Hüter der Schwelle: Unterschied zwischen den Versionen

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[[Datei:Machelldweller.jpg|mini|330px|''Der Hüter der Schwelle''<br>Gemälde von [[wen:Theosophy_and_visual_arts#Machell|Reginald W. Machell]] (ca. 1895)]]
[[Datei:Fabio Palma climbing the route COELOPHYSIS, Wendenstöcke.jpg|mini|330px|Klettern erfordert oft das Überwinden einer Angstschwelle vor dem nächsten Schritt]]
Der '''Hüter der Schwelle''' ist ein fachlich-esoterischer Begriff und steht mit der seelisch-geistigen Entwicklung des einzelnen Menschen und der ganzen Menschheit in Zusammenhang. Der Hüter der Schwelle bewacht die Schwelle zur geistigen Welt.
Der '''Hüter der Schwelle''' ist ein fachlich-esoterischer Begriff und steht mit der seelisch-geistigen Entwicklung des einzelnen Menschen und der ganzen Menschheit in Zusammenhang. Der Hüter der Schwelle bewacht die Schwelle zur geistigen Welt.


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In verschiedenen geistigen Strömungen wie der [[a:Theosophie|Theosophie]], den [[a:Rosenkreuzer|Rosenkreuzern]], der [[w:Archeosophie|Archeosophie]], der [[a:Anthroposophie|Anthroposophie]], aber auch in der [[a:Bhagavad Gita|Bhagavad Gita]] geht man von der Tatsache aus, dass es nicht nur ein Leben gibt, sondern dass der Mensch mehrere Leben oder Inkarnationen durchläuft. Der Hüter der Schwelle wird deshalb mit dem Begriff des Karma (Sanskrit कर्म, [[w:IAST|IAST]] ''karma'', deutsch „Handlung, Tätigkeit, Arbeit“) in Verbindung gebracht. Karma im Sinn eines universellen Gesetzes umfasst die guten und schlechten Taten sowie Gedanken eines vergangenen Lebens, die im Menschen aufgespeichert sind und zunächst zu einem gewissen Grad sein Leben bestimmen.
In verschiedenen geistigen Strömungen wie der [[a:Theosophie|Theosophie]], den [[a:Rosenkreuzer|Rosenkreuzern]], der [[w:Archeosophie|Archeosophie]], der [[a:Anthroposophie|Anthroposophie]], aber auch in der [[a:Bhagavad Gita|Bhagavad Gita]] geht man von der Tatsache aus, dass es nicht nur ein Leben gibt, sondern dass der Mensch mehrere Leben oder Inkarnationen durchläuft. Der Hüter der Schwelle wird deshalb mit dem Begriff des Karma (Sanskrit कर्म, [[w:IAST|IAST]] ''karma'', deutsch „Handlung, Tätigkeit, Arbeit“) in Verbindung gebracht. Karma im Sinn eines universellen Gesetzes umfasst die guten und schlechten Taten sowie Gedanken eines vergangenen Lebens, die im Menschen aufgespeichert sind und zunächst zu einem gewissen Grad sein Leben bestimmen.


Der Hüter der Schwelle ist das unerlöste Karma. Die zu leistende Erkenntnis des Menschen besteht folgerichtig darin zu erkennen, dass er selbst die Ursache seines Schicksals ist. Der Hüter der Schwelle stellt einerseits eine gespenstische, schreckliche, aber auch eine weisheitsvolle Gestalt dar. Andererseits schützt er den Menschen, dass er nicht frühzeitig und unvorbereitet Einsichten in die höheren Welten gewinnt, da dies zu seinem Verderben führen kann.<ref>Rudolf Steiner: ''Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?'' GA 10. 24. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1992, 3-7274-0100-1, S. 194 ff. ([https://odysseetheater.org/GA/Buecher/GA_010.pdf#page=194&view=Fit Online])</ref>
Der Hüter der Schwelle ist das unerlöste Karma. Die zu leistende Erkenntnis des Menschen besteht folgerichtig darin zu erkennen, dass er selbst die Ursache seines Schicksals ist. Der Hüter der Schwelle stellt einerseits eine gespenstische, schreckliche, aber auch eine weisheitsvolle Gestalt dar. Andererseits schützt er den Menschen, dass er nicht frühzeitig und unvorbereitet Einsichten in die höheren Welten gewinnt, da dies zu seinem Verderben führen kann.<ref>Rudolf Steiner: ''Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?'' GA&nbsp;10. 24. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1992, ISBN 3-7274-0100-1, S.&nbsp;194&nbsp;ff. ([https://odysseetheater.org/GA/Buecher/GA_010.pdf#page=194&view=Fit Online])</ref>


== Schwelle als Symbol ==
== Schwelle als Symbol ==
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=== Der Roman Zanoni ===
=== Der Roman Zanoni ===


Bekannt wurde der Begriff „Hüter der Schwelle“ auch durch den 1842 erschienenen Roman ''Zanoni'' von [[w:Edward Bulwer-Lytton, 1. Baron Lytton|Edward Bulwer-Lytton]] (1803–1873), der in der Theosophie und Anthroposophie Erwähnung findet:
Bekannt wurde der Begriff „Hüter der Schwelle“ auch durch den 1842 erschienenen Roman ''[[wen:Zanoni|Zanoni]]'' von [[w:Edward Bulwer-Lytton, 1. Baron Lytton|Edward Bulwer-Lytton]] (1803–1873), der in der Theosophie und Anthroposophie Erwähnung findet:


:“Know, at least, that all of us – the highest and the wisest – who have, in sober truth, passed beyond the threshold, have had, as our first fearful task, to master and subdue its grisly and appalling guardian.“<ref>Edward Bulwer-Lytton: ''Zanoni.'' J. B. Lippincott & Co, Philadelphia 1974, S. 103. ([https://books.google.com/books?id=i_gYAAAAYAAJ&pg=RA1-PA103 Online])</ref>
:“Know, at least, that all of us – the highest and the wisest – who have, in sober truth, passed beyond the threshold, have had, as our first fearful task, to master and subdue its grisly and appalling guardian.“<ref>Edward Bulwer-Lytton: ''Zanoni.'' J. B. Lippincott & Co, Philadelphia 1974, S.&nbsp;103. ([https://books.google.com/books?id=i_gYAAAAYAAJ&pg=RA1-PA103 Online])</ref>
:„Wisse zumindest, dass wir alle – die Höchsten und Weisesten –, die in aller Ernsthaftigkeit die Schwelle überschritten haben, als erste furchterregende Aufgabe hatten, ihren grausigen und entsetzlichen Wächter zu bezwingen und zu unterwerfen.“
:„Wisse zumindest, dass wir alle – die Höchsten und Weisesten –, die in aller Ernsthaftigkeit die Schwelle überschritten haben, als erste furchterregende Aufgabe hatten, ihren grausigen und entsetzlichen Wächter zu bezwingen und zu unterwerfen.“


In ''Zanoni'' erscheint der Hüter als sinnlich sichtbare Gestalt. Nach Angaben von [[Rudolf Steiner]] kann der Hüter der Schwelle durch niedere Magie mittels Räucherwerks sichtbar gemacht werden. Er weist auf die Gefahr hin, auf Abwege zu geraten, wenn man ohne genügende Vorbereitung seinem unausgeglichenen Karma in dieser Form begegnet:
In ''Zanoni'' erscheint der Hüter als sinnlich sichtbare Gestalt. Nach Angaben von [[Rudolf Steiner]] kann der Hüter der Schwelle durch niedere Magie mittels Räucherwerks sichtbar gemacht werden. Er weist auf die Gefahr hin, auf Abwege zu geraten, wenn man ohne genügende Vorbereitung seinem unausgeglichenen Karma in dieser Form begegnet:


:„Wer genügend vorbereitet für das höhere Schauen ist, braucht dergleichen sinnliche Anschauung nicht mehr; und wem sein noch unausgeglichenes Karma ohne genügende Vorbereitung als sinnlich lebendiges Wesen vor Augen träte, der liefe Gefahr, in schlimme Abwege zu geraten.“<ref>Rudolf Steiner: ''Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?'' GA 10. 24. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1992, 3-7274-0100-1, S. 198. ([https://odysseetheater.org/GA/Buecher/GA_010.pdf#page=198&view=Fit Online])</ref>
:„Wer genügend vorbereitet für das höhere Schauen ist, braucht dergleichen sinnliche Anschauung nicht mehr; und wem sein noch unausgeglichenes Karma ohne genügende Vorbereitung als sinnlich lebendiges Wesen vor Augen träte, der liefe Gefahr, in schlimme Abwege zu geraten.“<ref>Rudolf Steiner: ''Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?'' S.&nbsp;198. ([https://odysseetheater.org/GA/Buecher/GA_010.pdf#page=198&view=Fit Online])</ref>


=== Das Mysteriendrama „Der Hüter der Schwelle“ ===  
=== Das Mysteriendrama „Der Hüter der Schwelle“ ===  
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Die vier [[a:Die Mysteriendramen Rudolf Steiners|Mysteriendramen]] von Rudolf Steiner thematisieren in künstlerischer Form geistige Entwicklungswege von einzelnen Menschen. Verschiedene Schicksalswirkungen werden explizit mit vergangenen Leben und dem Gedanken von Karma und Reinkarnation in Zusammenhang gebracht.
Die vier [[a:Die Mysteriendramen Rudolf Steiners|Mysteriendramen]] von Rudolf Steiner thematisieren in künstlerischer Form geistige Entwicklungswege von einzelnen Menschen. Verschiedene Schicksalswirkungen werden explizit mit vergangenen Leben und dem Gedanken von Karma und Reinkarnation in Zusammenhang gebracht.


Der mit dem Karmagedanken in Zusammenhang stehende Hüter der Schwelle wird im gleichnamigen [[a:Der Hüter der Schwelle|dritten Mysteriendrama]] in Szene gesetzt. Dieses Mysteriendrama trägt den Titel ''Hüter der Schwelle''. Der Hüter spricht im 7. Bild:
Der mit dem Karmagedanken in Zusammenhang stehende Hüter der Schwelle wird im gleichnamigen [[a:Der Hüter der Schwelle|dritten Mysteriendrama]] in Szene gesetzt. Dieses Mysteriendrama trägt den Titel ''Der Hüter der Schwelle''. Der Hüter spricht im 7. Bild:


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== Astrologie – der Saturn als Schwellenhüter ==
== Astrologie – der Saturn als Schwellenhüter ==


[[Datei:Storm on Saturn.jpg|mini|Der Planet Saturn als Hüter der Schwelle in der Astrologie]]
Der Planet [[a:Saturn|Saturn]] wird in der [[a:Astrologie|Astrologie]] mit dem Hüter der Schwelle in Verbindung gebracht. Einerseits ist dem Saturn die Bedeutung allgemein von Abschied, auch von überholten Strukturen und starren Regeln zugeordnet, andererseits steht er für Disziplin, Verantwortung und Reifung durch Auseinandersetzung mit den Gesetzen des Lebens. In diesem Spannungsfeld bewegt sich der Mensch und sieht sich einer Grenze, einer Angst oder einem Mangel ausgesetzt. Gleichzeitig hat er aber auch die Möglichkeit, sich selbst zu prüfen und im Sinne einer Entwicklung voranzuschreiten.<ref>Pia Tietz: [https://www.newslichter.de/2025/05/saturn-hueter-der-schwelle-spielverderber-oder-rahmengeber/ ''Saturn – Hüter der Schwelle: Spielverderber oder Rahmengeber?] In: ''newslichter.de.'' Abgerufen am 30. November 2025.</ref>
Der Planet [[a:Saturn|Saturn]] wird in der [[a:Astrologie|Astrologie]] mit dem Hüter der Schwelle in Verbindung gebracht. Einerseits ist dem Saturn die Bedeutung allgemein von Abschied, auch von überholten Strukturen und starren Regeln zugeordnet, andererseits steht er für Disziplin, Verantwortung und Reifung durch Auseinandersetzung mit den Gesetzen des Lebens. In diesem Spannungsfeld bewegt sich der Mensch und sieht sich einer Grenze, einer Angst oder einem Mangel ausgesetzt. Gleichzeitig hat er aber auch die Möglichkeit, sich selbst zu prüfen und im Sinne einer Entwicklung voranzuschreiten.<ref>Pia Tietz: [https://www.newslichter.de/2025/05/saturn-hueter-der-schwelle-spielverderber-oder-rahmengeber/ ''Saturn – Hüter der Schwelle: Spielverderber oder Rahmengeber?] In: ''newslichter.de.'' Abgerufen am 30. November 2025.</ref>


[[w:Fritz Riemann (Psychoanalytiker)|Fritz Riemann]] (1902–1979), Psychoanalytiker und Astrologe, versteht den Saturn in dem Sinn, als er dem Menschen Anlass gibt, sich mit Notwendigkeiten, mit dem Annehmen des Unvermeidlichen, insbesondere mit dem Tod, und den damit verbundenen Ängsten auseinanderzusetzen und dadurch an Reife zu gewinnen. Die eigentliche Bedeutung des Saturns liegt ihm zufolge darin:
[[w:Fritz Riemann (Psychoanalytiker)|Fritz Riemann]] (1902–1979), Psychoanalytiker und Astrologe, versteht den Saturn in dem Sinn, als er dem Menschen Anlass gibt, sich mit Notwendigkeiten, mit dem Annehmen des Unvermeidlichen, insbesondere mit dem Tod, und den damit verbundenen Ängsten auseinanderzusetzen und dadurch an Reife zu gewinnen. Die eigentliche Bedeutung des Saturns liegt ihm zufolge darin:


:„[…] er führt uns zu Angstschranken, die wir gerade dadurch überwinden können, daß wir die Ängste annehmen; dann wird uns der «Hüter der Schwelle» zum sichersten Führer, der Notwendigkeit zur Not-Wende werden läßt.“<ref>Fritz Riemann: ''Lebenshilfe Astrologie.'' 5. Auflage. Verlag J. Pfeiffer, München 1980, ISBN 3-7904-0186-2, S. 192.</ref>
:„[…] er führt uns zu Angstschranken, die wir gerade dadurch überwinden können, daß wir die Ängste annehmen; dann wird uns der «Hüter der Schwelle» zum sichersten Führer, der Notwendigkeit zur Not-Wende werden läßt.“<ref>Fritz Riemann: ''Lebenshilfe Astrologie.'' 5. Auflage. Verlag J. Pfeiffer, München 1980, ISBN 3-7904-0186-2, S.&nbsp;192.</ref>


== Sichtweise von Yoga Vidya ==
== Sichtweise von Yoga Vidya ==


Der Hüter der Schwelle in Yoga Vidya ebenfalls mit Bezug zum Saturn interpretiert. Der Saturn gilt als letzter Planet unseres Sonnensystems. Er zeigt sich häufig in Zeiten schwerer Prüfungen und konfrontiert mit negativem, noch aufzuarbeitendem Karma.
Der Hüter der Schwelle in Yoga Vidya wird ebenfalls mit Bezug zum Saturn interpretiert. Der Saturn gilt als letzter Planet unseres Sonnensystems. Er zeigt sich häufig in Zeiten schwerer Prüfungen und konfrontiert mit negativem, noch aufzuarbeitendem Karma.


Zu Ehren des Saturns, Shani<ref>[https://learnsanskrit.cc/translate?search=Saturn&dir=es ''Suchergebnisse für „Saturn“.''] In: ''learnsanskrit.cc.'' Abgerufen am 26. Dezember 2025 (englisch).</ref> (Sanskrit शनि, IAST ''śani'', deutsch „der Langsam-Gehende“), ist die Rezitation von Mantren gebräuchlich. Psychologisch gesehen soll das Anrufen der Saturngottheit durch die Hymne [[y:Shani Stotra|Shani Stotra]] helfen, den „Geist zu disziplinieren, Entsagung zu üben und auch im Leiden wertvolle Lektionen zu sehen. Das Shani Stotra hilft auch dabei, die niedere Natur zu transformieren.“<ref>[https://wiki.yoga-vidya.de/Saturn#Anrufung_des_Shani ''Saturn. Anrufung des Shani.''] In: ''yoga-vidya.de.'' Abgerufen am 29. November 2025.</ref>
Zu Ehren des Saturns, Shani<ref>[https://learnsanskrit.cc/translate?search=Saturn&dir=es ''Suchergebnisse für „Saturn“.''] In: ''learnsanskrit.cc.'' Abgerufen am 26. Dezember 2025 (englisch).</ref> (Sanskrit शनि, IAST ''śani'', deutsch „der Langsam-Gehende“), ist die Rezitation von Mantren gebräuchlich. Psychologisch gesehen soll das Anrufen der Saturngottheit durch die Hymne [[y:Shani Stotra|Shani Stotra]] helfen, den „Geist zu disziplinieren, Entsagung zu üben und auch im Leiden wertvolle Lektionen zu sehen. Das Shani Stotra hilft auch dabei, die niedere Natur zu transformieren.“<ref>[https://wiki.yoga-vidya.de/Saturn#Anrufung_des_Shani ''Saturn. Anrufung des Shani.''] In: ''yoga-vidya.de.'' Abgerufen am 29. November 2025.</ref>
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== Bhagavad Gita – das Schlachtfeld ==
== Bhagavad Gita – das Schlachtfeld ==


[[Datei:Arjuna and karna in war, krishna as arjuna charioter.jpg|mini|430px|Arjuna und sein Wagenlenker Krishna (beide links) stehen dem feindlichen Heer gegenüber]]
[[a:Bhagavad Gita|Bhagavad Gita]] (Sanskrit भगवद्गीता, IAST ''bhagavad gītā'') bedeutet übersetzt „Gesang des Göttlichen“. Sie gilt als eine der bedeutendsten heiligen Schriften des Ostens. Zu Beginn der Erzählung stehen sich auf dem Schlachtfeld Kurukshetra (Sanskrit कुरुक्षेत्र, IAST ''kurukṣetra'') zwei engverwandte Sippen, die Pandavas und Kauravas, gegenüber. Krishna bietet sich an, der Wagenlenker des Helden Arjuna zu sein und erhält den Auftrag, zwischen die beiden verfeindeten Lager zu fahren. Als Arjuna seine eigenen Verwandten im Feindeslager entdeckt, sieht er nichts Gutes darin, diese zu bekämpfen und töten zu müssen. Er weigert sich zu kämpfen und wirft, vor Kummer überwältigt, seine Waffen weg. Krishna, der das göttliche Selbst repräsentiert, beginnt nun Arjuna über den Sinn von Leben und Tod aufzuklären.<ref>[https://wiki.yoga-vidya.de/Bhagavadgita#Form_und_Inhalt ''Sukadev über Bhagavadgita. Form und Inhalt.''] In: ''Yogawiki.'' Abgerufen am 30. November 2025.</ref>
[[a:Bhagavad Gita|Bhagavad Gita]] (Sanskrit भगवद्गीता, IAST ''bhagavad gītā'') bedeutet übersetzt „Gesang des Göttlichen“. Sie gilt als eine der bedeutendsten heiligen Schriften des Ostens. Zu Beginn der Erzählung stehen sich auf dem Schlachtfeld Kurukshetra (Sanskrit कुरुक्षेत्र, IAST ''kurukṣetra'') zwei engverwandte Sippen, die Pandavas und Kauravas, gegenüber. Krishna bietet sich an, der Wagenlenker des Helden Arjuna zu sein und erhält den Auftrag, zwischen die beiden verfeindeten Lager zu fahren. Als Arjuna seine eigenen Verwandten im Feindeslager entdeckt, sieht er nichts Gutes darin, diese zu bekämpfen und töten zu müssen. Er weigert sich zu kämpfen und wirft, vor Kummer überwältigt, seine Waffen weg. Krishna, der das göttliche Selbst repräsentiert, beginnt nun Arjuna über den Sinn von Leben und Tod aufzuklären.<ref>[https://wiki.yoga-vidya.de/Bhagavadgita#Form_und_Inhalt ''Sukadev über Bhagavadgita. Form und Inhalt.''] In: ''Yogawiki.'' Abgerufen am 30. November 2025.</ref>


Krishna weist Arjuna an, dass er vom Standpunkt einer höheren Sicht, als es die anerzogene ist, kämpfen muss:
Krishna weist Arjuna an, dass er vom Standpunkt einer höheren Sicht, als es die anerzogene ist, kämpfen muss:


:„Wenn du aber diesen Kampf um das Recht nicht wagst, hast du deine Pflicht, deine Mannestugend und deinen Ruhm preisgegeben. Mit Sünde hast du dich beladen.“<br>   – {{Kapitälchen|Bhagavad Gita II,32}}<ref>Sri Aurobino: ''Bhagavadgita.'' 5. Auflage. Verlag Hinder + Deelmann, Gladenbach 2013, ISBN 978-3-87348-163-3, S. 17.</ref>
:„Wenn du aber diesen Kampf um das Recht nicht wagst, hast du deine Pflicht, deine Mannestugend und deinen Ruhm preisgegeben. Mit Sünde hast du dich beladen.“<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;– {{Kapitälchen|Bhagavad Gita II,32}}<ref>Sri Aurobino: ''Bhagavadgita.'' 5. Auflage. Verlag Hinder + Deelmann, Gladenbach 2013, ISBN 978-3-87348-163-3, S.&nbsp;17.</ref>


Dieses für Arjuna entstehende Konfliktfeld zwischen gewohnten Vorstellungen über Tugenden zu wirklich göttlichen Tugenden nennt [[a:Heinz Grill|Heinz Grill]] „eine der schönsten Episoden über den Kampf von einem astralen Hüter der Schwelle mit einem Ich.“<ref>Heinz Grill: ''Der Hüter der Schwelle und der Lebensauftrag.'' Kapitel in: ''Initiatorische Schulung in Arco. Band IV.'' 2. Auflage. Lammers-Koll-Verlag, Niefern-Öschelbronn 2009, ISBN 978-3935925693, S. 26.</ref>
Dieses für Arjuna entstehende Konfliktfeld zwischen gewohnten Vorstellungen über Tugenden zu wirklich göttlichen Tugenden nennt [[a:Heinz Grill|Heinz Grill]] „eine der schönsten Episoden über den Kampf von einem astralen Hüter der Schwelle mit einem Ich.“<ref>Heinz Grill: ''Der Hüter der Schwelle und der Lebensauftrag.'' Kapitel in: ''Initiatorische Schulung in Arco. Band IV.'' 2. Auflage. Lammers-Koll-Verlag, Niefern-Öschelbronn 2009, ISBN 978-3935925693, S.&nbsp;26.</ref>


== Theosophie ==
== Theosophie ==


Nach theosophischer Auffassung existiert ebenfalls ein Hüter der Schwelle. Dieser Hüter ist dem Menschen in vielen unterschiedlichen Formen bekannt. Als Beispiele werden beschrieben
[[Datei:Le Grand Saint Michel, by Raffaello Sanzio, from C2RMF retouched.jpg|mini|Erzengel Michael unterwirft den Teufel<br>Gemälde von [[w:Raffael|Raffael]] (1483–1520)]]
Nach theosophischer Auffassung existiert ebenfalls ein Hüter der Schwelle. Dieser Hüter ist dem Menschen in vielen unterschiedlichen Formen bekannt. Als Beispiele werden beschrieben:


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Alle diese Legenden werden als Gleichnisse gedeutet, die eine reale Wirklichkeit darstellen, deren Kenntnis von größter Bedeutung für den nach Wahrheit Strebenden ist. Die Natur des Hüters sei nichts anderes als „unser eigenes niedriges halb-animalisches, animalisches oder vielleicht brutales Selbst, diese Kombination aus materiellen und halb-materiellen Prinzipien, die unser niedriges Ego formt. Ab dem Zeitpunkt, wo sich das Selbstbewusstsein beginnt im höheren Selbst zu zentrieren, wird der Hüter der Schwelle für den Menschen objektiv sein und er dürfte erschrecken über seine Hässlichkeit und Deformation.“<ref>H. S. Olcott: [https://archive.org/details/in.ernet.dli.2015.917/page/n175/mode/2up ''The Theosophist, Vol. XI.''] Kapitel: ''The Dweller of the Threshold.'' Vol. XI, No. 123, S. 131. Abgerufen am 5. Dezember 2025.</ref>
Alle diese Legenden werden als Gleichnisse gedeutet, die eine reale Wirklichkeit darstellen, deren Kenntnis von größter Bedeutung für den nach Wahrheit Strebenden ist. Die Natur des Hüters der Schwelle (englisch “Guardian of the Threshold”) sei nichts anderes als „unser eigenes niedriges halb-animalisches, animalisches oder vielleicht brutales Selbst, diese Kombination aus materiellen und halb-materiellen Prinzipien, die unser niedriges Ego formt. Ab dem Zeitpunkt, wo das Selbstbewusstsein beginnt, sich im höheren Selbst zu zentrieren, wird der Hüter der Schwelle für den Menschen objektiv sein und er dürfte erschrecken über seine Hässlichkeit und Deformation.“<ref>H. S.&nbsp;Olcott: [https://archive.org/details/in.ernet.dli.2015.917/page/n175/mode/2up ''The Theosophist, Vol. XI.''] Kapitel: ''The Dweller of the Threshold.'' Vol. XI, No. 123, S.&nbsp;131. Abgerufen am 5. Dezember 2025.</ref>


== Rosenkreuzer ==
== Rosenkreuzer ==


Die Begegnung mit dem Hüter der Schwelle ist ebenfalls in der Rosenkreuzer Philosophie und ihrem Schulungsweg bekannt als ein zu überwindendes Erfordernis vor dem Eintritt in höhere Welten. Es wird sehr genau differenziert zwischen anderen Kräftewirkungen und dem wirklichen Hüter der Schwelle, der eine aus den eigenen vergangenen schlechten Handlungen und Gedanken geschaffene Gestalt ist, die vom Menschen verwandelt werden muss.
In der Philosophie der Rosenkreuzer und ihrem Schulungsweg ist die Begegnung mit dem Hüter der Schwelle ein zu überwindendes Erfordernis vor dem Eintritt in höheren Welten. Es wird sehr genau differenziert zwischen anderen Kräftewirkungen und dem wirklichen Hüter der Schwelle, der eine aus den eigenen vergangenen schlechten Handlungen und Gedanken geschaffene Gestalt ist, die vom Menschen verwandelt werden muss.


Max Heindel (1865–1919), Begründer der Rosicrucian Fellowship, führt aus:
[[a:Max Heindel|Max Heindel]] (1865–1919), Begründer der [[a:Rosicrucian Fellowship|Rosicrucian Fellowship]], führt dazu aus:


:„Der wahre «Wächter der Schwelle» ist das zusammengesetzte Elementarwesen, das auf den unsichtbaren Ebenen durch all unsere unverwandelten bösen Gedanken und Taten während der gesamten vergangenen Periode unserer Evolution geschaffen wurde. Dieser «Wächter» steht Wache am Eingang zu den unsichtbaren Welten und stellt unser Recht auf Zutritt in Frage. Dieses Wesen muss irgendwann erlöst oder umgewandelt werden. Wir müssen genügend Gelassenheit und Willenskraft entwickeln, um ihm zu begegnen und es zu beherrschen, bevor wir bewusst in die überphysischen Welten eintreten können.“ <ref>Max Heindel: ''The Web of Destiny. How made and Unmade.'' 7. Auflage. The Rosicrucian Fellowship, Oceanside 2011, ISBN 978-0-911274-17-2, S. 30–31.</ref>
:„Der wahre «Wächter der Schwelle» ist das zusammengesetzte Elementarwesen, das auf den unsichtbaren Ebenen durch all unsere unverwandelten bösen Gedanken und Taten während der gesamten vergangenen Periode unserer Evolution geschaffen wurde. Dieser «Wächter» steht Wache am Eingang zu den unsichtbaren Welten und stellt unser Recht auf Zutritt in Frage. Dieses Wesen muss irgendwann erlöst oder umgewandelt werden. Wir müssen genügend Gelassenheit und Willenskraft entwickeln, um ihm zu begegnen und es zu beherrschen, bevor wir bewusst in die überphysischen Welten eintreten können.“<ref>Max Heindel: ''The Web of Destiny. How made and Unmade.'' 7.&nbsp;Auflage. The Rosicrucian Fellowship, Oceanside 2011, ISBN 978-0-911274-17-2, S.&nbsp;30–31.</ref>


== Archäosophie ==
== Archeosophie ==


Nach der Lehre der Archäosophie wird der Aufstieg in die höheren Welten begleitet von der Begegnung mit dem Hüter der Schwelle („I Guradini delle soglie“). Diese Begegnung mit dem Hüter wird als die bedrohlichste und wichtigste Erfahrung für denjenigen bezeichnet, der sich im Sinne der esoterischen Lehre der griechischen Mythologie um „Einweihungsarbeiten“ bemüht wie sie als Herkulesarbeiten bekannt sind. Unter Herkulesarbeiten werden 12 schwierigste Aufgaben verstanden, die zur Buße auferlegt wurden.<ref>[https://pecunia.zaw.uni-heidelberg.de/NumiScience/herakles''Herakles.''] In: ''NumiScience.'' Abgerufen am 07. Dezember 2025.</ref>.
Nach der Lehre der [[w:Archeosophie|Archeosophie]] wird der Aufstieg in die höheren Welten begleitet von der Begegnung mit dem Hüter der Schwelle (italienisch „Guardiano della soglia“). Diese Begegnung mit dem Hüter wird als die bedrohlichste und wichtigste Erfahrung für denjenigen bezeichnet, der sich im Sinne der esoterischen Lehre der griechischen Mythologie um „Einweihungsarbeiten“ bemüht, wie sie unter dem Begriff Herkulesarbeiten bekannt sind. Unter Herkulesarbeiten werden zwölf schwierigste Aufgaben verstanden, die zur Buße auferlegt wurden.<ref>[https://pecunia.zaw.uni-heidelberg.de/NumiScience/die-12-taten-des-herakles ''Die 12 Taten des Herakles.''] In: ''NumiScience.'' Abgerufen am 7.&nbsp;Dezember 2025.</ref>


Nach dem Begründer Tommasso Palamidessi (1915–1983) gibt es nicht nur einen kleinen und einen großen Hüter der Schwelle: „Tatsächlich gibt es zwar diese beiden grundlegenden Wächter, aber es gibt so viele Wächter, wie es kosmische Ebenen gibt, das heißt so viele Übergänge von einer Welt zur anderen.“<ref>[https://www.youtube.com/watch?v=p2is7EnKuaE&t=387s ''I guardiani delle soglie e il cammino evolutivo - Quaderno di Archeosofia n.10.''] Min. 6:27–6:41. In: Libreria Rotondi'' (Youtube-Kanal). Abgerufen am 7. Dezember 2025.</ref>
Nach dem Begründer der Archeosophie, [[w:Tommasso Palamidessi|Tommaso Palamidessi]] (1915–1983) gibt es nicht nur einen kleinen und einen großen Hüter der Schwelle: „Tatsächlich gibt es zwar diese beiden grundlegenden Wächter, aber es gibt so viele Wächter, wie es kosmische Ebenen gibt, das heißt so viele Übergänge von einer Welt zur anderen.“<ref>[https://www.youtube.com/watch?v=p2is7EnKuaE&t=387s ''I guardiani delle soglie e il cammino evolutivo - Quaderno di Archeosofia n.10.''] Min. 6:27–6:41. In: ''Libreria Rotondi'' (Youtube-Kanal). Abgerufen am 7. Dezember 2025.</ref>


== Evangelien ==
== Evangelien ==


[[Datei:BambergApocalypseFolio010vWorshipBeforeThroneOfGod-DetailAngel.jpg|mini|Symbolhafte Darstellung des Evangelisten Matthäus]]
In den Evangelien wird der Hüter der Schwelle nicht explizit benannt. Aus geistiger Sicht wird das in den synoptischen Evangelien geschilderte Bild von Jesus auf dem Berg und der Versuchung durch den Teufel mit der Begegnung mit dem Hüter der Schwelle gleichgesetzt:
In den Evangelien wird der Hüter der Schwelle nicht explizit benannt. Aus geistiger Sicht wird das in den synoptischen Evangelien geschilderte Bild von Jesus auf dem Berg und der Versuchung durch den Teufel mit der Begegnung mit dem Hüter der Schwelle gleichgesetzt:


:„[…] von dem Versprechen aller äußeren Realitäten, dem Festhaltenwollen an den äußeren Realitäten, die Versuchung an der Materie hängen zu bleiben, kurz, die Versuchung, beim Hüter der Schwelle zu bleiben und nicht über ihn hinauszuschreiten, das erscheint uns in dem großen Idealbild des Christus Jesus auf dem Berge stehend und den Versucher neben ihm - […].“<ref>Rudolf Steiner: ''Von Jesus zu Christus'' GA 131. 7. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1988, 3-7274-1310-7, S. 57 ff. ([https://odysseetheater.org/GA/Buecher/GA_131.pdf#page=57&view=Fit Online])</ref>
:„[…] von dem Versprechen aller äußeren Realitäten, dem Festhaltenwollen an den äußeren Realitäten, die Versuchung an der Materie hängen zu bleiben, kurz, die Versuchung, beim Hüter der Schwelle zu bleiben und nicht über ihn hinauszuschreiten, das erscheint uns in dem großen Idealbild des Christus Jesus auf dem Berge stehend und den Versucher neben ihm […].“<ref>Rudolf Steiner: ''Von Jesus zu Christus'' GA&nbsp;131. 7. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1988, ISBN 3-7274-1310-7, S.&nbsp;71&nbsp;ff. ([https://odysseetheater.org/GA/Buecher/GA_131.pdf#page=71&view=Fit Online])</ref>


Obwohl nicht explizit von Rudolf Steiner genannt, dürfte es sich um diese Stelle im Matthäus Evangelium handeln:
Obwohl nicht explizit von Rudolf Steiner genannt, dürfte es sich in diesem Zusammenhang um die Verse 9–11 im 4. Kapitel des Matthäusevangeliums handeln:


:„Wiederum führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. Da sprach Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben 5. Mose 6,13: »Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.« Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel herzu und dienten ihm.“<ref>[https://www.die-bibel.de/bibel/LU17/MAT.4] In: „Die Bibel Matthäus 4, 8-11'' Abgerufen am 29. November 2025. S. 57 ff.''</ref>
:„Wiederum nimmt der Teufel ihn mit auf einen sehr hohen Berg und zeigt ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Dies alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. Da spricht Jesus zu ihm: Geh hinweg, Satan! Denn es steht geschrieben: «Den Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten und ihm allein dienen.» Dann verlässt ihn der Teufel, und siehe, Engel kamen herzu und dienten ihm.“ (Mt 4,9–11)<ref>''[https://www.csv-bibel.de/bibel/matthaeus-4 Matthäus 4.]'' In: ''Elberfelder Übersetzung. Edition CSV.'' Abgerufen am 26. Dezember 2025.</ref>


Die Versuchung durch den Widersacher ist auch erwähnt im Markus Evangelium 1, 12-15 und im Lukas Evangelium 4, 5-8.
Die Versuchung durch den Widersacher ist auch erwähnt im Evangelium nach Markus (Mk 1,12–15) und im Evangelium nach Lukas (Lk 4,5–8).


== Geistige Sicht von Rudolf Steiner und Heinz Grill ==
== Geistige Sicht von Rudolf Steiner und Heinz Grill ==


In der geistigen Forschung werden zwei Hüter der Schwelle – der „Kleine Hüter der Schwelle“ und der „Große Hüter der Schwelle“ unterschieden. Diesen beiden, mit den physischen Sinnen nicht wahrnehmbaren Gestalten, begegnet der Mensch innerhalb seiner Entwicklung auf einem geistigen Schulungsweg.
[[Datei:Esfinxe Giza.jpg|mini|350px|„Auf dem höheren Gebiet des astralen Planes ist es [das Bild] der Sphinx, die in den Abgrund gestürzt werden muß, ehe man weiterschreiten kann.“<br>(Rudolf Steiner)<ref>Rudolf Steiner: ''Bewußtsein – Leben – Form.'' GA&nbsp;89. 1. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 2001, ISBN 3-7274-0890-1. S.&nbsp;134–135. ([https://odysseetheater.org/GA/Buecher/GA_089.pdf#page=134&view=Fit Online])</ref>]]
In der geistigen Forschung werden zwei Hüter der Schwelle unterschieden – der „Kleine Hüter der Schwelle“ und der „Große Hüter der Schwelle“. Diesen beiden, mit den physischen Sinnen nicht wahrnehmbaren Gestalten, begegnet der Mensch innerhalb seiner Entwicklung auf einem geistigen Schulungsweg.


Ein geistiger Schulungsweg beinhaltet eine Arbeit an den sogenannten Seelenkräften, dem Denken, dem Fühlen und dem Willen. Diese drei Seelenkräfte sind normalerweise miteinander verwoben. […].<ref>Rudolf Steiner: ''Die Brücke zwischen der Weltgeistigkeit und dem Physischen des Menschen'' GA 202. 4. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1993, 3-7274-2020-0, S. 141. ([https://odysseetheater.org/GA/Buecher/GA_202.pdf#page=141&view=Fit Online])</ref>
Ein geistiger Schulungsweg beinhaltet eine Arbeit an den sogenannten Seelenkräften, dem Denken, dem Fühlen und dem Willen. Diese drei Seelenkräfte sind normalerweise miteinander verwoben bzw. stehen in einer ganz bestimmten Verbindung.<ref>Rudolf Steiner: ''Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?'' S.&nbsp;184. ([https://odysseetheater.org/GA/Buecher/GA_010.pdf#page=184&view=Fit Online])</ref> Durch gezielte Übungen sollen diese Kräfte gegliedert und isoliert werden, so dass sich ein reines Denken aus dem Gedanken, eine Empfindung, die im reinen Fühlen ruht, und ein Wille, der in der reinen Handlung reagiert, entwickeln. Heinz Grill beschreibt diesen Prozess mit einem Bild:


Durch gezielte Übungen sollen diese Kräfte gegliedert und isoliert werden, so dass sich ein reines Denken aus dem Gedanken, eine Empfindung, die im reinen Fühlen ruht und ein Wille, der in der reinen Handlung reagiert, entwickeln. Heinz Grill beschreibt diesen Prozess:
:„So wie der Maler in einem Violett-Ton sowohl ein Rot als auch ein Blau erkennen kann, so erkennt der Übende in seinem Bewusstsein bald die verschiedenen vermischten Tönungen und lernt das Denken von dem Fühlen und dieses wiederum von dem Willen zu trennen.“<ref>Heinz Grill: ''Übungen für die Seele. Die Entwicklung eines reichhaltigen Gefühlslebens und das Erlangen erster übersinnlicher Erkenntnisse.'' 3., erweiterte Auflage. Synergia Verlag, 2022, ISBN 978-3-906873-33-6, S.&nbsp;101.</ref>
 
:„So wie der Maler in einem Violett-Ton sowohl ein Rot als auch ein Blau erkennen kann, so erkennt der Übende in seinem Bewusstsein bald die verschiedenen vermischten Tönungen und lernt das Denken von dem Fühlen und dieses wiederum von dem Willen zu trennen.“<ref>Heinz Grill: ''Übungen für die Seele. Die Entwicklung eines reichhaltigen Gefühlslebens und das Erlangen erster übersinnlicher Erkenntnisse.'' 3., erweiterte Auflage. Synergia Verlag, 2022, ISBN 978-3-906873-33-6, S. 101.</ref>


=== Der kleine Hüter der Schwelle ===
=== Der kleine Hüter der Schwelle ===


Ab einem bestimmten Zeitpunkt der Gliederung oder Trennung der drei Seelenkräfte geschieht eine Begegnung mit dem kleinen Hüter. Diese erfolgt nach Rudolf Steiner, „wenn sich die Verbindungsfäden zwischen Willen, Denken und Fühlen innerhalb der feineren Leiber zu lösen beginnen.“<ref>Rudolf Steiner: ''Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?'' GA 10. 24. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1992, 3-7274-0100-1, S. 193. ([https://odysseetheater.org/GA/Buecher/GA_010.pdf#page=193&view=Fit Online])</ref>
Ab einem bestimmten Zeitpunkt der Gliederung oder Trennung der drei Seelen&shy;kräfte geschieht eine Begegnung mit dem kleinen Hüter der Schwelle. Diese erfolgt nach Rudolf Steiner, „wenn sich die Verbindungsfäden zwischen Willen, Denken und Fühlen innerhalb der feineren Leiber zu lösen beginnen.“<ref>Rudolf Steiner: ''Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?'' S.&nbsp;193. ([https://odysseetheater.org/GA/Buecher/GA_010.pdf#page=193&view=Fit Online])</ref>


Die Gestalt des kleinen Hüters ist keine äußere Person oder Wesenheit, sondern er ist vielmehr jedem Menschen eigen, nur lebt er zunächst in jedem einzelnen Menschen verborgen, untergetaucht im Leib. Mit fortschreitender Entwicklung löst er sich mehr vom Leib und nimmt eine leibfreie, sichtbare Gestalt an. Dies wird das Erwachen oder die Begegnung mit dem Hüter genannt.
Die Gestalt des kleinen Hüters ist keine äußere Person oder Wesenheit, sondern er ist vielmehr jedem Menschen eigen, nur lebt sie zunächst in jedem einzelnen Menschen verborgen, untergetaucht im Leib. Mit fortschreitender Entwicklung löst sie sich mehr vom Leib und nimmt eine leibfreie, metaphysisch sichtbare Gestalt an. Dies wird das Erwachen oder die Begegnung mit dem Hüter der Schwelle genannt.


Die Schwelle, an der der Hüter wacht, ist diejenige von der sichtbaren Welt in die unsichtbare oder übersinnliche Welt. Nach Heinz Grill bildet der kleine Hüter das „Tor zum Seelenreich, zum Reich der Verstorbenen oder zu dem Reich des astralen Himmels.“ Diese Schwelle kann der Mensch jedoch nicht ohne weiteres passieren. Er bedarf einer gewissen geistigen Reife und charakterlichen Moralität, dass ihm diese Tore geöffnet werden. Die Schwelle ist keine willkürliche, sondern eine „naturbedingte Sicherheitsvorkehrung“, da der Zutritt zu den geistigen Welten ohne entsprechende Vorbereitung zu einer heillosen Furcht führt und „die Folge ein Hinabfallen in die abgrundlose Tiefe des Bösen wäre.“
Die Schwelle, an der der Hüter wacht, ist diejenige von der sichtbaren Welt in die unsichtbare oder übersinnliche Welt. Nach Heinz Grill bildet der kleine Hüter das „Tor zum Seelenreich, zum Reich der Verstorbenen oder zu dem Reich des astralen Himmels.“ Diese Schwelle kann der Mensch jedoch nicht ohne weiteres passieren. Er bedarf einer gewissen geistigen Reife und charakterlichen Moralität, dass ihm diese Tore geöffnet werden. Die Schwelle ist keine willkürliche, sondern eine „naturbedingte Sicherheitsvorkehrung“, da der Zutritt zu den geistigen Welten ohne entsprechende Vorbereitung zu einer heillosen Furcht führt und „die Folge ein Hinabfallen in die abgrundlose Tiefe des Bösen wäre.“<ref>Heinz Grill: ''Der Hüter der Schwelle und der Lebensauftrag.''<br>S.&nbsp;12–13.</ref>


Der kleine Hüter wird als eine astrale Wirklichkeit beschrieben, die aus seelischen Substanzen und wesenhaften, elementarischen Kräften besteht. Zu diesen gehören verschiedenste Gefühle, Sympathien und Antipathien des Gemütes, Neigungen der Sinne, Triebe und unterbewusste Denkmuster. Wie ein strategisches Feld agiert diese astrale Substanz und determiniert die individuelle Eigenart eines Schicksals. Der kleine Hüter ist auch synonym zum karma: „Der Hüter aber ist nicht die wahre Natur des Menschen, sondern er ist seine Doppelnatur oder seine karmische Figur, jene Gestalt, die es im Leben zu überwinden und zu verwandeln gilt.“<ref>Heinz Grill: ‚Der Hüter der Schwelle und der Lebensauftrag. Initiatorische Schulung in Arco Band IV. Der Weinstock.‘ 2. Auflage. Lammers-Koll-Verlag, Niefern-Öschelbronn 2007, ISBN 978-3-935925-69-3, S. 12–17.</ref>
Der kleine Hüter wird als eine astrale Wirklichkeit beschrieben, die aus seelischen Substanzen und wesenhaften, elementarischen Kräften besteht. Zu diesen gehören verschiedenste Gefühle, Sympathien und Antipathien des Gemütes, Neigungen der Sinne, Triebe und unterbewusste Denkmuster. Wie ein strategisches Feld agiert diese astrale Substanz und determiniert die individuelle Eigenart eines Schicksals. Der kleine Hüter ist auch synonym zum Karma: „Der Hüter aber ist nicht die wahre Natur des Menschen, sondern er ist seine Doppelnatur oder seine karmische Figur, jene Gestalt, die es im Leben zu überwinden und zu verwandeln gilt.“<ref>Heinz Grill: ''Der Hüter der Schwelle und der Lebensauftrag.'' S.&nbsp;15.</ref>


Diese karmische Figur wird als gespenstisch anmutende Gestalt charakterisiert, die sich dem Geistschüler offenbart. Diese schrecklich anzusehende Gestalt hat sich gebildet aus den guten und schlimmen Taten der vergangenen Leben und äußert sich nach Rudolf Steiner so:
Diese karmische Figur wird als gespenstisch anmutende Gestalt charakterisiert, die sich dem Geistschüler offenbart. Diese schrecklich anzusehende Gestalt hat sich gebildet aus den guten und schlimmen Taten der vergangenen Leben und äußert sich nach Rudolf Steiner so:


:„Ich muß zu einer in sich vollkommenen, herrlichen Wesenheit werden, wenn ich nicht dem Verderben anheimfallen soll. Und geschähe das letztere, so würde ich auch dich selbst mit mir hinabziehen in eine dunkle, verderbte Welt.“<ref>Rudolf Steiner: ''Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?'' GA 10. 24. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1992, 3-7274-0100-1, S. 195. ([https://odysseetheater.org/GA/Buecher/GA_010.pdf#page=195&view=Fit Online])</ref>
:„Ich muß zu einer in sich vollkommenen, herrlichen Wesenheit werden, wenn ich nicht dem Verderben anheimfallen soll. Und geschähe das letztere, so würde ich auch dich selbst mit mir hinabziehen in eine dunkle, verderbte Welt.“<ref>Rudolf Steiner: ''Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?'' S.&nbsp;195. ([https://odysseetheater.org/GA/Buecher/GA_010.pdf#page=195&view=Fit Online])</ref>
 
Zusammenfassend kann man sagen, dass einem Menschen, der sich geistig schult, zu einem weisheitsvoll genau bemessenen Zeitpunkt der kleine Hüter der Schwelle begegnet. In dieser Begegnung wird eine Konfrontation mit dem eigenen Karma, das auch als Schicksalsgefüge benannt wird, erlebt, dessen Anblick ohne Vorbereitung nicht ertragen werden könnte. Das Hinübergehen über die Schwelle und die Einsichten in die Seelenwelt sind mit der hohen Anforderung verbunden, die volle Verantwortung für das Tun und Denken selbst zu übernehmen und die karmische Figur mit Disziplin und Ausdauer vollständig zu verwandeln.


=== Der große Hüter der Schwelle ===
=== Der große Hüter der Schwelle ===


Nach der Begegnung mit dem „Kleinen Hüter der Schwelle“ folgt nach geistiger Sicht eine Begegnung mit dem „Großen Hüter der Schwelle“, der jedoch in völlig anderer Charakteristik beschrieben wird. Im Gegensatz zu dem gespenstischen Anblick des kleinen Hüters der Schwelle erscheint der große Hüter der Schwelle als eine erhabene Lichtgestalt. Sie markiert allgemein den Übergang von der seelischen, nachtodlichen Welt zur geistigen Welt.
Nach der Begegnung mit dem „Kleinen Hüter der Schwelle“ folgt nach geistiger Sicht eine Begegnung mit dem „Großen Hüter der Schwelle“, der jedoch in völlig anderer Charakteristik beschrieben wird. Im Gegensatz zu dem gespenstischen Anblick des kleinen Hüters erscheint der große Hüter als eine erhabene Lichtgestalt. Sie markiert allgemein den Übergang von der seelischen, nachtodlichen Welt zur geistigen Welt.


Nach Rudolf Steiner erwirbt die „aus allen sinnlichen Banden befreite Seele“ durch die Begegnung mit dem zweiten Hüter der Schwelle das „Heimatrecht in der übersinnlichen Welt“, von der aus sie nunmehr an der Sinnenwelt wirken kann und muss.<ref>Rudolf Steiner: ''Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?'' GA 10. 24. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1992, 3-7274-0100-1, S. 210. ([https://odysseetheater.org/GA/Buecher/GA_010.pdf#page=210&view=Fit Online])</ref>
Nach Rudolf Steiner erwirbt die „aus allen sinnlichen Banden befreite Seele“ durch die Begegnung mit dem zweiten Hüter der Schwelle das „Heimatrecht in der übersinnlichen Welt“, von der aus sie nunmehr an der Sinnenwelt wirken kann und muss.<ref>Rudolf Steiner: ''Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?'' S.&nbsp;210. ([https://odysseetheater.org/GA/Buecher/GA_010.pdf#page=210&view=Fit Online])</ref>


Heinz Grill interpretiert den großen Hüter als „lebendigen Gottesgeist, als Christus selbst, als das schöpferische Ich, als höchste Hütergestalt, die über Erhaltung und Auflösung, über Fortschritt und Rückschritt, über einen Weg nach oben und einen Weg nach unten wacht.“ <ref>Heinz Grill: ‚Der Hüter der Schwelle und der Lebensauftrag. Initiatorische Schulung in Arco Band IV. Der Weinstock.‘ 2. Auflage. Lammers-Koll-Verlag, Niefern-Öschelbronn 2007, ISBN 978-3-935925-69-3, S. 19.</ref>
Heinz Grill interpretiert den großen Hüter als „lebendigen Gottesgeist, als Christus selbst, als das schöpferische Ich, als höchste Hütergestalt, die über Erhaltung und Auflösung, über Fortschritt und Rückschritt, über einen Weg nach oben und einen Weg nach unten wacht.“<ref>Heinz Grill: ''Der Hüter der Schwelle und der Lebensauftrag.'' S.&nbsp;19.</ref>


== Das Verhältnis zwischen dem kleinen und großen Hüter der Schwelle ==
== Das Verhältnis zwischen dem kleinen und großen Hüter der Schwelle ==
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Die Begegnung mit dem Hüter wird vom einzelnen Menschen – wie in der Bhagavad Gita geschildert – als sehr herausfordernd erlebt:
Die Begegnung mit dem Hüter wird vom einzelnen Menschen – wie in der Bhagavad Gita geschildert – als sehr herausfordernd erlebt:


:„Das Erwachen der Schwelle führt den Menschen immer zur Niedergeschlagenheit und Verzweiflung, die er jedoch durch Weisheit und gezieltes Handeln überwinden muss.“<ref>Heinz Grill: ‚Erkenntnisgrundlagen zur Bhagavad Gita.1. Auflage. Stephan Wunderlich Verlag, Sigmaringen 2024, ISBN 978-3-948803-18-6, S. 99.</ref>
:„Das Erwachen der Schwelle führt den Menschen immer zur Niedergeschlagenheit und Verzweiflung, die er jedoch durch Weisheit und gezieltes Handeln überwinden muss.“<ref>Heinz Grill: ''Erkenntnisgrundlagen zur Bhagavad Gita.'' 1. Auflage. Stephan Wunderlich Verlag, Sigmaringen 2024, ISBN 978-3-948803-18-6, S.&nbsp;99.</ref>
 
Tritt der Geiststrebende aber sehr gut vorbereitet an die Schwelle, kann das Erlebnis „von einem Vorgefühle jener Seligkeit begleitet sein, welche den Grundton seines neu erwachten Lebens bilden wird.“<ref>Rudolf Steiner: ''Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?'' GA 10. 24. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1992, 3-7274-0100-1, S. 203. ([https://odysseetheater.org/GA/Buecher/GA_010.pdf#page=203&view=Fit Online])</ref>
 
Aus geistiger Sicht wird deutlich, dass der kleine Hüter der Schwelle in der Summe das karma, das Gewordene, das zu Überwindende darstellt, während der große Hüter der Schwelle als Lichtgestalt mehr in die Zukunft weist und den göttlich-geistigen Aspekt des Menschen als zu entwickelndes Potenzial repräsentiert. Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass der kleine Hüter der Schwelle die Grenze zwischen der sinnlich wahrnehmbaren Welt und der seelisch-nachtodlichen Welt und der große Hüter der Schwelle die Grenze zur geistigen Welt zeichnet. Damit verbunden sind die Fähigkeiten des Menschen in diesen übersinnlichen Welten wahrnehmen und wirken zu können.


Aus Gesagtem wird ersichtlich, dass sich der Mensch in einem Spannungsfeld zwischen den gegensätzlichen Kräftewirkungen der beiden Hüter befindet und die Bestrebungen in Richtung Vereinigung mit dem großen Hüter der Schwelle, dem werdenden Ich, gehen sollen.
Tritt der Geiststrebende aber sehr gut vorbereitet an die Schwelle, kann das Erlebnis „von einem Vorgefühle jener Seligkeit begleitet sein, welche den Grundton seines neu erwachten Lebens bilden wird.“<ref>Rudolf Steiner: ''Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?'' S.&nbsp;203. ([https://odysseetheater.org/GA/Buecher/GA_010.pdf#page=203&view=Fit Online])</ref>


== Die Bedeutung des Hüters der Schwelle für die Menschheit ==
== Die Bedeutung des Hüters der Schwelle für die Menschheit ==


Einerseits findet eine Begegnung mit dem Hüter der Schwelle dann statt, wenn sich der einzelne Mensch bewusst um eine geistige Entwicklung bemüht und seine Seelenkräfte im Sinne einer Aufgliederung in Denken, Fühlen und Wollen schult. Andererseits wird aus geistiger Forschung in Bezug auf die jetzige, sogenannte fünfte nachatlantische Kulturepoche, berichtet, dass die ganze Menschheit in ihrer Entwicklung durch einen gewissen Prozess der Trennung der Seelenkräfte – „daß eine Dreiheit aus der chaotischen Einheit entstehen muß“, wie es Rudolf Steiner ausdrückt – durchgehen und sich hierfür ein Verständnis eröffnen muss:
[[Datei:615px-Arild Rosenkrantz - The Guardian - ca 1930.jpg|mini|310px|''The Guardian''<br>Gemälde von [[a:Arild Rosenkrantz|Arild Rosenkrantz]] (ca. 1930)]]
Einerseits findet eine Begegnung mit dem Hüter der Schwelle dann statt, wenn sich der einzelne Mensch bewusst um eine geistige Entwicklung bemüht und seine Seelenkräfte im Sinne einer Aufgliederung in Denken, Fühlen und Wollen schult. Andererseits wird aus geistiger Forschung in Bezug auf die jetzige, sogenannte fünfte nachatlantische Kulturepoche, berichtet, dass die ganze Menschheit in ihrer Entwicklung durch einen gewissen Prozess der Trennung der Seelenkräfte – „daß eine Dreiheit aus der chao&shy;tischen Einheit entstehen muß“, wie es Rudolf Steiner ausdrückt – durchgehen und sich hierfür ein Verständnis eröffnen muss:<ref name=":1" />


:„Wenn auch nicht für das äußere Bewußtsein, für die inneren Erlebnisse geht die Menschheit durch das Gebiet durch, das man auch als ein Gebiet des Hüters der Schwelle bezeichnen kann.“<ref>Rudolf Steiner: ''Die Brücke zwischen der Weltgeistigkeit und dem Physischen des Menschen'' GA 202. 4. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1993, 3-7274-2020-0, S. 256 ff. ([https://odysseetheater.org/GA/Buecher/GA_202.pdf#page=256&view=Fit Online])</ref>
:„Wenn auch nicht für das äußere Bewußtsein, für die inneren Erlebnisse geht die Menschheit durch das Gebiet durch, das man auch als ein Gebiet des Hüters der Schwelle bezeichnen kann.“<ref name=":1">Rudolf Steiner: ''Die Brücke zwischen der Weltgeistigkeit und dem Physischen des Menschen'' GA&nbsp;202. 4. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1993, ISBN 3-7274-2020-0, S.&nbsp;256&nbsp;ff. ([https://odysseetheater.org/GA/Buecher/GA_202.pdf#page=256&view=Fit Online])</ref>


Mit der Thematik, dass allgemein die Menschheit heute an der Schwelle steht und worin sich dieses Phänomen äußert, hat sich auch der Arzt, Psychiater und Anthroposoph Bernard Lievegoed (1905–1992) ausführlich auseinandergesetzt:
Mit der Thematik, dass allgemein die Menschheit heute an der Schwelle steht und worin sich dieses Phänomen äußert, hat sich auch der Arzt, Psychiater und Anthroposoph [[a:Bernard Lievegoed|Bernard Lievegoed]] (1905–1992) ausführlich auseinandergesetzt:


:„Bereits wenn wir uns halb bewusst der Schwelle nähern, steigt in uns eine Ahnung der nahenden Begegnung auf. Diese äußert sich in Form von Unlustgefühlen, Depressionen, Gefühlen der Abscheu und Angst. Da dieses halb bewusste Herankommen an die Schwelle heutzutage zur allgemeinen Kultursituation geworden ist, treten diese Gefühle epidemisch auf.“<ref>Bernard C.J. Lievegoed: ''Der Mensch an der Schwelle.'' 6. Auflage, Verlag Freies Geistleben, ISBN 978-3-7725-2609-1, S. 133.</ref>
:„Bereits wenn wir uns halb bewusst der Schwelle nähern, steigt in uns eine Ahnung der nahenden Begegnung auf. Diese äußert sich in Form von Unlustgefühlen, [[Depression|Depressionen]], Gefühlen der Abscheu und Angst. Da dieses halb bewusste Herankommen an die Schwelle heutzutage zur allgemeinen Kultursituation geworden ist, treten diese Gefühle epidemisch auf.“<ref>Bernard C.J. Lievegoed: ''Der Mensch an der Schwelle.'' 6. Auflage, Verlag Freies Geistleben, ISBN 978-3-7725-2609-1, S.&nbsp;133.</ref>


Auch nach aktueller Geistforschung befindet sich eine große Mehrheit der Menschen an der Schwelle:
Auch nach aktueller Geistforschung befindet sich eine große Mehrheit der Menschen an der Schwelle:


:„Es geht jedenfalls der einzelne Mensch heute immer näher an eine Schwelle zur geistigen Welt. Diese lässt ihn jedoch nicht, wie man sich das so leichtfertig denken könnte, passieren.“<ref>[https://heinz-grill.de/2023-menschliche-schoepferkraft/] In: „Jahresausblick auf 2023 Teil 3 von Heinz Grill'' Abgerufen am 29. November 2025.''</ref>
:„Es geht jedenfalls der einzelne Mensch heute immer näher an eine Schwelle zur geistigen Welt. Diese lässt ihn jedoch nicht, wie man sich das so leichtfertig denken könnte, passieren.“<ref name=":0">Heinz Grill: [https://heinz-grill.de/2023-menschliche-schoepferkraft/ ''Jahresausblick auf 2023 Teil 3.''] In:&nbsp;''Beiträge zu einem Neuen Yogawillen.'' Abgerufen am 29.&nbsp;November 2025.</ref>


Diese Schwelle, der sich die Menschheit annähert, zeigt sich nach Heinz Grill darin, dass der Mensch heute aus einer geistigen Sicht in eine schöpferische Tätigkeit eintreten, selbst nach Weisheiten forschen und Ideale umsetzen möchte, das heißt die Schwelle überschreiten will. Dem Überschreiten steht jedoch sozusagen als Hüter entgegen, dass der Mensch seine Bindungen und karmischen Verstrickungen zuerst auflösen muss. Weiterhin muss er ein Unterscheidungsvermögen heranbilden, was wirklich bleibende, geistige Werte sind und was im Gegensatz dazu noch unreife Vorstellungen, wie ein falscher Gottes- oder Liebesbegriff, und Bindungen sind. Durch die Unterscheidung von Bindung und karma einerseits und bleibenden Werten oder Idealen andererseits, also zwischen den Kräften des kleinen und des großen Hüters, kann sich der Mensch zur Vereinigung mit dem großen Hüter ausrichten.
Diese Schwelle, der sich die Menschheit annähert, zeigt sich nach Heinz Grill darin, dass der Mensch heute aus einer geistigen Sicht in eine schöpferische Tätigkeit eintreten, selbst nach Weisheiten forschen und Ideale umsetzen möchte, das heißt die Schwelle überschreiten will. Dem Überschreiten steht jedoch als Hüter entgegen, dass der Mensch seine Bindungen und karmischen Verstrickungen zuerst auflösen muss. Weiterhin muss er ein Unterscheidungsvermögen heranbilden, was wirklich bleibende, geistige Werte sind, und was im Gegensatz dazu noch unreife Vorstellungen, wie ein falscher Gottes- oder Liebesbegriff oder Bindungen sind. Durch die Unterscheidung von Bindung sowie Karma einerseits und bleibenden Werten oder Idealen andererseits, also zwischen den Kräften des kleinen und des großen Hüters, kann sich der Mensch zur Vereinigung mit dem großen Hüter ausrichten.<ref name=":0" />


Dass dies höchste Arbeit ist, sagt diese Formulierung von Heinz Grill aus:
Dass dies höchste Arbeit ist, sagt diese Formulierung von Heinz Grill aus:


:„Sie [Anm.: die Schwelle] fordert die gesamten Denk-, Gefühls- und Willenskräfte auf das Äußerste und deshalb bedarf es für das kommende Jahr eines täglichen, ausdauernden und unerlässlichen Einsatzes für Wahrheit, Unterscheidung und Zielverwirklichung. Ein Tag ohne diese Bestrebung schleudert den Menschen in eine Isolation und Beziehungslosigkeit zurück.“<ref>[https://heinz-grill.de/2023-menschliche-schoepferkraft/] In: „Jahresausblick auf 2023 Teil 3 von Heinz Grill'' Abgerufen am 29. November 2025.''</ref>
:„Sie [Anm.: die Schwelle] fordert die gesamten Denk-, Gefühls- und Willenskräfte auf das Äußerste und deshalb bedarf es für das kommende Jahr eines täglichen, ausdauernden und unerlässlichen Einsatzes für Wahrheit, Unterscheidung und Zielverwirklichung. Ein Tag ohne diese Bestrebung schleudert den Menschen in eine Isolation und Beziehungslosigkeit zurück.“<ref name=":0" />
 
== Zukunftsweisende Hypothese ==
 
Zusammenfassend kann man sagen, dass einem Menschen, der sich geistig schult, zu einem weisheitsvoll genau bemessenen Zeitpunkt der kleine Hüter der Schwelle begegnet. Das Hinübergehen über die Schwelle und die Einsichten in die Seelenwelt sind mit der hohen Anforderung verbunden, die volle Verantwortung für das Tun und Denken selbst zu übernehmen und die karmische Figur mit Disziplin und Ausdauer vollständig zu verwandeln.
Der kleine Hüter der Schwelle stellt in der Summe das Karma, das zu Überwindende dar, während der große Hüter der Schwelle als Lichtgestalt mehr in die Zukunft weist und den göttlich-geistigen Aspekt des Menschen als zu entwickelndes Potenzial repräsentiert.
 
Aus geistiger Sicht steht heute die ganze Menschheit an der Schwelle von der irdischen zur geistigen Welt. Um diese überwinden zu können und eine Orientierung zu gewinnen, muss ein genaues Unterscheidungsvermögen ausgeprägt werden, was irdisch-vergängliche Werte einerseits und geistig-bleibende Werte andererseits sind. (→ Siehe hierzu den Artikel unter [[Hüter_der_Schwelle#cite_note-:0-32|Einzelnachweis 32]].)
 
== Siehe auch ==
 
* [[:Kategorie: Entwicklung des Menschen]]


== Literatur ==
== Literatur ==


* Heinz Grill: ''Der Hüter der Schwelle und der Lebensauftrag.'' Initiatorische Schulung in Arco Band IV, Der Weinstock. 2. Auflage. Lammers-Koll-Verlag, Niefern-Öschelbronn 2007, ISBN 978-3935925-69-3.
* Heinz Grill: ''Der Hüter der Schwelle und der Lebensauftrag.'' Initiatorische Schulung in Arco Band IV. Der Weinstock. 2. Auflage. Lammers-Koll-Verlag, Niefern-Öschelbronn 2007, ISBN 978-3935925-69-3.
* Heinz Grill: ''Erkenntnisgrundlagen zur Bhagavad Gita.'' 1. Auflage. Stephan Wunderlich Verlag, Sigmaringen 2024, ISBN 978-3-948803-18-6.
* Heinz Grill: ''Erkenntnisgrundlagen zur Bhagavad Gita.'' 1. Auflage. Stephan Wunderlich Verlag, Sigmaringen 2024, ISBN 978-3-948803-18-6.
* Heinz Grill: ''Übungen für die Seele. Die Entwicklung eines reichhaltigen Gefühlslebens und das Erlangen erster übersinnlicher Erkenntnisse.'' 3., erweiterte Auflage. Synergia Verlag, 2022, ISBN 978-3-906873-33-6.
* Heinz Grill: ''Übungen für die Seele. Die Entwicklung eines reichhaltigen Gefühlslebens und das Erlangen erster übersinnlicher Erkenntnisse.'' 3.,&nbsp;erweiterte Auflage. Synergia Verlag, 2022, ISBN 978-3-906873-33-6.
* Bernard C.J. Lievegoed: ''Der Mensch an der Schwelle.'' 6. Auflage, Verlag Freies Geistleben, ISBN 978-3-7725-2609-1.
* Bernard Lievegoed: ''Der Mensch an der Schwelle.'' 6. Auflage. Verlag Freies Geistleben, ISBN 978-3-7725-2609-1.
* Tommaso Palamidessi: ''I guardini delle soglie e il cammino evolutivo.'' Editore Archeosofica, 10° Quaderno di Archeosofia.
* Tommaso Palamidessi: ''I guardini delle soglie e il cammino evolutivo.'' Editore Archeosofica, 10° Quaderno di Archeosofia.
* Fritz Riemann: ''Lebenshilfe Astrologie.'' 5. Auflage, Verlag J. Pfeiffer, 1980, ISBN 978-3-608-94657-4.
* Fritz Riemann: ''Lebenshilfe Astrologie.'' 5. Auflage. Verlag J. Pfeiffer, 1980, ISBN 978-3-608-94657-4.
* Sri Aurobindo: ''Bhagavadgita.'' 5. Auflage, Aquamarin Verlag, ISBN 978-3-89427-708-6.
* Sri Aurobindo: ''Bhagavadgita.'' 5. Auflage. Aquamarin Verlag, ISBN 978-3-89427-708-6.
* Rudolf Steiner: ''Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?'', GA 10, 24. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1992, ISBN 3-7274-0100-1. ([https://odysseetheater.org/GA/Buecher/GA_010.pdf Online])
* Rudolf Steiner: ''Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?'' GA&nbsp;10. 24. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1992, ISBN 3-7274-0100-1. ([https://odysseetheater.org/GA/Buecher/GA_010.pdf Online])
* Rudolf Steiner: ''Von Jesus zu Christus'', GA 131, 7. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1988, ISBN 3-7274-1310-7.([https://odysseetheater.org/GA/Buecher/GA_131.pdf Online])
* Rudolf Steiner: ''Von Jesus zu Christus''. GA&nbsp;131. 7. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1988, ISBN 3-7274-1310-7. ([https://odysseetheater.org/GA/Buecher/GA_131.pdf Online])
* Rudolf Steiner: ''Die Brücke zwischen der Weltgeistigkeit und dem Physischen des Menschen'', GA 202, 4. Auflage 1993, Verlag Rudolf Steiner, ISBN 978-3-7274-2020-7.([https://odysseetheater.org/GA/Buecher/GA_202.pdf Online])
* Rudolf Steiner: ''Die Brücke zwischen der Weltgeistigkeit und dem Physischen des Menschen''. GA&nbsp;202, 4. Auflage 1993, Verlag Rudolf Steiner, ISBN 978-3-7274-2020-7. ([https://odysseetheater.org/GA/Buecher/GA_202.pdf Online])


== Einzelnachweise ==
== Einzelnachweise ==
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[[Kategorie:Entwicklung des Menschen]]

Aktuelle Version vom 31. Januar 2026, 16:04 Uhr

Der Hüter der Schwelle
Gemälde von Reginald W. Machell (ca. 1895)
Klettern erfordert oft das Überwinden einer Angstschwelle vor dem nächsten Schritt

Der Hüter der Schwelle ist ein fachlich-esoterischer Begriff und steht mit der seelisch-geistigen Entwicklung des einzelnen Menschen und der ganzen Menschheit in Zusammenhang. Der Hüter der Schwelle bewacht die Schwelle zur geistigen Welt.

Die Entwicklung des Menschen kann progressiv sein, sich zu seelisch-geistigen Werten oder Idealen ausrichten oder auch regressiv sein, indem ihn Begierden, Leidenschaften und Abhängigkeiten dirigieren. Immer wieder befindet sich der Mensch in diesem Spannungsfeld. Solange er letztere nicht erkennt und überwindet, folgt er dem niederen Ich und er kann die Grenze zur seelisch-geistigen Welt nicht überschreiten. Er muss Erkenntnis und Unterscheidung ausbilden, um die Grenze passieren zu können.

Der Hüter der Schwelle, ein eher wenig bekannter Begriff, umfasst aber auch Geschehen, die jeder Mensch in der einen oder anderen Form kennt, sei es, dass er beim Bergsteigen an einer schwierigen Stelle die Angst vor einem nächsten Schritt überwinden muss, oder er auf Grund eines äußeren Ereignisses wie einer Trennung, einem Konflikt, einer Krankheit oder einem Todesfall mit etwas Unausweichlichem konfrontiert wird.

Viele derartige Schwellenerlebnisse sind auch in heiligen Schriften, Legenden und Mythen übermittelt.

Bedeutung und Begriff

In verschiedenen geistigen Strömungen wie der Theosophie, den Rosenkreuzern, der Archeosophie, der Anthroposophie, aber auch in der Bhagavad Gita geht man von der Tatsache aus, dass es nicht nur ein Leben gibt, sondern dass der Mensch mehrere Leben oder Inkarnationen durchläuft. Der Hüter der Schwelle wird deshalb mit dem Begriff des Karma (Sanskrit कर्म, IAST karma, deutsch „Handlung, Tätigkeit, Arbeit“) in Verbindung gebracht. Karma im Sinn eines universellen Gesetzes umfasst die guten und schlechten Taten sowie Gedanken eines vergangenen Lebens, die im Menschen aufgespeichert sind und zunächst zu einem gewissen Grad sein Leben bestimmen.

Der Hüter der Schwelle ist das unerlöste Karma. Die zu leistende Erkenntnis des Menschen besteht folgerichtig darin zu erkennen, dass er selbst die Ursache seines Schicksals ist. Der Hüter der Schwelle stellt einerseits eine gespenstische, schreckliche, aber auch eine weisheitsvolle Gestalt dar. Andererseits schützt er den Menschen, dass er nicht frühzeitig und unvorbereitet Einsichten in die höheren Welten gewinnt, da dies zu seinem Verderben führen kann.[1]

Schwelle als Symbol

Bei sakralen Bauten wie Kirchen trennt eine Schwelle oder Türe symbolisch und in architektonischer Form den profanen oder alltäglichen Raum vom heiligen oder transzendenten Sakralraum. Mit Überschreiten der Schwelle soll sich der Mensch den Übergang in eine sakrale Welt vergegenwärtigen.[2]

Kultur und Kunst

Der Roman Zanoni

Bekannt wurde der Begriff „Hüter der Schwelle“ auch durch den 1842 erschienenen Roman Zanoni von Edward Bulwer-Lytton (1803–1873), der in der Theosophie und Anthroposophie Erwähnung findet:

“Know, at least, that all of us – the highest and the wisest – who have, in sober truth, passed beyond the threshold, have had, as our first fearful task, to master and subdue its grisly and appalling guardian.“[3]
„Wisse zumindest, dass wir alle – die Höchsten und Weisesten –, die in aller Ernsthaftigkeit die Schwelle überschritten haben, als erste furchterregende Aufgabe hatten, ihren grausigen und entsetzlichen Wächter zu bezwingen und zu unterwerfen.“

In Zanoni erscheint der Hüter als sinnlich sichtbare Gestalt. Nach Angaben von Rudolf Steiner kann der Hüter der Schwelle durch niedere Magie mittels Räucherwerks sichtbar gemacht werden. Er weist auf die Gefahr hin, auf Abwege zu geraten, wenn man ohne genügende Vorbereitung seinem unausgeglichenen Karma in dieser Form begegnet:

„Wer genügend vorbereitet für das höhere Schauen ist, braucht dergleichen sinnliche Anschauung nicht mehr; und wem sein noch unausgeglichenes Karma ohne genügende Vorbereitung als sinnlich lebendiges Wesen vor Augen träte, der liefe Gefahr, in schlimme Abwege zu geraten.“[4]

Das Mysteriendrama „Der Hüter der Schwelle“

Die vier Mysteriendramen von Rudolf Steiner thematisieren in künstlerischer Form geistige Entwicklungswege von einzelnen Menschen. Verschiedene Schicksalswirkungen werden explizit mit vergangenen Leben und dem Gedanken von Karma und Reinkarnation in Zusammenhang gebracht.

Der mit dem Karmagedanken in Zusammenhang stehende Hüter der Schwelle wird im gleichnamigen dritten Mysteriendrama in Szene gesetzt. Dieses Mysteriendrama trägt den Titel Der Hüter der Schwelle. Der Hüter spricht im 7. Bild:

„Du mußt dich trennen erst von vielen Kräften,
Die du im Erdenleibe dir erworben.
Behalten kannst du doch von ihnen nur,
Was sich in geistig reinem Streben dir
Erschlossen und auch rein verblieben ist.“[5]

Diese Aussagen machen deutlich, dass die Einsichten in die seelisch-geistigen Welten davon abhängig sind, dass unreine Kräfte überwunden werden müssen.

Astrologie – der Saturn als Schwellenhüter

Der Planet Saturn als Hüter der Schwelle in der Astrologie

Der Planet Saturn wird in der Astrologie mit dem Hüter der Schwelle in Verbindung gebracht. Einerseits ist dem Saturn die Bedeutung allgemein von Abschied, auch von überholten Strukturen und starren Regeln zugeordnet, andererseits steht er für Disziplin, Verantwortung und Reifung durch Auseinandersetzung mit den Gesetzen des Lebens. In diesem Spannungsfeld bewegt sich der Mensch und sieht sich einer Grenze, einer Angst oder einem Mangel ausgesetzt. Gleichzeitig hat er aber auch die Möglichkeit, sich selbst zu prüfen und im Sinne einer Entwicklung voranzuschreiten.[6]

Fritz Riemann (1902–1979), Psychoanalytiker und Astrologe, versteht den Saturn in dem Sinn, als er dem Menschen Anlass gibt, sich mit Notwendigkeiten, mit dem Annehmen des Unvermeidlichen, insbesondere mit dem Tod, und den damit verbundenen Ängsten auseinanderzusetzen und dadurch an Reife zu gewinnen. Die eigentliche Bedeutung des Saturns liegt ihm zufolge darin:

„[…] er führt uns zu Angstschranken, die wir gerade dadurch überwinden können, daß wir die Ängste annehmen; dann wird uns der «Hüter der Schwelle» zum sichersten Führer, der Notwendigkeit zur Not-Wende werden läßt.“[7]

Sichtweise von Yoga Vidya

Der Hüter der Schwelle in Yoga Vidya wird ebenfalls mit Bezug zum Saturn interpretiert. Der Saturn gilt als letzter Planet unseres Sonnensystems. Er zeigt sich häufig in Zeiten schwerer Prüfungen und konfrontiert mit negativem, noch aufzuarbeitendem Karma.

Zu Ehren des Saturns, Shani[8] (Sanskrit शनि, IAST śani, deutsch „der Langsam-Gehende“), ist die Rezitation von Mantren gebräuchlich. Psychologisch gesehen soll das Anrufen der Saturngottheit durch die Hymne Shani Stotra helfen, den „Geist zu disziplinieren, Entsagung zu üben und auch im Leiden wertvolle Lektionen zu sehen. Das Shani Stotra hilft auch dabei, die niedere Natur zu transformieren.“[9]

Bhagavad Gita – das Schlachtfeld

Arjuna und sein Wagenlenker Krishna (beide links) stehen dem feindlichen Heer gegenüber

Bhagavad Gita (Sanskrit भगवद्गीता, IAST bhagavad gītā) bedeutet übersetzt „Gesang des Göttlichen“. Sie gilt als eine der bedeutendsten heiligen Schriften des Ostens. Zu Beginn der Erzählung stehen sich auf dem Schlachtfeld Kurukshetra (Sanskrit कुरुक्षेत्र, IAST kurukṣetra) zwei engverwandte Sippen, die Pandavas und Kauravas, gegenüber. Krishna bietet sich an, der Wagenlenker des Helden Arjuna zu sein und erhält den Auftrag, zwischen die beiden verfeindeten Lager zu fahren. Als Arjuna seine eigenen Verwandten im Feindeslager entdeckt, sieht er nichts Gutes darin, diese zu bekämpfen und töten zu müssen. Er weigert sich zu kämpfen und wirft, vor Kummer überwältigt, seine Waffen weg. Krishna, der das göttliche Selbst repräsentiert, beginnt nun Arjuna über den Sinn von Leben und Tod aufzuklären.[10]

Krishna weist Arjuna an, dass er vom Standpunkt einer höheren Sicht, als es die anerzogene ist, kämpfen muss:

„Wenn du aber diesen Kampf um das Recht nicht wagst, hast du deine Pflicht, deine Mannestugend und deinen Ruhm preisgegeben. Mit Sünde hast du dich beladen.“
    – Bhagavad Gita II,32[11]

Dieses für Arjuna entstehende Konfliktfeld zwischen gewohnten Vorstellungen über Tugenden zu wirklich göttlichen Tugenden nennt Heinz Grill „eine der schönsten Episoden über den Kampf von einem astralen Hüter der Schwelle mit einem Ich.“[12]

Theosophie

Erzengel Michael unterwirft den Teufel
Gemälde von Raffael (1483–1520)

Nach theosophischer Auffassung existiert ebenfalls ein Hüter der Schwelle. Dieser Hüter ist dem Menschen in vielen unterschiedlichen Formen bekannt. Als Beispiele werden beschrieben:

  • der Cerberus, der Höllenhund, der den Hades, den Eingang zur Unterwelt bewacht,

Alle diese Legenden werden als Gleichnisse gedeutet, die eine reale Wirklichkeit darstellen, deren Kenntnis von größter Bedeutung für den nach Wahrheit Strebenden ist. Die Natur des Hüters der Schwelle (englisch “Guardian of the Threshold”) sei nichts anderes als „unser eigenes niedriges halb-animalisches, animalisches oder vielleicht brutales Selbst, diese Kombination aus materiellen und halb-materiellen Prinzipien, die unser niedriges Ego formt. Ab dem Zeitpunkt, wo das Selbstbewusstsein beginnt, sich im höheren Selbst zu zentrieren, wird der Hüter der Schwelle für den Menschen objektiv sein und er dürfte erschrecken über seine Hässlichkeit und Deformation.“[13]

Rosenkreuzer

In der Philosophie der Rosenkreuzer und ihrem Schulungsweg ist die Begegnung mit dem Hüter der Schwelle ein zu überwindendes Erfordernis vor dem Eintritt in höheren Welten. Es wird sehr genau differenziert zwischen anderen Kräftewirkungen und dem wirklichen Hüter der Schwelle, der eine aus den eigenen vergangenen schlechten Handlungen und Gedanken geschaffene Gestalt ist, die vom Menschen verwandelt werden muss.

Max Heindel (1865–1919), Begründer der Rosicrucian Fellowship, führt dazu aus:

„Der wahre «Wächter der Schwelle» ist das zusammengesetzte Elementarwesen, das auf den unsichtbaren Ebenen durch all unsere unverwandelten bösen Gedanken und Taten während der gesamten vergangenen Periode unserer Evolution geschaffen wurde. Dieser «Wächter» steht Wache am Eingang zu den unsichtbaren Welten und stellt unser Recht auf Zutritt in Frage. Dieses Wesen muss irgendwann erlöst oder umgewandelt werden. Wir müssen genügend Gelassenheit und Willenskraft entwickeln, um ihm zu begegnen und es zu beherrschen, bevor wir bewusst in die überphysischen Welten eintreten können.“[14]

Archeosophie

Nach der Lehre der Archeosophie wird der Aufstieg in die höheren Welten begleitet von der Begegnung mit dem Hüter der Schwelle (italienisch „Guardiano della soglia“). Diese Begegnung mit dem Hüter wird als die bedrohlichste und wichtigste Erfahrung für denjenigen bezeichnet, der sich im Sinne der esoterischen Lehre der griechischen Mythologie um „Einweihungsarbeiten“ bemüht, wie sie unter dem Begriff Herkulesarbeiten bekannt sind. Unter Herkulesarbeiten werden zwölf schwierigste Aufgaben verstanden, die zur Buße auferlegt wurden.[15]

Nach dem Begründer der Archeosophie, Tommaso Palamidessi (1915–1983) gibt es nicht nur einen kleinen und einen großen Hüter der Schwelle: „Tatsächlich gibt es zwar diese beiden grundlegenden Wächter, aber es gibt so viele Wächter, wie es kosmische Ebenen gibt, das heißt so viele Übergänge von einer Welt zur anderen.“[16]

Evangelien

Symbolhafte Darstellung des Evangelisten Matthäus

In den Evangelien wird der Hüter der Schwelle nicht explizit benannt. Aus geistiger Sicht wird das in den synoptischen Evangelien geschilderte Bild von Jesus auf dem Berg und der Versuchung durch den Teufel mit der Begegnung mit dem Hüter der Schwelle gleichgesetzt:

„[…] von dem Versprechen aller äußeren Realitäten, dem Festhaltenwollen an den äußeren Realitäten, die Versuchung an der Materie hängen zu bleiben, kurz, die Versuchung, beim Hüter der Schwelle zu bleiben und nicht über ihn hinauszuschreiten, das erscheint uns in dem großen Idealbild des Christus Jesus auf dem Berge stehend und den Versucher neben ihm […].“[17]

Obwohl nicht explizit von Rudolf Steiner genannt, dürfte es sich in diesem Zusammenhang um die Verse 9–11 im 4. Kapitel des Matthäusevangeliums handeln:

„Wiederum nimmt der Teufel ihn mit auf einen sehr hohen Berg und zeigt ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Dies alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. Da spricht Jesus zu ihm: Geh hinweg, Satan! Denn es steht geschrieben: «Den Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten und ihm allein dienen.» Dann verlässt ihn der Teufel, und siehe, Engel kamen herzu und dienten ihm.“ (Mt 4,9–11)[18]

Die Versuchung durch den Widersacher ist auch erwähnt im Evangelium nach Markus (Mk 1,12–15) und im Evangelium nach Lukas (Lk 4,5–8).

Geistige Sicht von Rudolf Steiner und Heinz Grill

„Auf dem höheren Gebiet des astralen Planes ist es [das Bild] der Sphinx, die in den Abgrund gestürzt werden muß, ehe man weiterschreiten kann.“
(Rudolf Steiner)[19]

In der geistigen Forschung werden zwei Hüter der Schwelle unterschieden – der „Kleine Hüter der Schwelle“ und der „Große Hüter der Schwelle“. Diesen beiden, mit den physischen Sinnen nicht wahrnehmbaren Gestalten, begegnet der Mensch innerhalb seiner Entwicklung auf einem geistigen Schulungsweg.

Ein geistiger Schulungsweg beinhaltet eine Arbeit an den sogenannten Seelenkräften, dem Denken, dem Fühlen und dem Willen. Diese drei Seelenkräfte sind normalerweise miteinander verwoben bzw. stehen in einer ganz bestimmten Verbindung.[20] Durch gezielte Übungen sollen diese Kräfte gegliedert und isoliert werden, so dass sich ein reines Denken aus dem Gedanken, eine Empfindung, die im reinen Fühlen ruht, und ein Wille, der in der reinen Handlung reagiert, entwickeln. Heinz Grill beschreibt diesen Prozess mit einem Bild:

„So wie der Maler in einem Violett-Ton sowohl ein Rot als auch ein Blau erkennen kann, so erkennt der Übende in seinem Bewusstsein bald die verschiedenen vermischten Tönungen und lernt das Denken von dem Fühlen und dieses wiederum von dem Willen zu trennen.“[21]

Der kleine Hüter der Schwelle

Ab einem bestimmten Zeitpunkt der Gliederung oder Trennung der drei Seelen­kräfte geschieht eine Begegnung mit dem kleinen Hüter der Schwelle. Diese erfolgt nach Rudolf Steiner, „wenn sich die Verbindungsfäden zwischen Willen, Denken und Fühlen innerhalb der feineren Leiber zu lösen beginnen.“[22]

Die Gestalt des kleinen Hüters ist keine äußere Person oder Wesenheit, sondern er ist vielmehr jedem Menschen eigen, nur lebt sie zunächst in jedem einzelnen Menschen verborgen, untergetaucht im Leib. Mit fortschreitender Entwicklung löst sie sich mehr vom Leib und nimmt eine leibfreie, metaphysisch sichtbare Gestalt an. Dies wird das Erwachen oder die Begegnung mit dem Hüter der Schwelle genannt.

Die Schwelle, an der der Hüter wacht, ist diejenige von der sichtbaren Welt in die unsichtbare oder übersinnliche Welt. Nach Heinz Grill bildet der kleine Hüter das „Tor zum Seelenreich, zum Reich der Verstorbenen oder zu dem Reich des astralen Himmels.“ Diese Schwelle kann der Mensch jedoch nicht ohne weiteres passieren. Er bedarf einer gewissen geistigen Reife und charakterlichen Moralität, dass ihm diese Tore geöffnet werden. Die Schwelle ist keine willkürliche, sondern eine „naturbedingte Sicherheitsvorkehrung“, da der Zutritt zu den geistigen Welten ohne entsprechende Vorbereitung zu einer heillosen Furcht führt und „die Folge ein Hinabfallen in die abgrundlose Tiefe des Bösen wäre.“[23]

Der kleine Hüter wird als eine astrale Wirklichkeit beschrieben, die aus seelischen Substanzen und wesenhaften, elementarischen Kräften besteht. Zu diesen gehören verschiedenste Gefühle, Sympathien und Antipathien des Gemütes, Neigungen der Sinne, Triebe und unterbewusste Denkmuster. Wie ein strategisches Feld agiert diese astrale Substanz und determiniert die individuelle Eigenart eines Schicksals. Der kleine Hüter ist auch synonym zum Karma: „Der Hüter aber ist nicht die wahre Natur des Menschen, sondern er ist seine Doppelnatur oder seine karmische Figur, jene Gestalt, die es im Leben zu überwinden und zu verwandeln gilt.“[24]

Diese karmische Figur wird als gespenstisch anmutende Gestalt charakterisiert, die sich dem Geistschüler offenbart. Diese schrecklich anzusehende Gestalt hat sich gebildet aus den guten und schlimmen Taten der vergangenen Leben und äußert sich nach Rudolf Steiner so:

„Ich muß zu einer in sich vollkommenen, herrlichen Wesenheit werden, wenn ich nicht dem Verderben anheimfallen soll. Und geschähe das letztere, so würde ich auch dich selbst mit mir hinabziehen in eine dunkle, verderbte Welt.“[25]

Der große Hüter der Schwelle

Nach der Begegnung mit dem „Kleinen Hüter der Schwelle“ folgt nach geistiger Sicht eine Begegnung mit dem „Großen Hüter der Schwelle“, der jedoch in völlig anderer Charakteristik beschrieben wird. Im Gegensatz zu dem gespenstischen Anblick des kleinen Hüters erscheint der große Hüter als eine erhabene Lichtgestalt. Sie markiert allgemein den Übergang von der seelischen, nachtodlichen Welt zur geistigen Welt.

Nach Rudolf Steiner erwirbt die „aus allen sinnlichen Banden befreite Seele“ durch die Begegnung mit dem zweiten Hüter der Schwelle das „Heimatrecht in der übersinnlichen Welt“, von der aus sie nunmehr an der Sinnenwelt wirken kann und muss.[26]

Heinz Grill interpretiert den großen Hüter als „lebendigen Gottesgeist, als Christus selbst, als das schöpferische Ich, als höchste Hütergestalt, die über Erhaltung und Auflösung, über Fortschritt und Rückschritt, über einen Weg nach oben und einen Weg nach unten wacht.“[27]

Das Verhältnis zwischen dem kleinen und großen Hüter der Schwelle

Aus geistiger Sicht stehen sich diese beiden Hüter – das niedere Ich des Menschen und sein göttliches, werdendes Ich – in einem wechselseitigen Austausch und Kampf gegenüber.

Die Begegnung mit dem Hüter wird vom einzelnen Menschen – wie in der Bhagavad Gita geschildert – als sehr herausfordernd erlebt:

„Das Erwachen der Schwelle führt den Menschen immer zur Niedergeschlagenheit und Verzweiflung, die er jedoch durch Weisheit und gezieltes Handeln überwinden muss.“[28]

Tritt der Geiststrebende aber sehr gut vorbereitet an die Schwelle, kann das Erlebnis „von einem Vorgefühle jener Seligkeit begleitet sein, welche den Grundton seines neu erwachten Lebens bilden wird.“[29]

Die Bedeutung des Hüters der Schwelle für die Menschheit

The Guardian
Gemälde von Arild Rosenkrantz (ca. 1930)

Einerseits findet eine Begegnung mit dem Hüter der Schwelle dann statt, wenn sich der einzelne Mensch bewusst um eine geistige Entwicklung bemüht und seine Seelenkräfte im Sinne einer Aufgliederung in Denken, Fühlen und Wollen schult. Andererseits wird aus geistiger Forschung in Bezug auf die jetzige, sogenannte fünfte nachatlantische Kulturepoche, berichtet, dass die ganze Menschheit in ihrer Entwicklung durch einen gewissen Prozess der Trennung der Seelenkräfte – „daß eine Dreiheit aus der chao­tischen Einheit entstehen muß“, wie es Rudolf Steiner ausdrückt – durchgehen und sich hierfür ein Verständnis eröffnen muss:[30]

„Wenn auch nicht für das äußere Bewußtsein, für die inneren Erlebnisse geht die Menschheit durch das Gebiet durch, das man auch als ein Gebiet des Hüters der Schwelle bezeichnen kann.“[30]

Mit der Thematik, dass allgemein die Menschheit heute an der Schwelle steht und worin sich dieses Phänomen äußert, hat sich auch der Arzt, Psychiater und Anthroposoph Bernard Lievegoed (1905–1992) ausführlich auseinandergesetzt:

„Bereits wenn wir uns halb bewusst der Schwelle nähern, steigt in uns eine Ahnung der nahenden Begegnung auf. Diese äußert sich in Form von Unlustgefühlen, Depressionen, Gefühlen der Abscheu und Angst. Da dieses halb bewusste Herankommen an die Schwelle heutzutage zur allgemeinen Kultursituation geworden ist, treten diese Gefühle epidemisch auf.“[31]

Auch nach aktueller Geistforschung befindet sich eine große Mehrheit der Menschen an der Schwelle:

„Es geht jedenfalls der einzelne Mensch heute immer näher an eine Schwelle zur geistigen Welt. Diese lässt ihn jedoch nicht, wie man sich das so leichtfertig denken könnte, passieren.“[32]

Diese Schwelle, der sich die Menschheit annähert, zeigt sich nach Heinz Grill darin, dass der Mensch heute aus einer geistigen Sicht in eine schöpferische Tätigkeit eintreten, selbst nach Weisheiten forschen und Ideale umsetzen möchte, das heißt die Schwelle überschreiten will. Dem Überschreiten steht jedoch als Hüter entgegen, dass der Mensch seine Bindungen und karmischen Verstrickungen zuerst auflösen muss. Weiterhin muss er ein Unterscheidungsvermögen heranbilden, was wirklich bleibende, geistige Werte sind, und was im Gegensatz dazu noch unreife Vorstellungen, wie ein falscher Gottes- oder Liebesbegriff oder Bindungen sind. Durch die Unterscheidung von Bindung sowie Karma einerseits und bleibenden Werten oder Idealen andererseits, also zwischen den Kräften des kleinen und des großen Hüters, kann sich der Mensch zur Vereinigung mit dem großen Hüter ausrichten.[32]

Dass dies höchste Arbeit ist, sagt diese Formulierung von Heinz Grill aus:

„Sie [Anm.: die Schwelle] fordert die gesamten Denk-, Gefühls- und Willenskräfte auf das Äußerste und deshalb bedarf es für das kommende Jahr eines täglichen, ausdauernden und unerlässlichen Einsatzes für Wahrheit, Unterscheidung und Zielverwirklichung. Ein Tag ohne diese Bestrebung schleudert den Menschen in eine Isolation und Beziehungslosigkeit zurück.“[32]

Zukunftsweisende Hypothese

Zusammenfassend kann man sagen, dass einem Menschen, der sich geistig schult, zu einem weisheitsvoll genau bemessenen Zeitpunkt der kleine Hüter der Schwelle begegnet. Das Hinübergehen über die Schwelle und die Einsichten in die Seelenwelt sind mit der hohen Anforderung verbunden, die volle Verantwortung für das Tun und Denken selbst zu übernehmen und die karmische Figur mit Disziplin und Ausdauer vollständig zu verwandeln. Der kleine Hüter der Schwelle stellt in der Summe das Karma, das zu Überwindende dar, während der große Hüter der Schwelle als Lichtgestalt mehr in die Zukunft weist und den göttlich-geistigen Aspekt des Menschen als zu entwickelndes Potenzial repräsentiert.

Aus geistiger Sicht steht heute die ganze Menschheit an der Schwelle von der irdischen zur geistigen Welt. Um diese überwinden zu können und eine Orientierung zu gewinnen, muss ein genaues Unterscheidungsvermögen ausgeprägt werden, was irdisch-vergängliche Werte einerseits und geistig-bleibende Werte andererseits sind. (→ Siehe hierzu den Artikel unter Einzelnachweis 32.)

Siehe auch

Literatur

  • Heinz Grill: Der Hüter der Schwelle und der Lebensauftrag. Initiatorische Schulung in Arco Band IV. Der Weinstock. 2. Auflage. Lammers-Koll-Verlag, Niefern-Öschelbronn 2007, ISBN 978-3935925-69-3.
  • Heinz Grill: Erkenntnisgrundlagen zur Bhagavad Gita. 1. Auflage. Stephan Wunderlich Verlag, Sigmaringen 2024, ISBN 978-3-948803-18-6.
  • Heinz Grill: Übungen für die Seele. Die Entwicklung eines reichhaltigen Gefühlslebens und das Erlangen erster übersinnlicher Erkenntnisse. 3., erweiterte Auflage. Synergia Verlag, 2022, ISBN 978-3-906873-33-6.
  • Bernard Lievegoed: Der Mensch an der Schwelle. 6. Auflage. Verlag Freies Geistleben, ISBN 978-3-7725-2609-1.
  • Tommaso Palamidessi: I guardini delle soglie e il cammino evolutivo. Editore Archeosofica, 10° Quaderno di Archeosofia.
  • Fritz Riemann: Lebenshilfe Astrologie. 5. Auflage. Verlag J. Pfeiffer, 1980, ISBN 978-3-608-94657-4.
  • Sri Aurobindo: Bhagavadgita. 5. Auflage. Aquamarin Verlag, ISBN 978-3-89427-708-6.
  • Rudolf Steiner: Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? GA 10. 24. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1992, ISBN 3-7274-0100-1. (Online)
  • Rudolf Steiner: Von Jesus zu Christus. GA 131. 7. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1988, ISBN 3-7274-1310-7. (Online)
  • Rudolf Steiner: Die Brücke zwischen der Weltgeistigkeit und dem Physischen des Menschen. GA 202, 4. Auflage 1993, Verlag Rudolf Steiner, ISBN 978-3-7274-2020-7. (Online)

Einzelnachweise

  1. Rudolf Steiner: Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? GA 10. 24. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1992, ISBN 3-7274-0100-1, S. 194 ff. (Online)
  2. Die Schwelle. In: mystagogische-kirchenfuehrung.de. Abgerufen am 10. Dezember 2025.
  3. Edward Bulwer-Lytton: Zanoni. J. B. Lippincott & Co, Philadelphia 1974, S. 103. (Online)
  4. Rudolf Steiner: Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? S. 198. (Online)
  5. Hüter der Schwelle. Siebentes Bild. In: mysteriendramen.at. Abgerufen am 29. November 2025.
  6. Pia Tietz: Saturn – Hüter der Schwelle: Spielverderber oder Rahmengeber? In: newslichter.de. Abgerufen am 30. November 2025.
  7. Fritz Riemann: Lebenshilfe Astrologie. 5. Auflage. Verlag J. Pfeiffer, München 1980, ISBN 3-7904-0186-2, S. 192.
  8. Suchergebnisse für „Saturn“. In: learnsanskrit.cc. Abgerufen am 26. Dezember 2025 (englisch).
  9. Saturn. Anrufung des Shani. In: yoga-vidya.de. Abgerufen am 29. November 2025.
  10. Sukadev über Bhagavadgita. Form und Inhalt. In: Yogawiki. Abgerufen am 30. November 2025.
  11. Sri Aurobino: Bhagavadgita. 5. Auflage. Verlag Hinder + Deelmann, Gladenbach 2013, ISBN 978-3-87348-163-3, S. 17.
  12. Heinz Grill: Der Hüter der Schwelle und der Lebensauftrag. Kapitel in: Initiatorische Schulung in Arco. Band IV. 2. Auflage. Lammers-Koll-Verlag, Niefern-Öschelbronn 2009, ISBN 978-3935925693, S. 26.
  13. H. S. Olcott: The Theosophist, Vol. XI. Kapitel: The Dweller of the Threshold. Vol. XI, No. 123, S. 131. Abgerufen am 5. Dezember 2025.
  14. Max Heindel: The Web of Destiny. How made and Unmade. 7. Auflage. The Rosicrucian Fellowship, Oceanside 2011, ISBN 978-0-911274-17-2, S. 30–31.
  15. Die 12 Taten des Herakles. In: NumiScience. Abgerufen am 7. Dezember 2025.
  16. I guardiani delle soglie e il cammino evolutivo - Quaderno di Archeosofia n.10. Min. 6:27–6:41. In: Libreria Rotondi (Youtube-Kanal). Abgerufen am 7. Dezember 2025.
  17. Rudolf Steiner: Von Jesus zu Christus GA 131. 7. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1988, ISBN 3-7274-1310-7, S. 71 ff. (Online)
  18. Matthäus 4. In: Elberfelder Übersetzung. Edition CSV. Abgerufen am 26. Dezember 2025.
  19. Rudolf Steiner: Bewußtsein – Leben – Form. GA 89. 1. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 2001, ISBN 3-7274-0890-1. S. 134–135. (Online)
  20. Rudolf Steiner: Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? S. 184. (Online)
  21. Heinz Grill: Übungen für die Seele. Die Entwicklung eines reichhaltigen Gefühlslebens und das Erlangen erster übersinnlicher Erkenntnisse. 3., erweiterte Auflage. Synergia Verlag, 2022, ISBN 978-3-906873-33-6, S. 101.
  22. Rudolf Steiner: Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? S. 193. (Online)
  23. Heinz Grill: Der Hüter der Schwelle und der Lebensauftrag.
    S. 12–13.
  24. Heinz Grill: Der Hüter der Schwelle und der Lebensauftrag. S. 15.
  25. Rudolf Steiner: Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? S. 195. (Online)
  26. Rudolf Steiner: Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? S. 210. (Online)
  27. Heinz Grill: Der Hüter der Schwelle und der Lebensauftrag. S. 19.
  28. Heinz Grill: Erkenntnisgrundlagen zur Bhagavad Gita. 1. Auflage. Stephan Wunderlich Verlag, Sigmaringen 2024, ISBN 978-3-948803-18-6, S. 99.
  29. Rudolf Steiner: Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? S. 203. (Online)
  30. 30,0 30,1 Rudolf Steiner: Die Brücke zwischen der Weltgeistigkeit und dem Physischen des Menschen GA 202. 4. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1993, ISBN 3-7274-2020-0, S. 256 ff. (Online)
  31. Bernard C.J. Lievegoed: Der Mensch an der Schwelle. 6. Auflage, Verlag Freies Geistleben, ISBN 978-3-7725-2609-1, S. 133.
  32. 32,0 32,1 32,2 Heinz Grill: Jahresausblick auf 2023 – Teil 3. In: Beiträge zu einem Neuen Yogawillen. Abgerufen am 29. November 2025.


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