 5. Auflage. F.A. Brockhaus. Leipzig 1922, S. 62. ([https://ubdocs.aau.at/open/voll/altbestand/AC03221848.pdf#page=80&view=fit Online])</ref> | ::Die, unbezwingbar durch Tapas,<br>Zum Licht durch Tapas sind gelangt,<br>Die großes Tapas vollbrachten, --<br>Zu diesen gehe jetzo ein!“<ref>Dr. Paul Deussen: ''Die Philosophie der Upanishad’s.'' 5. Auflage. F.A. Brockhaus. Leipzig 1922, S. 62. ([https://ubdocs.aau.at/open/voll/altbestand/AC03221848.pdf#page=80&view=fit Online])</ref> | ||
== Raja-Yoga == | == Raja-Yoga == | ||
Tapas gehört zu den [[y:Niyama| | Tapas gehört zu den [[y:Niyama|Niyama]] (Sanskrit नियम, IAST ''niyama'') des [[y:Raja Yoga|Raja-Yoga]], der in den [[wen:Yoga Sutras of Patanjali|Yoga Sutras des Patanjali]] niedergelegt wurde. Niyama ist die 2. Stufe dieses achtgliedrigen Pfades und beinhaltet Verhaltensregeln, ethische Gebote und die persönliche Disziplin.[[Datei:Patanjali yoga.jpg|mini|Statue des Patanjali]] | ||
Tapas ist die dritte Regel der fünf | Tapas ist die dritte Regel der fünf Niyama. In Kapitel II.32 der Yoga Sutra heißt es in Sanskrit: | ||
:''śauca saṁtoṣa tapaḥ svādhyāy-eśvarapraṇidhānāni niyamāḥ''<ref>[https://schriften.yoga-vidya.de/patanjali-raja-yoga-sutra/2-kapitel-vers-32/ ''Kapitel 2, Vers 32.''] In: ''Yoga Vidya Schriften.'' Abgerufen am 3. Juni 2026.</ref> | :''śauca saṁtoṣa tapaḥ svādhyāy-eśvarapraṇidhānāni niyamāḥ''<ref>[https://schriften.yoga-vidya.de/patanjali-raja-yoga-sutra/2-kapitel-vers-32/ ''Kapitel 2, Vers 32.''] In: ''Yoga Vidya Schriften.'' Abgerufen am 3. Juni 2026.</ref> | ||
Übersetzt auf Deutsch: | |||
:„Reinheit, Selbstbescheidung, religiöser Eifer, Selbsterforschung und Hingabe (des Ich) an Gott sind die Regeln des Niyama.“<ref>B. K. S. Iyengar: ''Der Urquell des Yoga. Die Yoga-Sutras des Patanjali.'' Neuausgabe. Barth Verlag, München 2010, ISBN 978-3-426-29107-8, S. 180.</ref> | |||
: | [[y:B.K.S. Iyengar|B. K. S. Iyengar]] führt hierzu aus, dass die Niyama, also auch Tapas, ganz für sich alleine geübt werden, um den Charakter zu bilden. Sie unterstreichen die Bedeutung der Selbstdisziplin. „Meisterschaft im Yoga ist ohne Beachtung der ethischen und religiösen Prinzipien von [[y:yama|Yama]] und Niyama nicht zu erreichen.“<ref>B. K. S. Iyengar: ''Der Urquell des Yoga.'' S. 180–181.</ref> | ||
Yama (Sanskrit यम, IAST ''yama'') ist die 1. Stufe des Raja Yoga. | |||
== Hatha Yoga Pradipika == | == Hatha Yoga Pradipika == | ||
In der Hatha Yoga Pradipika sind zehn | In der Hatha Yoga Pradipika sind zehn Niyama beschrieben, von denen Tapas im 1. Kapitel, Vers 18 die erste ist und mit Selbstdisziplin, Askese, innere Glut, Inbrunst und Verinnerlichung übersetzt wird.<ref>[https://schriften.yoga-vidya.de/hatha-yoga-pradipika/1-kapitel-vers-18/ ''1. Kapitel, Vers 18.''] In: ''Yoga Vidya Schriften.'' Abgerufen am 26. Mai 2026.</ref> | ||
== Bhagavad Gita == | == Bhagavad Gita == | ||
| Zeile 50: | Zeile 52: | ||
=== Zwei verschiedenen Formen der Askese === | === Zwei verschiedenen Formen der Askese === | ||
In der Bhagavad Gita wird unterschieden zwischen gewöhnlicher Askese und einer Askese oder Opfer durch spirituelle Arbeit, durch die der Mensch die [[Hüter der Schwelle|Schwelle zur geistigen Welt]] übersteigen kann.<ref>Heinz Grill: ''Erkenntnisgrundlagen zur Bhagavad Gita.'' 1. Auflage. Stephan Wunderlich Verlag, Sigmaringen 2024, ISBN 978-3-948803-18-6, S. 370.</ref> | In der Bhagavad Gita wird unterschieden zwischen gewöhnlicher Askese und einer Askese oder Opfer durch spirituelle Arbeit, durch die der Mensch die [[Hüter der Schwelle|Schwelle zur geistigen Welt]] übersteigen kann.<ref>Heinz Grill: ''Erkenntnisgrundlagen zur Bhagavad Gita.'' 1. Auflage. Stephan Wunderlich Verlag, Sigmaringen 2024, ISBN 978-3-948803-18-6, S. 370.</ref> | ||
:''sarvāṇīndriya-karmāṇi prāṇa-karmāṇi cāpare<br>ātma-saṁyama-yogāgnau juhvati jñāna-dīpite''<ref>[https://vedabase.io/en/library/bg/4/27/ ''Bg. 4.27.''] In: ''Bhaktivedanta VedaBase.'' Abgerufen am 3. Juni 2026.</ref> | :''sarvāṇīndriya-karmāṇi prāṇa-karmāṇi cāpare<br>ātma-saṁyama-yogāgnau juhvati jñāna-dīpite''<ref>[https://vedabase.io/en/library/bg/4/27/ ''Bg. 4.27.''] In: ''Bhaktivedanta VedaBase.'' Abgerufen am 3. Juni 2026.</ref> | ||
:„Und wieder andere opfern alle Betätigungen der Sinne und alles Handeln der Vitalkraft im Feuer des Yoga der Selbstbeherrschung, das durch Erkenntnis entzündet wird.“ (BhG 4.27)<ref>Sri Aurobindo: ''Bhagavadgita.'' 2., unveränderte Auflage. Hinder + Deelmann, Gladenbach 1988, ISBN 3-87348-127-8, S. 33.</ref> | :„Und wieder andere opfern alle Betätigungen der Sinne und alles Handeln der Vitalkraft im Feuer des Yoga der Selbstbeherrschung, das durch Erkenntnis entzündet wird.“ (BhG 4.27)<ref>Sri Aurobindo: ''Bhagavadgita.'' 2., unveränderte Auflage. Hinder + Deelmann, Gladenbach 1988, ISBN 3-87348-127-8, S. 33.</ref> | ||
:''dravya-yajñās tapo-yajñā yoga-yajñās tathāpare<br>svādhyāya-jñāna-yajñāś ca yatayaḥ saṁśita-vratāḥ''<ref>[https://vedabase.io/en/library/bg/4/28/ ''Bg. 4.28.''] In: ''Bhaktivedanta VedaBase.'' Abgerufen am 3. Juni 2026.</ref> | :''dravya-yajñās tapo-yajñā yoga-yajñās tathāpare<br>svādhyāya-jñāna-yajñāś ca yatayaḥ saṁśita-vratāḥ''<ref>[https://vedabase.io/en/library/bg/4/28/ ''Bg. 4.28.''] In: ''Bhaktivedanta VedaBase.'' Abgerufen am 3. Juni 2026.</ref> | ||
:„Von mancherlei Art ist das Opfer dessen, der nach Vollkommenheit trachtet: Es mag materiell und körperlich sein (''dravyayajna'', wie jenes, das im Gottesdienst von dem Frommen seiner Gottheit dargebracht wird). Es mag die strenge Askese seiner Selbstbemeisterung und die Seelenkraft sein, womit er sein erhabenes Ziel zu erreichen strebt, ''tapo-yajna''. Es mag eine Yoga-Methode sein (wie das ''pranayama'' der Raja-Yogins und der Hatha-Yogins oder irgendein anderes ''Yoga-yajna''). Oder es ist die Darbringung des Lesens und Erkennens.“ (BhG 4.28)<ref>Sri Aurobindo: ''Bhagavadgita.'' S. 34.</ref> | :„Von mancherlei Art ist das Opfer dessen, der nach Vollkommenheit trachtet: Es mag materiell und körperlich sein ([[y:Dravyayajna|''dravyayajna'']], wie jenes, das im Gottesdienst von dem Frommen seiner Gottheit dargebracht wird). Es mag die strenge Askese seiner Selbstbemeisterung und die Seelenkraft sein, womit er sein erhabenes Ziel zu erreichen strebt, [[y:Tapoyajna|''tapo-yajna'']]. Es mag eine Yoga-Methode sein (wie das ''pranayama'' der Raja-Yogins und der Hatha-Yogins oder irgendein anderes ''Yoga-yajna''). Oder es ist die Darbringung des Lesens und Erkennens.“ (BhG 4.28)<ref>Sri Aurobindo: ''Bhagavadgita.'' S. 34.</ref> | ||
[[a:Heinz Grill|Heinz Grill]], Begründer des Schulungsweges Neuer Yogawille, interpretiert diesen Unterschied der Askese so: Das eine Opfer besteht darin alles herzugeben, was zur Identität und eigenen Wesensnatur gehört. Wenn man krank ist, wird man sich bemühen, um bald wieder leistungsfähig zu sein. Die Bhagavad Gita schildert aber eine andere Form der Askese, die für die moderne Zeit wichtig wäre, aber dennoch auf allerlei Widerspruch stoßen muss. Von [[y:Arjuna|Arjuna]] wird Askese im Sinne eines großen Grenzüberschreitens verlangt, er muss sich für seine Pflicht und sein Ziel aufopfern. Da viele Menschen heute an der [[Hüter der Schwelle|Schwelle]] zur geistigen Welt stehen, sich das Kampffeld der seelischen Welt weiter öffnet, müssen persönliche Abhängigkeiten überstiegen und die Grenze von persönlicher Verhaftung zum überpersönlichen Pflichtgefühl überschritten werden. Die Forderung einer Entwicklung durch eine sinnvolle, pflichtgemäße und wohl gewählte Aktivität tritt an den Menschen seitens des Geistes heran. „Mit etwas Disziplin erhält der Mensch die Erkenntnis und dies ganz besonders, wenn er jene Schwelle passieren kann und über sich selbst grenzüberschreitend und auf ein Ziel besonnen hinauskommt. Diese Form der Askese ist außerordentlich großartig, erhaben und bildet Moralität in graziler Form. Der Mensch verlässt seinen bisherigen, subjektiven Standpunkt für ein geistiges Gefühl und ein werdendes Menschheitsziel. Mit der Ausdauer des Weiterschreitens erhält der Mensch einen Zustrom von ganz hohen Seelen wie [[Swami Sivananda]], [[a:Sri Aurobindo|Sri Aurobindo]], [[Rudolf Steiner]] oder anderen weisen Menschen aus der Welt des [[y:brahman|Brahman]].“<ref>Heinz Grill: ''Erkenntnisgrundlagen zur Bhagavad Gita.'' S. 368–370.</ref> | [[a:Heinz Grill|Heinz Grill]], Begründer des Schulungsweges Neuer Yogawille, interpretiert diesen Unterschied der Askese so: Das eine Opfer besteht darin, alles herzugeben, was zur Identität und eigenen Wesensnatur gehört. Wenn man krank ist, wird man sich bemühen, um bald wieder leistungsfähig zu sein. | ||
Die Bhagavad Gita schildert aber eine andere Form der Askese, die für die moderne Zeit wichtig wäre, aber dennoch auf allerlei Widerspruch stoßen muss. Von [[y:Arjuna|Arjuna]] wird Askese im Sinne eines großen Grenzüberschreitens verlangt, er muss sich für seine Pflicht und sein Ziel aufopfern. Da viele Menschen heute an der [[Hüter der Schwelle|Schwelle]] zur geistigen Welt stehen, sich das Kampffeld der seelischen Welt weiter öffnet, müssen persönliche Abhängigkeiten überstiegen und die Grenze von persönlicher Verhaftung zum überpersönlichen Pflichtgefühl überschritten werden. Die Forderung einer Entwicklung durch eine sinnvolle, pflichtgemäße und wohl gewählte Aktivität tritt an den Menschen seitens des Geistes heran. „Mit etwas Disziplin erhält der Mensch die Erkenntnis und dies ganz besonders, wenn er jene Schwelle passieren kann und über sich selbst grenzüberschreitend und auf ein Ziel besonnen hinauskommt. Diese Form der Askese ist außerordentlich großartig, erhaben und bildet Moralität in graziler Form. Der Mensch verlässt seinen bisherigen, subjektiven Standpunkt für ein geistiges Gefühl und ein werdendes Menschheitsziel. Mit der Ausdauer des Weiterschreitens erhält der Mensch einen Zustrom von ganz hohen Seelen wie [[Swami Sivananda]], [[a:Sri Aurobindo|Sri Aurobindo]], [[Rudolf Steiner]] oder anderen weisen Menschen aus der Welt des [[y:brahman|Brahman]].“<ref>Heinz Grill: ''Erkenntnisgrundlagen zur Bhagavad Gita.'' S. 368–370.</ref> | |||
=== Askese des Körpers, der Rede und der mentalen Kräfte === | === Askese des Körpers, der Rede und der mentalen Kräfte === | ||
| Zeile 67: | Zeile 71: | ||
:''deva-dvija-guru-prājña-pūjanaṁ śaucam ārjavam<br>brahmacaryam ahiṁsā ca śārīraṁ tapa ucyate''<ref>[https://vedabase.io/en/library/bg/17/14/ ''Bg. 17.14.''] In: ''Bhaktivedanta VedaBase.'' Abgerufen am 3. Juni 2026.</ref> | :''deva-dvija-guru-prājña-pūjanaṁ śaucam ārjavam<br>brahmacaryam ahiṁsā ca śārīraṁ tapa ucyate''<ref>[https://vedabase.io/en/library/bg/17/14/ ''Bg. 17.14.''] In: ''Bhaktivedanta VedaBase.'' Abgerufen am 3. Juni 2026.</ref> | ||
:„Als Askese des Körpers wird bezeichnet: die Verehrung, die man der Gottheit darbringt, dem Zweimal-Geborenen, dem spirituellen Führer, dem Weisen; ferner Sauberkeit, Aufrichtigkeit im Umgang, sexuelle Reinheit, das Vermeiden des Tötens und des Verletzens anderer.“ (BhG 17.14)<ref>Sri Aurobindo: ''Bhagavadgita.'' S. 104.</ref> | :„Als Askese des Körpers wird bezeichnet: die Verehrung, die man der Gottheit darbringt, dem Zweimal-Geborenen, dem spirituellen Führer, dem Weisen; ferner Sauberkeit, Aufrichtigkeit im Umgang, sexuelle Reinheit, das Vermeiden des Tötens und des Verletzens anderer.“ (BhG 17.14)<ref>Sri Aurobindo: ''Bhagavadgita.'' S. 104.</ref> | ||
Sivananda erläutert, dass der Körper verwendet wird zum Dienst an Eltern, Lehrern, Armen und Kranken.<ref>Swami Sivananda: ''Shrimad Bhagavad Gita.'' 2. Ausgabe. Sivananda Yoga Vedanta Zentrum, Reith 2015, ISBN 978-3-9503977-9-6, S. 347.</ref> | Sivananda erläutert, dass der Körper verwendet wird zum Dienst an Eltern, Lehrern, Armen und Kranken.<ref>Swami Sivananda: ''Shrimad Bhagavad Gita.'' 2. Ausgabe. Sivananda Yoga Vedanta Zentrum, Reith 2015, ISBN 978-3-9503977-9-6, S. 347.</ref> | ||
:''anudvega-karaṁ vākyaṁ satyaṁ priya-hitaṁ ca yat<br>svādhyāyābhyasanaṁ caiva vāṅ-mayaṁ tapa ucyate''<ref>[https://vedabase.io/en/library/bg/17/15/ ''Bg. 17.15.''] In: ''Bhaktivedanta VedaBase.'' Abgerufen am 3. Juni 2026.</ref> | :''anudvega-karaṁ vākyaṁ satyaṁ priya-hitaṁ ca yat<br>svādhyāyābhyasanaṁ caiva vāṅ-mayaṁ tapa ucyate''<ref>[https://vedabase.io/en/library/bg/17/15/ ''Bg. 17.15.''] In: ''Bhaktivedanta VedaBase.'' Abgerufen am 3. Juni 2026.</ref> | ||
:„Von Askese der Rede spricht man, wenn die Rede anderen keine Unannehmlichkeiten bereitet, wahrhaftig, freundlich und wohltuend ist und die Schriften studiert werden.“ (BhG 17.15)<ref name=":1">Sri Aurobindo: ''Bhagavadgita.'' S. 104.</ref> | :„Von Askese der Rede spricht man, wenn die Rede anderen keine Unannehmlichkeiten bereitet, wahrhaftig, freundlich und wohltuend ist und die Schriften studiert werden.“ (BhG 17.15)<ref name=":1">Sri Aurobindo: ''Bhagavadgita.'' S. 104.</ref> | ||
Von Sivananda wird dieser Vers so interpretiert, dass Sprache nur dann zur Askese wird, wenn alle vier im Vers genannten Eigenschaften – nicht erregen, keine Schmerzen verursachen, angenehm und nutzbringend – gegeben sind; fehlt nur eine, wird Sprache nicht zur Askese.<ref>Swami Sivananda: ''Shrimad Bhagavad Gita.'' S. 349.</ref> | Von Sivananda wird dieser Vers so interpretiert, dass Sprache nur dann zur Askese wird, wenn alle vier im Vers genannten Eigenschaften – nicht erregen, keine Schmerzen verursachen, angenehm und nutzbringend – gegeben sind; fehlt nur eine, wird Sprache nicht zur Askese.<ref>Swami Sivananda: ''Shrimad Bhagavad Gita.'' S. 349.</ref> | ||
:''manaḥ-prasādaḥ saumyatvaṁ maunam ātma-vinigrahaḥ<br>bhāva-saṁśuddhir ity etat tapo mānasam ucyate''<ref>[https://vedabase.io/en/library/bg/17/16/ ''Bg. 17.16.''] In: ''Bhaktivedanta VedaBase.'' Abgerufen am 3. Juni 2026.</ref> | :''manaḥ-prasādaḥ saumyatvaṁ maunam ātma-vinigrahaḥ<br>bhāva-saṁśuddhir ity etat tapo mānasam ucyate''<ref>[https://vedabase.io/en/library/bg/17/16/ ''Bg. 17.16.''] In: ''Bhaktivedanta VedaBase.'' Abgerufen am 3. Juni 2026.</ref> | ||
:„Als Askese der mentalen Kräfte gilt: eine klare und ruhige Heiterkeit des Gemüts, Freundlichkeit, Schweigen, Selbstbeherrschung, Läuterung des gesamten Temperaments. (BhG 17.16)<ref name=":1" /> | :„Als Askese der mentalen Kräfte gilt: eine klare und ruhige Heiterkeit des Gemüts, Freundlichkeit, Schweigen, Selbstbeherrschung, Läuterung des gesamten Temperaments. (BhG 17.16)<ref name=":1" /> | ||
Das Schweigen, [[y:mauna|Mauna]] (Sanskrit मौन, IAST ''mauna''), ist so zu verstehen, dass der Stille der Sprache notwendigerweise die Gedankenkontrolle vorausgeht; es ist das Ergebnis der Gedankenkontrolle.<ref>Swami Sivananda: ''Shrimad Bhagavad Gita.'' S. 349.</ref> | Das Schweigen, [[y:mauna|Mauna]] (Sanskrit मौन, IAST ''mauna''), ist so zu verstehen, dass der Stille der Sprache notwendigerweise die Gedankenkontrolle vorausgeht; es ist das Ergebnis der Gedankenkontrolle.<ref>Swami Sivananda: ''Shrimad Bhagavad Gita.'' S. 349.</ref> | ||
=== Tapas und die drei Gunas === | === Tapas und die drei Gunas === | ||
| Zeile 89: | Zeile 93: | ||
:''satkāra-māna-pūjārthaṁ tapo dambhena caiva yat<br>kriyate tad iha proktaṁ rājasaṁ calam adhruvam''<ref>[https://vedabase.io/en/library/bg/17/18/ ''Bg. 17.18.''] In: ''Bhaktivedanta VedaBase.'' Abgerufen am 3. Juni 2026.</ref> | :''satkāra-māna-pūjārthaṁ tapo dambhena caiva yat<br>kriyate tad iha proktaṁ rājasaṁ calam adhruvam''<ref>[https://vedabase.io/en/library/bg/17/18/ ''Bg. 17.18.''] In: ''Bhaktivedanta VedaBase.'' Abgerufen am 3. Juni 2026.</ref> | ||
:„Rajas-artig heißt die Askese, die unbeständig und flüchtig ist und unternommen wird, um Ehre und Verehrung von den Menschen zu ernten, um des äußeren Ruhmes und der eigenen Größe und Schaustellung willen.“ (BhG 17.18)<ref>Sri Aurobindo: ''Bhagavadgita.'' S. 104–105.</ref> | :„Rajas-artig heißt die Askese, die unbeständig und flüchtig ist und unternommen wird, um Ehre und Verehrung von den Menschen zu ernten, um des äußeren Ruhmes und der eigenen Größe und Schaustellung willen.“ (BhG 17.18)<ref>Sri Aurobindo: ''Bhagavadgita.'' S. 104–105.</ref> | ||
:''mūḍha-grāheṇātmano yat pīḍayā kriyate tapaḥ<br>parasyotsādanārthaṁ vā tat tāmasam udāhṛtam''<ref>[https://vedabase.io/en/library/bg/17/19/ ''Bg. 17.19.''] In: ''Bhaktivedanta VedaBase.'' Abgerufen am 3. Juni 2026.</ref> | :''mūḍha-grāheṇātmano yat pīḍayā kriyate tapaḥ<br>parasyotsādanārthaṁ vā tat tāmasam udāhṛtam''<ref>[https://vedabase.io/en/library/bg/17/19/ ''Bg. 17.19.''] In: ''Bhaktivedanta VedaBase.'' Abgerufen am 3. Juni 2026.</ref> | ||
:„Als tamas-artig wird die Askese bezeichnet, wenn ihr eine nebelhafte oder illusionäre Idee zugrunde liegt, wenn sie unter Anstrengungen und selbstauferlegten Leiden durchgeführt wird oder sonst mit einer besonderen Kraftanstrengung in der Absicht, anderen Schaden zuzufügen. (BhG 17.19)<ref>Sri Aurobindo: ''Bhagavadgita.'' S. 105.</ref> | :„Als tamas-artig wird die Askese bezeichnet, wenn ihr eine nebelhafte oder illusionäre Idee zugrunde liegt, wenn sie unter Anstrengungen und selbstauferlegten Leiden durchgeführt wird oder sonst mit einer besonderen Kraftanstrengung in der Absicht, anderen Schaden zuzufügen. (BhG 17.19)<ref>Sri Aurobindo: ''Bhagavadgita.'' S. 105.</ref> | ||
Der Indologe Wilfried Huchzermeyer interpretiert diesen Vers 19 aus Kapitel 17 mit den Worten, die Bhagavad Gita distanziere sich von jenen Formen der Askese, die mit persönlichem Ehrgeiz um des Ruhmes willen unternommen werden („ich bin der Größte aller Tapasvins“) oder die mit grausamer Selbsttortur oder auch dem Wunsch verbunden sind, anderen Schaden zuzufügen (durch die erworbenen inneren Kräfte).<ref>Wilfried Huchzermeyer: ''Das große illustrierte Yoga-Lexikon.'' S. 296 –297.</ref> | Der Indologe Wilfried Huchzermeyer interpretiert diesen Vers 19 aus Kapitel 17 mit den Worten, die Bhagavad Gita distanziere sich von jenen Formen der Askese, die mit persönlichem Ehrgeiz um des Ruhmes willen unternommen werden („ich bin der Größte aller Tapasvins“) oder die mit grausamer Selbsttortur oder auch dem Wunsch verbunden sind, anderen Schaden zuzufügen (durch die erworbenen inneren Kräfte).<ref>Wilfried Huchzermeyer: ''Das große illustrierte Yoga-Lexikon.'' S. 296 –297.</ref> | ||
| Zeile 110: | Zeile 114: | ||
Das dritte, mentale oder geistige Tapas ist kraftvoller. Sivananda charakterisiert es so, dass es dazu befähigt, unter allen Lebensumständen einen ausgeglichenen Geist zu bewahren, Beleidigungen und Verfolgungen zu ertragen, stets gelassen, zufrieden und friedlich zu sein. Es zeigt sich auch dadurch, dass bei Gefahren Standfestigkeit und Geistesgegenwart bewahrt werden kann.<ref name=":2" /> | Das dritte, mentale oder geistige Tapas ist kraftvoller. Sivananda charakterisiert es so, dass es dazu befähigt, unter allen Lebensumständen einen ausgeglichenen Geist zu bewahren, Beleidigungen und Verfolgungen zu ertragen, stets gelassen, zufrieden und friedlich zu sein. Es zeigt sich auch dadurch, dass bei Gefahren Standfestigkeit und Geistesgegenwart bewahrt werden kann.<ref name=":2" /> | ||
Auf philosophischer Ebene wird Meditation in Zusammenhang mit Tapas gebracht: | Auf philosophischer Ebene wird [[Grundlagen der Meditation|Meditation]] in Zusammenhang mit Tapas gebracht: | ||
:„Den wandernden Geist auf Gott oder Brahman zu heften, ist großes Tapas. Vichara [Anm.: | :„Den wandernden Geist auf Gott oder Brahman zu heften, ist großes Tapas. Vichara [Anm.: tiefes Nachdenken, Erforschung] und Nididhyasana [Anm.: tiefe und wiederholte Meditation] sind höchstes Tapas.“<ref>Swami Sivananda: ''Göttliche Erkenntnis.'' Kapitel: ''Reinheit.'' Mangalam Books, ISBN 3-922477-00-3, S. 173–174. ([https://www.yoga-vidya.de/yoga-buch/sivananda/goettliche-erkenntnis/reinheit/#c114975 Online])</ref> | ||
Die Qualität von Tapas wird als rein oder sattvisch bezeichnet, wenn es mit höchstem Glauben und ohne Verlangen nach Früchten und in Harmonie ausgeübt wird. Ist das Ziel aber, Respekt, Verehrung oder zu erlangen oder zu prahlen, ist das Tapas unbeständig und vergänglich und wird dem Guna Rajas zugeordnet. Wird Tapas mit einem irrigen Verständnis, mit Selbstquälerei oder in der Absicht getan, einen anderen zu zerstören, entspricht es dem dunklen Prinzip Tamas.<ref name=":2">[https://articles.sivananda.org/our-lineage-and-the-gurus-teaching/tapas-by-swami-sivananda/ ''Tapas by Swami Sivananda.''] In: ''Articles Sivananda Yoga Vedanta Centres.'' Abgerufen am 26. Mai 2026.</ref> | Die Qualität von Tapas wird als rein oder sattvisch bezeichnet, wenn es mit höchstem Glauben und ohne Verlangen nach Früchten und in Harmonie ausgeübt wird. Ist das Ziel aber, Respekt, Verehrung oder zu erlangen oder zu prahlen, ist das Tapas unbeständig und vergänglich und wird dem Guna Rajas zugeordnet. Wird Tapas mit einem irrigen Verständnis, mit Selbstquälerei oder in der Absicht getan, einen anderen zu zerstören, entspricht es dem dunklen Prinzip Tamas.<ref name=":2">[https://articles.sivananda.org/our-lineage-and-the-gurus-teaching/tapas-by-swami-sivananda/ ''Tapas by Swami Sivananda.''] In: ''Articles Sivananda Yoga Vedanta Centres.'' Abgerufen am 26. Mai 2026.</ref> | ||
| Zeile 126: | Zeile 130: | ||
Er unterscheidet bei Tapas ebenfalls eine mentale, verbale und körperliche Ebene.<ref name=":3"> [https://www.yoga-vidya.de/yoga-buch/krishnananda/das-yoga-system/disziplinen-niyamas/ ''Das Yoga System.''] In: ''Yoga Vidya.'' Abgerufen am 27. Mai 2026.</ref> | Er unterscheidet bei Tapas ebenfalls eine mentale, verbale und körperliche Ebene.<ref name=":3"> [https://www.yoga-vidya.de/yoga-buch/krishnananda/das-yoga-system/disziplinen-niyamas/ ''Das Yoga System.''] In: ''Yoga Vidya.'' Abgerufen am 27. Mai 2026.</ref> | ||
=== Sri Aurobindo === | === Sri Aurobindo === | ||
[[Datei:Sri-Aurobindo-write.jpg|mini|Sri Aurobindo]][[a:Sri Aurobindo|Sri Aurobindo]], Begründer des [[w:Integraler Yoga|Integralen Yoga]], charakterisiert Tapas so: | [[Datei:Sri-Aurobindo-write.jpg|mini|Sri Aurobindo]][[a:Sri Aurobindo|Sri Aurobindo]], Begründer des [[w:Integraler Yoga|Integralen Yoga]], charakterisiert Tapas so: | ||
:„In Wirklichkeit bringt der Druck des ''tapas'' in uns (nämlich die Kraft des Bewusstseins, das in der Idee der göttlichen Natur zentriert ist) auf das, was wir in unserer Gesamtheit sind, seine eigene Verwirklichung zustande. Das göttliche all-wissende und all-wirksame Wesen kommt in unser verdunkeltes und begrenztes Wesen hernieder. Es erleuchtet fortschreitend die ganze niedere Natur, es führt ihr immer neue Kraft zu und ersetzt schließlich alle Ausdrucksformen des niederen menschlichen Lichtes und des sterblichen Wirkens durch seine Aktivität.“<ref>Sri Aurobindo: ''Die Synthese des Yoga.'' 3. Auflage, Verlag Hinder + Deelmann, Gladenbach 1991, ISBN 3-87348-148-0, S. 55–56.</ref> | :„In Wirklichkeit bringt der Druck des ''tapas'' in uns (nämlich die Kraft des Bewusstseins, das in der Idee der göttlichen Natur zentriert ist) auf das, was wir in unserer Gesamtheit sind, seine eigene Verwirklichung zustande. Das göttliche all-wissende und all-wirksame Wesen kommt in unser verdunkeltes und begrenztes Wesen hernieder. Es erleuchtet fortschreitend die ganze niedere Natur, es führt ihr immer neue Kraft zu und ersetzt schließlich alle Ausdrucksformen des niederen menschlichen Lichtes und des sterblichen Wirkens durch seine Aktivität.“<ref>Sri Aurobindo: ''Die Synthese des Yoga.'' 3. Auflage, Verlag Hinder + Deelmann, Gladenbach 1991, ISBN 3-87348-148-0, S. 55–56.</ref> | ||
Weiter führt er aus: „''Tapas'' bedeutet auch Bewußtseinskraft – das Prinzip geistiger Macht und Kraft in der höheren oder göttlichen Natur.“<ref>Sri Aurobindo: ''Licht auf Yoga.'' 2. Auflage 1990, Verlag Hinder + Deelmann, Gladenbach, ISBN 3-87348-136-7, S. 72.</ref> | Weiter führt er aus: „''Tapas'' bedeutet auch Bewußtseinskraft – das Prinzip geistiger Macht und Kraft in der höheren oder göttlichen Natur.“<ref>Sri Aurobindo: ''Licht auf Yoga.'' 2. Auflage 1990, Verlag Hinder + Deelmann, Gladenbach, ISBN 3-87348-136-7, S. 72.</ref> | ||
=== B. K. S. Iyengar === | === B. K. S. Iyengar === | ||
[[Datei:بيلور كريشناماشار.jpg|mini|B. K. S. Iyengar]] | [[Datei:بيلور كريشناماشار.jpg|mini|B. K. S. Iyengar]] | ||
Iyengar betont die Bedeutung von Tapas für die gesamte Lehre der Charakterbildung. Er gliedert in seinem Werk ''Licht auf Yoga'' Tapas in die Bereiche Körper, Rede und Gedanken: | Iyengar betont die Bedeutung von Tapas für die gesamte Lehre der Charakterbildung. Er gliedert in seinem Werk ''Licht auf Yoga'' Tapas in die Bereiche Körper, Rede und Gedanken: | ||
:„Tapas ist von dreierlei Art. Es kann sich auf den Körper (''kāyika''), auf die Rede (''vāchika'') oder auf die Gedanken beziehen (''manasika''). Enthaltsamkeit (''brahmacharya'') und Gewaltlosigkeit (''ahimsā'') sind Tapas des Körpers. Tapas der Rede sind: der Gebrauch von Worten, die nicht beleidigen, das wiederholte Preisen des Ruhmes Gottes, die Wahrheit sprechen, ohne auf die Folgen für sich selbst zu achten, nicht schlecht über andere reden. Tapas des Denkens ist: eine geistige Haltung entwickeln, in der man ruhig und ausgeglichen in Freuden wie im Leid bleibt und die Selbstbeherrschung bewahrt. Tapas ist Arbeiten ohne selbstsüchtige Motive und nicht auf Belohnung wartend, mit dem unerschütterlichen Vertrauen, daß nicht einmal ein Grashalm sich ohne Seinen Willen bewegen kann. | :„Tapas ist von dreierlei Art. Es kann sich auf den Körper ([[y:Kayika|''kāyika'']]), auf die Rede ([[y:Vachika|''vāchika'']]) oder auf die Gedanken beziehen ([[y:Manasika|''manasika'']]). Enthaltsamkeit ([[y:Brahmacharya|''brahmacharya'']]) und Gewaltlosigkeit ([[y:Ahimsa|''ahimsā'']]) sind Tapas des Körpers. Tapas der Rede sind: der Gebrauch von Worten, die nicht beleidigen, das wiederholte Preisen des Ruhmes Gottes, die Wahrheit sprechen, ohne auf die Folgen für sich selbst zu achten, nicht schlecht über andere reden. Tapas des Denkens ist: eine geistige Haltung entwickeln, in der man ruhig und ausgeglichen in Freuden wie im Leid bleibt und die Selbstbeherrschung bewahrt. Tapas ist Arbeiten ohne selbstsüchtige Motive und nicht auf Belohnung wartend, mit dem unerschütterlichen Vertrauen, daß nicht einmal ein Grashalm sich ohne Seinen Willen bewegen kann. | ||
:Durch Tapas entwickelt der Yogi Stärke des Körpers, des Denkens und des Charakters. Er wird mutig, weise, redlich, ehrlich und einfachen Sinnes.“<ref name=":0">B. K. S. Iyengar: ''Licht auf Yoga.'' Neuausgabe 2010. Barth Verlag, München 2010, ISBN 978-3-426-29143-6, S. 32.</ref> | :Durch Tapas entwickelt der Yogi Stärke des Körpers, des Denkens und des Charakters. Er wird mutig, weise, redlich, ehrlich und einfachen Sinnes.“<ref name=":0">B. K. S. Iyengar: ''Licht auf Yoga.'' Neuausgabe 2010. Barth Verlag, München 2010, ISBN 978-3-426-29143-6, S. 32.</ref> | ||
Er betont, dass Handeln ohne würdiges Ziel wertlos ist: | Er betont, dass Handeln ohne würdiges Ziel wertlos ist: | ||
| Zeile 150: | Zeile 154: | ||
==== Nachtodliche Wirkung aus dem lebenslangen Tapas von Iyengar ==== | ==== Nachtodliche Wirkung aus dem lebenslangen Tapas von Iyengar ==== | ||
Heinz Grill stellte eine geistige Forschungsarbeit zu der Frage an, wie das Tapas, das B. K. S. Iyengar während seines Lebens leistete, nach dessen Tod weiterwirkt. Das Ergebnis dieser Forschung beschreibt er folgendermaßen: | Heinz Grill stellte eine geistige Forschungsarbeit zu der Frage an, wie das Tapas, das B. K. S. Iyengar während seines Lebens leistete, nach dessen Tod weiterwirkt. Das Ergebnis dieser Forschung beschreibt er folgendermaßen: | ||
:„Iyengar, der wohl bekannteste Yogalehrer, glänzte in seinem Leben durch sein diszipliniertes Üben und Streben. Tapas, die Disziplin, die eine Art Feuerkraft des Willens darstellt, war für ihn ein Persönlichkeitsmerkmal. | :„Iyengar, der wohl bekannteste Yogalehrer, glänzte in seinem Leben durch sein diszipliniertes Üben und Streben. Tapas, die Disziplin, die eine Art Feuerkraft des Willens darstellt, war für ihn ein Persönlichkeitsmerkmal. | ||
| Zeile 159: | Zeile 163: | ||
Der Geistforscher [[a:Heinz Grill|Heinz Grill]] beleuchtet Zwang im Gegensatz zur Disziplin. Zwang definiert er auch dergestalt, dass der Wille zu sehr mit den intellektuellen Forderungen des Daseins verschmilzt, was eine rigide und fixierte Haltung zur Folge haben kann. Der Zwang könne nicht durch das Gegenteil, der Zwanglosigkeit, sondern durch Entwicklung einer vernünftigen Disziplin im Sinne einer gesunden Beziehungsaufnahme zu den Mitmenschen ausgeglichen werden: | Der Geistforscher [[a:Heinz Grill|Heinz Grill]] beleuchtet Zwang im Gegensatz zur Disziplin. Zwang definiert er auch dergestalt, dass der Wille zu sehr mit den intellektuellen Forderungen des Daseins verschmilzt, was eine rigide und fixierte Haltung zur Folge haben kann. Der Zwang könne nicht durch das Gegenteil, der Zwanglosigkeit, sondern durch Entwicklung einer vernünftigen Disziplin im Sinne einer gesunden Beziehungsaufnahme zu den Mitmenschen ausgeglichen werden: | ||
:„Das Gegenbild zum Zwang ist nicht unbedingt Zwanglosigkeit, sondern eine reale und fundierte Disziplin. In Sanskrit wird diese Disziplin mit ''tapas'' bezeichnet. Dieses ''tapas'' heißt gleichzeitig auch so viel wie Feuer. Der Zwang führt zu Degeneration und Kälte, während eine wirkliche Disziplin, ''tapas'', lenkend und ordnend mit klaren Willensabsichten in die Außenwelt mit erbauenden Kräften in Beziehung geht. Die erste Voraussetzung zu diesem ''tapas'', zu dieser Disziplin, stellt immer eine gesunde Sinnesbeziehung nach außen und zu den Mitmenschen dar.“<ref>Heinz Grill: ''Das Wesensgeheimnis der Seele.'' 2. Auflage. Stephan Wunderlich Verlag, Sigmaringen 2014, ISBN 978-3-9815855-5-1, S. 352.</ref> | :„Das Gegenbild zum Zwang ist nicht unbedingt Zwanglosigkeit, sondern eine reale und fundierte Disziplin. In Sanskrit wird diese Disziplin mit ''tapas'' bezeichnet. Dieses ''tapas'' heißt gleichzeitig auch so viel wie Feuer. Der Zwang führt zu Degeneration und Kälte, während eine wirkliche Disziplin, ''tapas'', lenkend und ordnend mit klaren Willensabsichten in die Außenwelt mit erbauenden Kräften in Beziehung geht. Die erste Voraussetzung zu diesem ''tapas'', zu dieser Disziplin, stellt immer eine gesunde Sinnesbeziehung nach außen und zu den Mitmenschen dar.“<ref>Heinz Grill: ''Das Wesensgeheimnis der Seele.'' 2. Auflage. Stephan Wunderlich Verlag, Sigmaringen 2014, ISBN 978-3-9815855-5-1, S. 352.</ref> | ||
:„Ein Feuer, eine Disziplin, ein ''tapas'', muss deshalb in die Sinnesmentalität hineinkommen und dieses kann zwischen den großen ausgespannten Polen des Lebens vermitteln. […] ''Tapas'', das Gegenteil, die Disziplin, enthebt sich aus aller Zwanghaftigkeit, wenn sich der einzelne Mensch entgegen des Dranges, sich in Grübeln oder schweren Gefühlen des Leibes zu versenken, längere Zeit zu einer objektiven Außenanteilnahme und Außenbeobachtung üben muss.“<ref>Heinz Grill: ''Das Wesensgeheimnis der Seele.'' S. 357.</ref> | :„Ein Feuer, eine Disziplin, ein ''tapas'', muss deshalb in die Sinnesmentalität hineinkommen und dieses kann zwischen den großen ausgespannten Polen des Lebens vermitteln. […] ''Tapas'', das Gegenteil, die Disziplin, enthebt sich aus aller Zwanghaftigkeit, wenn sich der einzelne Mensch entgegen des Dranges, sich in Grübeln oder schweren Gefühlen des Leibes zu versenken, längere Zeit zu einer objektiven Außenanteilnahme und Außenbeobachtung üben muss.“<ref>Heinz Grill: ''Das Wesensgeheimnis der Seele.'' S. 357.</ref> | ||
In einem Meditationsinhalt zu Tapas lenkt Heinz Grill die Aufmerksamkeit auf die Unterscheidungsbildung von Zwang und der Hinwendung zu einem geistigen Inhalt: | In einem Meditationsinhalt zu Tapas lenkt Heinz Grill die Aufmerksamkeit auf die Unterscheidungsbildung von Zwang und der Hinwendung zu einem geistigen Inhalt: | ||
| Zeile 186: | Zeile 190: | ||
== Siehe auch == | == Siehe auch == | ||
* [[wen:Tapas (Indian religions)|Tapas]], Artikel in der englischen Wikipedia | |||
* [[Freiheit]] | * [[Freiheit]] | ||
* [[Selbst]] | * [[Selbst]] | ||
| Zeile 191: | Zeile 196: | ||
== Literatur == | == Literatur == | ||
* Sri Aurobindo: ''Die Synthese des Yoga.'' 3. Auflage, Verlag Hinder + Deelmann, Gladenbach 1991, ISBN 3-87348-148-0 | * Sri Aurobindo: ''Die Synthese des Yoga.'' 3. Auflage, Verlag Hinder + Deelmann, Gladenbach 1991, ISBN 3-87348-148-0 | ||
* Sri Aurobindo: ''Licht auf Yoga.'' 2. Auflage 1990, Verlag Hinder + Deelmann, Gladenbach, ISBN 3-87348-136-7 | * Sri Aurobindo: ''Licht auf Yoga.'' 2. Auflage 1990, Verlag Hinder + Deelmann, Gladenbach, ISBN 3-87348-136-7 | ||
* Heinz Grill: ''Das Wesensgeheimnis der Seele.'' 2. Auflage. Stephan Wunderlich Verlag, Sigmaringen 2014, ISBN 978-3-9815855-5-1 | * Heinz Grill: ''Das Wesensgeheimnis der Seele.'' 2. Auflage. Stephan Wunderlich Verlag, Sigmaringen 2014, ISBN 978-3-9815855-5-1 | ||
* Heinz Grill: ''Erkenntnisgrundlagen zur Bhagavad Gita.'' 1. Auflage. Stephan Wunderlich Verlag, Sigmaringen 2024, ISBN 978-3-948803-18-6 | * Heinz Grill: ''Erkenntnisgrundlagen zur Bhagavad Gita.'' 1. Auflage. Stephan Wunderlich Verlag, Sigmaringen 2024, ISBN 978-3-948803-18-6 | ||
* Wilfried Huchzermeyer: ''Das große illustrierte Yoga-Lexikon.'' 1. Auflage. Verlag Huchzermeyer, Karlsruhe 2022, ISBN 978-3-931172-41-1 | * Wilfried Huchzermeyer: ''Das große illustrierte Yoga-Lexikon.'' 1. Auflage. Verlag Huchzermeyer, Karlsruhe 2022, ISBN 978-3-931172-41-1 | ||
* B. K. S. Iyengar: ''Licht auf Yoga.'' Neuausgabe. O.W. Barth Verlag, München 2010, ISBN 978-3-426-29143-6 | * B. K. S. Iyengar: ''Licht auf Yoga.'' Neuausgabe. O.W. Barth Verlag, München 2010, ISBN 978-3-426-29143-6 | ||
* B. K. S. Iyengar: ''Der Urquell des Yoga, Die Yoga-Sutras des Patanjali.'' Neuausgabe. O.W. Barth Verlag, München 2010, ISBN 978-3-426-29107-8 | * B. K. S. Iyengar: ''Der Urquell des Yoga, Die Yoga-Sutras des Patanjali.'' Neuausgabe. O.W. Barth Verlag, München 2010, ISBN 978-3-426-29107-8 | ||
* Swami Sivananda: ''Shrimad Bhagavad Gita.'' 2. Ausgabe. Sivananda Yoga Vedanta Zentrum, Reith 2015, ISBN 978-3-9503977-9-6 | * Swami Sivananda: ''Shrimad Bhagavad Gita.'' 2. Ausgabe. Sivananda Yoga Vedanta Zentrum, Reith 2015, ISBN 978-3-9503977-9-6 | ||
| Zeile 206: | Zeile 211: | ||
[[Kategorie:Yoga]] | [[Kategorie:Yoga]] | ||
[[Kategorie:Sanskrit-Lexikon]] | |||
[[Kategorie:Schulungsweg]] | |||
[[Kategorie:Seiten mit Sanskritbegriff]] | |||
Aktuelle Version vom 15. Juni 2026, 09:14 Uhr


Der Begriff Tapas (Sanskrit तपस्, IAST tapas) wird im Allgemeinen mit spirituellem oder religiösem Streben, Selbstdisziplin, Askese und Selbstüberwindung in Zusammenhang gebracht.
In philosophischen und spirituellen Schriften des Ostens, wie der Bhagavad Gita, werden günstige und ungünstige Formen von Tapas beschrieben, die den Übenden oder nach Verwirklichung Strebenden zum Ziel einer seelisch-geistigen Entwicklung führen oder ihn davon abhalten, wenn er falsche, eigennützige Formen wählt. Überwiegend wird Tapas in der Ausübung in die drei Dimensionen Körper, Sprache und Geist aufgegliedert. Den höchsten Wert hat geistiges Tapas. Unter geistigem Tapas wird tiefe Meditation, aber auch die Verpflichtung zu einem überpersönlichen Ziel verstanden. Der niedrigste Wert wird körperlichem Tapas zugeschrieben, beispielsweise Hitze und Kälte auszuhalten.
Es finden sich in Schriften und Literatur zahlreiche Hinweise, Regeln und Vorschriften, wie und bei welchen Aktivitäten Tapas ausgeübt werden kann. Die aus dem Sanskrit übersetzten Schriften werden jedoch unterschiedlich interpretiert.
Wortfamilie
Tapas wird übersetzt mit Wärme, Hitze, Feuer, aber auch mit Schmerz und Leiden. Er bedeutet auch religiöse Enthaltsamkeit, Kasteiung und moralische Tugend.[1]
Nach Iyengar stammt Tapas von der Sanskritwurzel Tap (Sanskrit तप्, IAST tap), deutsch „blasen, brennen, scheinen, Schmerzen leiden“ oder „aufgezehrt werden durch Hitze“ ab. Tapas umfasst Reinigen, Selbstzucht und Strenge.[2]
Als Tapasvin (Sanskrit तपस्विन्, IAST tapasvin) wird ein Mann bzw. als Tapasvini (Sanskrit तपस्विनी, IAST tapasvinī) eine Frau bezeichnet, die Tapas übt. Tapasya (Sanskrit तपस्य, IAST tapasya) ist ein intensives Sadhana, eine konzentrierte spirituelle Anstrengung.[3]
Etymologie, Veden und Upanishaden
Tapas ist ein wichtiger Begriff in den spirituellen Texten des alten Indiens.[4] Die Bedeutung von Tapas, bezogen auf Hitze und Wärme, soll sich aus alten hinduistischen Schriften entwickelt haben. Einige der frühesten Erwähnungen von Tapas und von zusammengesetzten Worten mit der Wurzel tap finden sich in den aus vier Teilen bestehenden Veden. Als Quelle werden Rigveda, Satapatha-Brahmana und Atharvaveda genannt. In diesen Texten wird Tapas auch als der Prozess beschrieben, der zur spirituellen Geburt der Rishi, der Weisen mit geistiger Einsicht führte.[5]
Der Philosophie-Historiker und Indologe Paul Deussen (1845–1919) untersucht in seinem Werk Die Philosophie der Upanishad’s viele Stellen der Veden beziehungsweise Upanishaden, in denen der Begriff Tapas vorkommt, den er mit Askese übersetzt. Er schreibt:
- „Und auch schon im Ṛigveda setzen sich die sieben Ṛishi’s zusammen, um Tapas zu üben (10,109,4), und der in den Himmel eingehenden Seele wird zugerufen (10,154,2):
- Die, unbezwingbar durch Tapas,
Zum Licht durch Tapas sind gelangt,
Die großes Tapas vollbrachten, --
Zu diesen gehe jetzo ein!“[6]
- Die, unbezwingbar durch Tapas,
Raja-Yoga
Tapas gehört zu den Niyama (Sanskrit नियम, IAST niyama) des Raja-Yoga, der in den Yoga Sutras des Patanjali niedergelegt wurde. Niyama ist die 2. Stufe dieses achtgliedrigen Pfades und beinhaltet Verhaltensregeln, ethische Gebote und die persönliche Disziplin.
Tapas ist die dritte Regel der fünf Niyama. In Kapitel II.32 der Yoga Sutra heißt es in Sanskrit:
- śauca saṁtoṣa tapaḥ svādhyāy-eśvarapraṇidhānāni niyamāḥ[7]
Übersetzt auf Deutsch:
- „Reinheit, Selbstbescheidung, religiöser Eifer, Selbsterforschung und Hingabe (des Ich) an Gott sind die Regeln des Niyama.“[8]
B. K. S. Iyengar führt hierzu aus, dass die Niyama, also auch Tapas, ganz für sich alleine geübt werden, um den Charakter zu bilden. Sie unterstreichen die Bedeutung der Selbstdisziplin. „Meisterschaft im Yoga ist ohne Beachtung der ethischen und religiösen Prinzipien von Yama und Niyama nicht zu erreichen.“[9]
Yama (Sanskrit यम, IAST yama) ist die 1. Stufe des Raja Yoga.
Hatha Yoga Pradipika
In der Hatha Yoga Pradipika sind zehn Niyama beschrieben, von denen Tapas im 1. Kapitel, Vers 18 die erste ist und mit Selbstdisziplin, Askese, innere Glut, Inbrunst und Verinnerlichung übersetzt wird.[10]
Bhagavad Gita
Zwei verschiedenen Formen der Askese
In der Bhagavad Gita wird unterschieden zwischen gewöhnlicher Askese und einer Askese oder Opfer durch spirituelle Arbeit, durch die der Mensch die Schwelle zur geistigen Welt übersteigen kann.[11]
- sarvāṇīndriya-karmāṇi prāṇa-karmāṇi cāpare
ātma-saṁyama-yogāgnau juhvati jñāna-dīpite[12] - „Und wieder andere opfern alle Betätigungen der Sinne und alles Handeln der Vitalkraft im Feuer des Yoga der Selbstbeherrschung, das durch Erkenntnis entzündet wird.“ (BhG 4.27)[13]
- dravya-yajñās tapo-yajñā yoga-yajñās tathāpare
svādhyāya-jñāna-yajñāś ca yatayaḥ saṁśita-vratāḥ[14] - „Von mancherlei Art ist das Opfer dessen, der nach Vollkommenheit trachtet: Es mag materiell und körperlich sein (dravyayajna, wie jenes, das im Gottesdienst von dem Frommen seiner Gottheit dargebracht wird). Es mag die strenge Askese seiner Selbstbemeisterung und die Seelenkraft sein, womit er sein erhabenes Ziel zu erreichen strebt, tapo-yajna. Es mag eine Yoga-Methode sein (wie das pranayama der Raja-Yogins und der Hatha-Yogins oder irgendein anderes Yoga-yajna). Oder es ist die Darbringung des Lesens und Erkennens.“ (BhG 4.28)[15]
Heinz Grill, Begründer des Schulungsweges Neuer Yogawille, interpretiert diesen Unterschied der Askese so: Das eine Opfer besteht darin, alles herzugeben, was zur Identität und eigenen Wesensnatur gehört. Wenn man krank ist, wird man sich bemühen, um bald wieder leistungsfähig zu sein.
Die Bhagavad Gita schildert aber eine andere Form der Askese, die für die moderne Zeit wichtig wäre, aber dennoch auf allerlei Widerspruch stoßen muss. Von Arjuna wird Askese im Sinne eines großen Grenzüberschreitens verlangt, er muss sich für seine Pflicht und sein Ziel aufopfern. Da viele Menschen heute an der Schwelle zur geistigen Welt stehen, sich das Kampffeld der seelischen Welt weiter öffnet, müssen persönliche Abhängigkeiten überstiegen und die Grenze von persönlicher Verhaftung zum überpersönlichen Pflichtgefühl überschritten werden. Die Forderung einer Entwicklung durch eine sinnvolle, pflichtgemäße und wohl gewählte Aktivität tritt an den Menschen seitens des Geistes heran. „Mit etwas Disziplin erhält der Mensch die Erkenntnis und dies ganz besonders, wenn er jene Schwelle passieren kann und über sich selbst grenzüberschreitend und auf ein Ziel besonnen hinauskommt. Diese Form der Askese ist außerordentlich großartig, erhaben und bildet Moralität in graziler Form. Der Mensch verlässt seinen bisherigen, subjektiven Standpunkt für ein geistiges Gefühl und ein werdendes Menschheitsziel. Mit der Ausdauer des Weiterschreitens erhält der Mensch einen Zustrom von ganz hohen Seelen wie Swami Sivananda, Sri Aurobindo, Rudolf Steiner oder anderen weisen Menschen aus der Welt des Brahman.“[16]
Askese des Körpers, der Rede und der mentalen Kräfte
Im 17. Kapitel „Yoga der Dreigeteiltheit des Glaubens“ wird Tapas im Sinne von Askese in drei Ebenen zum Ausdruck gebracht: Körper – Rede – mentale Kräfte:
- deva-dvija-guru-prājña-pūjanaṁ śaucam ārjavam
brahmacaryam ahiṁsā ca śārīraṁ tapa ucyate[17] - „Als Askese des Körpers wird bezeichnet: die Verehrung, die man der Gottheit darbringt, dem Zweimal-Geborenen, dem spirituellen Führer, dem Weisen; ferner Sauberkeit, Aufrichtigkeit im Umgang, sexuelle Reinheit, das Vermeiden des Tötens und des Verletzens anderer.“ (BhG 17.14)[18]
Sivananda erläutert, dass der Körper verwendet wird zum Dienst an Eltern, Lehrern, Armen und Kranken.[19]
- anudvega-karaṁ vākyaṁ satyaṁ priya-hitaṁ ca yat
svādhyāyābhyasanaṁ caiva vāṅ-mayaṁ tapa ucyate[20] - „Von Askese der Rede spricht man, wenn die Rede anderen keine Unannehmlichkeiten bereitet, wahrhaftig, freundlich und wohltuend ist und die Schriften studiert werden.“ (BhG 17.15)[21]
Von Sivananda wird dieser Vers so interpretiert, dass Sprache nur dann zur Askese wird, wenn alle vier im Vers genannten Eigenschaften – nicht erregen, keine Schmerzen verursachen, angenehm und nutzbringend – gegeben sind; fehlt nur eine, wird Sprache nicht zur Askese.[22]
- manaḥ-prasādaḥ saumyatvaṁ maunam ātma-vinigrahaḥ
bhāva-saṁśuddhir ity etat tapo mānasam ucyate[23] - „Als Askese der mentalen Kräfte gilt: eine klare und ruhige Heiterkeit des Gemüts, Freundlichkeit, Schweigen, Selbstbeherrschung, Läuterung des gesamten Temperaments. (BhG 17.16)[21]
Das Schweigen, Mauna (Sanskrit मौन, IAST mauna), ist so zu verstehen, dass der Stille der Sprache notwendigerweise die Gedankenkontrolle vorausgeht; es ist das Ergebnis der Gedankenkontrolle.[24]
Tapas und die drei Gunas
Das 17. Kapitel der Bhagavad Gita behandelt Tapas (im Sinne von Askese) auch in Verbindung mit den Qualitäten der drei Gunas Sattva, Rajas und Tamas:
- śraddhayā parayā taptaṁ tapas tat tri-vidhaṁ naraiḥ
aphalākāṅkṣibhir yuktaiḥ sāttvikaṁ paricakṣate[25] - „Sattwa-artig nennt man diese dreifache Askese, wenn sie im höchsten erleuchteten Glauben, ohne Verlangen nach Belohnung und harmonisch ausgeführt wird.“ (BhG 17.17)[21]
- satkāra-māna-pūjārthaṁ tapo dambhena caiva yat
kriyate tad iha proktaṁ rājasaṁ calam adhruvam[26] - „Rajas-artig heißt die Askese, die unbeständig und flüchtig ist und unternommen wird, um Ehre und Verehrung von den Menschen zu ernten, um des äußeren Ruhmes und der eigenen Größe und Schaustellung willen.“ (BhG 17.18)[27]
- mūḍha-grāheṇātmano yat pīḍayā kriyate tapaḥ
parasyotsādanārthaṁ vā tat tāmasam udāhṛtam[28] - „Als tamas-artig wird die Askese bezeichnet, wenn ihr eine nebelhafte oder illusionäre Idee zugrunde liegt, wenn sie unter Anstrengungen und selbstauferlegten Leiden durchgeführt wird oder sonst mit einer besonderen Kraftanstrengung in der Absicht, anderen Schaden zuzufügen. (BhG 17.19)[29]
Der Indologe Wilfried Huchzermeyer interpretiert diesen Vers 19 aus Kapitel 17 mit den Worten, die Bhagavad Gita distanziere sich von jenen Formen der Askese, die mit persönlichem Ehrgeiz um des Ruhmes willen unternommen werden („ich bin der Größte aller Tapasvins“) oder die mit grausamer Selbsttortur oder auch dem Wunsch verbunden sind, anderen Schaden zuzufügen (durch die erworbenen inneren Kräfte).[30]
Spirituelle Persönlichkeiten und Tapas
Swami Sivananda
Swami Sivananda sagt, dass durch die Ausübung von Tapas alle Leiden und Unreinheiten beseitigt werden können. Er unterscheidet – wie die Bhagavad Gita – drei Arten von Tapas: ein körperliches, sprachliches und mentales Tapas.
Auf der körperlichen Ebene bezieht sich Tapas auf die Fähigkeit, Hitze und Kälte, Müdigkeit und andere physische Unannehmlichkeiten ertragen zu können. Dadurch erhöht der Übende seine Kraft der Ausdauer und diszipliniert den Körper.
Bezogen auf die Sprache bedeutet Tapas, die Wahrheit zu sprechen, aber auch Beleidigungen und Verletzungen zu ertragen, andere nicht durch unfreundliche oder harte Worte zu verletzen. Auch Mauna, ein Gelübde des Schweigens, zählt hierzu. Tapas im Sinne einer Kontrolle über die Sprache soll durch Wachsamkeit und Disziplin geübt werden.
Das dritte, mentale oder geistige Tapas ist kraftvoller. Sivananda charakterisiert es so, dass es dazu befähigt, unter allen Lebensumständen einen ausgeglichenen Geist zu bewahren, Beleidigungen und Verfolgungen zu ertragen, stets gelassen, zufrieden und friedlich zu sein. Es zeigt sich auch dadurch, dass bei Gefahren Standfestigkeit und Geistesgegenwart bewahrt werden kann.[31]
Auf philosophischer Ebene wird Meditation in Zusammenhang mit Tapas gebracht:
- „Den wandernden Geist auf Gott oder Brahman zu heften, ist großes Tapas. Vichara [Anm.: tiefes Nachdenken, Erforschung] und Nididhyasana [Anm.: tiefe und wiederholte Meditation] sind höchstes Tapas.“[32]
Die Qualität von Tapas wird als rein oder sattvisch bezeichnet, wenn es mit höchstem Glauben und ohne Verlangen nach Früchten und in Harmonie ausgeübt wird. Ist das Ziel aber, Respekt, Verehrung oder zu erlangen oder zu prahlen, ist das Tapas unbeständig und vergänglich und wird dem Guna Rajas zugeordnet. Wird Tapas mit einem irrigen Verständnis, mit Selbstquälerei oder in der Absicht getan, einen anderen zu zerstören, entspricht es dem dunklen Prinzip Tamas.[31]
Krishnananda
Krishnananda, ein Schüler von Sivananda, bezeichnet den „goldenen Mittelweg“ bei allem als Tapas. Ein zufriedenes Leben mit einem Minimum an guter Gesundheit ist Tapas oder Entsagung. Entsagung ist jene Disziplin, bei der man sich innerlich mit den geringsten Möglichkeiten im Leben zufrieden gestellt fühlt. Der Begriff Tapas bedeutet etwas, was Hitze erzeugt und durch Handlung reinigend wirkt. Es lenkt die Energien oder die Kräfte im Yogi.[33]
Die Yamas bilden intensive Tapas. Als Beispiele führt er auf:
- „In weitesten Sinnen ist ein moderates Leben Tapas. Die Kontrolle der Sinne ist Tapas. Freundliches Sprechen und das Nichtverletzen durch die Sprache sind Tapas. Wenig zu essen ist Tapas. Wenig zu schlafen ist Tapas. Wenn man animalisches Verhalten unterbindet, ist dies Tapas. Menschlich zu sein, ist Tapas. Gütig zu sein und Gutes zu tun, ist Tapas.“
Er unterscheidet bei Tapas ebenfalls eine mentale, verbale und körperliche Ebene.[33]
Sri Aurobindo
Sri Aurobindo, Begründer des Integralen Yoga, charakterisiert Tapas so:
- „In Wirklichkeit bringt der Druck des tapas in uns (nämlich die Kraft des Bewusstseins, das in der Idee der göttlichen Natur zentriert ist) auf das, was wir in unserer Gesamtheit sind, seine eigene Verwirklichung zustande. Das göttliche all-wissende und all-wirksame Wesen kommt in unser verdunkeltes und begrenztes Wesen hernieder. Es erleuchtet fortschreitend die ganze niedere Natur, es führt ihr immer neue Kraft zu und ersetzt schließlich alle Ausdrucksformen des niederen menschlichen Lichtes und des sterblichen Wirkens durch seine Aktivität.“[34]
Weiter führt er aus: „Tapas bedeutet auch Bewußtseinskraft – das Prinzip geistiger Macht und Kraft in der höheren oder göttlichen Natur.“[35]
B. K. S. Iyengar
Iyengar betont die Bedeutung von Tapas für die gesamte Lehre der Charakterbildung. Er gliedert in seinem Werk Licht auf Yoga Tapas in die Bereiche Körper, Rede und Gedanken:
- „Tapas ist von dreierlei Art. Es kann sich auf den Körper (kāyika), auf die Rede (vāchika) oder auf die Gedanken beziehen (manasika). Enthaltsamkeit (brahmacharya) und Gewaltlosigkeit (ahimsā) sind Tapas des Körpers. Tapas der Rede sind: der Gebrauch von Worten, die nicht beleidigen, das wiederholte Preisen des Ruhmes Gottes, die Wahrheit sprechen, ohne auf die Folgen für sich selbst zu achten, nicht schlecht über andere reden. Tapas des Denkens ist: eine geistige Haltung entwickeln, in der man ruhig und ausgeglichen in Freuden wie im Leid bleibt und die Selbstbeherrschung bewahrt. Tapas ist Arbeiten ohne selbstsüchtige Motive und nicht auf Belohnung wartend, mit dem unerschütterlichen Vertrauen, daß nicht einmal ein Grashalm sich ohne Seinen Willen bewegen kann.
- Durch Tapas entwickelt der Yogi Stärke des Körpers, des Denkens und des Charakters. Er wird mutig, weise, redlich, ehrlich und einfachen Sinnes.“[36]
Er betont, dass Handeln ohne würdiges Ziel wertlos ist:
- „Tapas ist das bewußte Bemühen, die höchste Vereinigung mit dem Göttlichen zu erreichen und alle Begierden zu verbrennen, die diesem Ziel entgegenstehen. Ein würdiges Ziel macht das Leben hell, rein und göttlich. Ohne ein solches Ziel haben Tun und Beten keinen Wert. Ein Leben ohne Tapas gleicht einem Herzen ohne Liebe. Ohne Tapas kann der Mensch nicht zu Gott emporsteigen.“[36]
Nachtodliche Wirkung aus dem lebenslangen Tapas von Iyengar
Heinz Grill stellte eine geistige Forschungsarbeit zu der Frage an, wie das Tapas, das B. K. S. Iyengar während seines Lebens leistete, nach dessen Tod weiterwirkt. Das Ergebnis dieser Forschung beschreibt er folgendermaßen:
- „Iyengar, der wohl bekannteste Yogalehrer, glänzte in seinem Leben durch sein diszipliniertes Üben und Streben. Tapas, die Disziplin, die eine Art Feuerkraft des Willens darstellt, war für ihn ein Persönlichkeitsmerkmal.
- Seit einigen Jahren ist Iyengar verstorben. Seine Seele aber hinterlässt außerordentlich gute Formbildekräfte. Die Disziplin, die er leistete, das Tapas seines Charakters, wandelte sich nach dem Tode in Formbildekräfte, das sind jene lichten Äthersubstanzen, die einen sonnenhaften Charakter tragen und für die Gesundheit und psychische Stabilisierung des menschlichen Daseins eine große Bedeutung haben.“[37]
Heinz Grill
Der Geistforscher Heinz Grill beleuchtet Zwang im Gegensatz zur Disziplin. Zwang definiert er auch dergestalt, dass der Wille zu sehr mit den intellektuellen Forderungen des Daseins verschmilzt, was eine rigide und fixierte Haltung zur Folge haben kann. Der Zwang könne nicht durch das Gegenteil, der Zwanglosigkeit, sondern durch Entwicklung einer vernünftigen Disziplin im Sinne einer gesunden Beziehungsaufnahme zu den Mitmenschen ausgeglichen werden:
- „Das Gegenbild zum Zwang ist nicht unbedingt Zwanglosigkeit, sondern eine reale und fundierte Disziplin. In Sanskrit wird diese Disziplin mit tapas bezeichnet. Dieses tapas heißt gleichzeitig auch so viel wie Feuer. Der Zwang führt zu Degeneration und Kälte, während eine wirkliche Disziplin, tapas, lenkend und ordnend mit klaren Willensabsichten in die Außenwelt mit erbauenden Kräften in Beziehung geht. Die erste Voraussetzung zu diesem tapas, zu dieser Disziplin, stellt immer eine gesunde Sinnesbeziehung nach außen und zu den Mitmenschen dar.“[38]
- „Ein Feuer, eine Disziplin, ein tapas, muss deshalb in die Sinnesmentalität hineinkommen und dieses kann zwischen den großen ausgespannten Polen des Lebens vermitteln. […] Tapas, das Gegenteil, die Disziplin, enthebt sich aus aller Zwanghaftigkeit, wenn sich der einzelne Mensch entgegen des Dranges, sich in Grübeln oder schweren Gefühlen des Leibes zu versenken, längere Zeit zu einer objektiven Außenanteilnahme und Außenbeobachtung üben muss.“[39]
In einem Meditationsinhalt zu Tapas lenkt Heinz Grill die Aufmerksamkeit auf die Unterscheidungsbildung von Zwang und der Hinwendung zu einem geistigen Inhalt:
- „Tapas, die Disziplin des Aufgerichtetseins zu einem Inhalt und der bewussten Beziehungsaufnahme ist frei von Zwängen, während die Überschwemmung von Bedrängnissen nach Sicherheitsgefühlen, Befriedigung der Wünsche und von allerlei müßiggehenden Ablenkungen wie ein großer verschleiernder und einhüllender Lebenszwang die Seele erstickt und beherrscht.[40]
Weitere Aspekte zu Tapas aus dem Yoga
Tapas und Chakren
Tapas wird als Element des Feuers der Kraft der Körpermitte, dem Manipura Chakra, zugeordnet.
Dieses Energiezentrum steuere das Selbstbewusstsein, innere Stärke, Willenskraft und Selbstdisziplin. Wenn man sich Herausforderungen stellt, Positionen übt, bei denen man sich ängstlich oder unsicher fühlt, beginnt man zu wachsen und sich selbst kennenzulernen. „Einen holprigen Weg zu gehen, lohnt sich, wenn man schließlich einen Ort des Friedens und der Freiheit findet.“[41]
Tapas und Selbstfindung
Kino MacGregor, amerikanische Yogalehrerin, geht davon aus, dass Yoga auf dem Konzept von tapas gegründet ist und mutmaßt, dass das wahre Feuer ein Erwachen für die Wahrheit Gottes sein könnte. „Wenn dieser Funke zu einer Flamme entfacht wird, kann er den Menschen aus dem verwirrenden Geflecht aus Materie und Geist befreien. Was sich von der Vollkommenheit entfernt hat, kann sich durch einen Prozess der Selbstfindung letztendlich wieder zur Vollkommenheit zurückentwickeln.“[42]
Zukunftsweisende Hypothese
Heutzutage wird Yoga häufig zur Steigerung des Wohlbefindens, zur Entspannung und zum Ausgleich des herausfordernden Alltags praktiziert. Eine Auseinandersetzung mit dem Begriff Tapas, was er beinhaltet und wie er verschiedentlich interpretiert wird, trägt dazu bei, die eigene Praxis mit den verschiedenen, genannten Kriterien zu vergleichen und auf ein gewünschtes Niveau zu führen.
Siehe auch
Literatur
- Sri Aurobindo: Die Synthese des Yoga. 3. Auflage, Verlag Hinder + Deelmann, Gladenbach 1991, ISBN 3-87348-148-0
- Sri Aurobindo: Licht auf Yoga. 2. Auflage 1990, Verlag Hinder + Deelmann, Gladenbach, ISBN 3-87348-136-7
- Heinz Grill: Das Wesensgeheimnis der Seele. 2. Auflage. Stephan Wunderlich Verlag, Sigmaringen 2014, ISBN 978-3-9815855-5-1
- Heinz Grill: Erkenntnisgrundlagen zur Bhagavad Gita. 1. Auflage. Stephan Wunderlich Verlag, Sigmaringen 2024, ISBN 978-3-948803-18-6
- Wilfried Huchzermeyer: Das große illustrierte Yoga-Lexikon. 1. Auflage. Verlag Huchzermeyer, Karlsruhe 2022, ISBN 978-3-931172-41-1
- B. K. S. Iyengar: Licht auf Yoga. Neuausgabe. O.W. Barth Verlag, München 2010, ISBN 978-3-426-29143-6
- B. K. S. Iyengar: Der Urquell des Yoga, Die Yoga-Sutras des Patanjali. Neuausgabe. O.W. Barth Verlag, München 2010, ISBN 978-3-426-29107-8
- Swami Sivananda: Shrimad Bhagavad Gita. 2. Ausgabe. Sivananda Yoga Vedanta Zentrum, Reith 2015, ISBN 978-3-9503977-9-6
Einzelnachweise
- ↑ Apte Practical Dictionary Sanskrit-English: Suchergebnisse für तपस्. In: Internet Archive. Abgerufen am 3. Juni 2026 (englisch).
- ↑ B. K. S. Iyengar: Licht auf Yoga. Neuausgabe. O.W. Barth Verlag, München 2010, ISBN 978-3-426-29143-6, S. 32.
- ↑ Wilfried Huchzermeyer: Das große illustrierte Yoga-Lexikon. 1. Auflage. Verlag Huchzermeyer, Karlsruhe 2022, ISBN 978-3-931172-41-1, S. 297.
- ↑ Wilfried Huchzermeyer: Das große illustrierte Yoga-Lexikon. S. 296.
- ↑ Walter O. Kaelber: Tapas, Birth, And Spiritual Rebirth In The Veda. In: Scribd, S. 344–345. Abgerufen am 3. Juni 2026.
- ↑ Dr. Paul Deussen: Die Philosophie der Upanishad’s. 5. Auflage. F.A. Brockhaus. Leipzig 1922, S. 62. (Online)
- ↑ Kapitel 2, Vers 32. In: Yoga Vidya Schriften. Abgerufen am 3. Juni 2026.
- ↑ B. K. S. Iyengar: Der Urquell des Yoga. Die Yoga-Sutras des Patanjali. Neuausgabe. Barth Verlag, München 2010, ISBN 978-3-426-29107-8, S. 180.
- ↑ B. K. S. Iyengar: Der Urquell des Yoga. S. 180–181.
- ↑ 1. Kapitel, Vers 18. In: Yoga Vidya Schriften. Abgerufen am 26. Mai 2026.
- ↑ Heinz Grill: Erkenntnisgrundlagen zur Bhagavad Gita. 1. Auflage. Stephan Wunderlich Verlag, Sigmaringen 2024, ISBN 978-3-948803-18-6, S. 370.
- ↑ Bg. 4.27. In: Bhaktivedanta VedaBase. Abgerufen am 3. Juni 2026.
- ↑ Sri Aurobindo: Bhagavadgita. 2., unveränderte Auflage. Hinder + Deelmann, Gladenbach 1988, ISBN 3-87348-127-8, S. 33.
- ↑ Bg. 4.28. In: Bhaktivedanta VedaBase. Abgerufen am 3. Juni 2026.
- ↑ Sri Aurobindo: Bhagavadgita. S. 34.
- ↑ Heinz Grill: Erkenntnisgrundlagen zur Bhagavad Gita. S. 368–370.
- ↑ Bg. 17.14. In: Bhaktivedanta VedaBase. Abgerufen am 3. Juni 2026.
- ↑ Sri Aurobindo: Bhagavadgita. S. 104.
- ↑ Swami Sivananda: Shrimad Bhagavad Gita. 2. Ausgabe. Sivananda Yoga Vedanta Zentrum, Reith 2015, ISBN 978-3-9503977-9-6, S. 347.
- ↑ Bg. 17.15. In: Bhaktivedanta VedaBase. Abgerufen am 3. Juni 2026.
- ↑ 21,0 21,1 21,2 Sri Aurobindo: Bhagavadgita. S. 104.
- ↑ Swami Sivananda: Shrimad Bhagavad Gita. S. 349.
- ↑ Bg. 17.16. In: Bhaktivedanta VedaBase. Abgerufen am 3. Juni 2026.
- ↑ Swami Sivananda: Shrimad Bhagavad Gita. S. 349.
- ↑ Bg. 17.17. In: Bhaktivedanta VedaBase. Abgerufen am 3. Juni 2026.
- ↑ Bg. 17.18. In: Bhaktivedanta VedaBase. Abgerufen am 3. Juni 2026.
- ↑ Sri Aurobindo: Bhagavadgita. S. 104–105.
- ↑ Bg. 17.19. In: Bhaktivedanta VedaBase. Abgerufen am 3. Juni 2026.
- ↑ Sri Aurobindo: Bhagavadgita. S. 105.
- ↑ Wilfried Huchzermeyer: Das große illustrierte Yoga-Lexikon. S. 296 –297.
- ↑ 31,0 31,1 Tapas by Swami Sivananda. In: Articles Sivananda Yoga Vedanta Centres. Abgerufen am 26. Mai 2026.
- ↑ Swami Sivananda: Göttliche Erkenntnis. Kapitel: Reinheit. Mangalam Books, ISBN 3-922477-00-3, S. 173–174. (Online)
- ↑ 33,0 33,1 Das Yoga System. In: Yoga Vidya. Abgerufen am 27. Mai 2026.
- ↑ Sri Aurobindo: Die Synthese des Yoga. 3. Auflage, Verlag Hinder + Deelmann, Gladenbach 1991, ISBN 3-87348-148-0, S. 55–56.
- ↑ Sri Aurobindo: Licht auf Yoga. 2. Auflage 1990, Verlag Hinder + Deelmann, Gladenbach, ISBN 3-87348-136-7, S. 72.
- ↑ 36,0 36,1 B. K. S. Iyengar: Licht auf Yoga. Neuausgabe 2010. Barth Verlag, München 2010, ISBN 978-3-426-29143-6, S. 32.
- ↑ Heinz Grill: Tapas setzt Formbildekräfte frei. In: Beiträge zu einem Neuen Yogawillen. Abgerufen am 26. Mai 2026.
- ↑ Heinz Grill: Das Wesensgeheimnis der Seele. 2. Auflage. Stephan Wunderlich Verlag, Sigmaringen 2014, ISBN 978-3-9815855-5-1, S. 352.
- ↑ Heinz Grill: Das Wesensgeheimnis der Seele. S. 357.
- ↑ Heinz Grill: Meditationsinhalt 247 vom 22. Juni 2024 (PDF). Über die E-Mail-Adresse meditationsinhalte@mail.de kann die PDF erbeten und eingesehen werden.
- ↑ Tapas: Disziplin und Leidenschaft auf deinem Yogaweg. In: yoga easy. Abgerufen am 27. Mai 2026.
- ↑ A spiritual journey, Abschnitt: Tapas—Sacred Fire. In: kinoyoga.com. Abgerufen am 3. Juni 2026.
| ↑ zurück nach oben |
