Depression: Unterschied zwischen den Versionen
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|<center>Dieser Artikel behandelt das Thema „Depression“ als psychische Erkrankung.<br><small>Weitere Bedeutungen sind unter [[w:Depression (Begriffsklärung)|Depression (Begriffsklärung)]] aufgeführt.</small></center> | |||
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[[Datei:Dürer_Melancholia_I.jpg|mini|340px|Albrecht Dürer: ''Melancholia'']] | |||
Als '''Depression''' (lateinisch ''depressio'' von lateinisch ''deprimere'' „niederdrücken“) wird in der Medizin allgemein eine Herabsetzung oder Dämpfung körperlicher oder psychischer Funktionen bezeichnet. Im Speziellen ist hier jedoch eine [[w:Psychische_Störung|psychische Störung]] gemeint, die als Erkrankung den [[w:Affektive_Störung|affektiven Störungen]] zugeordnet wird. Typische Symptome einer Depression sind gedrückte Stimmung, häufiges [[w:Grübeln|Grübeln]], das Gefühl von Hoffnungslosigkeit und ein [[w:Antriebsstörung#Formen_der_Antriebsst%C3%B6rung|verminderter Antrieb]]. Häufig verloren gehen Freude und Lustempfinden, [[w:Selbstwert|Selbstwertgefühl]], und das Interesse am Leben insgesamt. Leistungsfähigkeit und Lebensqualität sind dadurch beeinträchtigt. Die Krankheitsursachen sind bislang wenig verstanden, vor allem der biologische [[w:Pathogenese|Pathomechanismus]] (ursächlich wirkende Kausalkette von Körpervorgängen). [[w:Psychotherapie|Psychotherapie]] und [[w:Antidepressivum|Antidepressiva]] gehören zum standardmäßigen medizinischen Behandlungsangebot. | |||
Die klinische Depression unterscheidet sich von Trauer oder einer vorübergehend niedergeschlagenen, deprimierten Stimmungslage ([[w:Dysphorie|Dysphorie]]) durch eine unverhältnismäßig lange Dauer und Schwere. Als ernste, oft folgenreiche Erkrankung entzieht sie sich der Beeinflussung durch Willenskraft oder Selbstdisziplin des Betroffenen. Die Depression stellt eine wesentliche Ursache für Arbeitsunfähigkeit oder Frühverrentung dar und ist der Auslöser für rund die Hälfte der jährlichen [[w:Suizid|Selbsttötungen]] in Deutschland. | |||
Aus geistiger Forschung ergibt sich, dass eine Depression in der Regel mit einer feinstofflichen Schwächung der Leber zusammenhängt. Dadurch entsteht eine fast nicht messbare feine Verzögerung im Zuckerstoffwechsel, worunter das gesamte Energieniveau im Körper und auf seelischer Ebene leidet. Es entwickelt sich daraus keine physische Krankheit, sondern stattdessen die psychische Erkrankung der Depression. Der Depressive versinkt innerhalb seiner eigenen nach unten ziehenden, grübelnden und verzagenden Gefühlswelt. Seelisch gesehen dominiert in der Depression eine passive Erwartungshaltung mit Selbstaufgabe. | |||
Passive Formen von Spiritualität oder Religion ohne eigenständige Erkenntnissuche sind von diesem Standpunkt depressionsfördernd, ebenso eine rein materialistische Lebensausrichtung sowie ein allgemeiner Mangel an Entwicklungsschritten im Leben. Eine karmische Ursache für Depressionen kann auch aus einem früheren Leben resultieren. | |||
Aus geistiger Sicht erfordert die Depression zu ihrer Heilung eine Überwindung des Versunkenseins in die persönliche, körperlich bedingte Gefühlswelt und die entschiedene, zielgerichtete Entwicklung eines klaren, konkreten Gedankenlebens, das mit weiten Perspektiven verbunden ist. | |||
== Soforthilfen für Betroffene == | |||
Viele deutsche Online- und Print-Medien fügen bei Berichten im Kontext von Depressionen oder [[w:Suizidalität|Suizidgefahr]] deutliche Hinweise<ref name="AtrDepr">''[https://www.n-tv.de/wissen/Altersdepression-bleibt-oftmals-unerkannt-article25909064.html Erkrankung ist behandelbar – Altersdepression bleibt oftmals unerkannt.]'' In: ''n-tv.de.'' Abgerufen am 28. Januar 2026.</ref> auf folgende stets direkt zugängliche Sofort-Hilfsangebote für Betroffene in Deutschland hinzu: | |||
<div style="margin-left:15px"> | |||
* Bei [[w:Suizidalität|Suizidgefahr]]: Notruf 112 | |||
* Deutschlandweites Info-Telefon Depression, kostenfrei: 0800 33 44 5 33 | |||
* Telefonseelsorge (0800/111-0-111 oder 0800/111-0-222, Anruf kostenfrei) | |||
* Kinder- und Jugendtelefon (Tel.: 0800/111-0-333 oder 116-111) | |||
* [[w:Stiftung_Deutsche_Depressionshilfe_und_Suizidprävention|Deutsche Depressionshilfe]] (regionale Krisendienste und Kliniken, Tipps für Betroffene und Angehörige) | |||
* [[w:Deutsche_Depressionsliga|Deutsche Depressionsliga]] | |||
</div> | |||
== Verbreitung == | |||
[[Datei:Unipolar depressive disorders world map-DALYs per million persons-WHO2012.svg|mini|330px|Weltkarte zeigt die Verbreitung der Depression nach Aussage der Weltgesundheitsorganisation von 2012, pro Millionen Menschen: | |||
<small> | |||
{{Farblegende|#ffff20|7332–8194}} | |||
{{Farblegende|#ffe820|8261–8729}} | |||
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{{Farblegende|#d02010|13927–39118}}</small>]] | |||
In einer internationalen Vergleichsstudie von 2011 wurde die Häufigkeit von Depressionen in Ländern mit hohem Einkommen verglichen mit der in Ländern mit mittlerem und niedrigem Einkommen. Die [[w:Prävalenz|Lebenszeitprävalenz]] betrug in der ersten Gruppe (zehn Länder) 14,9 % und in der zweiten Gruppe (acht Länder) 11,1 %. Das Verhältnis von Frauen zu Männern war ungefähr 2:1.<ref>E. Bromet, L. H. Andrade, I. Hwang, N. A. Sampson, J. Alonso, G. de Girolamo, R. de Graaf, K. Demyttenaere, C. Hu, N. Iwata, A. N. Karam, J. Kaur, S. Kostyuchenko, J. P. Lépine, D. Levinson, H. Matschinger, M. E. Mora, M. O. Browne, J. Posada-Villa, M. C. Viana, D. R. Williams, R. C. Kessler: ''Cross-national epidemiology of DSM-IV major depressive episode.'' In: ''BMC Medicine.'' Band 9, 2011, S. 90, [https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3163615/ PMC 3163615] (freier Volltext) (Review).</ref> | |||
Rund drei bis zehn Prozent der Jugendlichen erkranken an einer Depression. Auch im jüngeren Alter ist die Erkrankung nicht selten.<ref>Ulrike M.E. Schulze, Jörg M. Fegert: ''Psychische, psychosomatische und Verhaltensstörungen.'' in Ertan Mayapatek: ''Pädiatrie - Grundlagen, Klinik und Praxis.'' München, 2019, S. 781.</ref> | |||
Die Krankheitslast durch Depressionen, etwa in Form von Arbeitsunfähigkeiten, stationären Behandlungen und Frühverrentungen, ist in Deutschland in den letzten Jahren stark angestiegen.<ref name="b72 bitzer11">E. M. Bitzer, T. G. Grobe u. a.: ''[https://web.archive.org/web/20211114125121/https://www.barmer.de/blob/36560/6409dd7c1f720b4a6db65afa38ce713e/data/pdf-krankenhaus-report-2011.pdf Barmer GEK Report Krankenhaus 2011.]'' (= Schriftenreihe zur Gesundheitsanalyse. Band 9, Barmer GEK, 2011. S. 78, ISBN 978-3-537-44109-6.) Archivlink, abgerufen am 28. Januar 2026.</ref><ref>''Statistik des Rentenzugangs.'' Deutsche Rentenversicherung Bund (Hrsg.), Statistisches Bundesamt, 2012, gbe-bund.de.</ref><ref>''Arbeitsunfähigkeit bei erwerbstätigen AOK-Mitgliedern.'' Statistisches Bundesamt, 2013. www.gbe-bund.de.</ref> Es wird angenommen, dass sich die tatsächliche Krankheitshäufigkeit deutlich weniger gravierend verändert hat und das vermehrte Auftreten durch eine bessere Erkennung und weniger Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Störungen herrührt.<ref>D. Richter, K. Berger u. a.: ''Nehmen psychische Störungen zu? Eine systematische Literaturübersicht.'' In: ''Psychiatrische Praxis.'' 35, 2008, S. 321–330.</ref> Auch die mit der Zeit niedrigschwelliger gewordenen Diagnose-Kriterien für eine psychische Störung werden als Teilursache kritisch diskutiert.<ref name="b72 horwitz07">A. V. Horwitz, J. C. Wakefield: ''The Loss of Sadness. How Psychiatry Transformed Normal Sorrow Into Depressive Disorder.'' Oxford University Press, Oxford / New York 2007.</ref> Ergebnisse von Langzeitstudien auf der anderen Seite sprechen jedoch eher für einen echten Anstieg, der mit verschiedenen gesellschaftlichen Einflussfaktoren in Zusammenhang gebracht wird.<ref>H. Spiessl, F. Jacobi: ''Nehmen psychische Störungen zu?'' In: ''Psychiatrische Praxis.'' 35, 2008, S. 318–320.</ref><ref>J. M. Twenge, B. Gentile u. a.: ''Birth cohort increases in psychopathology among young Americans, 1938–2007: A cross-temporal meta-analysis of the MMPI.'' In: ''Clin Psychol Rev.'' 30, 2010, S. 145–154.</ref><ref name="PMID22244375">B. H. Hidaka: ''Depression as a disease of modernity: explanations for increasing prevalence.'' In: ''Journal of affective disorders.'' Band 140, Nummer 3, November 2012, S. 205–214, [https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3330161/ PMC 3330161] (freier Volltext) (Review).</ref> | |||
Auch in Deutschland scheinen nach Krankenkassendaten jüngere Generationen gefährdeter zu sein, im Laufe ihres Lebens an einer psychischen Störung zu leiden.<ref>''DAK-Gesundheitsreport 2011.'' Deutsche Angestellten-Krankenkasse, Hamburg 2011.</ref> Die durchschnittliche Arbeitsunfähigkeitsdauer der versicherten Erkrankten belief sich im Jahr 2014 laut Angaben der Techniker Krankenkasse auf 64 Tage (im Vergleich: bei allen Diagnosen durchschnittlich 13 Tage). Von den zehn Gruppen mit den höchsten Erkrankungsraten gehören sieben dem Berufsbereich Gesundheit, Soziales, Lehre und Erziehung an. Mit Abstand führen Mitarbeiter in Callcentern die Liste an; gefolgt von Alten- und Krankenpflegern, Erziehern und Kinderbetreuern, Mitarbeitern der öffentlichen Verwaltung und Beschäftigten im Bewachungsgewerbe. Vergleichsweise wenig anfällig sind Hochschullehrer, Software-Entwickler und Ärzte. Frauen sind fast doppelt so oft betroffen wie Männer. Von 2000 bis 2013 hat sich die Zahl der verordneten Tagesdosen von Antidepressiva fast verdreifacht. In regionaler Hinsicht führen Hamburg (1,4 Arbeitsunfähigkeitstage pro versichertem Arbeitnehmer), Schleswig-Holstein und Berlin (je 1,3 Tage) die Liste an. In Hamburg sind 9,2 Prozent der gesamten Arbeitsunfähigkeitstage durch Depression bedingt. In Süd- und Ostdeutschland sind die Raten im Durchschnitt geringer.<ref>Daten nach Depressionsatlas der TK 2014; siehe Florian Staeck: [https://www.aerztezeitung.de/Politik/Immer-mehr-Fehltage-wegen-Depressionen-251212.html ''Immer mehr Fehltage wegen Depressionen.''] In: ''Ärzte Zeitung online''. Artikel vom 28. Januar 2015, abgerufen am 28. Januar 2026.</ref> Bei Studierenden, die bisher als relativ gesunde Gruppe galten, sind inzwischen nach Angaben der Barmer GEK 17 Prozent (etwa 470.000 Menschen), vor allem ältere, von einer psychiatrischen Diagnose betroffen.<ref>[https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/89391/Depressionen-Vor-allem-aeltere-Studierende-sind-gefaehrdet ''Depressionen: Vor allem ältere Studierende sind gefährdet.''] In: ''aerzteblatt.de.'' Artikel vom 22. Februar 2018, abgerufen am 28. Januar 2026.</ref> | |||
== Anzeichen == | |||
=== Symptome === | |||
Im Jahre 2011 wurde von mehreren Fachgesellschaften wie der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) eine Versorgungsleitlinie zum Thema Depression erarbeitet. Sie empfiehlt, zur Diagnose nach ICD-10 zwischen drei Haupt- und sieben Zusatzsymptomen zu unterscheiden:<ref name="DGPPN">DGPPN u. a.: ''Nationale VersorgungsLeitlinie – Unipolare Depression''. Springer-Verlag, Berlin/Heidelberg 2011, ISBN 978-3-642-13103-5, S. 37. ([http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/nvl-005l_Unipolare_Depression_2016-11.pdf Langfassung,] Archivlink abgerufen am 28. Januar 2026.)</ref> | |||
==== Diagnostische Symptome ==== | |||
Die Hauptsymptome sind: | |||
# gedrückte, depressive Stimmung: Die Depression ist charakterisiert durch Stimmungseinengung oder bei einer schweren Depression (englisch ''major unipolar depression'') das „Gefühl der Gefühllosigkeit“ bzw. das Gefühl anhaltender innerer Leere. | |||
# Interessensverlust und Freudlosigkeit: Verlust der Fähigkeit zu Freude oder Trauer; Verlust der affektiven Resonanz, das heißt, die Stimmung des Patienten ist durch Zuspruch nicht aufzuhellen. | |||
# [[w:Antriebsstörung|Antriebsmangel]] und erhöhte Ermüdbarkeit: Ein weiteres typisches Symptom ist die Antriebshemmung. Bei einer schweren [[w:Depressive_Episode|depressiven Episode]] können Betroffene in ihrem Antrieb so stark gehemmt sein, dass sie auch einfachste Tätigkeiten wie Körperpflege, Einkaufen oder Abwaschen nicht mehr verrichten können.<ref name="ISBN 978-3-662-22357-4">Rainer Tölle: ''Psychiatrie.'' 2012, ISBN 978-3-662-22357-4, S. 238–239. ([https://books.google.de/books?id=syL0BgAAQBAJ&pg=PA238#v=onepage&q&f=false Online])</ref> | |||
Die Zusatzsymptome sind: | |||
# verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit | |||
# vermindertes [[w:Selbstwert|Selbstwertgefühl]] und Selbstvertrauen ([[w:Insuffizienzgefühl|Insuffizienzgefühl]]) | |||
# [[w:Schuldgefühl|Schuldgefühle]] und Gefühle von [[w:Minderwertigkeitskomplex|Minderwertigkeit]] | |||
# Negative und pessimistische Zukunftsperspektiven | |||
# Suizidgedanken oder -handlungen: Schwer Betroffene empfinden oft eine völlige Sinnlosigkeit ihres Lebens. Häufig führt dieser qualvolle Zustand zu latenter oder akuter [[w:Suizidalität|Suizidalität]].<ref>[https://www.welt.de/gesundheit/article5562551/Depression-die-Krankheit-mit-dem-Mangel-an-Sinn.html ''Psychologie: Depression – die Krankheit mit dem Mangel an Sinn''.] In: ''Welt online''. Abgerufen am 28. Januar 2026.</ref> | |||
# [[w:Schlafstörung|Schlafstörungen]] | |||
# verminderter Appetit | |||
==== Mögliche weitere Symptome ==== | |||
Ferner kann zusätzlich ein [[w:Somatisches_Syndrom|somatisches Syndrom]] vorliegen, wenn mindestens vier der folgenden Symptome eindeutig feststellbar sind:<ref name="DGPPN" /> | |||
<div style="margin-left:15px"> | |||
* mangelnde Fähigkeit, emotional auf die Umwelt zu reagieren | |||
* Interessen- oder Freudeverlust an normalerweise angenehmen Aktivitäten | |||
* frühmorgendliches Erwachen: Der Schlaf ist gestört in Form von vorzeitigem Erwachen, mindestens zwei Stunden vor der gewohnten Zeit. Diese Schlafstörungen sind Ausdruck eines gestörten 24-Stunden-Rhythmus. Die Störung des [[w:Chronobiologie|chronobiologischen]] Rhythmus ist ebenfalls ein charakteristisches Symptom. | |||
* Morgentief: Häufig geht es dem Kranken vormittags besonders schlecht. Bei einer seltenen Krankheitsvariante verhält es sich umgekehrt: Es tritt ein sogenanntes „Abendtief“ auf, das heißt, die Symptome verstärken sich gegen Abend und das Einschlafen ist erschwert oder erst gegen Morgen möglich. | |||
* psychomotorische Hemmung oder [[w:Agitation_(Medizin)|Agitiertheit]]: Die Hemmung von Bewegung und Initiative geht häufig mit innerer Unruhe einher, die körperlich als ein Leidgefühl wahrgenommen wird und sehr quälend sein kann (stumme Exzitation, ''lautlose Panik'').<ref name="ISBN 978-3-662-22357-4" /> | |||
* deutliche Appetitlosigkeit | |||
* Gewichtsabnahme | |||
* auch kann sich das sexuelle Interesse vermindern oder erlöschen ([[w:Libido|Libidoverlust]]). | |||
</div> | |||
Depressive Erkrankungen gehen gelegentlich mit körperlichen Symptomen einher, sogenannten ''Vitalstörungen'', und Schmerzen in ganz unterschiedlichen Körperregionen, am typischsten mit einem quälenden Druckgefühl auf der Brust. Während einer depressiven Episode ist die Infektionsanfälligkeit erhöht. Beobachtet wird auch sozialer Rückzug, das Denken ist verlangsamt (Denkhemmung), sinnloses Gedankenkreisen ([[w:Grübeln|Grübelzwang]]), Störungen des Zeitempfindens. Häufig bestehen Reizbarkeit und Ängstlichkeit. Hinzukommen kann eine Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen.<ref>Birgit Borsutzky: [https://web.archive.org/web/20150924210833/www.swr.de/odysso/schmerzhaft-laut-wenn-geraeusche-zur-qual-werden/-/id=1046894/did=11185048/nid=1046894/18hwqtn/index.html ''Schmerzhaft laut: Wenn Geräusche zur Qual werden.''] In: ''swr.de.'' Archivlink, abgerufen am 28. Januar 2026.</ref> | |||
Wie eine Übersichtsarbeit von 2019 hervorhebt, können zu den Beeinträchtigungen bei Depressionen zusätzlich zu affektiven Merkmalen auch kognitive Merkmale betroffen sein wie Kontrollvorgänge ([[w:Exekutive_Funktionen|Exekutivfunktionen]]), Lernen, Gedächtnis, Verarbeitungsgeschwindigkeit und Aufmerksamkeit. Der Fokus bei der Auseinandersetzung mit Depressionen liege jedoch in der Regel auf affektiven Merkmalen, obwohl insbesondere Aufmerksamkeitsstörungen sich sehr negativ auf das Funktionieren im Alltag auswirke. Im Gegensatz zu anderen Symptomen der Depression verbessere sich die Aufmerksamkeit bei den meisten Patienten durch aktuelle Behandlungsformen, insbesondere [[w:Serotonin-Wiederaufnahmehemmer|SSRIs]], nicht. Medikamente, die hingegen auf [[w:Katecholamine|Katecholamine]] abzielen (z. B. Dopamin, Noradrenalin), können einer verbesserten Aufmerksamkeitsspanne zugutekommen.<ref>Arielle S. Keller, John E. Leikauf, Bailey Holt-Gosselin, Brooke R. Staveland, Leanne M. Williams: ''Paying attention to attention in depression''. In: ''Translational Psychiatry''. Band 9, Nr. 1, Dezember 2019, ISSN 2158-3188, S. 279, [https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6838308/ PMC 6838308] (freier Volltext). | |||
</ref> | |||
=== Bild der Depression erweitert mit seelisch-geistigen Zusammenhängen === | |||
Auf Basis der vorliegenden Symptomatik entsteht in Verbindung mit einer Erweiterung aus seelisch-geistigen Zusammenhängen ein tiefgehendes Bild der Depression, das Heinz Grill wie folgt beschreibt: „[…] so ist die Erscheinungsform der Depression wie ein Mensch, der die Aufmerksamkeit vom sicheren und vorgegebenen Wege verloren hat und nun in den Wäldern abirrt, mit den Füßen im Schlamme tritt und somit in seinem Gange immer langsamer, eingeschränkter und schwerer wird. Er erschöpft, und der wässrige Schlamm zieht in weiter in den verschlingenden und einsaugenden Sumpf hinein. Sein Bewusstsein empfindet mit der Zeit nur noch die Schwere und Belastung der ihn umgebenden Materie.“<ref name=":2">Heinz Grill: ''Das große Buch der Heilkraft durch Yogaaktivität.'' Stephan Wunderlich Verlag, 2025, ISBN 978-3-948803-19-3, S. 169.</ref> | |||
=== Schweregrad === | |||
Der Schweregrad wird nach ICD-10 gemäß der Anzahl der Symptome eingeteilt:<ref name="DGPPN" /> | |||
<div style="margin-left:15px"> | |||
* ''leichte Depression:'' zwei Hauptsymptome und zwei Zusatzsymptome | |||
* ''mittelschwere Depression:'' zwei Hauptsymptome und drei bis vier Zusatzsymptome | |||
* ''schwere Depression:'' drei Hauptsymptome und vier oder mehr Zusatzsymptome | |||
</div> | |||
=== Geschlechtsunterschiede === | |||
Untersuchungen weisen darauf hin, dass sich Depressionen bei Männern nicht selten in atypischen, externalisierenden Symptomen zeigen. Anstelle von Traurigkeit oder Antriebslosigkeit stehen häufig Reizbarkeit, Aggression, Feindseligkeit, vermehrter Alkohol- oder Substanzkonsum, riskantes Verhalten oder eine Übersteigerung von Arbeit und Leistung im Vordergrund.<ref>D. Winkler, E. Pjrek, S. Kasper: ''[https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/16088268/ Anger attacks in depression – evidence for a male depressive syndrome.]'' In: ''Psychotherapy and psychosomatics.'' Februar 2005, abgerufen am 28. Januar 2026 (englisch). | |||
</ref> Auch somatische Beschwerden wie Schmerzen, Schlafstörungen oder gastrointestinale Symptome können die affektive Symptomatik überlagern.<ref>Aaron B. Rochlen, Debora A. Paterniti, Ronald M. Epstein, Paul Duberstein, Lindsay Willeford, Richard L. Kravitz: ''[https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19477750/ Barriers in Diagnosing and Treating Men With Depression: A Focus Group Report.]'' In: ''American Journal of Men's Health.'' Mai 2009, abgerufen am 28. Januar 2026 (englisch). | |||
</ref> Solche Unterschiede im Symptomprofil werden vielfach auf soziokulturelle Faktoren zurückgeführt, etwa auf traditionelle Männlichkeitsnormen, die Gefühlsausdruck, Hilfesuche oder das Eingeständnis von Schwäche hemmen.<ref>J. R. Mahalik, S. M. Burns, M. Syzdek: ''[https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0277953607000846?via%3Dihub Masculinity and perceived normative health behaviors as predictors of men’s health behaviors.]'' In: ''Social Science & Medicine.'' Juni 2007, abgerufen am 28. Janaur 2026 (englisch). | |||
</ref> | |||
Für die beschriebenen Symptomkonstellationen hat sich in der populärwissenschaftlichen Literatur der Begriff ''männliche Depression'' etabliert. Der Terminus ist jedoch umstritten. Kritiker betonen, dass es sich nicht um ein eigenständiges Krankheitsbild handelt, sondern um geschlechtstypisch häufigere Ausdrucksweisen einer Depression, die wesentlich durch kulturelle Rollenerwartungen geprägt sind.<ref>Lukas Eggenberger, Ulrike Ehlert, Andreas Walther: ''[https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2023.1146078/full New directions in male-tailored psychotherapy for depression.]'' In: ''Frontiers in Psychology.'' 18. April 2023, abgerufen am 28. Janaur 2026 (englisch). | |||
</ref> Zudem besteht die Gefahr, dass sich [[w:Stereotyp|stereotype]] Zuschreibungen verfestigen und vergleichbare Symptomkonstellationen bei Frauen übersehen werden. Als alternative Bezeichnungen finden sich daher Begriffe wie ''verdeckt verlaufende Depression'' oder ''externalisierende Depression,''<ref>Joachim Retzbach: ''Depression: [https://www.spektrum.de/news/depression-was-gegen-maennliche-schwermut-hilft/2244188 Was gegen männliche Schwermut hilft.]'' In: ''Spektrum der Wissenschaft.'' 29. November 2024, abgerufen am 28. Januar 2026.</ref> die die Symptomatik beschreiben, ohne eine geschlechtsspezifische Sonderform zu implizieren. | |||
== Bei Kindern und Jugendlichen == | |||
Das Erkennen von Depressionssymptomen bei Vorschulkindern ist inzwischen relativ gut erforscht, erfordert jedoch die Beachtung einiger Besonderheiten. Entsprechendes gilt für Schulkinder und Jugendliche.<ref>Christiane Nevermann, Hannelore Reicher: ''Depressionen im Kindes- und Jugendalter''. C. H. Beck, München 2001, ISBN 3-406-47566-3.</ref> Bei Kindern liegt die [[w:Prävalenz|Prävalenz]] von Depression etwa bei drei Prozent, bei Jugendlichen bei etwa achtzehn Prozent.<ref>G. Groen, F. Petermann: ''Depressive Störungen.'' In F. Petermann (Hrsg.): ''Lehrbuch der Klinischen Kinderpsychologie.'' 6., vollständig überarbeitete Auflage, Hogrefe, Göttingen 2008, S. 427–443.</ref> Die Symptome sind bei Kindern und Jugendlichen oft nur schwer zu erkennen, da sie von alterstypischen Verhaltensweisen überlagert werden. Dies erschwert die Diagnostik. | |||
Für Kinder und Jugendliche gelten die gleichen Diagnoseschlüssel wie für Erwachsene. Allerdings können bei Kindern eine ausgesprochene Verleugnungstendenz und große Schamgefühle vorliegen. In einem solchen Fall kann Verhaltensbeobachtung und die Befragung der Eltern hilfreich sein. Auch die familiäre Belastung in Hinblick auf depressive Störungen sowie anderen Störungen sollte in den Blick genommen werden. Im Zusammenhang mit Depression wird oft eine [[w:Anamnese|Anamnese]] des Familiensystems nach Beziehungs- und Bindungsstörungen sowie frühkindlichen [[w:Deprivation|Deprivationen]] oder auch seelischen, körperlichen und sexuellen Misshandlungen erstellt.<ref>Annemarie Dührssen: ''Psychogene Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen.'' 10. Auflage, Göttingen 1974, S. 81 f. und S. 216.</ref> | |||
Zu den weiteren diagnostischen Schritten kann auch eine Befragung der Schule oder des Kindergartens hinsichtlich der Befindlichkeit des Kindes oder Jugendlichen zählen. Häufig wird auch eine orientierende Intelligenzdiagnostik durchgeführt, welche eine eventuelle Über- oder Unterforderung aufdecken soll. Spezifische Testverfahren für Depression im Kindes- und Jugendalter sind das Depressions-Inventar für Kinder und Jugendliche (DIKJ) und der Depressions-Test für Kinder (DTK). | |||
== Diagnose == | |||
[[Datei:A woman diagnosed as suffering from melancholia. Colour lith Wellcome L0026686.jpg|mini|Eine Frau mit der Diagnose Melancholie, einer älteren Bezeichnung für Depression]] | |||
Da die Depression eine sehr häufige Störung ist, sollte sie bereits vom Hausarzt erkannt werden, was aber nur in etwa der Hälfte aller Fälle gelingt. Manchmal wird die Diagnose erst von einem Psychiater, von einem Arzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie oder von einem psychologischen Psychotherapeuten gestellt. Wegen der besonderen Schwierigkeiten der Diagnostik und Behandlung von Depressionen im Kindesalter sollten Kinder und Jugendliche mit einem Verdacht auf eine Depression grundsätzlich von einem Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie oder von einem Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten untersucht werden. | |||
Verbreitete Verfahren zur Einschätzung des Schweregrades einer [[w:Depressive_Episode|depressiven Episode]] sind die Hamilton-Depressionsskala (HAMD), ein Fremdbeurteilungsverfahren, das Beck-Depressions-Inventar (BDI), ein Selbstbeurteilungsverfahren, und das Inventar depressiver Symptome (IDS), welches in einer Fremd- und einer Selbstbeurteilungsversion vorliegt. | |||
Mitunter wird eine Depression von einer anderen Erkrankung überdeckt und nicht erkannt. | |||
In der [[w:ICD-10|ICD-10]] fallen Depressionen unter den Schlüssel F32 und werden als „depressive Episode“ bezeichnet. Im Falle sich wiederholender Depressionen werden diese unter F33 klassifiziert, bei Wechsel zwischen manischen und depressiven Phasen unter F31. Die ICD-10 benennt drei typische Symptome der Depression: depressive Stimmung, Verlust von Interesse und Freude sowie eine erhöhte Ermüdbarkeit. Entsprechend dem Verlauf unterscheidet man im gegenwärtig verwendeten Klassifikationssystem ICD-10 die ''depressive Episode'' und die ''wiederholte ([[w:Rezidiv|rezidivierende]]) depressive Störung''. | |||
== Unterschiedliche Formen == | |||
{{Infobox ICD | |||
| 01-CODE = F32.0 | |||
| 01-BEZEICHNUNG = Leichte [[w:Depressive Episode|depressive Episode]] (Der Patient fühlt sich krank und sucht ärztliche Hilfe, kann aber trotz Leistungseinbußen seinen beruflichen und privaten Pflichten noch gerecht werden, sofern es sich um Routine handelt.) | |||
| 02-CODE = F32.1 | |||
| 02-BEZEICHNUNG = Mittelgradige depressive Episode (Berufliche oder häusliche Anforderungen können nicht mehr oder – bei Tagesschwankungen – nur noch zeitweilig bewältigt werden). | |||
| 03-CODE = F32.2 | |||
| 03-BEZEICHNUNG = Schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome (Der Patient bedarf ständiger Betreuung. Eine Klinik-Behandlung wird notwendig, wenn das nicht gewährleistet ist). | |||
| 04-CODE = F32.3 | |||
| 04-BEZEICHNUNG = Schwere depressive Episode mit psychotischen Symptomen (Wie F.32.2, verbunden mit Wahngedanken, z. B. absurden Schuldgefühlen, Krankheitsbefürchtungen, Verarmungswahn u. a.). | |||
| 05-CODE = F32.8 | |||
| 05-BEZEICHNUNG = Sonstige depressive Episoden | |||
| 06-CODE = F32.9 | |||
| 06-BEZEICHNUNG = Depressive Episode, nicht näher bezeichnet | |||
}} | |||
Gegenwärtig ist das Diagnose-Schema nach [[w:Internationale_statistische_Klassifikation_der_Krankheiten_und_verwandter_Gesundheitsprobleme|ICD-10]] in der medizinischen Praxis verbindlich. Die Schwere der Depression wird dort durch die Begriffe leichte, mittelgradige und schwere depressive Episode unterschieden, bei letzterer noch mit dem Zusatz mit oder ohne psychotische Symptome (siehe auch: [[#Diagnose|Diagnose]]). Mit der Einführung der ICD-11 wird bereits ab der mittelgradigen Episode unterschieden, ob diese mit oder ohne psychotische Symptome auftritt.<ref>WHO ICD-11: ''[https://icd.who.int/browse/2024-01/mms/en#187348663 6A71.1 Recurrent depressive disorder, current episode moderate, without psychotic symptoms.]'' Abgerufen am 28. Januar 2026. | |||
</ref><ref>WHO ICD-11: ''[https://icd.who.int/browse/2024-01/mms/en#419823765 6A71.2 Recurrent depressive disorder, current episode moderate, with psychotic symptoms.]'' Abgerufen am 28. Januar 2026. | |||
</ref> | |||
Nach dem ICD-10-Diagnose-Schema wird die chronische Depression nach Schwere und Dauer eingestuft in Dysthymie oder rezidivierende (wiederholte) Depression. Hier ist das [[w:Diagnostic_and_Statistical_Manual_of_Mental_Disorders|DSM-5]] genauer, da zu bestehenden chronischen depressiven Verstimmungen noch phasenweise zusätzliche Depressionen hinzukommen können. Innerhalb der DSM-5 wird dies dann „double depression“ genannt. Dort wurde jedoch auch der Ausschluss von Trauerreaktionen als Diagnosekriterium aufgehoben.<ref>Anna M. Ehret: ''DSM-IV und DSM-5: Was hat sich tatsächlich verändert?'' (Review). In: ''Verhaltenstherapie''. Band 23, Nr. 4, 2013, ISSN 1016-6262, S. 258–266, doi:[https://karger.com/ver/article-abstract/23/4/258/319573/DSM-IV-und-DSM-5-Was-hat-sich-tatsachlich?redirectedFrom=fulltext 10.1159/000356537] (Für Major Depression siehe S. 262). | |||
</ref> | |||
Organische Depression (ICD-10 F06.3 – „Organische affektive Störungen“) nennt man ein depressives Syndrom, das durch eine körperliche Erkrankung hervorgerufen wird, beispielsweise durch Schilddrüsenfunktionsstörungen, Hypophysen- oder Nebennierenerkrankungen, Schlaganfall oder Frontalhirnsyndrom. Nicht zur organischen Depression zählen hingegen Depressionen im Gefolge von hormonellen Umstellungen, z. B. nach der Schwangerschaft oder in der Pubertät. „Eine depressive Episode muss … von einer ''organischen depressiven Störung'' unterschieden werden. Diese Diagnose ist (vorrangig) zu stellen, wenn die Störung des Affekts sehr wahrscheinlich als direkte körperliche Folge eines spezifischen Krankheitsfaktors (z. B. Multiple Sklerose, Schlaganfall, Hypothyreose) angesehen wird.“<ref name="S3-03/2017">''[https://web.archive.org/web/20250519220241/https://register.awmf.org/assets/guidelines/nvl-005l_S3_Unipolare-Depression_2023-07.pdf S3-Leitlinie/Nationale Versorgungs-Leitlinie Unipolare Depression, 2022, gültig bis 2027, letzte Bearbeitung 07/2023.]'' (PDF) DGPPN, BÄK, KBV, AWMF. Archivlink, abgerufen am 28. Januar 2026. | |||
</ref> Dies gibt dem weiterbehandelnden Arzt Hinweise, dass eine somatische Erkrankung als Ursache der Depression zugrunde liegt und bei der Diagnostik und Behandlung zu berücksichtigen ist (und nicht die Depression die Ursache [[w:Funktionelle_Syndrome|funktioneller]] oder [[w:Psychosomatik|psychosomatischer]] Beschwerden ist). | |||
Entlastungsdepression wird laut dem [[w:Dorsch_–_Lexikon_der_Psychologie|Dorsch]] eine depressive Episode genannt, die sich nach „seelischer Dauerbelastung“ einstellen kann, wie sie unter anderem Prüfungen, Hafterfahrungen oder Schwangerschaften darstellen. Sie geht insbesondere mit dem Gefühl der inneren Leere einher. Ein „erhöhtes Risiko“ liege für besonders motivierte Menschen vor, „die keine klare Trennung“ zwischen „Freizeit und Arbeit vornehmen und unzureichende Erholungspausen einlegen“.<ref>''[https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/entlastungsdepression Stichwort: Entlastungsdepression.]'' In: ''Dorsch. Lexikon der Psychologie.'' Abgerufen am 28. Januar 2026. | |||
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=== Historische Formen === | |||
Die Entwicklung der Klassifikationssysteme und die verschiedenen Erscheinungsformen der Depression haben zu Bezeichnungen geführt, die heute nicht mehr gebräuchlich sind und in den modernen Klassifikationssystemen nicht verwendet werden: | |||
<div style="margin-left:15px"> | |||
* [[w:Depression#Historische_Formen|Reaktive Depression]] | |||
* [[w:Depression#Historische_Formen|Endogene Depression]] | |||
* [[w:Depression#Historische_Formen|Neurotische Depression]] | |||
* [[w:Depression#Historische_Formen|Anaklitische Depression]] | |||
* [[w:Depression#Historische_Formen|Larvierte Depression]] | |||
* [[w:Depression#Historische_Formen|Agitierte Depression]] | |||
* [[w:Depression#Historische_Formen|Atypische Depressionen]] | |||
* [[w:Depression#Historische_Formen|Spät-/Involutionsdepression]] | |||
* [[w:Depression#Historische_Formen|Altersdepression]] | |||
</div> | |||
== Disposition zur Depression == | |||
Der Tiefenpsychologe [[w:Fritz Riemann|Fritz Riemann]] (1902–1979) beschreibt vier Grundformen der Angst, wovon eine die Depression ist. Manche Menschen haben depressive Persönlichkeitsstrukturen aufgrund ihrer mitgebrachten Anlage und/oder aufgrund von bestimmten Kindheitserfahrungen und ‑traumatisierungen, welche mehr oder weniger stark ausgeprägt sein können.<ref>Fritz Riemann: ''Grundformen der Angst. Eine tiefenpsychologische Studie''. Ernst Reinhardt Verlag, 2006, ISBN 978-3-497-00749-3, S. 86.</ref> | |||
[[Datei:Sonnenumlauf und Erdrotation.jpg|mini|Die beiden Bewegungsformen der Erde – zum Einen ihr Umlauf um die Sonne und zum Anderen die Rotation um sich selbst – wirken in der Natur auf harmonische wohlabgestimmte Weise zusammen. Der Mensch trägt nach Fritz Riemann dieselben Kräfte in sich, einmal als Impuls zur Selbsthingabe an ein größeres Ganzes und zum Anderen als Impuls zur Selbstbewahrung.]] | |||
In einem Bild, das auf der kosmischen Ordnung basiert, beschreibt er 4 Grundkräfte, die auf harmonische Weise zusammenwirken müssen: | |||
# Die Erde umkreist die Sonne | |||
# Die Eigendrehung der Erde | |||
# Die Schwerkraft (wirkt zentripetal) | |||
# Die Fliehkraft (wirkt zentrifugal) | |||
Der Mensch trägt diese vier Kräfte in unterschiedlicher Ausprägung als unbewusste Triebkräfte in sich. Diese zeigen sich folgendermaßen: | |||
# Sich einordnen in ein größeres Ganzes, eigenes Wollen begrenzen zugunsten Überpersönlichem, Selbsthingabe | |||
# Ein Individuum werden (Individuation), Selbstbewahrung | |||
# Impuls nach Dauer und Beständigkeit | |||
# Impuls zur Veränderung und Wandlung<ref>Fritz Riemann: ''Grundformen der Angst.'' S. 11 ff.</ref> | |||
Fehlt der zweite Impuls, der zur Selbstbewahrung, weitgehend oder komplett, so entsteht die Erkrankung der Depression. Der Depressive hat eine Angst vor der Selbstwerdung und lebt stattdessen einseitig den ersten Impuls, den der Selbsthingabe: | |||
:„Wenn man, die Individuation vermeidend, die Hingabeseite überwertig lebt, ist, wie wir sahen, die allgemeinste Folge, dass dadurch der jeweilige andere einen Überwert bekommt, man selbst entsprechend an Wert verliert. Positiv ergibt das Zurückstellen des eigenen Ichs zunächst alles, was auf der Linie verstehender Einfühlung, des Mitgefühls und des Mitleids liegt. Man denkt immer erst an den anderen, an dessen Situation und Interessen, fühlt sich in ihn ein bis zur Identifikation. Das ermöglicht ein tiefes Fremdverständnis, ein Sich-in-andere-versetzen-Können, das zunächst etwas sehr Positives ist. Der eigentlich Depressive bleibt aber nun gleichsam in der Identifikation stecken und nimmt sich nicht wieder zu sich selbst zurück; er verliert dadurch zu viel an eigenem Standpunkt und kann zum Echo des anderen werden – man könnte sagen, er missverstehe die christliche Forderung des «liebe deinen Nächsten wie Dich selbst» als ein «mehr als dich selbst».“<ref>Fritz Riemann: ''Grundformen der Angst.'' S. 112.</ref> | |||
Riemann führt weiter aus, dass es für die depressive Persönlichkeitsstruktur eine Linie von Menschen mit durchaus noch völlig gesund zu nennenden depressiven Einschlägen über leichtere bis zu den schweren und schwersten depressiven Persönlichkeiten gebe, die folgendermaßen skizziert werden kann: | |||
:„Kontemplation, Beschaulichkeit – stille Introvertierte – Bescheidenheit, Schüchternheit – Gehemmtheit im Fordern und Sich-Behaupten – Bequemlichkeit, rezeptive Passivität – passive Erwartungshaltungen (Schlaraffenerwartungen an das Leben) – Hoffnungslosigkeit – Depression – Melancholie. Nicht selten steht am Ende dieser Linie der Selbstmord oder die völlige [[w:Apathie|Apathie]] und [[w:Indolenz|Indolenz]] oder es wird ausgewichen in eine Sucht, die aber nur vorübergehend das Ich stärkt, die Depression aufhebt.“<ref>Fritz Riemann: ''Grundformen der Angst.'' S. 115 f.</ref> | |||
== Ursachen == | |||
Die Ursachen depressiver Störungen sind komplex und nur teilweise verstanden. Es existieren sowohl anlagebedingte als auch erworbene Anfälligkeiten ([[w:Disposition_(Medizin)|Prädispositionen]]) zur Ausbildung einer Depression. Diese können durch biologische Faktoren und durch lebensgeschichtliche soziale oder psychische Belastungen sowie durch seelisch-geistige Ursachen ausgelöst werden. | |||
=== Biologische Einflüsse === | |||
==== Genetik ==== | |||
Depressive Störungen treten familiär gehäuft auf. Das Risiko, selbst an einer Depression zu erkranken, ist bei Verwandten ersten Grades etwa 50 % höher als normal.<ref name="S3-nvl-005/24">DGPPN, BÄK, KBV, AWMF: ''S3-Leitlinie/ Nationale Versorungsleitlinie Unipolare Depression – Langfassung''. Hrsg.: AWMF. 3. Auflage. AWMF-Register-Nr.: nvl-005, Nr. 5, 2022, S. 256 ([https://www.leitlinien.de/themen/depression/version-3 leitlinien.de]).</ref> Bei eineiigen Zwillingen (gleiche genetische Ausstattung) lag das Risiko, ebenfalls zu erkranken, bei 50 %, bei zweieiigen Zwillingen nur bei 15–20 %.<ref name="S3-nvl-005/24" /> Bestimmte Genabweichungen, die für die Entstehung von Depression ausschlaggebend sind, konnten jedoch bislang trotz umfangreicher Suche nicht gefunden werden.<ref name="PMID224728762">S. Ripke u. a.: ''A mega-analysis of genome-wide association studies for major depressive disorder.'' In: ''Molecular psychiatry.'' Band 18, Nummer 4, April 2013, S. 497–511, [https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3837431/ PMC 3837431] (freier Volltext) (Review).</ref> | |||
==== Neurophysiologie ==== | |||
Nach der Einführung von Reserpin als Arzneimittel in den 1950er Jahren wurde die Beobachtung gemacht, dass einige Patienten depressive Symptome zeigten, nachdem sie damit behandelt worden waren. Dies wurde auf die Senkung von Neurotransmittern im Gehirn zurückgeführt.<ref>Hans Bangen: ''Geschichte der medikamentösen Therapie der Schizophrenie.'' Berlin 1992, ISBN 3-927408-82-4. S. 94.</ref> Als gesichert gilt, dass die Signalübertragung insbesondere der [[w:Monoamine|monoaminergen]] Neurotransmitter Serotonin, Dopamin und Noradrenalin beteiligt ist. Auch weitere Signalsysteme sind involviert, die sich gegenseitig auf komplexe Weise beeinflussen. Medikamente, die Transmittersysteme beeinflussen, können depressive Symptome verändern ([[w:Antidepressivum|Antidepressiva]]). Jedoch ist unklar, inwieweit diese Transmittersysteme ursächlich an der Entstehung von Depressionen beteiligt sind.<ref>Monika Pritzel, Matthias Brand, J. Markowitsch: ''Gehirn und Verhalten: Ein Grundkurs der physiologischen Psychologie''. Springer, 2003, ISBN 3-8274-2340-6, S. 513. | |||
</ref><ref>Jeffrey R. Lacasse, Jonathan Leo: ''Serotonin and Depression: A Disconnect between the Advertisements and the Scientific Literature''. In: ''PLOS Medicine''. Band 2, Nr. 12, Artikel e392, 8. November 2005. | |||
</ref> So spricht auch etwa ein Drittel der Patienten nicht oder nur unzureichend auf Medikamente an, die monoaminerge Systeme beeinflussen.<ref name="PMID23602950">M. Hamon, P. Blier: ''Monoamine neurocircuitry in depression and strategies for new treatments.'' In: ''Progress in neuro-psychopharmacology & biological psychiatry.'' Band 45, August 2013, S. 54–63, [https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/23602950/ PMID 23602950] (Review).</ref> | |||
==== Jahreszeit ==== | |||
Die sogenannte [[w:Winterdepression|Winterdepression]] (als Untergruppe aller saisonal auftretender Störungen, zusammengefasst englisch ''Seasonal Affective Disorders – SAD'') wird als eine unzureichende Anpassung an Jahresrhythmen und an die jahreszeitlichen Veränderungen des Tagesrhythmus aufgefasst. Daran beteiligt sind mehrere Faktoren, unter anderem die jahreszeitlichen Schwankungen bei der Bildung von Vitamin D durch Sonnenlicht. Auch die antidepressive Wirksamkeit von Therapien, die [[w:Chronobiologie|cirkadiane Systeme]] beeinflussen, wie [[w:Lichttherapie|Lichttherapie]], [[w:Schlafentzug|Schlafentzug]] oder [[w:Lithiumtherapie|Lithiumtherapie]] deutet auf Zusammenhänge hin. Ungeklärt ist, ob ein gestörtes circadianes System die Depression verursacht oder die Depression Ursache des geänderten circadianen Systems ist oder andere Kombinationen verantwortlich sind.<ref name="Engelmann">Wolfgang Engelmann: ''Lithiumionen gegen Depressionen: Ist die Tagesuhr an endogenen Depressionen beteiligt? Experimente auf Spitzbergen.'' Publikation der Universität Tübingen, Tübingen, Dezember 2010, [https://publikationen.uni-tuebingen.de/xmlui/bitstream/handle/10900/49490/pdf/Depression_D.pdf?sequence=1 uni-tuebingen.de] (PDF; 14 MB).</ref><ref>J. Mendels: ''Lithium in the treatment of depression.'' In: ''American Journal of Psychiatry'', 1976, Band 133, Nr. 4, S. 373–378.</ref><ref>P. C. Baastrupa, J. C. Poulsen, M. Schoub, K. Thomsen, A. Amdisen: ''[Prophylactic Lithium: Double blind discontinuation in manic-depressive and recurrent-depressive disorders].'' In: ''The Lancet'', Band 296, Nr. 7668, 15. August 1970, S. 326–330.</ref> | |||
==== Infektionen ==== | |||
Auch chronische Infektionen mit Krankheitserregern wie Streptokokken (früher auch das Borna Disease Virus 1 (BoDV-1)) stehen in Verdacht, Depressionen auslösen zu können.<ref name="Krankheitserreger">''[https://web.archive.org/web/20070512125727/http://www.wissenschaft.de/wissenschaft/hintergrund/277899.html Hintergrund – Medizin: Wenn harmlose Erreger psychisch krank machen.]'' In: ''wissenschaft.de'' vom 9. Mai 2007. Archivlink, abgerufen am 28. Januar 2026. | |||
</ref> Die depressiven Syndrome bei schweren Infektionen oder anderen schweren Erkrankungen können nach heutigem Kenntnisstand durch Entzündungsprozesse und die dabei wirksamen [[w:Zytokin|Zytokine]] vermittelt und als ''sickness behaviour'' bezeichnet werden.<ref>Robert Dantzer, Jason C. O’Connor, Gregory G. Freund, Rodney W. Johnson, Keith W. Kelley: ''From inflammation to sickness and depression: when the immune system subjugates the brain''. In: ''Nature Reviews Neuroscience''. Band 9, Nr. 1, Januar 2008, S. 46–56, doi:[https://www.nature.com/articles/nrn2297 10.1038/nrn2297.] | |||
</ref> | |||
==== Medikamente und Drogen ==== | |||
Depressive Syndrome können durch die Einnahme oder das Absetzen von Medikamenten oder [[w:Psychotrope_Substanz|psychotropen Substanzen]] verursacht werden. Die Unterscheidung zwischen einer substanzinduzierten Depression und einer von Medikamenteneinnahme unabhängigen Depression kann schwierig sein. Grundlage der Unterscheidung ist eine durch einen Psychiater erhobene ausführliche Krankengeschichte.<ref>Frank Block, Christian Prüter (Hrsg.): ''Medikamentös induzierte neurologische und psychiatrische Störungen.'' Springer-Verlag, Berlin 2006, ISBN 3-540-28590-3.</ref> | |||
''Medikamente'', die am häufigsten depressive Symptome verursachen können, sind Antikonvulsiva, Benzodiazepine (vor allem nach Entzug), Zytostatika, Glucocorticoide, Interferone, Antibiotika, Statine, Neuroleptika, Retinoide, Sexualhormone und Betablocker. Als Medikamente mit potentiell depressionsauslösender Wirkung wurden z. B. Diazepam, Cimetidin, Amphotericin B und Barbiturate identifiziert.<ref>Monika Keller: ''Depression.'' In: Eberhard Aulbert, Friedemann Nauck, Lukas Radbruch (Hrsg.): ''Lehrbuch der Palliativmedizin.'' Schattauer, Stuttgart 1997, 3. aktualisierte Auflage 2012, ISBN 978-3-7945-2666-6, S. 1077–1095; hier: S. 1083.</ref> | |||
Ein depressives [[w:Syndrom|Syndrom]] wird häufig auch als typische Entzugserscheinung nach Drogenkonsum beobachtet.<ref name="PMID22037449">T. Renoir, T. Y. Pang, L. Lanfumey: ''Drug withdrawal-induced depression: serotonergic and plasticity changes in animal models.'' In: ''Neuroscience and biobehavioral reviews.'' Band 36, Nummer 1, Januar 2012, S. 696–726, [[doi:10.1016/j.neubiorev.2011.10.003]]. PMID 22037449 (Review).</ref> Auch beim Absetzen des Dopingmittels Anabolikum im Kraftsport kann es zu einem depressiven Syndrom kommen. Da es sich dabei um illegalen Substanzgebrauch handelt, ist die Bereitschaft von Sportlern oft gering, sich beim Absetzen einem Arzt anzuvertrauen.<ref name="PMID23033230">E. J. Ip, D. H. Lu, M. J. Barnett, M. J. Tenerowicz, J. C. Vo, P. J. Perry: ''Psychological and physical impact of anabolic-androgenic steroid dependence.'' In: ''Pharmacotherapy.'' Band 32, Nummer 10, Oktober 2012, S. 910–919, [[doi:10.1002/j.1875-9114.2012.01123]], PMID 23033230.</ref> | |||
==== Hormonelle Empfängnisverhütung ==== | |||
Die Einnahme hormoneller [[w:Empfängnisverhütung|Kontrazeptiva]] kann zu Stimmungsschwankungen führen und eine Veränderung der Stimmung ist ein häufiger Grund dafür, dass deren Einnahme beendet wird.<ref name="PMID31701260">C. A. Lewis, A. S. Kimmig, R. G. Zsido, A. Jank, B. Derntl, J. Sacher: ''Effects of Hormonal Contraceptives on Mood: A Focus on Emotion Recognition and Reactivity, Reward Processing, and Stress Response.'' In: ''Current psychiatry reports.'' Band 21, Nummer 11, 11 2019, S. 115, [https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6838021/ PMC 6838021] (freier Volltext) (Review).</ref> Formale depressive Symptome hingegen, werden zwar in den Packungsbeilagen hormoneller Kontrazeptiva als mögliche unerwünschte Nebenwirkung genannt, die Datenlage bezüglich eines kausalen Zusammenhangs zwischen der Einnahme von Kontrazeptiva und dem Auftreten depressiver Verstimmungen bleibt jedoch unklar. Frauen sollte laut der aktuellen Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) geraten werden, sich im Falle von Stimmungsschwankungen oder depressiven Symptomen während einer hormonellen kontrazeptiven Behandlung mit ihrem Arzt in Verbindung zu setzen. Die Einnahme von hormonellen Kontrazeptiva führt nicht zu einer Verschlechterung bereits existierender Depressionen.<ref>S3-Leitlinie ''[https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/015-015 Hormonelle Empfängnisverhütung]'' der Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e. V. (DGGG). In: ''AWMF online'' (Stand 2020)</ref> | |||
==== Schwangerschaft ==== | |||
Nach einer groß angelegten britischen Studie sind etwa zehn Prozent aller Frauen von Depressionen während der Schwangerschaft betroffen. Nach einer anderen Studie sind es in der 32. Schwangerschaftswoche 13,5 Prozent. Die Symptome können extrem unterschiedlich sein. Hauptsymptom ist eine herabgesetzte Stimmung, wobei dies nicht Trauer im engeren Sinn sein muss, sondern von den betroffenen Patienten auch oft mit Begriffen wie „innere Leere“, „Verzweiflung“ und „Gleichgültigkeit“ beschrieben wird. Psychosomatische körperliche Beschwerden sind häufig. Es dominieren negative Zukunftsaussichten und das Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Das Selbstwertgefühl ist niedrig. Die depressive Symptomatik in der Schwangerschaft wird oft von schwangerschaftstypischen „Themen“ beeinflusst. Dies können etwa Befürchtungen in Bezug auf die Mutterrolle oder die Gesundheit des Kindes sein.<ref>Werner Rath, Klaus Friese: ''Erkrankungen in der Schwangerschaft.'' Thieme, 2005, S. 347.</ref><ref>Jonathan Evans: [https://www.bmj.com/content/323/7307/257.abstract ''Cohort study of depressed mood during pregnancy and after childbirth.''] In: ''BMJ.'' Band 323, 2001, S. 257–260 (4. August 2001).</ref> | |||
==== Wochenbett ==== | |||
Zum Stimmungstief der Mutter im Wochenbett nach einer Geburt („Baby-Blues“) werden verschiedene mögliche [[w:Neuroendokrinologie|neuroendokrinologische]] Ursachen diskutiert.<ref name="PMID23181531">A. Skalkidou, C. Hellgren, E. Comasco, S. Sylvén, I. Sundström Poromaa: ''Biological aspects of postpartum depression.'' In: ''Women’s health.'' Band 8, Nummer 6, November 2012, S. 659–672, [[doi:10.2217/whe.12.55]]. PMID 23181531 (Review).</ref> Mit einer oft zitierten Häufigkeit von ungefähr 10 bis 15 Prozent ist diese sogenannte [[w:Postpartale_Stimmungskrisen|postnatale Depression]] weit verbreitet. Allerdings zeigte ein Vergleich von 143 Studien mit Daten aus 40 Staaten, dass die tatsächlichen Häufigkeiten im Bereich von 0 bis 60 % liegen, was mit großen sozioökonomischen Unterschieden in Verbindung gebracht wurde. So war die Häufigkeit in Singapur, Malta, Malaysia, Österreich und Dänemark sehr gering, dagegen in Brasilien, Guyana, Costa Rica, Italien, Chile, Südafrika, Taiwan und Südkorea sehr hoch.<ref name="PMID16466664">U. Halbreich, S. Karkun: ''Cross-cultural and social diversity of prevalence of postpartum depression and depressive symptoms.'' In: ''Journal of affective disorders.'' Band 91, Nummer 2–3, April 2006, S. 97–111, [[doi:10.1016/j.jad.2005.12.051]]. PMID 16466664 (Review).</ref> Die Symptome können Niedergeschlagenheit, häufiges Weinen, Angstsymptome, Grübeln über die Zukunft, Antriebsminderung, Schlafstörungen, körperliche Symptome und lebensmüde Gedanken bis hin zur Suizidalität umfassen. | |||
==== Leberschwäche und Leberleiden ==== | |||
In der Naturheilkunde wird ein Zusammenhang zwischen Depression und einer Schwächung oder Erkrankung der Leber gesehen.<ref>Elvira Bierbach (Hrsg.): ''Naturheilpraxis Heute. Lehrbuch und Atlas''. Urban & Fischer Verlag, 2002, ISBN 3-437-55241-4, S. 1294.</ref> | |||
=== Psychologische Einflüsse === | |||
==== Erlernte Hilflosigkeit ==== | |||
Nach Seligmans Depressionsmodell werden Depressionen durch Gefühle der Hilflosigkeit bedingt, die auf unkontrollierbare, [[w:Aversion|aversive]] Ereignisse folgen. Entscheidend für die erlebte Kontrollierbarkeit von Ereignissen sind die Ursachen, auf die die Person ein Ereignis zurückführt. Nach Seligman führt die Ursachenzuschreibung unangenehmer Ereignisse auf [[w:Attributionstheorien#Seligman|interne, globale und stabile Faktoren]] zu Gefühlen der Hilflosigkeit, die wiederum zu Depressionen führen. Mittels Seligmans Modell lässt sich die hohe [[w:Komorbidität|Komorbidität]] zu Angststörungen erklären: Für alle [[w:Angststörung|Angststörungen]] ist es charakteristisch, dass die Personen ihre Angst nicht oder sehr schlecht kontrollieren können, was zu Hilflosigkeits- und im Verlauf der Störung auch zu Hoffnungslosigkeitserfahrungen führt. Diese wiederum sind, laut Seligman, ursächlich für die Entstehung von Depressionen.<ref name="Hautzinger,Jong-Meyer">M. Hautzinger, R. de Jong-Meyer: ''Depressionen.'' In: H. Reinecker (Hrsg.): ''Lehrbuch der Klinischen Psychologie und Psychotherapie''. Hogrefe, Göttingen 2003.</ref> | |||
==== Kognitionen als Ursache ==== | |||
Im Zentrum von Aaron T. Becks [[w:Kognitive_Theorie_der_Depression|kognitiver Theorie der Depression]] stehen kognitive Verzerrungen der Realität durch den Depressiven. Ursächlich dafür sind, laut Beck, negative kognitive Schemata oder Überzeugungen, die durch negative Lebenserfahrungen ausgelöst werden. Kognitive Schemata sind Muster, die sowohl Informationen beinhalten als auch zur Verarbeitung von Informationen benutzt werden und somit einen Einfluss auf Aufmerksamkeit, Enkodierung und Bewertung von Informationen haben. Durch Benutzung dysfunktionaler Schemata kommt es zu kognitiven Verzerrungen der Realität, die im Falle der depressiven Person zu pessimistischen Sichtweisen von sich selbst, der Welt und der Zukunft führen (negative Triade). Als typische kognitive Verzerrungen werden u. a. willkürliche Schlüsse, selektive Abstraktion, Übergeneralisierungen und Über- oder Untertreibungen angesehen. Die kognitiven Verzerrungen verstärken rückwirkend die Schemata, was zu einer Verfestigung der Schemata führt. Unklar ist jedoch, ob kognitive Fehlinterpretationen, bedingt durch die Schemata, die Ursache der Depression darstellen oder ob durch die Depression kognitive Fehlinterpretationen erst entstehen.<ref name="Hautzinger,Jong-Meyer" /> Für Depressionen bei Kindern und Jugendlichen wurden bisher kaum Hinweise dafür gefunden, dass kognitive Fehlinterpretationen die Ursache für Depression darstellen.<ref>Almeida et al.: ''Cognitive vulnerability to depression in children and adolescents: a literature review''. In: ''Gerais: Revista Interinstitucional de Psicologia''. Band 10, Nr. 1, 2017, S. 133.</ref> | |||
==== Emotionale Intelligenz ==== | |||
Daniel Goleman sieht im Rahmen des Konzepts der [[w:Emotionale_Intelligenz|emotionalen Intelligenz]] bei depressiven Teenagern zwei emotionale Defizite. Erstens zeigten depressive Teenager, wie auch Aaron T. Beck beschreibt, eine Tendenz, Wahrnehmungen negativ, also depressionsverstärkend, zu interpretieren. Zweitens mangele es depressiven Jugendlichen an der Fähigkeit, zwischenmenschliche Beziehungen zu gestalten (Eltern, [[w:Peergroup|Peergroup]], Sexualpartner). Kinder, die depressive Neigungen haben, zögen sich bereits in sehr jungem Alter zurück, wichen Sozialkontakten aus und verpassten dadurch soziales Lernen, das sie später nur noch schwer nachholen könnten.<ref>Daniel Goleman: . Bantam Books, New York 1995, ISBN 0-553-09503-X, S. 240–245.; Maria Kovac, David Goldston: ''Cognitive and Social Development of Depressed Children and Adolescents.'' In: ''Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry.'' Mai 1991; Daniel Goleman: [https://www.nytimes.com/1994/01/11/science/childhood-depression-may-herald-adult-ills.html?pagewanted=all&src=pm ''Childhood Depression May Herald Adult Ills.''] In: ''New York Times.'' Artikel vom 11. Januar 1994, abgerufen am 28. Januar 2026.</ref><ref>Gregory Clarke: ''Prevention of Depression in At-Risk High School Adolescents.'' Konferenzpapier, American Academy of Child and Adolescent Psychiatry, Oktober 1993.</ref> | |||
==== Verstärkerverlust ==== | |||
Nach dem Depressionsmodell von Lewinsohn, das auf der [[w:Instrumentelle_und_operante_Konditionierung|operanten Konditionierung]] der [[w:Behaviorismus|behavioristischen]] Lerntheorie beruht, entstehen Depressionen aufgrund einer zu geringen Rate an unmittelbar mit dem Verhalten verbundener [[w:Verstärkung_(Psychologie)|Verstärkung]]. Nach Lewinsohn hängt die Menge positiver Verstärkung von der ''Anzahl'' verstärkender Ereignisse, von der ''Menge'' verfügbarer Verstärker und von den Verhaltensmöglichkeiten einer Person ab, sich so zu verhalten, dass Verstärkung möglich ist.<ref name="Hautzinger,Jong-Meyer" /> Im weiteren Verlauf kann es zu einer ''Depressionsspirale'' kommen, wenn Betroffene sich aufgrund der Interesselosigkeit sozial zurückziehen und der Verlust an Verstärkern wiederum zu einer weiteren Verschlechterung der Stimmung beiträgt.<ref>[https://books.google.de/books?id=NxkjBAAAQBAJ&pg=PA309#v=onepage&q&f=false eingeschränkte Vorschau] in der Google-Buchsuche</ref> Dieser Entwicklung müsse dann durch Verhaltensänderungen im Sinne einer „Anti-Depressionsspirale“ entgegengewirkt werden.<ref>Annette Schaub, Elisabeth Roth, Ulrich Goldmann: ''Kognitiv-psychoedukative Therapie zur Bewältigung von Depressionen.'' 2. Auflage. Hogrefe, 2006, ISBN 3-8017-1999-5. ([https://books.google.de/books?id=_lBfAgAAQBAJ&pg=PA97#v=onepage eingeschränkte Vorschau] in der Google-Buchsuche).</ref> Das entsprechende Konzept ist die Grundlage für die Verhaltensaktivierung in der Behandlung.<ref>Sona Dimidjian, Ruth Herman-Dunn: ''Verhaltensaktivierung bei Depression: eine Methode zur Behandlung von Depression''. 1. Auflage. Kohlhammer, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-17-022936-5. | |||
</ref> | |||
==== Stressoren und Traumata ==== | |||
Anhaltende Stressbelastungen wie etwa Armut können Depressionen auslösen.<ref>James N. Butcher, Susan Mineka, Jill M. Hooley: ''Klinische Psychologie.'' Pearson Studium, 2009, S. 296.</ref> Auch frühe Traumata können spätere Depression bedingen. Da die Hirnreifung bei Kindern noch nicht abgeschlossen ist, können traumatische Erlebnisse das Entstehen einer schweren Depression im Erwachsenenalter begünstigen.<ref>Interview mit Günter H. Seidler: ''Syrien: [https://www.spektrum.de/news/syrien-die-folgen-von-traumata-erstrecken-sich-ueber-generationen/1367283 „Ich bezweifle, dass es dort je wieder eine funktionierende Zivilgesellschaft geben kann“.]'' In: ''Spektrum.de.'' Abgerufen am 28. Janurr 2026. | |||
</ref> Zu den auslösenden Faktoren von Traumata gehören Deprivation, Vernachlässigung, Trennungs- und Verlusterlebnisse oder auch schwerwiegende Krankheitserfahrungen, invasive medizinische Eingriffe (wie z. B. [[w:Miktionszystourethrogramm|Miktionszystourethrographie]]) von der perinatalen bis Kindheitsphase.<ref>Katja Beesdo-Baum, Hans-Ulrich Wittchen: ''Depressive Störungen: Major Depression und Persistierende Depressive Störung (Dysthymie)''. In: ''Klinische Psychologie & Psychotherapie''. Springer, Berlin, Heidelberg 2020, ISBN 978-3-662-61814-1, S. 1043, doi:[https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-662-61814-1_46 10.1007/978-3-662-61814-1_46.]</ref> | |||
Brown und Harris (1978) berichteten in ihrer als Klassiker geltenden Studie an Frauen aus sozialen Brennpunkten in London, dass Frauen ohne soziale Unterstützung ein besonders hohes Risiko für Depressionen aufweisen. Viele weitere Studien haben seitdem dieses Ergebnis gestützt. Menschen mit einem kleinen und wenig unterstützenden sozialen Netzwerk werden besonders häufig depressiv. Gleichzeitig haben Menschen, die erst einmal depressiv geworden sind, Schwierigkeiten, ihr soziales Netzwerk aufrechtzuerhalten. Sie sprechen langsamer und monotoner und halten weniger Blickkontakt, zudem sind sie weniger kompetent beim Lösen interpersonaler Probleme.<ref>James N. Butcher, Susan Mineka, Jill M. Hooley: ''Klinische Psychologie.'' Pearson Studium, 2009, S. 307.</ref> | |||
==== Mangelnde soziale Anerkennung ==== | |||
Der Medizinsoziologe Johannes Siegrist hat auf der Grundlage umfangreicher empirischer Studien das Modell der [[w:Gratifikationskrise|Gratifikationskrise]] (verletzte soziale Reziprozität) zur Erklärung des Auftretens zahlreicher Stresserkrankungen (wie Herz-/Kreislauf-Erkrankungen, Depression) vorgeschlagen. | |||
Gratifikationskrisen gelten ebenso wie [[w:Mobbing|Mobbing]] als großer psychosozialer Stressfaktor. Gratifikationskrisen können vor allem in der Berufs- und Arbeitswelt, aber auch im privaten Alltag (z. B. in Partnerbeziehungen) als Folge eines erlebten Ungleichgewichtes von wechselseitigem Geben und Nehmen auftreten. Sie äußern sich in dem belastenden Gefühl, sich für etwas engagiert eingesetzt oder verausgabt zu haben, ohne dass dies gebührend gesehen oder gewürdigt wurde. Oft sind solche Krisen mit dem Gefühl des Ausgenutztseins verbunden. Mobbing ist hingegen durch das Erleben von direkter oder versteckter sozialer Ausgrenzung gekennzeichnet.<ref>Bärbel Meschkutat, Martina Stackelbeck, Georg Langenhoff: ''Der Mobbing-Report – Repräsentativstudie für die Bundesrepublik Deutschland.'' Wirtschaftsverlag NW, Dortmund 2002, ISBN 3-89701-822-5; [http://www.baua.de/cae/servlet/contentblob/682700/publicationFile/46973/Fb951.pdf Volltext] (PDF; 614 kB).</ref> In diesem Zusammenhang kann es bei beiden Formen zu heftigen negativen Emotionen kommen, die bei einem Andauern auch zu einer Depression führen können. | |||
==== Folgen von elterlichen Depressionen ==== | |||
Eine Depression bei einem Familienmitglied wirkt sich auf Kinder aller Altersgruppen aus. Elterliche Depression ist ein Risikofaktor für Depressionen von deren Kindern. Beispielsweise kann es zu einer sog. [[w:Transgenerationale_Weitergabe|transgenerationalen Weitergabe]] kommen. Viele Studien haben die negativen Folgen der Interaktionsmuster zwischen depressiven Müttern und ihren Kindern belegt. Bei den Müttern wurde mehr Anspannung und weniger verspielte, wechselseitig belohnende Interaktion mit den Kindern beobachtet. Sie zeigten sich weniger empfänglich für die Emotionen ihres Kindes und weniger bestätigend im Umgang mit dessen Erlebnissen. Außerdem boten sich den Kindern Gelegenheiten zum Beobachten depressiven Verhaltens und depressiven Affektes.<ref>James N. Butcher, Susan Mineka, Jill M. Hooley: ''Klinische Psychologie.'' Pearson Studium, 2009, S. 309.</ref> André Green (1983) beschreibt in seinem Konzept der emotional „toten Mutter“, dass eine Depression die Folge davon sein könnte, dass in wichtigen Entwicklungsphasen eine emotionale Antwort der Eltern fehlte.<ref>Gudrun Banck, Herbert Will, Yvonne Grabenstedt: ''Depression: Psychodynamik & Therapie''. Kohlhammer, 2008, ISBN 978-3-17-020122-4, S. 80–81 ([https://books.google.de/books?id=LxpQkdGOfGYC&pg=PA80#v=onepage&q&f=false eingeschränkte Vorschau] in der Google-Buchsuche). | |||
</ref><ref name="Sinnfragen">Ulrike Lehmkuhl, Heiner Sasse, Pit Wahl: ''Wozu leben wir? Sinnfragen und Werte heute''. Vandenhoeck & Ruprecht, 2007, ISBN 978-3-647-45014-8, S. 62–63 ([https://books.google.de/books?id=V8rxCQAAQBAJ&pg=PA62#v=onepage eingeschränkte Vorschau] in der Google-Buchsuche).</ref> | |||
==== Unterdrückung eigener Interessen (Aggressionshemmung) ==== | |||
Karl Abraham (1912) beobachtete bei Depressionen eine Aggressionshemmung, was auch von Melanie Klein aufgenommen wurde.<ref name="Sinnfragen" /> Daraufhin wurde zunächst angenommen, diese Aggressionshemmung könne ursächlich für die Depression sein. Zum Teil wurde sowohl innerhalb als auch außerhalb der Psychoanalyse das Auftreten von Aggression als positives Zeichen interpretiert.<ref name="Mentzos">Stavros Mentzos: Depression und Manie: ''Pychodynamik und Therapie affektiver Störungen''. Vandenhoeck & Ruprecht, 2011, ISBN 978-3-525-45775-7, S. 63–64. ([https://books.google.de/books?id=oQpJAImXrFoC&pg=PT62&dq=depression+aggressionshemmung&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjIurP76dvcAhUFdxoKHWPaAj8Q6AEILzAB#v=onepage&q=depression%20aggressionshemmung&f=true google.de]) | |||
</ref> Stavros Mentzos geht jedoch davon aus, dass nicht eine sinnlose aggressive Entladung die Depression mildern kann, sondern eine die eigenen Interessen berücksichtigende Lösung eines [[w:Grundkonflikt|inneren Konflikts]].<ref name="Mentzos" /> | |||
=== Seelisch-geistige Einflüsse === | |||
==== Gewöhnung der Leber an unordentliche astralische Einflüsse ==== | |||
[[Rudolf Steiner]], Begründer der Anthroposophie, zeigt aus geistiger Sicht den Zusammenhang einer spezifischen Schwäche im Leberorgan auf, welche unter bestimmten Bedingungen nicht zu einer chronischen physischen Erkrankung, sondern zur psychischen Erkrankung der Depression führt: | |||
:„Nun aber kommt es zur gewöhnlichen physischen chronischen Erkrankung, wenn der ganze Vorgang so im Organ gehalten werden kann, daß [[a:Astralleib|astralischer Leib]] und [[a:Ätherleib#Der_%C3%84therleib_als_Bildner_und_Erhalter_des_physischen_Leibes|Ätherleib]] richtig ihren Anteil nehmen an der Organwirkung und so viel als nötig ist, in die Organwirkung hineinsenden. Ist der Kranke so konstituiert, daß er ertragen kann ein unordentliches Hereinwirken des astralischen Leibes auf dem Umweg durch den Ätherleib in sein Organ, ist der Kranke also so geartet, daß er den abnormen Zusammenhang seines astralischen Leibes mit seiner Leber über einen gewissen kritischen Punkt hinwegbringt, so daß gewissermaßen die Leber nicht merkt, daß der astralische Leib nicht ordentlich in sie hineinwirkt, dann, ich möchte sagen, erholt sich die Leber, aber sie gewöhnt sich an das unordentliche Hineinwirken des astralischen Leibes. Das braucht dann nur lange genug fortzuschreiten und es macht den umgekehrten Weg in das [[a:Seele|Seelische]] hinein. Das, was die Leber aufnehmen sollte ins Physische, schiebt sie in das Seelische hinein, und wir haben die Depression, so daß also in einer gewissen Weise dadurch, daß der Mensch chronische Krankheiten über einen gewissen Punkt hin bis zu der abnormen Beziehung zum astralischen Leib hin übersteht, die Anlage gegeben wird zur sogenannten geistigen Erkrankung.“<ref>Rudolf Steiner: ''Geisteswissenschaft und Medizin.'' GA 312. 7. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1999, ISBN 3-7274-3120-2, S. 377–378. ([https://odysseetheater.org/GA/Buecher/GA_312.pdf#page=377&view=Fit Online])</ref> | |||
==== Metaphysische Schwächung der Leber führt zu Verzögerung im Zuckerstoffwechsel ==== | |||
Auch Heinz Grill weist aus geistiger Forschung darauf hin, dass die Leber das bei der Depression am stärksten betroffene Organ ist. Dies zeigt sich jedoch in aller Regel nicht an pathologischen Leberwerten oder einer Vergrößerung der Leber, sondern auf einer metaphysischen Ebene: | |||
:„Der zur Leber zugehörige Planet Jupiter ist im Sternenmeer der Regent der hohen Ideale, des Selbstbewusstseins, der Religion und der Protektion. In der Depression ist die Kraft des Jupiters durch bestimmte Fremdeinflüsse abgeschwächt oder gestört. Die Leber, die die Werte des Jupiters benötigt und die nichts mehr als ein konzentriertes und ein kristallklares Denken liebt, beginnt in der Depression auf eine feine pathologische Weise störend in den Gesamtzusammenhang des Körpers einzustrahlen. Die Stoffwechselvorgänge, die im [[w:Anabolismus|Anabolismus]] und [[w:Katabolismus|Katabolismus]] geregelt sind, geraten zunehmend in eine Disharmonie, und meist sind es die abbauenden, formbildenden, vom Gedanken kommenden Kräfte, die nicht mehr richtig in den Gesamtzusammenhang des physiologischen Wirkens treten.“<ref name=":2" /> | |||
Es wird vor allem der Zuckerstoffwechsel, der in der Leber stattfindet, gestört, worunter das gesamte Energieniveau leidet: | |||
:„Durch die Schweretendenz in diesem großen Stoffwechsellaboratorium tritt eine Verzögerung vor allem im Zuckerstoffwechsel ein. Diese, wenn auch vielleicht recht minimale Verzögerung, ist der Ausdruck für das Nicht-eingreifen-Können des rechten kosmischen Strahlungsfeldes aus dem Jupiter. In der Folge dieser Verzögerung stört sich das gesamte Energieniveau im Körper und Wohlbefinden, da dem Körper im Moment tatsächlich auch nicht mehr das rechte Maß an Zucker zur Verfügung steht. Das Gehirn benötigt diese Energiesubstanz aus den Kohlenhydraten am meisten, aber auch die Muskulatur und die verschiedenen Gewebe brauchen Zucker. Diese feine, fast nicht nachweisbare Verzögerung des Stoffwechsels bringt eine weitreichende Folge für das gesunde integrative Denken und Handeln und für das positive Interesse an der Außenwelt. Die Leber, die aus dem Zusammenhang geglitten ist und in die Schwere sinkt, bringt dadurch eine Art Lähmung und Passivität in alle weiteren Aktivitäten hinein und strahlt schließlich auf das eigene Bewusstsein eine gefangennehmende Traurigkeit aus, die sich wiederum von dem Menschen bis hinein in die Umwelt verströmt. Alle Handlungen und Gedanken sind von einem sensiblen Ziehen der Müdigkeit und der Hoffnungslosigkeit, die im wahrsten Sinn eine Lebensangst darstellt, begleitet. Dem schwer gewordenen Gedankenleben fehlt das Licht des Jupiters und somit die erhebende und organisierende Kraft eines soliden Selbstwertgefühls. Es fehlt das Licht des Gedankens und somit verschatten Bedrückung, Sorge und Verzagtheit die Wahrnehmung zur Welt.“<ref>Heinz Grill: ''Das große Buch der Heilkraft durch Yogaaktivität.'' S. 170.</ref> | |||
==== Gedankenlähmung ==== | |||
Die bei der Depression häufig auftretende Willenslähmung oder Antriebshemmung ist nach den Forschungen von Heinz Grill die Folge einer Gedankenlähmung: | |||
:„Der Wille scheint gelähmt zu sein, die ganze Antriebskraft, die Motivation zum Leben, die Begeisterungsfähigkeit zum Leben, das Interesse nach außen, die Bewegungen nach außen sind wie gelähmt und eingeschnürt im eigenen Innenraum. Das Fühlen in der Depression ist aber gar nicht so sehr diese Willenslähmung, sondern es ist, wenn wir sie einmal ganz genau betrachten, mehr eine Gedankenlähmung. Sie wird bezeichnet als Willenslähmung oder als Willensmangel. Der Wille wäre aber in der Depression bereit, vieles zu tun, jedoch scheint sich eine negative Macht, eine sehr schwere, grübelnde Tendenz durch uns so blockierend zu äußern, dass wir nicht weiterschreiten können. Es scheint sich hier etwas Fremdes, etwas Wesenhaftes durch uns bemerkbar zu machen. Dieses Wesenhafte ist eine Art Zeichen des Schlafes. In der Depression haben wir die typische Stimmung des Schlafes. Wir können mit den Gedanken noch nicht erwachen, wir sind, wenn wir es bildhaft beschreiben wollen, in der Depression mit dem Kopf im Leibe versunken. Wir könnten uns die Depression bildhaft so vorstellen, dass der Kopf hineinstürzt nach innen und sich einschnürt in diesen Innenraum. Das zeigt sich beispielsweise an jenen Verhältnissen des Denkens. Das Denken in der Depression ist meistens sehr, sehr schwer zu begeistern, sehr, sehr schwer in ein lichthaftes, in ein freudiges, in ein feuriges Bewusstsein zu führen.“<ref>Heinz Grill: ''Über die Einheit von Körper, Seele und Geist. Öffentliche Vorträge 1997 zu den Themen Angst, Seelsorge, Entwicklung der Individualität und Heilung''. Lammers-Koll Verlag, 2001, ISBN 3-935925-84-0, S. 44.</ref> | |||
==== Erwartungshaltung statt gedanklicher Schöpferkraft ==== | |||
Bei der Depression liegt eine von Heinz Grill so bezeichnete Selbstlosigkeit ohne Selbst vor: | |||
:„Diese falsche Selbstlosigkeit bringt ein unendliches Dilemma von Schwierigkeiten in Bewegung, da sie der Entwicklung des Geistes, der zu einem freien und reifen Individuum aufsteigen möchte, entgegengesetzt ist. So sucht vielleicht das Gemüt in der Phase der Traurigkeit verstärkt in der Außenwelt Rat und Hilfe. […] Eine überbereitwillige Offenheit entsteht gerne gegenüber Ratschlägen und fremden Meinungen sowie auch einer fremden Führung. Ganz besonders innerhalb religiöser Formen imponiert plötzlich die überfromme Hingabe und Bereitschaft zur Aufopferung gegenüber einem göttlichen Ideal, das in einer außenstehenden, fernen Dimension angenommen wird. In einem passiven Hoffen und sehnsüchtigen Bitten ruft das Gebet um Hilfe für das eigene Leben. Die Erwartung und nicht die Schöpferkraft prägen das Gemüt. In den Gebetserwartungen äußern sich aber nur flehende Gefühle, die höchstens eine Depression verstärken, aber niemals heilen können.<ref name=":3">Heinz Grill: ''Das große Buch der Heilkraft durch Yogaaktivität.'' S. 174.</ref> | |||
==== Ungünstige Formen von Spiritualität oder Religiosität ==== | |||
Heinz Grill weist darauf hin, dass ungünstige Formen von Spiritualität oder Religiosität Depressionen fördern können: | |||
:„Die heutigen religiösen Formen fördern die Depressionen, da sie den Menschen nicht zur praktischen Verwirklichung religiöser Inhalte führen, sondern ihn an Glaubenssysteme fesseln möchten. Wie wenig kann eine katholische Kirche eine wirkliche Auskunft über das nachtodliche Leben und über die Lehren der [[a:Reinkarnation|Reinkarnation]] und ''[[a:Karma|karma]]'' geben? Sie aber repräsentiert den höchsten Anspruch der Wahrheit. Der Mensch wird durch diese Lehre auf einen Körper und auf eine Seele reduziert und es wird ihm ein schöpferisches geistiges Bewusstsein in vollkommener Freiheit nicht ausreichend zugestanden.“<ref name=":4">Heinz Grill: ''Das große Buch der Heilkraft durch Yogaaktivität.'' S. 175.</ref> | |||
Alle Glaubens- und auch Yogasysteme, die in Form von [[w:Apostolische_Sukzession|Sukzession]] arbeiten, förderten tendenziell depressive Grundstimmungen.<ref name=":3" /> | |||
==== Materialistische Weltsicht ==== | |||
Rudolf Steiner zeigt auf, dass eine rein materialistische Weltsicht Depressionen fördert: | |||
:„Wie leidet heute mancher Mensch praktisch unter den naturwissenschaftlichen Vorurteilen! Da steht ein Mensch, und wenn er ein naturwissenschaftlicher Gläubiger und den Geist Ablehnender ist, so sagt er sich wohl: Da habe ich eine gewisse Art der Individualität an mir; ich schaue hinauf zu meiner Blutsverwandtschaft und muß erkennen, wie ich das Ergebnis der Vererbung seitens dieser meiner Blutsverwandtschaft bin. – Dann senkt sich Depression, Energielosigkeit und Unfähigkeit des Ankämpfens gegen ein Schicksal in manche Seele. Denn wenn es so wäre, daß der Mensch nur das Ergebnis der Vererbung wäre, dann würde es ebenso unmöglich sein, die schlimmen Wirkungen der Vererbung aufzuhalten, wie es unmöglich ist, den Blitz, der gegen einen Menschen zuckt, aufzuhalten. Wenn aber die Geisteswissenschaft nicht bloß eine Theorie bleibt, sondern Kraft der Seele wird, so daß wir wissen: in uns lebt ein seelischer Kern, der das, was die Vererbungslinie gegeben hat, nur als äußere Hülle an sich trägt, und der in sich immer tiefere und tiefere Kräfte suchen muß – dann wächst der Mut, die Hoffnung, die Energie, um das, was sich im äußeren körperlichen Dasein als Schwäche zeigt, durch das Geistige zu beherrschen und zu verbessern. Da gibt es dann keinen Augenblick im Menschenleben mehr, wo man nicht im Hinblick auf die geistigen Kräfte im Menschen die Sicherheit gewinnen kann, äußere Hindernisse zu überwinden.“<ref>Rudolf Steiner: ''Ergebnisse der Geistesforschung.'' GA 62. 2. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1988, ISBN 3-7274-0620-8, S. 112. ([https://odysseetheater.org/GA/Buecher/GA_062.pdf#page=112&view=Fit Online])</ref> | |||
Außerdem weist er auf die Depressionen fördernde Wirkung hin, die ein äußerlich angenehmes Leben mit sich bringt, denn es entsteht der Hang, nur über das Physische nachzudenken. Die Seelen bleiben dadurch öde und werden leidender: | |||
:„Wer sich genauer das Leben ansieht, kann das heute schon bemerken. In kaum einem Zeitalter hat es so viele Menschen gegeben, welche in so angenehmen äußeren Verhältnissen leben, aber mit öden, unbeschäftigten Seelen einhergehen, wie es heute der Fall ist. Diese Menschen eilen darum von Sensation zu Sensation; dann, wenn das Pekuniäre reicht, reisen sie von Stadt zu Stadt, um etwas zu sehen, oder wenn sie in derselben Stadt bleiben müssen, eilen sie jeden Abend von Vergnügen zu Vergnügen. Die Seele bleibt aber darum doch öde, weiß zuletzt selber nicht mehr, was sie aufsuchen soll in der Welt, um einen Inhalt zu bekommen. Namentlich wird durch ein Leben in rein äußeren, physisch annehmlichen Zuständen der Hang erzeugt, nur über das Physische nachzudenken. Und wenn diese Neigung, sich nur mit dem Physischen zu beschäftigen, nicht schon lange vorhanden wäre, so würde auch nicht die Neigung zum theoretischen Materialismus so stark geworden sein, wie es in unserer Zeit der Fall ist. So werden die Seelen leidender, während das äußere Leben gesünder gemacht wird.“<ref>Rudolf Steiner: ''Die Offenbarungen des Karma.'' GA 120. 8. Auflage, Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1992, ISBN 3-7274-1200-3, S. 175. ([https://odysseetheater.org/GA/Buecher/GA_120.pdf#page=175&view=Fit Online])</ref> | |||
==== Mangel an Entwicklung ==== | |||
Depressionen können auch entstehen, wenn Menschen aufgrund eines Mangels an geeigneten Zielen zu wenig in einer Entwicklung stehen.<ref name=":4" /> | |||
==== Karmische Einflüsse ==== | |||
Aus geistiger Sicht können einer Depression, insbesondere wenn es sich um eine schwerwiegendere handelt, auch [[a:Karma|karmische]] Ursachen zugrunde liegen: „Während in einem früheren Leben zu wenig Bewusstsein aufgebracht wurde und sich der Mensch mehr durch seine eigenen vitalen Gefühle gelenkt hat, so muss er nun auf ganz besondere Weise unter schwierigeren Umständen sein Bewusstsein kreieren. Diese für ihn außergewöhnliche Aktivität bewirkt aber eine wachsende Wertschätzung des realen Gliedes des Geistes.“<ref>Heinz Grill: ''Das große Buch der Heilkraft durch Yogaaktivität.'' S. 172.</ref> | |||
Rudolf Steiner erwähnt außerdem einen Bezug der Depression mit einem zukünftigen Leben: | |||
:„Der Psychoanalytiker findet irgendeinen Menschen, der unter dieser oder jener Depression leidet. Diese Depression braucht ihren Ursprung nicht im gegenwärtigen bewußten Seelenleben zu haben, sondern in der Vergangenheit. In diesem Leben trat einmal irgend etwas im seelischen Erleben auf. Der Mensch ist darüber hinausgekommen, aber nicht vollständig; im Unterbewußten ist ein Rest geblieben. Er hat zum Beispiel Enttäuschungen erlebt. Er ist durch Erziehung, durch andere Vorgänge, mit dem bewußten Seelenleben über diese Enttäuschungen hinweggekommen, aber im Unbewußten, da leben sie. Da wogt sie, diese Enttäuschung, gewissermaßen bis an die Grenze der Bewußtheit heran. […] Aber in dem, was da eingebettet ist, birgt sich zu gleicher Zeit eine Keimkraft, welche das darstellt, was – wenn der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen sein wird in das Leben, das zwischen dem Tod und einer neuen Geburt verläuft, und dann in ein neues Erdenleben eintritt – aus den getäuschten Hoffnungen etwas ganz anderes macht als eine Depression, dasjenige aus ihnen macht, was dann in einem nächsten Leben zur Ent-Täuschung, zur Ertüchtigung führt. In dem, was der Psychoanalytiker in den enttäuschten Lebenshoffnungen in den Untergründen der Seele sucht, liegt, wenn er nur tief genug darauf eingeht, dasjenige, was sich vorbereitet in einem gegenwärtigen Leben, um schicksalsmäßig in ein nächstes Leben einzugreifen.“<ref>Rudolf Steiner: ''Geist und Stoff, Leben und Tod.'' GA 66. 2. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1988, ISBN 3-7274-0660-7, S. 180–181. ([https://odysseetheater.org/GA/Buecher/GA_066.pdf#page=180&view=Fit Online])</ref> | |||
== Behandlung == | |||
Depressionen können bei der Mehrheit der Patienten erfolgreich behandelt werden. Im Vordergrund stehen die medikamentöse Behandlung mit [[w:Antidepressivum|Antidepressiva]] und die [[w:Psychotherapie|Psychotherapie]]. Weitere Therapieverfahren, z. B. Lichttherapie, Wachtherapie, Sport- und Bewegungstherapie, Elektrokonvulsionstherapie ergänzen die Behandlungsmöglichkeiten. Die aktuelle nationale Behandlungsleitlinie wertet bei mittelschweren bis schweren depressiven Perioden Antidepressiva als gleichwertig mit einer Psychotherapie. Bei schweren Depressionen wird eine Kombination von Psychotherapie und antidepressiver Medikation empfohlen.<ref name="S3-03/2017" /> | |||
Durchgeführt wird die Psychotherapie von psychologischen Psychotherapeuten, von ärztlichen Psychotherapeuten, von Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, von Heilpraktikern für Psychotherapie. Häufig erfolgt parallel dazu die Gabe von Antidepressiva durch den Hausarzt oder Psychiater. Die Behandlung erfolgt ambulant oder stationär in psychiatrischen Kliniken bzw. Fachkrankenhäusern. | |||
=== Stationäre Behandlung === | |||
[[Datei:Kh beh depr 00-10 gbe-bund.png|mini|Anzahl stationärer Behandlungen an wiederholter (rezidivierender) Depression 2000–2010 (Deutschland)]] | |||
Bei hohem Leidensdruck und einem nicht zufriedenstellenden Ansprechen auf ambulante Therapie und [[w:Psychopharmakon|Psychopharmaka]] – ''insbesondere jedoch bei drohendem [[w:Suizid|Suizid]]'' – ist eine Behandlung in einer psychiatrischen Klinik in Erwägung zu ziehen. Die stationäre Behandlung dauert in der Regel vier bis acht Wochen und bietet dem Patienten eine Tagesstruktur sowie die Möglichkeit intensiverer psychotherapeutischer und medizinischer Maßnahmen. Häufig ist auch die medikamentöse Einstellung, beispielsweise bei der Lithiumtherapie, ein Grund für einen Krankenhausaufenthalt. Dabei ist es auch möglich, sich in einer Tagesklinik tagsüber intensiv behandeln zu lassen, die Nacht aber zu Hause zu verbringen. Psychiatrische Kliniken haben in der Regel offene und geschlossene Stationen, wobei Patienten auch auf geschlossenen Stationen in der Regel Ausgang haben. | |||
Stationäre Depressionsbehandlungen sind in den letzten Jahren sehr viel häufiger geworden. Die Häufigkeit einzelner Krankenhausbehandlungen aufgrund wiederholter ([[w:Rezidiv|rezidivierender]]) Depressionen ist zwischen 2001 und 2010 auf mehr als das 2,8fache angestiegen.<ref>''Das Informationssystem der Gesundheitsberichterstattung des Bundes.'' Statistisches Bundesamt, Bonn 2012 ([http://www.gbe-bund.de/ gbe-bund.de]).</ref> Der Anstieg der Zahl an Aufnahmen relativiert sich jedoch, wenn man die gleichzeitige Verkürzung der durchschnittlichen Verweildauer im Krankenhaus berücksichtigt. Depressionen verursachten nach Daten der Barmer GEK im Jahre 2010 über sechs Prozent aller Krankenhaustage und liegen damit mit großem Abstand an der Spitze aller Diagnosen. Nach Entlassung aus dem Krankenhaus kommt es bei etwa 30–40 % der Patienten innerhalb eines Jahres zur erneuten stationären Aufnahme.<ref name="b72 bitzer11" /> | |||
=== Psychotherapie === | |||
Zur Behandlung der Depression kann ein breites Spektrum [[w:Liste_von_Psychotherapie-_und_Selbsterfahrungsmethoden|psychotherapeutischer Verfahren]] wirksam eingesetzt werden (Übersicht über evaluierte Therapieverfahren bei Hautzinger, 2008<ref>Hautzinger: ''Psychotherapie der Depression.'' In: ''Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz. Schwerpunkt Depression.'' Band 51, 2008, S. 422–429, PMID 18345471.</ref>). Hierzu gehören die kognitive Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und die analytische Psychotherapie.<ref>Leuzinger-Bohleber et al., 2019, [https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30384775/ PMID 30384775].</ref> Auch die Gesprächspsychotherapie, die Gestalttherapie, metakognitive Therapie nach Wells sowie metakognitives Training können zur Behandlung eingesetzt werden. Neuere integrative Ansätze zur Behandlung chronischer bzw. rezidivierender Depressionen sind das Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy (CBASP) sowie die Achtsamkeitsbasierte Kognitive Therapie (englisch ''Mindfulness Based Cognitive Therapy'', MBCT).<ref>Vgl. S3-Leitlinie (Langfassung).</ref> Seit einigen Jahren kommen auch zunehmend Online-Therapieprogramme (Onlineberatung) zum Einsatz,<ref>[https://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/krankenkassen/article/937832/tk-studie-depression-laesst-online-mildern.html ''Depression lässt sich auch online mildern.''] In: ''Ärzte Zeitung online'', 14. Juni 2017. Abgerufen am 28 Januar 2026.</ref> z. B. iFightDepression.<ref>[https://ifightdepression.com/de/selbstmanagement-ressourcen/ifightdepression-tool ''Online-Tool.''] In: ''Deutsche Depressionshilfe.'' Abgerufen am 15. November 2022.</ref> | |||
==== Verhaltenstherapie ==== | |||
Die [[w:Verhaltenstherapie|verhaltenstherapeutische]] Behandlung der Depression wird heutzutage auf der Grundlage der [[w:Kognitive_Verhaltenstherapie|Kognitiven Verhaltenstherapie]] durchgeführt. In der Therapie sollen die depressionsauslösenden Denkmuster und Verhaltensmuster herausgearbeitet werden, um sie anschließend Schritt für Schritt zu verändern. Zusätzlich wird der Patient zu größerer Aktivität motiviert, um seine persönlichen Verstärkermechanismen wieder zu aktivieren und um die erwiesen positiven Wirkungen größerer körperlicher Aktivität auf die Stimmung zu nutzen. Weitere Methoden der Kognitiven Verhaltenstherapie umfassen die Krisenbewältigung, die Diagnostik, das Erkennen negativer Denkmuster oder das Erkennen des Zusammenhangs von Handeln und Fühlen.<ref>Katja Beesdo-Baum, Hans-Ulrich Wittchen: ''Depressive Störungen: Major Depression und Persistierende Depressive Störung (Dysthymie)''. In: ''Klinische Psychologie & Psychotherapie.'' Springer, Berlin, Heidelberg 2020, ISBN 978-3-662-61814-1, S. 1055 f., doi:[https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-662-61814-1_46 10.1007/978-3-662-61814-1_46.]</ref> | |||
==== Tiefenpsychologische Therapie ==== | |||
In der [[w:Tiefenpsychologisch_fundierte_Psychotherapie|tiefenpsychologischen]] Behandlung sollen durch die Aufdeckung und Bearbeitung unbewusster psychischer Konflikte und verdrängter Erfahrungen die zugrundeliegenden Ursachen für die Erkrankung bewusst gemacht werden. Die im Laufe der Therapie für den Patienten wahrnehmbar werdenden, zugrundeliegenden Motive, Gefühle und Bedürfnisse sollen dadurch in das aktuelle Leben integrierbar werden. | |||
Hinsichtlich der Unterschiede in der Wirksamkeit verschiedener Psychotherapien lassen sich keine pauschalen Empfehlungen geben, sodass hier die Präferenzen, Hauptbeschwerden und auslösende oder aktuell belastende Faktoren des Patienten bei der Auswahl des therapeutischen Verfahrens berücksichtigt werden sollten.<ref name="PMID23312024">M. L. van Hees, T. Rotter, T. Ellermann, S. M. Evers: ''The effectiveness of individual interpersonal psychotherapy as a treatment for major depressive disorder in adult outpatients: a systematic review.'' In: ''BMC psychiatry.'' Band 13, 2013, S. 22, [https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3558333/ PMC 3558333] (freier Volltext) (Review).</ref> Auch die aktuelle nationale Behandlungsleitlinie beinhaltet keine Empfehlung zu spezifischen Psychotherapieverfahren, sondern verweist auf Evidenztabellen mit unterschiedlichen Forschungsergebnissen.<ref name="S3-03/2017" /> Allerdings heißt es dort: „In spezifischen Reviews wurden psychotherapeutische Behandlungsverfahren, die speziell auf die Therapie der Depression abgestimmt sind (z. B. kognitive Verhaltenstherapie oder Interpersonelle Psychotherapie bzw. psychodynamische Psychotherapie), als gleich wirksam wie Antidepressiva beschrieben.“<ref>DGPPN, BÄK, KBV, AWMF für die Leitliniengruppe Unipolare Depression (Hrsg.): ''[https://web.archive.org/web/20170828013539/http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/nvl-005l_S3_Unipolare_Depression_2017-05.pdf#page=94 S3-Leitlinie/Nationale VersorgungsLeitlinie. Unipolare Depression. Langfassung.]'' Version 5, 2. Auflage. 2015. Archivlink, abgerufen am 28. Januar 2026. | |||
</ref> Für die Akuttherapie gilt laut nachfolgendem Abschnitt ''Effektivität psychotherapeutischer Verfahren in der Akuttherapie'': „Die meisten Belege für eine psychotherapeutische Monotherapie liegen für leichte und mittelgradige depressive Störungen vor. Bei mittelschweren bis schweren [[w:Depressive_Episode|depressiven Episoden]] ist eine Differenzialindikation erforderlich.“ | |||
=== Medikamente === | |||
[[Datei:SynapseSchematic de.svg|330px|mini|Die Signalübertragung vom [[w:Axon|Axon]] eines [[w:Nervenzelle|Neurons]] (oben) zum [[w:Dendrit_(Biologie)|Dendriten]] eines anderen Neurons (unten) wird erhöht z. B. durch die Blockade von [[w:Transportprotein|Transportern]], die ausgeschüttete [[w:Neurotransmitter|Neurotransmitter]] in das Axon zurückführen. Dadurch erhöht sich die Menge der Transmitter im [[w:Synaptischer_Spalt|synaptischen Spalt]] zwischen den Zellen und damit die Signalübertragung von Zelle zu Zelle. Medikamente, die solche Transporter blockieren, sind typisch für [[w:Antidepressivum|Antidepressiva]].]] | |||
==== Pharmazeutika ==== | |||
Die Wirksamkeit von Antidepressiva ist stark abhängig vom Schweregrad der Erkrankung. Während bei mildem und mäßigem Schweregrad die Wirksamkeit fehlend oder gering ist, ist sie bei schwerer Depression deutlicher.<ref name="PMID20051569">J. C. Fournier, R. J. DeRubeis, S. D. Hollon, S. Dimidjian, J. D. Amsterdam, R. C. Shelton, J. Fawcett: ''Antidepressant drug effects and depression severity: a patient-level meta-analysis.'' In: ''Journal of the American Medical Association.'' (JAMA) Band 303, Nummer 1, Januar 2010, S. 47–53, [https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3712503/ PMC 3712503] (freier Volltext) (Review).</ref> Bei den schwersten Formen profitieren bis zu 30 % der behandelten Patienten über die Placeborate hinaus von Antidepressiva.<ref name="S3-03/2017" /> Ein Drittel bis die Hälfte der Patienten spricht nicht auf die Medikation an nach einer mehrwöchigen Behandlung mit einem ersten Antidepressivum.<ref name="DiagnostikStufentherapie">''[https://www.aerzteblatt.de/archiv/chronische-und-therapieresistente-depression-diagnostik-und-stufentherapie-a8353a10-a1e7-4c3c-b11e-29ded499e7cb Chronische und therapieresistente Depression — Diagnostik und Stufentherapie.]'' In: ''Deutsches Ärzteblatt'' vom 7. November 2014, abgerufen am 28. Januar 2026.</ref> Metaanalysen weisen darauf hin, dass antidepressive Medikamente in ihrer Wirksamkeit von Patient zu Patient große Unterschiede zeigen und in manchen Fällen eine Kombination verschiedener Medikamente Vorteile haben kann.<ref name="PMID26576188">D. Santarsieri, T. L. Schwartz: ''Antidepressant efficacy and side-effect burden: a quick guide for clinicians.'' In: ''Drugs in context.'' Band 4, 2015, S. 212290, [https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4630974/ PMC 4630974] (freier Volltext) (Review).</ref><ref name="PMID22367652">F. L. Rocha, C. Fuzikawa, R. Riera, C. Hara: ''Combination of antidepressants in the treatment of major depressive disorder: a systematic review and meta-analysis.'' In: ''Journal of clinical psychopharmacology.'' Band 32, Nummer 2, April 2012, S. 278–281, [[doi:10.1097/JCP.0b013e318248581b]]. PMID 22367652 (Review).</ref> In der Wahrnehmung der (Fach-)Öffentlichkeit wird die Wirksamkeit von Antidepressiva eher überschätzt, da Studien, in denen das Antidepressivum besser als ein Placebo abschnitt, sehr viel häufiger in Fachjournalen publiziert werden, als solche, in denen das Antidepressivum einem Placebo nicht überlegen war.<ref name="S3-03/2017" /> | |||
Unerwünschte Nebenwirkungen sind mit der Einführung der Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI, siehe unten) in den 80er Jahren deutlich zurückgegangen, jedoch weiterhin zu beachten.<ref name="PMID15014625">J. M. Ferguson: ''SSRI Antidepressant Medications: Adverse Effects and Tolerability.'' In: ''Primary care companion to the Journal of clinical psychiatry.'' Band 3, Nummer 1, Februar 2001, S. 22–27. [https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC181155/ PMC 181155] (freier Volltext).</ref> | |||
Die Therapietreue ([[w:Compliance_(Medizin)|Compliance]]) der Patienten bei der Anwendung der Medikamente ist wie bei anderen psychiatrischen Medikamenten relativ gering. Nur etwa die Hälfte bleibt in der akuten Phase dabei, und hiervon wiederum nur etwa die Hälfte auch in der Nachfolgephase.<ref name="PMID17496721">A. Akincigil, J. R. Bowblis, C. Levin, J. T. Walkup, S. Jan, S. Crystal: ''Adherence to antidepressant treatment among privately insured patients diagnosed with depression.'' In: ''Medical care.'' Band 45, Nummer 4, April 2007, S. 363–369, [https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC2882940/ PMC 2882940] (freier Volltext).</ref> | |||
Die bekanntesten Antidepressiva lassen sich in drei Gruppen einteilen: | |||
'''Selektive Wiederaufnahmehemmer''' | |||
Diese Wirkstoffe hemmen die Wiederaufnahme der [[w:Neurotransmitter|Neurotransmitter]] Serotonin, Noradrenalin oder Dopamin in die Präsynapse. Direkte Wirkungen auf andere Neurotransmitter sind bei diesen ''selektiven'' Wirkstoffen deutlich schwächer ausgeprägt als bei trizyklischen Antidepressiva. | |||
Die [[w:Serotonin-Wiederaufnahmehemmer|selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer]] (SSRI) werden bei Depressionen heute am häufigsten eingesetzt. Sie wirken ab einer Einnahmedauer von zwei bis drei Wochen. Sie hemmen (weitgehend) selektiv die Wiederaufnahme von Serotonin an der präsynaptischen Membran, wodurch eine „relative“ Vermehrung des Botenstoffs Serotonin bei der Signalübertragung erzielt wird. Ähnlich wirken [[w:Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer|Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer]] (SNRI), welche zusätzlich die Wiederaufnahme von Noradrenalin in die Präsynapse vermindern. Von vergleichbarem Wirkmechanismus sind Noradrenalin-Dopamin-Wiederaufnahmehemmer und selektive Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer, welche die Wiederaufnahme von Noradrenalin, bzw. Noradrenalin und Dopamin hemmen. SSRI und SNRI (z. B. Reboxetin) unterscheiden sich in ihrem Nebenwirkungsprofil.<ref name="PMID24525810">A. A. Crawford, S. Lewis, D. Nutt, T. J. Peters, P. Cowen, M. C. O’Donovan, N. Wiles, G. Lewis: ''Adverse effects from antidepressant treatment: randomised controlled trial of 601 depressed individuals.'' In: ''Psychopharmacology.'' Band 231, Nummer 15, August 2014, S. 2921–2931, [https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4099525/ PMC 4099525] (freier Volltext).</ref> | |||
SSRIs werden seit ca. 1986 eingesetzt; seit 1990 sind sie die am häufigsten verschriebene Klasse von Antidepressiva. Wegen des nebenwirkungsärmeren Profils, vor allem in Bezug auf Kreislauf und Herz, werden sie häufig verordnet. Relativ häufige Nebenwirkungen sind jedoch Verdauungsstörungen, erhöhtes Risiko innerer Blutungen, [[w:Sexuelle_Dysfunktion|sexuelle Dysfunktion]] und [[w:Orgasmus#Anorgasmie|Anorgasmie]].<ref name="PMID15014625" /> | |||
'''Trizyklische Antidepressiva''' | |||
Die [[w:Trizyklisches_Antidepressivum|trizyklischen Antidepressiva]] (z. B. Trimipramin, Amitriptylin) wurden bis zum Aufkommen der Serotonin-Wiederaufnahmehemmer am häufigsten verschrieben. Es handelt sich um eine relativ große Gruppe von Substanzen, die sich in ihren Wirkungen und vor allem in ihren Kombinationsmöglichkeiten mit anderen Klassen von Antidepressiva markant unterscheiden und daher fundiertes Wissen erfordern.<ref name="PMID17471183">P. K. Gillman: ''Tricyclic antidepressant pharmacology and therapeutic drug interactions updated.'' In: ''British journal of pharmacology.'' Band 151, Nummer 6, Juli 2007, S. 737–748, [https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC2014120/ PMC 2014120] (freier Volltext) (Review).</ref> Hauptnachteil sind deren ausgeprägte auftretende Nebenwirkungen (z. B. Mundtrockenheit, Verstopfung, Müdigkeit, Muskelzittern und Blutdruckabfall), wobei es besser verträgliche Ausnahmen gibt (z. B. Amoxapin, Maprotilin). Bei älteren und bei durch Vorerkrankungen geschwächten Menschen ist daher Vorsicht geboten. Zudem wirken einige Trizyklika häufig zunächst antriebssteigernd und erst danach stimmungsaufhellend, wodurch es zu einem höheren Suizidrisiko in den ersten Wochen der Einnahme kommen kann. In den USA müssen sie zusammen mit SSRI einen diesbezüglichen Warnhinweis tragen. | |||
'''Monoaminooxidase-Hemmer (MAO-Hemmer)''' | |||
[[w:Monoaminoxidase-Hemmer|MAO-Hemmer]] wirken durch Blockieren der Monoaminoxidase-[[w:Enzym|Enzyme]]. Diese Enzyme spalten Monoamine wie Serotonin, Noradrenalin und Dopamin – also [[w:Neurotransmitter|Neurotransmitter]] (Botenstoffe zwischen den Nervenzellen im Gehirn) – und verringern dadurch deren Verfügbarkeit zur Signalübertragung im Gehirn. Die MAO-Hemmer hemmen diese Enzyme, wodurch sich die Konzentration der Monoamine und damit der Neurotransmitter erhöht und die Signalübertragung zwischen den Nervenzellen verstärkt wird. | |||
MAO-Hemmer werden in selektiv oder nichtselektiv sowie reversibel oder irreversibel unterteilt. Selektive Inhibitoren der MAO-A (z. B. Moclobemid, reversibel) hemmen nur den Typ A der Monoaminoxidase und zeigen eine antidepressive Wirkung. Sie sind im Allgemeinen gut verträglich, unter anderem mit deutlich weniger Störungen bei Verdauungs- und Sexualfunktionen als bei SSRI.<ref name="PMID12595913">U. Bonnet: ''Moclobemide: therapeutic use and clinical studies.'' In: ''CNS drug reviews.'' Band 9, Nummer 1, 2003, S. 97–140. PMID 12595913 (freier Volltext) (Review).</ref> Die Einnahme von nichtselektiven irreversiblen MAO-Hemmern kann in Verbindung mit dem Verzehr bestimmter Lebensmittel, wie z. B. Käse und Nüssen, zu einem gefährlichen Blutdruckanstieg führen. Deshalb müssen Patienten, die nichtselektive, irreversible MAO-Hemmer einnehmen, eine strenge, [[w:Tyramin|tyraminarme]] Diät halten. Nichtselektive MAO-Hemmer (z. B. Tranylcypromin, irreversibel) hemmen MAO-A und MAO-B und werden in der Behandlung von (therapieresistenten) Depressionen und Angststörungen eingesetzt. Irreversible MAO-Hemmer binden die MAO-A bzw. MAO-B dauerhaft. Um die Wirkung aufzuheben, muss das betroffene Enzym vom Körper erst neu gebildet werden, was Wochen dauern kann. Reversible MAO-Hemmer hingegen binden nur schwach an die MAO und geben MAO-A bzw. MAO-B spätestens mit dem Abbau des Medikaments wieder intakt frei. | |||
Neuere Studien weisen auf eine Einsatzmöglichkeit von Ketamin in Akutfällen: | |||
'''Ketamin''' | |||
Bei depressiven Notfällen ([[w:Suizidalität|Suizidgefährdung]]) bestätigten mehrere Studien eine schnelle antidepressive Wirkung von [[w:Ketamin|Ketamin]], einem [[w:Antagonist_(Pharmakologie)|Antagonisten]] am Glutamat-NMDA-Rezeptorkomplex.<ref name="PMID24103187">A. C. Nugent, N. Diazgranados, P. J. Carlson, L. Ibrahim, D. A. Luckenbaugh, N. Brutsche, P. Herscovitch, W. C. Drevets, C. A. Zarate: ''Neural correlates of rapid antidepressant response to ketamine in bipolar disorder.'' In: ''Bipolar disorders.'' Band 16, Nummer 2, März 2014, S. 119–128, [https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3949142/ PMC 3949142] (freier Volltext).</ref><ref name="PMID25010396">A. McGirr, M. T. Berlim, D. J. Bond, M. P. Fleck, L. N. Yatham, R. W. Lam: ''A systematic review and meta-analysis of randomized, double-blind, placebo-controlled trials of ketamine in the rapid treatment of major depressive episodes.'' In: ''Psychological medicine.'' Band 45, Nummer 4, März 2015, S. 693–704, [[doi:10.1017/S0033291714001603]]. PMID 25010396 (Review).</ref><ref name="PMID25773961">L. Reinstatler, N. A. Youssef: ''Ketamine as a potential treatment for suicidal ideation: a systematic review of the literature.'' In: ''Drugs in R & D.'' Band 15, Nummer 1, März 2015, S. 37–43, [https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4359177/ PMC 4359177] (freier Volltext) (Review).</ref><ref name="PMID23683309">D. R. Lara, L. W. Bisol, L. R. Munari: ''Antidepressant, mood stabilizing and procognitive effects of very low dose sublingual ketamine in refractory unipolar and bipolar depression.'' In: ''The international journal of neuropsychopharmacology / official scientific journal of the Collegium Internationale Neuropsychopharmacologicum.'' Band 16, Nummer 9, Oktober 2013, S. 2111–2117, [[doi:10.1017/S1461145713000485]]. PMID 23683309.</ref> Studienergebnisse zeigten bei einmaliger Gabe eine signifikante Besserung über einen Zeitraum von bis zu sieben Tagen.<ref name="PMID25847818">C. M. Coyle, K. R. Laws: ''The use of ketamine as an antidepressant: a systematic review and meta-analysis.'' In: ''Human psychopharmacology.'' Band 30, Nummer 3, Mai 2015, S. 152–163, [[doi:10.1002/hup.2475]], PMID 25847818 (Review).</ref> Es gibt Empfehlungen zur niedrigdosierten Verordnung, welche im Gegensatz zum Gebrauch als [[w:Anästhetikum|Anästhetikum]] oder [[w:Dissoziativum|Dissoziativum]] kaum Nebenwirkungen zeigt.<ref>T. A. Henderson: ''Practical application of the neuroregenerative properties of ketamine: real world treatment experience.'' In: ''Neural regeneration research.'' Band 11, Nummer 2, Februar 2016, S. 195–200, [https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4810965/ PMC 4810965] (freier Volltext) (Review).</ref><ref>Roland Seifert, Lutz Hein: ''[https://web.archive.org/web/20200714025406/http://www.biospektrum.de/blatt/d_bs_pdf%26_id%3D1350536 Ketamin zur Behandlung von Depression und Suizidalität.]'' (Memento vom 14. Juli 2020 im ''Internet Archive'') (PDF) In: ''BIOspektrum'', 21. Jahrgang, ''Wissenschaft Aktuell'', 4/2015, S. 419, Springer-Verlag. Abgerufen am 28. Januar 2026.</ref> Seit Dezember 2019 ist ein Nasenspray mit dem Ketamin-Derivat Esketamin (''Spravato'') in der europäischen Union zugelassen.<ref>''[https://www.ema.europa.eu/en/medicines/human/EPAR/spravato Spravato Informationsseite.]'' European Medicines Agency, 18. Dezember 2019, abgerufen am 14. April 2020 (englisch).</ref> | |||
'''Lithium''' | |||
[[w:Lithiumtherapie|Lithium]] wird in erster Linie bei therapieresistenten Depressionen, zur Phasenprophylaxe bei wiederkehrenden Depressionen, zur Verbesserung der Wirkung bei Nichtansprechen auf Antidepressiva ([[w:Augmentation_(Medizin)|Augmentation]]) oder als Monotherapie in Akutphasen, und zur Reduzierung einer Suizidgefahr eingesetzt. Aufgrund möglicher schwerer Nebenwirkungen muss eine Lithiumeinnahme streng überwacht werden.<ref>AWMF (Hrsg.): ''S3-Leitlinie/Nationale Versorgungsleitlinie Unipolare Depression – Langfassung''. 2. Auflage Version 5. 2015, S. 71–72. ([https://register.awmf.org/assets/guidelines/nvl-005l_S3_Unipolare_Depression_2017-05.pdf awmf.org] PDF) | |||
</ref> | |||
'''Antiepileptika''' | |||
Alternativ oder ergänzend zu Lithium werden auch die [[w:Antikonvulsivum|Antiepileptika]] Carbamazepin, Lamotrigin und Valproinsäure zur Phasenprophylaxe bei wiederkehrenden Depressionen eingesetzt.<ref>Roland Ricken, Max Pilhatsch, Michael Bauer: [https://dgbs.de/fileadmin/cust/dgbs-materialien/DGBS_Bipolare_Stoerungen_und_Pharmakotherapie.pdf ''Bipolare Störungen: Pharmakotherapie.''] In: ''dgbs.de''. Abgerufen am 28. Januar 2026.</ref><ref>Psychiatrienetz: [https://www.psychiatrie.de/psychopharmaka/phasenprophylaktika.html ''Phasenprophylaktika.''] In: ''psychiatrie.de''. Abgerufen am 28. Januar 2026.</ref> | |||
==== Phytotherapeutika ==== | |||
[[Datei:Silybum marianum kz1.JPG|mini|Die Mariendistel ist mit ihrem hohen Gehalt an Bitterstoffen ein in der Naturheilkunde häufig angewendetes Heilmittel zur Stärkung der Leber. ]] | |||
Phytotherapeutika, also pflanzliche Arzneimittel, wie Johanniskrautextrakte werden bei leichten und mittelschweren Depressionen häufig verschrieben und eingenommen. Wirkung und Nebenwirkungen sind aber nicht abschließend geklärt.<ref>AWMF (Hrsg.): ''S3-Leitlinie/Nationale Versorgungsleitlinie Unipolare Depression – Langfassung''. 2. Auflage Version 5. 2015, S. 72. ([https://register.awmf.org/assets/guidelines/nvl-005l_S3_Unipolare_Depression_2017-05.pdf awmf.org] PDF) | |||
</ref> | |||
Zur Unterstützung und Stärkung der bei einer Depression aus naturheilkundlicher Sicht häufig geschwächten Leber werden zur allgemeinen Tonisierung des Leberorgans Bitterstoffdrogen wie Mariendistel oder Löwenzahn eingesetzt.<ref>Elvira Bierbach (Hrsg.): ''Naturheilpraxis Heute. Lehrbuch und Atlas''. Urban & Fischer Verlag, 2002, ISBN 3-437-55241-4, S. 1294.</ref> | |||
==== Medikation auf Basis der Wesensglieder des Menschen ==== | |||
Anhand eines Patientenfalles stellen Rudolf Steiner und Ita Wegman den Zusammenhang zwischen Symptomatik und den Wesensgliedern des Menschen ([[a:Ich-Träger|Ich]], [[a:Astralleib|Astralleib]], [[a:Ätherleib#Der_%C3%84therleib_als_Bildner_und_Erhalter_des_physischen_Leibes|Ätherleib]] und physischer Leib) dar und leiten hieraus geeignete Stoffe bzw. Medikamente ab, die zur Behandlung indiziert sind. Mit dieser seelisch-geistigen Herangehensweise entsteht eine zusammenhängende Gesamtsicht auf das Wesen der Depression: | |||
:„Mit 33 Jahren zeigen sich nach geistiger Überanstrengung Depression, Müdigkeit, Apathie. Diese Zustände verstärken sich fortwährend. Es tritt parallel damit eine geistige Ratlosigkeit auf. Patient steht vor Fragen, die ihm das Negative seines Berufes zeigen – er ist Lehrer –, dem er aber nichts Positives entgegensetzen kann. | |||
:Der Krankheitszustand zeigt einen astralischen Leib, der zum Äther- und physischen Leib eine zu geringe Affinität hat und in sich selbst unbeweglich ist. Dadurch machen der physische Leib und der [[a:Ätherleib#Der_%C3%84therleib_als_Bildner_und_Erhalter_des_physischen_Leibes|Ätherleib]] ihre eigenen Eigenschaften geltend. Die Empfindung des nicht richtig mit dem [[a:Astralleib|Astralleib]] verbundenen Ätherleibes erzeugt Depressionen; das nicht richtig Verbundensein mit dem physischen Leib Müdigkeit und Apathie. Daß Patient in geistige Ratlosigkeit verfällt, rührt davon her, dass der Astralleib ohnmächtig ist, den physischen und Ätherleib zu gebrauchen. Mit alledem hängt zusammen, dass der Schlaf gut ist, weil der Astralleib geringen Zusammenhang mit Äther- und physischem Leib hat. Aus demselben Grunde ist aber das Aufwachen schwer. Der Astralleib will in den physischen nicht hinein. Erst wenn der physische und Ätherleib müde sind am Abend, tritt eine normale Verbindung mit demselben ein. Daher wird Patient erst am Abend recht wach. | |||
[[Datei:Rosmarinus officinalis133095382.jpg|mini|Rosmarinus officinalis]] | |||
:Der ganze Zustand weist darauf hin, daß man zunächst die Tätigkeit des astralischen Leibes verstärke. Das erreicht man immer, wenn man Arsen in innerlicher Form eines Naturwassers gibt. Man wird nach einiger Zeit bemerken, wie der betreffende Mensch mehr Herrschaft über seinen Körper bekommt. Der Zusammenhang zwischen Astralleib und Ätherleib wird stärker, Depression, Apathie und Müdigkeit hören auf. Man muß nun auch dem physischen Körper, der durch die längere zu geringe Verbindung mit dem Astralleibe träge in bezug auf Beweglichkeit geworden ist, durch eine Phosphorkur in schwacher Dosis zu Hilfe kommen. Der Phosphor unterstützt die [[a:Ich-Träger|Ich-Organisation]], so daß diese den Widerstand des physischen Körpers überwinden kann. Rosmarinbäder werden den abgelagerten Stoffwechselprodukten einen Abfluß eröffnen. [[a:Eurythmie|Heileurythmie]] kann die Harmonie der einzelnen Glieder ([[a:Nerven-Sinnes-System|Nerven-Sinnessystem]], [[a:Rhythmisches_System|rhythmisches System]], [[a:Stoffwechsel-Gliedmaßen-System|motorisches und Stoffwechselsystem]]) des menschlichen Organismus, die durch die Untätigkeit des Astralleibes gestört worden sind, wieder herstellen. Gibt man dem Patienten noch Fliedertee, so wird der träge Stoffwechsel, der sich nach und nach durch die Untätigkeit des Astralleibes eingestellt hat, wieder normal gemacht.“<ref>Rudolf Steiner, Ita Wegman: ''Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst nach geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen'', GA 27. 7. Auflage, Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1991, ISBN 3-7274-0270-9, S. 102–103. ([https://odysseetheater.org/GA/Buecher/GA_027.pdf#page=102&view=Fit Online])</ref> | |||
=== Lichttherapie === | |||
Die aktuelle Behandlungsleitlinie empfiehlt [[w:Lichttherapie|Lichttherapie]] bei Depressionen, die einem saisonalen Muster folgen.<ref name="S3-03/2017" /> Etwa 60–90 % der Patienten profitierten von einer Lichttherapie nach etwa zwei bis drei Wochen.<ref>S. H. Kennedy, R. W. Lam, N. L. Cohen, A. V. Ravindran: ''Clinical guidelines for the treatment of depressive disorders''. In: ''Canadian Journal of Psychiatry''. IV. Medications and other biological treatments., 46 Suppl 1, 2001, S. 38S–58S.</ref> | |||
Nach früheren Ergebnissen war Lichttherapie ebenfalls bei nicht jahreszeitlich bedingten Depressionen wirksam.<ref name="PMID15800134">R. N. Golden, B. N. Gaynes, R. D. Ekstrom, R. M. Hamer, F. M. Jacobsen, T. Suppes, K. L. Wisner, C. B. Nemeroff: ''The efficacy of light therapy in the treatment of mood disorders: a review and meta-analysis of the evidence.'' In: ''The American journal of psychiatry.'' Band 162, Nummer 4, April 2005, S. 656–662, [[doi:10.1176/appi.ajp.162.4.656]]. PMID 15800134 (Free Summary) (Review).</ref> Dabei sollten die Patienten – um einen Effekt zu gewährleisten – täglich für mindestens 30 Minuten in eine spezielle Lichtquelle schauen, die weißes [[w:Vollspektrumlicht|Vollspektrumlicht]] von mindestens 10.000 Lux abgibt.<ref>Siegfried Kasper, Hans-Jürgen Möller: ''Herbst-/ Winterdepression und Lichttherapie''. Springer-Verlag, Berlin/Heidelberg 2011, ISBN 978-3-7091-0592-4, S. 168. ([https://books.google.de/books?id=ep3RBgAAQBAJ&pg=PA168#v=onepage&q&f=false eingeschränkte Vorschau] in der Google-Buchsuche) | |||
</ref> Es werden 10.000 Lux für 30–40 Minuten als anfängliche Dosis empfohlen, wenigstens zwei bis vier Wochen jeden Morgen und zwar so rasch wie möglich nach dem Erwachen.<ref>''Nationale VersorgungsLeitlinie – Unipolare Depression''. S. 132. ([https://books.google.de/books?id=7o4hBAAAQBAJ&pg=PA132#v=onepage&q&f=false eingeschränkte Vorschau] in der Google-Buchsuche)</ref> Nach einer von der Cochrane Collaboration veröffentlichten systematischen Übersichtsarbeit von 2015 können keine Schlussfolgerungen zur Wirksamkeit von Lichttherapie zur [[w:Prävention|Prävention]] (Verhütung) neuer depressiver Episoden gezogen werden.<ref name="PMID26558494">B. Nussbaumer, A. Kaminski-Hartenthaler, C. A. Forneris, L. C. Morgan, J. H. Sonis, B. N. Gaynes, A. Greenblatt, J. Wipplinger, L. J. Lux, D. Winkler, M. G. Van Noord, J. Hofmann, G. Gartlehner: ''Light therapy for preventing seasonal affective disorder.'' In: ''The Cochrane database of systematic reviews.'' Band 11, 2015, S. CD011269, [[doi:10.1002/14651858.CD011269.pub2]]. PMID 26558494 (Review).</ref> | |||
=== Stimulationsverfahren === | |||
Insbesondere bei schweren und über lange Zeit gegen medikamentöse und psychotherapeutische Behandlung resistenten Depressionen kommen gerade in jüngerer Zeit wieder stärker Stimulationsverfahren zum Einsatz, deren Wirkmechanismen jedoch noch weitgehend unklar sind. | |||
Das häufigste diesbezüglich eingesetzte Verfahren ist die ''[[w:Elektrokonvulsionstherapie|Elektrokonvulsionstherapie]]'' (EKT). In der [[w:Epilepsie|Epilepsie]]-Behandlung war aufgefallen, dass bei Patienten, die gleichzeitig an einer Depression litten, nach einem epileptischen Anfall auch eine Verbesserung der Stimmung auftrat. Die Elektrokonvulsionstherapie wird in Narkose durchgeführt und stellt dann, wenn Medikamente und Psychotherapie bei schweren Depressionen nicht wirken, eine mögliche Alternative dar. Signifikante Kurzzeiteffekte konnten nachgewiesen werden.<ref name="PMID12642045">UK Electroconvulsive Therapy (ECT) Review Group: ''Efficacy and safety of electroconvulsive therapy in depressive disorders: a systematic review and meta-analysis.'' In: ''Lancet.'' Band 361, Nummer 9360, März 2003, S. 799–808, [[doi:10.1016/S0140-6736(03)12705-5]]. PMID 12642045 (Free Summary) (Review).</ref> Im Einzelnen noch ungeklärte Wirkungen bei schwerer Depression werden auch mit einem Rückgang der [[w:Suizidalität|Neigung zum Suizid]] und verminderten Selbsttötungen in Zusammenhang gebracht.<ref name="PMID24091903">M. Fink, C. H. Kellner, W. V. McCall: ''The role of ECT in suicide prevention.'' In: ''The journal of ECT.'' Band 30, Nummer 1, März 2014, S. 5–9, [[doi:10.1097/YCT.0b013e3182a6ad0d]], PMID 24091903, (Review).</ref><ref name="PMID26385066">G. Turecki, D. A. Brent: ''Suicide and suicidal behaviour.'' In: ''The Lancet.'' Band 387, Nummer 10024, März 2016, S. 1227–1239, [https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5319859/ PMC 5319859] (freier Volltext) (Review).</ref> Es gibt Hinweise auf die Beeinflussung [[w:Neuroendokrinologie|neuroendokrinologischer]] Mechanismen.<ref name="PMID21324238">T. G. Bolwig: ''How does electroconvulsive therapy work? Theories on its mechanism.'' In: ''Canadian journal of psychiatry. Revue canadienne de psychiatrie.'' Band 56, Nummer 1, Januar 2011, S. 13–18. PMID 21324238 (Review).</ref><ref name="PMID10461762">K. Ishihara, M. Sasa: ''Mechanism underlying the therapeutic effects of electroconvulsive therapy (ECT) on depression.'' In: ''Japanese journal of pharmacology.'' Band 80, Nummer 3, Juli 1999, S. 185–189. PMID 10461762 (Freier Volltext) (Review).</ref> | |||
Im Versuchsstadium befinden sich weitere Stimulationsverfahren wie die ''Magnetkrampftherapie'' (ein Krampf wird mittels starker Magnetfelder induziert),<ref name="PMID20802450">T. Zyss, A. Zieba, R. T. Hese, D. Dudek, B. Grabski, P. Gorczyca, R. Modrzejewska: ''Magnetic seizure therapy (MST)–a safer method for evoking seizure activity than current therapy with a confirmed antidepressant efficacy.'' In: ''Neuro endocrinology letters.'' Band 31, Nummer 4, 2010, S. 425–437. PMID 20802450 (Review).</ref> die ''Vagusnerv-Stimulation'' (ein Schrittmacher sendet elektrische Impulse an den [[w:Nervus_vagus|Vagusnerv]]; in den USA als Therapieverfahren zugelassen),<ref name="PMID22200132">S. J. Rizvi, M. Donovan, P. Giacobbe, F. Placenza, S. Rotzinger, S. H. Kennedy: ''Neurostimulation therapies for treatment resistant depression: a focus on vagus nerve stimulation and deep brain stimulation.'' In: ''International review of psychiatry.'' Band 23, Nummer 5, Oktober 2011, S. 424–436, [[doi:10.3109/09540261.2011.630993]]. PMID 22200132 (Review).</ref><ref name="PMID22137776">J. L. Martin, E. Martín-Sánchez: ''Systematic review and meta-analysis of vagus nerve stimulation in the treatment of depression: variable results based on study designs.'' In: ''European psychiatry: the journal of the Association of European Psychiatrists.'' Band 27, Nummer 3, April 2012, S. 147–155, [[doi:10.1016/j.eurpsy.2011.07.006]]. PMID 22137776 (Review).</ref> die ''Transkranielle Magnetstimulation'' (Gehirnstimulation durch ein Magnetfeld außerhalb des Kopfes),<ref name="PMID26321258">K. K. Kedzior, H. M. Gellersen, A. K. Brachetti, M. T. Berlim: ''Deep transcranial magnetic stimulation (DTMS) in the treatment of major depression: An exploratory systematic review and meta-analysis.'' In: ''Journal of affective disorders.'' Band 187, November 2015, S. 73–83, [[doi:10.1016/j.jad.2015.08.033]]. PMID 26321258 (Review).</ref><ref name="PMID25709596">C. Rapinesi, F. S. Bersani, G. D. Kotzalidis, C. Imperatori, A. Del Casale, S. Di Pietro, V. R. Ferri, D. Serata, R. N. Raccah, A. Zangen, G. Angeletti, P. Girardi: ''Maintenance Deep Transcranial Magnetic Stimulation Sessions are Associated with Reduced Depressive Relapses in Patients with Unipolar or Bipolar Depression.'' In: ''Frontiers in neurology.'' Band 6, 2015, S. 16, [https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4321576/ PMC 4321576] (freier Volltext) (Review).</ref><ref name="PMID24922485">B. N. Gaynes, S. W. Lloyd, L. Lux, G. Gartlehner, R. A. Hansen, S. Brode, D. E. Jonas, T. Swinson Evans, M. Viswanathan, K. N. Lohr: ''Repetitive transcranial magnetic stimulation for treatment-resistant depression: a systematic review and meta-analysis.'' In: ''The Journal of clinical psychiatry.'' Band 75, Nummer 5, Mai 2014, S. 477–489, [[doi:10.4088/JCP.13r08815]]. PMID 24922485 (Review).</ref> ''die Transkranielle Gleichstromapplikation (tDCS)'' (schwachelektische Gehirnstimulation durch den Schädelknochen).<ref name="PMID26232699">D. Meron, N. Hedger, M. Garner, D. S. Baldwin: ''Transcranial direct current stimulation (tDCS) in the treatment of depression: Systematic review and meta-analysis of efficacy and tolerability.'' In: ''Neuroscience and biobehavioral reviews.'' Band 57, Oktober 2015, S. 46–62, [[doi:10.1016/j.neubiorev.2015.07.012]]. PMID 26232699 (Review).</ref> Nachweise zur Wirksamkeit dieser Verfahren liegen bislang (Stand Dezember 2015) noch nicht vor. | |||
=== Akupunktur === | |||
In einer Übersichtsstudie von 2019 zeigte Akupunktur klinisch signifikante Verringerungen der Schwere von Depressionen. Es wurde dabei eine Korrelation zwischen der Anzahl der durchgeführten Akupunkturbehandlungen und dem Grad der Verringerung der Depression gefunden. Wie die Studienautoren jedoch selbst anmerken, ist die Übertragbarkeit der Ergebnisse von der chinesischen Bevölkerung auf andere Bevölkerungsgruppen unklar, da die Mehrheit der Studien in China durchgeführt wurde, und in China eine höhere Behandlungsfrequenz und Anzahl von Behandlungen angewendet werden. Die Studie kam zu dem Schluss, dass Akupunktur eine Ergänzung zur üblichen Behandlung und zur Standardmedikation mit Antidepressiva sein kann.<ref>Mike Armour, Caroline A. Smith, Li-Qiong Wang, Dhevaksha Naidoo, Guo-Yan Yang: ''Acupuncture for Depression: A Systematic Review and Meta-Analysis''. In: ''Journal of Clinical Medicine''. Band 8, Nr. 8, 31. Juli 2019, ISSN 2077-0383, S. 1140, [https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6722678/ PMC 6722678] (freier Volltext).</ref> | |||
=== Bewegung === | |||
[[Datei:Volunteers2 people mountain hikers group NPS Photo (22656260337).jpg|mini|Sport und Bewegung steigern das bei der Depression in der Regel mangelnde Selbstwertgefühl und fördern bei Aktivität zusammen mit anderen Menschen die Kontakte.]] | |||
Eine Form der unterstützenden therapeutischen Maßnahmen ist die Sporttherapie. Wenn Sport im gesellschaftlichen Zusammenhang stattfindet, erleichtert er eine Wiederaufnahme zwischenmenschlicher Kontakte. Ein weiterer Effekt der körperlichen Betätigung ist das gesteigerte [[w:Selbstwert|Selbstwertgefühl]] und die Ausschüttung von [[w:Endorphine|Endorphinen]]. Positive Effekte des Joggings bei Depressionen sind [[w:Empirie|empirisch]] durch Studien nachgewiesen; 1976 wurde das erste Buch unter dem Titel ''The Joy of Running'' zu diesem Thema veröffentlicht.<ref name="kostrubala">Thaddeus Kostrubala: ''The Joy of Running''. Lippincott, 1976, ISBN 0-397-01169-5.</ref> | |||
Krafttraining beispielsweise konnte in einer Studie für alte Patienten (70+ Jahre) als wirksam erwiesen werden. Nach 10 Wochen angeleiteten Trainings war ein Rückgang der depressiven Symptome im Vergleich zu einer Kontrollgruppe (die nicht trainiert, sondern angeleitet gelesen hatte) feststellbar. Der Effekt war für einen Teil der Testpersonen auch zwei Jahre nach Ende des geführten Trainings noch nachweisbar.<ref>N. A. Singh, K. M. Clements u. a.: ''The efficacy of exercise as a long-term antidepressant in elderly subjects a randomized, controlled Trial.'' In: ''The Journals of Gerontology.'' 2001. [[doi:10.1093/gerona/56.8.M497]].</ref> | |||
Es existiert eine Vielzahl von methodisch robusten Studien über den Nutzen von Sport und Bewegung bei Depression. Diese zeigen beispielsweise, dass Sport (unter Anleitung, zuhause) gegen Depression gleich wirksam ist wie eine medikamentöse Therapie (Sertralin) oder Placebo-Medikation.<ref>J. A. Blumenthal u. a.: ''Exercise and pharmacotherapy in the treatment of major depressive disorder.'' In: ''Psychosomatic Medicine.'' Band 69, Nr. 7, 2007, S. 587–596. [https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC2702700/ PMC 2702700] (freier Volltext).</ref> Eine [[w:Metaanalyse|Metaanalyse]] von 2013 bewertet den Effekt zurückhaltender, unterstreicht aber den präventiven Effekt, da „moderate Bewegung im aeroben Bereich von mindestens 150 Minuten pro Woche […] mit einem merklich geringeren Risiko für die Entwicklung einer Depression in Zusammenhang“ steht.<ref>''[https://archive.ph/20140423151605/http://www.medscapemedizin.de/artikel/4901664 Umstrittener Nutzen: Bewegung und Sport als Antidepressiva.]'' In: ''Medscape Deutschland.'' Archivlink, abgerufen am 28. Januar 2026.</ref> Ist das Ziel nicht die Prävention, sondern die Behandlung der Depression, ist laut einer Metaanalyse von 2019 einen Monat lang jede Woche dreimal 45 min Sport notwendig für eine Stimmungsverbesserung.<ref>''[https://www.spektrum.de/news/die-richtige-dosis-sport-bei-depressionen/1603770 Stimmungsaufheller: Die richtige Dosis Sport bei Depressionen.]'' Abgerufen am 28. Januar 2026.</ref> | |||
==== Yoga ==== | |||
Gemäß wissenschaftlichen Untersuchungen besonders der letzten 15 Jahre verbessert eine regelmäßige Yogapraxis unabhängig von der Art der psychischen Erkrankung die subjektiv empfundene Lebensqualität und steigert das Wohlbefinden. Insbesondere bei Depressionen mit einer leichteren Ausprägung scheint es, dass die Symptome mit Yoga kurzfristig effektiv reduziert werden können. Bei schwereren depressiven Erkrankungen konnte diese positive Wirkung hingegen nicht eindeutig belegt werden. Es gibt Hinweise, dass es bereits ausreicht, drei Mal pro Woche Yoga zu praktizieren, um eine Verbesserung von depressiven Symptomen zu erzielen. Yoga kann somit vielversprechend als ergänzende Therapie der Depression neben Psychopharmaka und Psychotherapie eingesetzt werden.<ref>''[https://www.klinik-friedenweiler.de/blog/yoga-therapie-psychische-erkrankungen/ Yoga als Therapie bei psychischen Erkrankungen]''. In: ''klinik-friedenweiler.de''. Abgerufen am 13. Februar 2026.</ref> | |||
'''Iyengar Yoga''' | |||
[[Datei:Janusirsasana Yoga-Asana Nina-Mel.jpg|mini|Janu Shirshasana (Kopf-Knie-Stellung mit angewinkeltem Bein)]] | |||
[[w:B. K. S. Iyengar|B. K. S. Iyengar]] beschreibt Yoga als eine Heilmethode: | |||
:„Yoga ist eine Kombination aus Physiotherapie, Psychotherapie und geistigem Training – also eine Heilmethode, die keinen Unterschied zwischen Körper und Psyche macht. Asanas sind physisch und psychisch wirksame Übungen, die die Organe wohldosiert mit frischem, heilendem Blut und Energie versorgen. Wenn ein Teil des Körpers von einer Krankheit befallen ist, verliert er seine Empfindsamkeit. Während des Übens von therapeutisch auf die Beschwerden abgestimmten Asanas fließt Energie in die erkrankten Bereiche. Damit kann der Heilungsprozess einsetzen.“<ref>B. K. S. Iyengar: ''YOGA. Der Weg zu Gesundheit und Harmonie''. Dorling Kindersley Verlag GmbH, München 2012, ISBN 978-3-8310-2119-2, S. 262.</ref> | |||
Iyengar versteht Yoga-Therapie dahingehend, dafür zu sorgen, dass Gehirn und Körper harmonisch zusammenarbeiten. Dabei umfasst der Begriff des Gehirns sowohl den Geist wie auch den Verstand, womit alle Gedanken, Erfahrungen und die Vorstellungskraft mit eingeschlossen sind. Es soll die Wirkung des Gehirns auf den Körper kontrolliert werden. Neben einer Vielzahl an Yogaübungsreihen zur therapeutischen Begleitung verschiedenster Beschwerden hat er eine spezifische Asanareihe bei Depressionen<ref>B. K. S. Iyengar: ''YOGA.'' S. 367 ff.</ref> entwickelt. Hierbei betont Iyengar, dass es entscheidend ist, die richtige Kombination und Reihenfolge von Yogastellungen zu üben, damit eine entsprechende Wirkung eintreten kann. Als allgemeine Wirkungen von Asanas benennt er Folgendes: der Körper wird geschmeidiger, der Geist wird wach, die Nerven werden beruhigt, das Gehirn entspannt sich und das physische, physiologische und emotionale Gleichgewicht erhalten sich. Das Selbstvertrauen und die Willenskraft steigen mit regelmäßigem Praktizieren.<ref>B. K. S. Iyengar: ''YOGA.'' S. 262 ff.</ref> | |||
Eine spezifische Wirkung bei Depressionen benennt er für die Yogaübungen Intensive Beinstreckung (''Prasarita-Padottanasana''),<ref>B. K. S. Iyengar: ''YOGA.'' S. 200.</ref> Kamelhaltung (''[[Ushtrasana]]''),<ref>B. K. S. Iyengar: ''YOGA.'' S. 240 f.</ref> Heldenstellung mit dem Gesicht nach unten (''Adho-Mukha-Virasana''),<ref>B. K. S. Iyengar: ''YOGA.'' S. 220 f.</ref> Knie-zum-Kopf-Stellung (''[[Janu Shirshasana]]''),<ref>B. K. S. Iyengar: ''YOGA.'' S. 218.</ref> und Umkehrstellung (''[[Viparita Karani|Viparita-Karani]]'').<ref>B. K. S. Iyengar: ''YOGA.'' S. 234.</ref> | |||
'''Yogaübungsweise nach Heinz Grill''' | |||
[[a:Heinz Grill|Heinz Grill]] betont die tiefgreifenden Möglichkeiten zur heilsamen Unterstützung bei Depressionen, die mit der Praxis von Yogaübungen gegeben sind, insbesondere wenn diese nicht nur körperlich, sondern mit einer bewussten gedanklichen Aktivität ausgeführt werden. Er arbeitet differenziert die Gestaltung dieser Bewusstseinsaktivität und die damit entstehenden Wirkmechanismen auf Psyche und Körper heraus. | |||
Als spezifisch wirksam bei Depressionen benennt und beschreibt er folgende Yogastellungen: | |||
Die Yogaübung Fisch (''[[Matsyasana]]'') sieht er vor allem wegen ihrer stärkenden Wirkung auf das Leberorgan als bei Depressionen besonders wirkungsvoll. Er empfiehlt deshalb Betroffenen, diese möglichst oft zu üben. | |||
Das Ausführen dieser Yogastellung erfordert, dass sich der Praktizierende von den vorhandenen Körpergefühlen frei macht und auf differenzierte Weise einerseits den Kopf locker nach hinten legt und andererseits die Brustwirbelsäule hoch nach oben heraus trägt und für einige Zeit gezielt hält. Für Ablenkungen und Sorgen bleibt mit dieser sowohl bewussten, als auch körperlichen gezielten Aktivität kein Raum, womit sie unmittelbar einen lichteren Charakter erhält.<ref name=":0">Heinz Grill: ''Das große Buch der Heilkraft durch Yogaaktivität''. S. 45 f. </ref> | |||
Bei dieser spezifischen Körperhaltung stellt sich unvermeidlich eine öffnende Wirkung ein und mit der differenzierten Aktivität der Spannungsverteilung durch das Bewusstsein „entsteht ein Wirkungskreislauf, der nicht nur in der unmittelbar bearbeiteten oberen Körperhälfte seine Resultate zeigt, sondern des Weiteren in die Verdauungsorgane und ganz besonders auf das Leberorgan einwirkt. Wenn das Bewusstsein zu einer gezielten Präsenz und hohen Aktivität geführt wird, strömen der Leber feinste Lebenskräfte zu, die diese von hypertrophierenden und unruhigen Tendenzen reinigen, sie gewissermaßen wieder in eine Form bringen und somit das Leistungsvermögen des Stoffwechselaufbaus von gesunden Proteinen fördern. […] Melancholie wird durch diese Position geheilt.“<ref name=":0" /> | |||
Die Praxis der Yogastellung Liegendes Dreieck (''Anantasana'') wirkt nach seelisch-geistigen Gesichtspunkten psychisch stabilisierend auf den bei einer Depression sehr häufig vorliegenden labilen Zustand des Willens und fördert die Fähigkeit, diesen zu führen. Bei dieser Übung ist es notwendig, dass der Praktizierende in jedem Moment das Gleichgewicht mit einer wachsenden Dynamik nach oben herstellt, indem er sich aus der Hüfte und dem unteren Rücken aufrichtet. Diese Aktivität verhindert ein Zurücksinken in einen labileren Zustand, welcher einem Zurückfallen in Gewohnheiten und Bequemlichkeiten entspricht. Bei Depressionen ist dieser labile Zustand häufig. Der Übende lernt hierbei den Willen mit Erfolg zu führen, weil dieses Halten des Dreieckes und das elegante Aufrichten hin zur Spitze mit einem angenehm leichten Atem und dem Empfinden einer neuen Perspektive verbunden ist.<ref>Heinz Grill: ''Das große Buch der Heilkraft durch Yogaaktivität''. S. 70.</ref> | |||
[[Datei:Ardha Matsyendrasana, Heinz Grill 1992.jpg|mini|Ardha Matsyendrasana (Halber Drehsitz)]] | |||
Der Halbe Drehsitz (''[[Ardha Matsyendrasana]]'') ist gemäß den geistigen Forschungen von Heinz Grill für die unterstützende Therapie von Depressionen gut geeignet, da mit der gedanklich geführten Praxis dieser Übung eine Erfahrung des real existierenden und wirklichen Gedankens verbunden ist und somit die bei der Depression in der Regel mangelnde Gedankenbildekraft, welche aus dem sechsten Energiezentrum entwickelt wird, maßgeblich angeregt wird. | |||
Für die praktische Ausführung dieser Yogaübung betont Heinz Grill, dass es wichtig ist, als Erstes den Rücken aufzurichten. Nicht bevor die Wirbelsäule ausreichend hoch strebt und sich der Praktizierende dem Zentrum in der Stirn gewahr ist, schließt sich die mit den Armen in die Weite geführte, dynamische Drehung an und diese mündet in die ruhende, fixierte statische Stellung der Yogaübung. Auf diese Weise erlebt der Übende den Rumpf in einer „selbstvergessenen Ruhe“ und die Stirn, wie sie „in der Wachheit und Gegenwart des Atems nahezu erhaben strahlt.“ Der Versuch, sich erst nach erfolgter Drehung aufrichten zu wollen, gelingt in der Regel nicht, was in angespannten Schultern und einem gedanklichen Fixiertsein auf den Körper resultiert. Es fehlt in diesem Fall der die Bewegung tragende Gedanke und die damit verbundene Freiheit im Haupt, das Bewusstsein ist auf den Körper fixiert.<ref name=":5">Heinz Grill: ''Das große Buch der Heilkraft durch Yogaaktivität''. S. 84 f.</ref> | |||
:„Die ''āsana'' beschreibt bildhaft die Weite der Gedanken, die von Anfang an besteht und im Haupte trotz der schwierigen Ausführung bewahrt bleibt. [...] Es ist der konkrete Gedanke selbst, der die ''āsana'' führt und der den reinen Ausdruck des Wachseins verkündet. Das Ergebnis aber ist immer eine Form im Körper.“<ref name=":5" /> | |||
Der Kopfstand (''[[Shirshasana]]'') erweist sich aus seelisch-geistigen Gesichtspunkten als die am besten geeignete, jedoch auch am schwierigsten zu erlernende Yogastellung zur Therapie von Depressionen, nämlich aufgrund der energetischen Spannungsverteilung mit der damit verbundenen Bewusstseinserfahrung. Heinz Grill zeigt hier den Zusammenhang einer wachen, klaren und logischen Bewusstseinsaktivität mit dem Organ der [[w:Hypophyse|Hypophyse]], welches bezüglich der aufbauenden Stoffwechselprozesse in einem engen Zusammenwirken mit dem Leberorgan steht, auf. | |||
Geistig gesehen ist die Hypophyse ein organischer Träger der inneren Bewusstseinsseele. Sie greift sehr tief in das Stoffwechselgeschehen ein, nimmt alle empfangenden und gestaltenden Impulse aus dem Nervensystem auf und gibt sie zusammen mit dem [[w:Hypothalamus|Hypothalamus]] in einer Art reproduzierenden und organisierenden Tätigkeit an das vegetative Nervensystem und an die Hormondrüsen weiter.<ref name=":6">Heinz Grill: ''Das große Buch der Heilkraft durch Yogaaktivität''. S. 98.</ref> | |||
:„In der Depression ist die Hypophyse in dieser reproduzierenden Tätigkeit gestört. […] Die Hypophyse benötigt den direkten Einfluss von Zentrierung und harmonisierender Beruhigung. Die beste Übung, die dies herbeileitet, ist der Kopfstand. […] Bei der Ausführung wird man auf die Stirn und das dort lokalisierte sechste Energiezentrum achten. Durch die Aufmerksamkeit auf das sechste Zentrum während des Kopfstandes entwickelt sich bereits eine angenehme Zentrierung. Schließlich erfordert der Kopfstand eine lebendige Einsatzbereitschaft, eine Stärke im Rücken und im unteren Rumpf und ein großes Maß an Selbstüberwindung. Der persönliche Einsatz führt zu einer besseren Haltung und größeren Wachheit wie auch zu einer Konzentration in der Gedankenbildung. Der Kopfstand darf mehrmals am Tage im langsamen Aufbau und mit einer zeitlichen Steigerung erfolgen.“<ref name=":6" /> | |||
=== Ernährung === | |||
Eine ausgewogene und gesunde [[Ernährung aus ganzheitlicher Sicht|Ernährung]] ist für gesunde Menschen wichtig und für Menschen mit Erkrankungen, ob physisch oder psychisch, umso wichtiger. Bei einer Depression mit Appetitverlust gilt es, diese besonders zu beobachten.<ref>Camille Lassale, G. David Batty, Amaria Baghdadli, Felice Jacka, Almudena Sánchez-Villegas: ''Healthy dietary indices and risk of depressive outcomes: a systematic review and meta-analysis of observational studies''. In: ''Molecular Psychiatry''. Band 24, Nr. 7, Juli 2019, ISSN 1476-5578, S. 965–986, doi:[https://www.nature.com/articles/s41380-018-0237-8 10.1038/s41380-018-0237-8.]</ref> | |||
Es gibt bis heute widersprüchliche Ergebnisse zu der Wirkung von Omega-3-Fettsäuren im Bezug auf die Depression, unter anderem wird hierfür der [[w:Publikationsbias|Publikationsbias]] verantwortlich gemacht.<ref>''Omega-3 Fatty Acids''. Springer International Publishing, Cham 2016, ISBN 978-3-319-40456-1, S. 267 ff., doi:[https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-319-40458-5 10.1007/978-3-319-40458-5.]</ref><ref>Paola Bozzatello, Elena Brignolo, Elisa De Grandi and Silvio Bellino: ''[https://www.mdpi.com/journal/jcm/special_issues/omega-3-fatty-acids Journal of Clinical Medicine].'' S. 95ff, abgerufen am 26. September 2020 (englisch).</ref><ref>Ta-Wei Guu, David Mischoulon, Jerome Sarris, Joseph Hibbeln, Robert K. McNamara: ''International Society for Nutritional Psychiatry Research Practice Guidelines for Omega-3 Fatty Acids in the Treatment of Major Depressive Disorder''. In: ''Psychotherapy and Psychosomatics''. Band 88, Nr. 5, 2019, ISSN 0033-3190, S. 263–273, doi:[https://karger.com/pps/article/88/5/263/283146/International-Society-for-Nutritional-Psychiatry 10.1159/000502652.]</ref> Eine [[w:Supplementation|Supplementierung]] mit Omega-3-Fettsäuren wird deshalb in keiner Leitlinien-Behandlung empfohlen. | |||
Die alternativmedizinische „[[w:Orthomolekulare_Medizin|orthomolekulare Medizin]]“ versucht außerdem über die Aminosäuren Tyrosin, Phenylalanin und Tryptophan bzw. 5-HTP (Oxitriptan) Depressionen günstig zu beeinflussen. Jedoch fehlen wissenschaftliche Belege für eine positive Wirkung gerade von Tryptophangaben (z. B. in Form von Nahrungsergänzungsmitteln).<ref>Jana Meixner: ''[https://www.medizin-transparent.at/tryptophan-depression/ Wirkung nicht belegt: Tryptophan gegen Depression.]'' In: ''Medizin transparent.'' Artikel vom 25. Mai 2020, abgerufen am 28. Januar 2026.</ref> | |||
==== Ernährung auf Basis einer entwicklungsorientierten Sichtweise ==== | |||
[[Datei:Tofu Kee Mao Fried Rice - Nok Nok Kitchen at The Cow 2025-03-15.jpg|mini|Das bewusste Wahrnehmen und Erleben der verschiedenen Farben, Formen und Geschmacksnuancen eines Gerichtes wirkt zentrierend auf die Verdauung und heilsam auf das verausgabte Nervensystem.]] | |||
Heinz Grill verweist auf die wesentliche Unterstützung, welche die Ernährung und der bewusste Umgang mit dieser für den unter Depression Leidenden geben kann, und unter welchen Bedingungen sie die bei dieser Erkrankung mangelnde konkrete Gedankenkraft am Besten fördert: | |||
:„Die beste und wirksamste Quelle zur Unterstützung eines schöpferischen, lichtvollen Gedankenprozesses bietet die Ernährung und ganz besonders der bewusste und sensible Umgang mit den verschiedenen Nahrungsmitteln. Eine gut abgestimmte Vollkorn-Getreidekost, verbunden mit Milchprodukten, Salaten, Gemüse und Früchten aus biologischem Anbau trägt zu einer ersten lichten Grundlage im Stoffwechselsystem bei. Die Nahrungsaufnahme aber offenbart ebenfalls eine Berührung des Menschen mit den verschiedenen Formen, Farben und Geschmacksverhältnissen. Ein bewusstes Wahrnehmen, Erleben und Schmecken der Nahrung fördert das gesunde Sinneserleben und zentriert die Verdauung in ihre Mitte, während alles Essen nur um des vitalen Genusses willen zur sinnlichen Befriedigung der Gaumenwünsche sowohl die Peripherie verschattet als auch die Verdauung zu wenig in ihre Mitte zentriert. Wenn die Art und Weise der Nahrungsaufnahme dem natürlichen Bewusstsein unterstellt wird und wenn allgemein die Verdauung nicht überladen wird, erholen sich die überbeanspruchten und verausgabten Nerven wesentlich schneller und das Bewusstsein wird für neue und vielfältige Eindrücke aufnahmefähig.“<ref name=":1">Heinz Grill: ''Das Wesensgeheimnis der Seele.'' Stephan Wunderlich Verlag, Sigmaringen 2014, ISBN 978-3-9815855-5-1, S. 341.</ref> | |||
Weiterhin zeigt er auf, dass eine qualitativ hochwertige Nahrung und eine bewusste Beziehungsaufnahme zum Essen zwei wesentliche und notwendige Säulen neben den Heilmitteln bilden: | |||
:„Die besten Heilmittel können niemals ganz eine fundierte Ernährung und ein bewusstes Umgehen mit den verschiedensten Nahrungsmitteln ersetzen. Es wäre sogar töricht zu denken, dass man dem Patienten die besten Heilmittel verordnet und dabei aber seine Ernährung wie auch seine damit verbundenen Gewohnheiten auf schlechter Basis lässt. Alkohol und ein Übermaß an Fleischkonsum wie auch ein Konsum von sehr vielen synthetischen Stoffen, zuckerhaltigen Süßigkeiten und von Gemüse aus konventionellem und mit Dünger und Chemie überlastetem Anbau rauben dem Menschen die lebendige und nach höheren Idealen ausgerichtete Konzentrationsfähigkeit, sodass er sich schließlich zu sehr dem irdischen Element verschreibt und in das Leben mit immer mehr Abhängigkeiten und Verhaftungen eintaucht. Die Qualitätsverbesserung der Nahrung und die persönliche bewusste Beziehungsaufnahme zum Essen sind zwei wichtige Säulen, die in einer Therapie möglichst nicht fehlen sollten.“<ref name=":1" /> | |||
=== Schlafhygiene === | |||
Depression wirkt sich auf die Qualität des Schlafes aus. Umgekehrt gilt, dass eine Verbesserung des Schlafes ([[w:Schlafhygiene|Schlafhygiene]]) sich bessernd auf eine Depression auswirken kann.<ref>Michael E. Thase: ''Depression and sleep: pathophysiology and treatment''. In: ''Dialogues in Clinical Neuroscience''. Band 8, Nr. 2, Juni 2006, ISSN 1294-8322, S. 217–226, [https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3181772/ PMC 3181772] (freier Volltext).</ref> Dazu gehören regelmäßige Zu-Bett-geh-Zeiten, der Verzicht auf Monitor-Licht am Abend, angepasste Beleuchtung, Abdunklung der Schlafräume und weitere Maßnahmen. | |||
=== Schlafentzug === | |||
Partieller (teilweiser) [[w:Schlafentzug|Schlafentzug]] in der zweiten Nachthälfte oder gar vollständiger Schlafentzug in einer Nacht ist die einzige antidepressive Therapie mit positiven Wirkungen bei ca. 60 % der Patienten noch am gleichen Tag. Der antidepressive Effekt ist jedoch selten anhaltend. Meistens kehren die depressiven Symptome bereits nach der nächsten Erholungsnacht wieder. Bis zu 15 % der Patienten in klinischen Studien zeigten jedoch eine anhaltende Verbesserung nach völligem Schlafentzug. Die nationale Behandlungsleitlinie empfiehlt, dass die Wachtherapie auf Grund ihrer relativ leichten Umsetzbarkeit, Nichtinvasivität, Kosteneffizienz und raschen Wirkung in bestimmten Fällen als ergänzendes Therapieelement erwogen werden sollte.<ref name="S3-03/2017" /> | |||
=== Meditation === | |||
[[w:Klinische_Studie|Klinische Studien]] deuteten darauf hin, dass [[w:Achtsamkeit_(Geistesgegenwart)|achtsamkeitsbasierte]] [[w:Meditation|Meditation]] in der Behandlung von Depression der psychiatrischen Leitlinientherapie ([[w:Verhaltenstherapie|kognitiv-behaviorale Therapie]]) gleichwertig sei.<ref name="Goldberg et al., 2018">S. B. Goldberg, R. P. Tucker, P. A. Greene, R. J. Davidson u. a.: ''Mindfulness-based interventions for psychiatric disorders: A systematic review and meta-analysis.'' In: ''Clinical Psychology Review.'' Band 59, Februar 2018, S. 52–60, [https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5741505/ PMC 5741505] (freier Volltext).</ref><ref name="Wielgosz et al. 2019">J. Wielgosz et al.:''Mindfulness Meditation and Psychopathology.'' In: ''Annual Review of Clinical Psychology.'' 2019, Band 15, S. 285–316, [[doi:10.1146/annurev-clinpsy-021815-093423]].</ref> Dies gelte insbesondere für den Einsatz als zusätzliche Therapie und zur laufenden Nachsorge ehemaliger Patienten.<ref name="PMID27612338">M. A. Khusid, M. Vythilingam: ''The Emerging Role of Mindfulness Meditation as Effective Self-Management Strategy, Part 1: Clinical Implications for Depression, Post-Traumatic Stress Disorder, and Anxiety.'' In: ''Military medicine.'' Band 181, Nummer 9, 09 2016, S. 961–968, [[doi:10.7205/MILMED-D-14-00677]], PMID 27612338 (Review).</ref> | |||
Meditation wirkt dem für Depression typischen Grübelzwang entgegen, indem die bewusste Aufmerksamkeitssteuerung trainiert wird. Weiterhin werden Veränderungen in der Emotionswahrnehmung, Emotionssteuerung, kognitiven Bewertung und Belohnungsverarbeitung als antidepressive Wirkmechanismen diskutiert.<ref name="Wielgosz et al. 2019" /><ref name="Tang et al. 2015">Yi-Yuan Tang, Britta K. Hölzel, Michael I. Posner: ''The neuroscience of mindfulness meditation.'' In: ''Nature Reviews Neuroscience.'' Band 16, 2015, S. 213–225, [[doi:10.1038/nrn3916]].</ref> Dies geht einher mit durch Meditationsübungen veränderter Hirnaktivität in [[w:Amygdala|Amygdala]], [[w:Präfrontaler_Cortex|Präfrontalem Cortex]] und [[w:Hippocampus|Hippocampus]], Regionen, die mit Emotionsverarbeitung in Verbindung stehen.<ref name="Fox 2016">K.C.R. Fox et al.: ''Functional neuroanatomy of meditation: A review and meta-analysis of 78 functional neuroimaging investigations'' In: ''Neuroscience & Biobehavioral Reviews'' 2016, [[doi:10.1016/j.neubiorev.2016.03.021]].</ref><ref name="Brewer 2011">J. A. Brewer et al.: ''Meditation experience is associated with differences in default mode network activity and connectivity'' In: ''Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America.'' 2011, [[doi:10.1073/pnas.1112029108]].</ref> | |||
Die Wirksamkeit der [[w:Achtsamkeitsbasierte_Kognitive_Therapie|Achtsamkeitsbasierten Kognitiven Therapie]] (MBCT) zur [[w:Krankheitsprävention|Rückfallprävention]] von Depressionen ist durch aktuelle [[w:Metaanalyse|Metaanalysen]]<ref>Jacob Piet, Esben Hougaard: ''The effect of mindfulness-based cognitive therapy for prevention of relapse in recurrent major depressive disorder: A systematic review and meta-analysis''. In: ''Clinical Psychology Review''. Band 31. Jahrgang, S. 1032–1040, doi:[https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0272735811000973?via%3Dihub 10.1016/j.cpr.2011.05.002] (englisch).</ref><ref>Alberto Chiesa, Alessandro Serretti: ''Mindfulness based cognitive therapy for psychiatric disorders: A systematic review and meta-analysis''. In: ''Psychiatry Research''. 187. Jahrgang, S. 441–453, doi:[https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0165178110005196?via%3Dihub 10.1016/j.psychres.2010.08.011] (englisch).</ref><ref name="Kuyken et al., 2015">W. Kuyken, R. Hayes, B. Barrett, R. Byng et al.: ''Effectiveness and cost-effectiveness of mindfulness-based cognitive therapy compared with maintenance antidepressant treatment in the prevention of depressive relapse or recurrence (PREVENT): a randomised controlled trial'' In: ''Lancet.'' Band 386, Jul 2015, [[doi:10.1016/S0140-6736(14)62222-4]].</ref> ausreichend belegt und wurde deshalb als Therapieempfehlung in die ''S3-Leitlinie/NVL Unipolare Depression'' aufgenommen.<ref name="S3-03/2017" /> Durch Übungen zur Achtsamkeit (mindfulness) wird die Aktivierung depressionsfördernder Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen rechtzeitig erkannt, sodass die Betroffenen sich bewusst hilfreichen Maßnahmen zuwenden können, die einen Rückfall verhindern.<ref name="S3-03/2017" /> | |||
Ein [[w:Review_(Wissenschaft)|Review]] verglich 15 Studien zur Wirksamkeit von Entspannungs-Techniken zur Reduktion von Depression und Ängsten bei älteren Erwachsenen (älter als 60 Jahre).<ref name="Effectsrelaxation">Piyanee Klainin-Yobas, Win Nuang Oo, Pey Ying Suzanne Yew, Ying Lau: ''Effects of relaxation interventions on depression and anxiety among older adults: a systematic review''. In: ''Aging & Mental Health''. Band 19, Nr. 12, 2. Dezember 2015, ISSN 1360-7863, S. 1043–1055, doi:[https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/13607863.2014.997191 10.1080/13607863.2014.997191.] | |||
</ref> Gegen Depressionen wirkte [[w:Progressive_Muskelentspannung|progressive Muskelentspannung]] am stärksten (siehe Tabelle). Zur Verringerung von Angst eignete sich hingegen Musiktherapie am stärksten, mit deutlichem Abstand gefolgt von Yoga. | |||
<small>Die Tabelle zeigt die Wirksamkeit verschiedener Techniken zur Verringerung von Depression bei Älteren (älter als 60) gemäß einer Übersichtsstudie.<ref name="Effectsrelaxation" /></small> | |||
<div style="margin-left:11px"> | |||
{| class="wikitable" style="text-align:center" | |||
! | |||
! Zahl der Studien | |||
! Durchschnittliche Effektstärke<br />(Hedges g) | |||
! Standardfehler | |||
|- | |||
! style="text-align:left" |Progressive Muskelentspannung | |||
| 2 | |||
| 1.21 | |||
| 0.14 | |||
|- | |||
! style="text-align:left" |Musiktherapie | |||
| 4 | |||
| 0.84 | |||
| 0.16 | |||
|- | |||
! style="text-align:left" |Yoga | |||
| 4 | |||
| 0.49 | |||
| 0.12 | |||
|- | |||
! style="text-align:left" |kombiniertes Entspannungstraining | |||
| 1 | |||
| 0.38 | |||
| 0.49 | |||
|- | |||
! style="text-align:left" |ein Stressbewältigungsprogramm | |||
| 1 | |||
| 0.09 | |||
| 0.36 | |||
|} | |||
</div> | |||
=== Entwicklungsorientierte Ansätze auf seelisch-geistiger Basis === | |||
==== Entwicklung einer konkreten Gedankenkraft ==== | |||
[[Datei:A woman diagnosed as suffering from melancholia. Colour lith Wellcome L0026686.jpg|mini|218px|Leibverhaftetes Versunkensein in den Gefühlen bei einer Depression]] | |||
<div class="tright" style="clear:none">[[Datei:Frau mit klaren konkreten Gedanken.jpg|mini|ohne|248px|Ausdruck einer klar und konkret entwickelten Gedankenkraft]]</div> | |||
Das bei einer Depression vorliegende leibverhaftete Versunkensein in den Gefühlen, das mit einer sich selbst aufgebenden Hingabe und Erwartungshaltung und mit tiefer Hoffnungslosigkeit einhergeht, ist nach geistes­wissenschaftlichen Forschungen von Heinz Grill mit der Entwicklung einer konkreten Gedankenkraft zu überwinden: | |||
:„Das Gedankenprinzip ist das Wichtigste, das der Depressive in seiner gesamten Natur entfalten muß. Indem er mehr und mehr einen Sinn für den konkreten Gedanken und für ein klares, reines Denken entwickelt, ein zielgerichtetes Denken und Wahrnehmen, um so mehr gewinnt er vielleicht auf mühsame, aber doch sichere und langsame Weise eine Kraft der Anschauung, eine Kraft der Zuversicht und Weite, eine Kraft, die ihn heraushebt aus dem Schlafe und aus der Müdigkeit des ganzen Lebens. […] er muss die Kräfte des Hauptes entwickeln, die sonnenhaften Kräfte, die im Haupte lokalisiert sind und die in einem Energiezentrum ausstrahlen, dem „ajna-cakra“ […] Dieses Zentrum, das mit dem konkreten Denken und mit den Gedankenbildekräften, mit der Fähigkeit zum plastizierenden Denken, zur Gedankenkraft und Gedankenmodellierung einhergeht, dieses Haupt muß er entwickeln, er muß seine Gedankenkraft in die Weite entfalten.“<ref>Heinz Grill: ''Über die Einheit von Körper, Seele und Geist.'' S. 53.</ref> | |||
==== Entscheidung für die klare gedankliche Realisierung eines Ideals ==== | |||
:„Mit dieser Krankheit entsteht, gleich welche Ursache zugrunde liegt, eine wachsende Anforderung an das eigene Vermögen und an die mentale Stärke. Gerade aber diese mentale Stärke mit ihrer Konzentrationskraft ist in der Phase des Krankseins am meisten geschwächt. Sie wäre nun zur Heilung am allerwichtigsten. Durch diese Widersprüchlichkeit entsteht die scheinbar so unmenschliche und tragische Anforderung an das Gemüt zur bewussten Entscheidung. Die Heilung erfordert Aktivität, eigene Anteilnahme, Mut, gedankliche Formung, Ausdauer und das gezielte Entwickeln idealerer Gedanken. Der Weg der Depression führt zu einer Gabelung, an der der Angekommene eine Entscheidung treffen muss. Es ist wahrhaftig so, dass der eine Pfad mit den Verlockungen des irdischen Lebens zurückgewiesen werden muss, damit der andere Weg der Individuation und der Freiheit in einem spirituellen [[a:Seele|Seelenlicht]] begangen werden kann. Es ist nicht wirklich eine Überwindung der Welt gefordert, es ist vielmehr auf der einen Seite eine bewusste Zurückweisung jener verlockenden Versuchung von lebensabhängigen Gefühlen und sentimentalen, romantisierenden oder infantilen Stimmungen notwendig und auf der anderen Seite die klare gedankliche Realisierung eines Ideals wegweisend.“<ref name=":4" /> | |||
== Prognose == | |||
=== Depressive Grunderkrankung === | |||
Depressive Episoden klingen oft im Laufe der Zeit ab, unabhängig davon, ob sie behandelt werden oder nicht.<ref>Michael A. Posternak, Ivan Miller: ''Untreated short-term course of major depression: a meta-analysis of outcomes from studies of using wait-list control groups''. In: ''Journal of Affective Disorders''. Band 66, Nr. 2–3, Oktober 2001, ISSN 0165-0327, S. 139–146, doi:[https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0165032700003049?via%3Dihub 10.1016/s0165-0327(00)00304-9.]</ref> Ambulante Patienten auf einer Warteliste zeigen innerhalb weniger Monate eine 10–15%ige Reduktion der Symptome, wobei etwa 20 % nicht mehr die Kriterien für eine depressive Störung erfüllen. Die [[w:Median|mediane]] Dauer einer Episode wurde auf 23 Wochen geschätzt, wobei in den ersten drei Monaten die Erholungsrate am höchsten war.<ref>Michael A. Posternak, David A. Solomon, Andrew C. Leon, Timothy I. Mueller, M Tracie Shea: ''The Naturalistic Course of Unipolar Major Depression in the Absence of Somatic Therapy''. In: ''The Journal of Nervous and Mental Desease''. Band 194, Nr. 5, Mai 2006, ISSN 0022-3018, S. 324–329, doi:[https://journals.lww.com/jonmd/abstract/2006/05000/the_naturalistic_course_of_unipolar_major.3.aspx 10.1097/01.nmd.0000217820.33841.53.]</ref> Zu einer Chronifizierung der Depression kommt es bei 15 bis 25 % der Patienten.<ref name="DiagnostikStufentherapie" /> | |||
Die meisten behandelten Patienten berichten über Restsymptome trotz scheinbar erfolgreicher Behandlung. Restsymptome, die bei vorübergehendem oder dauerhaftem Nachlassen der Erkrankung auftreten, haben einen starken [[w:Prognose#Medizin,_Zahnmedizin_und_Tiermedizin|prognostischen]] Wert. Es scheint einen Zusammenhang zwischen diesen Restsymptomen und Vorzeichen einer erneuten Erkrankung zu geben. Es wird daher für behandelnde Ärzte empfohlen, dass das Konzept der Genesung auch psychisches Wohlbefinden beinhalten sollte.<ref>Carlotta Belaise, Chiara Ruini, Giovanni A. Fava: ''The concept of recovery in major depression''. In: ''Psychological Medicine''. Band 37, Nr. 3, 2007, ISSN [https://zdb-katalog.de/list.xhtml?asc=false&t=iss%3D%221469-8978%22&key=cql 1469-8978], S. 307–317, doi:[https://www.cambridge.org/core/journals/psychological-medicine/article/abs/concept-of-recovery-in-major-depression/2BA86204CA9EB132C0DA6A88D4CA1D2F 10.1017/S0033291706008981].</ref> | |||
Von Personen, die nie verheiratet waren oder nicht mehr verheiratet sind, kann angenommen werden, dass sie möglicherweise eine geringfügig schlechtere Prognose haben als Verheiratete oder in Partnerschaft lebende Personen.<ref>J. E. J. Buckman, R. Saunders, J. Stott, L.-L. Arundell, C. O’Driscoll: ''Role of age, gender and marital status in prognosis for adults with depression: An individual patient data meta-analysis''. In: ''Epidemiology and Psychiatric Sciences''. Band 30, 2021, ISSN 2045-7960, S. e42, [https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7610920/ PMC 7610920] (freier Volltext).</ref> Auch das gleichzeitige Auftreten einer [[w:Persönlichkeitsstörung|Persönlichkeitsstörung]] bei einer Depression hat einen negativen Einfluss auf das Behandlungsergebnis. Eine Persönlichkeitsstörung steht etwa doppelt so häufig mit einem schlechten Behandlungsergebnis für die Depression in Verbindung wie bei einer Person ohne Persönlichkeitsstörung.<ref>Giles Newton-Howes, Peter Tyrer, Tony Johnson: ''Personality disorder and the outcome of depression: Meta-analysis of published studies''. In: ''British Journal of Psychiatry''. Band 188, Nr. 1, Januar 2006, ISSN 0007-1250, S. 13–20, doi:[https://www.cambridge.org/core/journals/the-british-journal-of-psychiatry/article/personality-disorder-and-the-outcome-of-depressionmetaanalysis-of-published-studies/4450441907ECF45E5DB697382B352B21 10.1192/bjp.188.1.13.]</ref> | |||
=== Therapieresistenz === | |||
Bei einer Pharmakotherapie spricht man am häufigsten von Therapieresistenz, wenn durch eine Behandlung mit mindestens zwei unterschiedlich wirkenden Antidepressiva in angemessener Dosierung über eine Dauer von jeweils mindestens vier Wochen sich die Symptome nicht verbessern. Bei einer Psychotherapie liegt eine Therapieresistenz vor, wenn innerhalb von mindestens 2 bis 3 Monaten die Symptome nicht um 50 bis 70 Prozent zurückgegangen sind. Neben dieser pauschalen Definition kann Therapieresistenz aber auch detaillierter mit Abstufungen definiert werden.<ref name="Ursachenabklärung">''[https://www.aerzteblatt.de/archiv/therapieresistenz-ursachenabklaerung-mit-viel-zeit-und-geduld-39b74251-b407-4a28-9658-6b0ada306124 Therapieresistenz: Ursachenabklärung mit viel Zeit und Geduld.]'' In: ''Deutsches Ärzteblatt.'' 10. Dezember 2010, abgerufen am 28. Janaur 2026.</ref> | |||
Bis zu einem Drittel depressiver Patienten sind bei Psychotherapie therapieresistent.<ref name="Ursachenabklärung" /> Ein Drittel bis die Hälfte spricht nach einer ersten mehrwöchigen Behandlung nicht auf die Medikation an.<ref>Tom Bschor, Michael Bauer, Mazda Adli: ''Chronische und therapieresistente Depression – Diagnostik und Stufentherapie''. In: ''Deutsches Ärzteblatt''. Nr. 111, 2014, S. 766–776, doi:[https://di.aerzteblatt.de/int/archive/article/163373 10.3238/arztebl.2014.0766.]</ref> Mehr als die Hälfte der Patienten erreicht auch nach acht Wochen medikamentöser Behandlung keine Vollremission. Wenn sich durch Medikamenteneinnahme nach zwei bis vier Wochen keinerlei Besserung zeigt, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sich das ändert.<ref>AWMF (Hrsg.): ''S3-Leitlinie/ Nationale Versorgungsleitlinie Unipolare Depression – Langfassung''. 2. Auflage Version 5. 2015, S. 84. ([https://register.awmf.org/assets/guidelines/nvl-005l_S3_Unipolare_Depression_2017-05.pdf awmf.org] PDF)</ref> | |||
=== Suizidgefahr === | |||
Man geht davon aus, dass rund die Hälfte der Menschen, die einen [[w:Suizid|Suizid]] begehen, an einer Depression gelitten haben. Im Jahre 2010 verübten in Deutschland rund 7000 Menschen mit Depression Suizid.<ref>Allianz Deutschland AG (Hrsg.): ''Depression – Wie die Krankheit unsere Seele belastet.'' München 2011.</ref> Bei der Depression handelt es sich daher um eine sehr ernste Störung, die umfassender Therapie bedarf.<ref>''[https://www.deutsche-depressionshilfe.de/depression-infos-und-hilfe/depression-in-verschiedenen-facetten/suizidalitaet Suizidalität.]'' In: ''deutsche-depressionshilfe.de''. Abgerufen am 28. Janaur 2026.</ref> | |||
== Literatur == | |||
Das ''Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin'' (ÄZQ) stellt in seinen ''Nationalen Versorgungsleitlinien'' (NVL) mit der Langfassung ihrer ''S3-Leitlinie'' nach den Abschnitten über Grundlagen, Diagnostik, Therapie und Methodik<ref>''[https://www.leitlinien.de/themen/depression/2-auflage S3-Leitlinie/NVL Unipolare Depression,] 2.'' In: ''Nationale Versorgungsleitlinie.'' Ärztliches Zentrum für Qualität in der Medizin, 2015, abgerufen am 28. Januar 2026.</ref> eine umfangreiche Literaturliste über unipolare Depressionen mit über 1.500 wissenschaftlichen Literaturstellen zur Verfügung.<ref>''[https://www.leitlinien.de/themen/depression/2-auflage/literatur S3-Leitlinie/NVL Unipolare Depression, 2. Auflage. Literatur.]'' In: ''Nationale Versorgungsleitlinie.'' Ärztliches Zentrum für Qualität in der Medizin, 2015, abgerufen am 28. Januar 2026.</ref> | |||
Unabhängig davon finden sich u. a. Einführungen, psychoanalytische Schriften und Ratgeberliteratur: | |||
'''Einführungen''' | |||
* Michael Bauer, Anne Berghöfer, Mazda Adli (Hrsg.): ''Akute und therapieresistente Depressionen. Pharmakotherapie – Psychotherapie – Innovationen'' 2., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Springer, Berlin 2005, ISBN 3-540-40617-4. | |||
* Tom Bschor (Hrsg.): ''Behandlungsmanual therapieresistente Depression: Pharmakotherapie – somatische Therapieverfahren – Psychotherapie.'' Kohlhammer, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-17-019465-6. | |||
* Martin Hautzinger: ''Kognitive Verhaltenstherapie bei Depressionen.'' 8. Auflage. Beltz, Weinheim 2021, ISBN 978-3-621-28814-9. | |||
* Martin Hautzinger: ''Akute Depression'' (= ''Fortschritte der Psychotherapie.'' Band 40). 2. überarbeitete Auflage, Hogrefe, Göttingen 2023, ISBN 978-3-8017-3167-0. | |||
* Piet C. Kuiper: ''Seelenfinsternis. Die Depression eines Psychiaters''. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-596-12764-5 (niederländisch: . Übersetzt von Marlis Menges). | |||
* Clark Lawlor: ''From Melancholia to Prozac: A history of depression.'' Oxford University Press, Oxford 2012, ISBN 978-0-19-958579-3. | |||
* Rainer Tölle, Klaus Windgassen: ''Psychiatrie: Einschließlich Psychotherapie.'' 17., überarbeitete und ergänzte Auflage. Springer, Berlin / Heidelberg 2014, ISBN 978-3-642-54699-0. | |||
'''Psychoanalytische Schriften''' | |||
* Joachim Küchenhoff: ''Depression'' (''= Analyse der Psyche und Psychotherapie''. Band 16). Psychosozial-Verlag, Gießen 2017, ISBN 978-3-8379-2705-4 ([https://psychosozial-verlag.de/pdfs/leseprobe/9783837927054.pdf Inhaltsverzeichnis und Leseprobe] [PDF; abgerufen am 21. August 2018]). | |||
* Marianne Leuzinger-Bohleber, Ulrich Bahrke, Alexa Negele (Hrsg.): ''Chronische Depression. Verstehen – Behandeln – Erforschen'' (= ''Schriften des Sigmund-Freud-Instituts''. Band 3, Nr. 1). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen / Bristol CT 2013, ISBN 978-3-525-45168-7. | |||
* Marianne Leuzinger-Bohleber, Martin Hautzinger, Wolfram Keller u. a.: ''Psychoanalytische und kognitiv-behavoriale Langzeitbehandlung chronisch depressiver Patienten bei randomisierter oder präferierter Zuweisung. Ergebnisse der LAC-Studie''. In: ''Psyche. Zeitschrift für Psychoanalyse''. Band 73, Nr. 2, 2019, S. 77–105 ([https://pep-web.org/browse/document/psyche.073.0077a pep-web.org] [abgerufen am 31. Oktober 2021]). | |||
* Fritz Riemann: ''Grundformen der Angst. Eine tiefenpsychologische Studie''. Ernst Reinhardt Verlag, 2006, ISBN 978-3-497-00749-3. | |||
'''Wissenschaftliche Literatur (Medikamente, TMS)''' | |||
* Albert, Paul R., Chawki Benkelfat, and Laurent Descarries: ''The neurobiology of depression—revisiting the serotonin hypothesis. I. Cellular and molecular mechanisms.'' Philosophical Transactions of the Royal Society B: Biological Sciences 367.1601 (2012): 2378-2381. | |||
* J. W. Kim, K. Suzuki, E. T. Kavalali, L. M. Monteggia: ''Ketamine: mechanisms and relevance to treatment of depression.'' In: ''Annual review of medicine.'' Band 75, Nr. 1, 2024, S. 129–143. | |||
* J. Downar, S. H. Siddiqi, A. Mitra, N. Williams, C. Liston: ''Mechanisms of Action of TMS in the Treatment of Depression.'' In: M. Browning, P. J. Cowen, T. Sharp (eds): ''Emerging Neurobiology of Antidepressant Treatments.'' In: ''Current Topics in Behavioral Neurosciences.'' Band 66, Springer, Cham 2024, doi:[https://link.springer.com/chapter/10.1007/7854_2024_483 10.1007/7854_2024_483]. | |||
'''Literatur mit entwicklungsorientierten Ansätzen auf seelisch-geistiger Basis''' | |||
* Heinz Grill: ''Das große Buch der Heilkraft durch Yogaaktivität.'' Stephan Wunderlich Verlag, 2025, ISBN 978-3-948803-19-3. | |||
* Heinz Grill: ''Das Wesensgeheimnis der Seele. Die Organe des Menschen, ihr seelischer Zusammenhang und die Möglichkeit eines spirituell orientierten Bewusstseinsaufbaues. Vier große Entwicklungsprozesse'', Stephan Wunderlich Verlag, Sigmaringen 2014, ISBN 978-3-9815855-5-1. | |||
* Heinz Grill: ''Über die Einheit von Körper, Seele und Geist. Öffentliche Vorträge 1997 zu den Themen Angst, Seelsorge, Entwicklung der Individualität und Heilung''. Lammers-Koll Verlag, 2001, ISBN 3-935925-84-0. | |||
'''Ratgeberliteratur''' | |||
* Barbara Bojack: ''Depressionen im Alter: ein Ratgeber für Angehörige.'' Psychiatrie-Verlag, Bonn 2003, ISBN 3-88414-359-X. | |||
* ''Depression erkennen und behandeln.'' Informationsbroschüre für Patienten und Angehörige, herausgegeben vom Bundesverband für Gesundheitsinformation und Verbraucherschutz – Info Gesundheit. medcom, Bonn 2013, ISBN 978-3-931281-50-2. | |||
* Pia Fuhrmann, Alexander von Gontard: ''Depression und Angst bei Klein- und Vorschulkindern: Ein Ratgeber für Eltern und Erzieher.'' Hogrefe, Göttingen 2015, ISBN 978-3-8017-2627-0. | |||
* Gunter Groen, Wolfgang Ihle, Maria Elisabeth Ahle, Franz Petermann: ''Ratgeber Traurigkeit, Rückzug, Depression: Informationen für Betroffene, Eltern, Lehrer und Erzieher.'' Hogrefe, Göttingen 2012, ISBN 978-3-8017-2382-8. | |||
* Ulrich Hegerl, Svenja Niescken: ''Depressionen bewältigen: Die Lebensfreude wiederfinden.'' 3. Auflage. TRIAS, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-8304-6781-6. | |||
* Ruedi Josuran, Verena Hoehne, Daniel Hell: ''Mittendrin und nicht dabei: Mit Depressionen leben lernen'' (= ''Econ.'' Band 71021). Econ-Taschenbuch-Verlag, München 2002, ISBN 3-548-36428-4. | |||
* Anke Rohde: ''Postnatale Depressionen und andere psychische Probleme: Ein Ratgeber für betroffene Frauen und Angehörige.'' Kohlhammer, Stuttgart 2014, ISBN 978-3-17-022116-1. | |||
* Larissa Wolkenstein, Martin Hautzinger: ''Ratgeber Chronische Depression. Informationen für Betroffene und Angehörige.'' Hogrefe, Göttingen 2015, ISBN 978-3-8444-2516-1. | |||
* Martin Hautzinger/Mazda Adli (Hrsg.): ''Praxishandbuch Depression. Ursachen - Diagnostik - Therapie.'' Elsevier, München 2023, ISBN 978-3-437-23031-8. | |||
* Martin Hautzinger: ''Ratgeber Depression. Informationen für Betroffene und Angehörige.'' 3. aktualisierte Auflage. Hogrefe, Göttingen 2022, ISBN 978-3-8017-3168-7. | |||
'''S3-Leitlinien''' | |||
* ''Nationale Versorgungsleitlinie Unipolare Depression''. Programm für Nationale Versorgungsleitlinien (NVL), Stand 2022, [https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/nvl-005.html online Auf: ''awmf.org'']. | |||
* ''Behandlung von depressiven Störungen bei Kindern und Jugendlichen''. Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP), Stand 1. Juli 2013, gültig bis 30. Juni 2018 [https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/028-043.html online Auf: ''awmf.org''] | |||
== Weblinks == | |||
* Artikel [[w:Depression|Depression]] in Wikipedia mit weiteren Informationen zu begleitenden Gesundheitsrisiken und zur gesellschaftlichen Dimension (Volkswirtschaftliche Relevanz, Stigmatisierung, Staatliche Maßnahmen, Interessensvertretung und Selbsthilfe) | |||
* [http://www.zpid.de/redact/category.php?cat=555 ''Depression'' – redaktionell betreute Linksammlung] im Gemeinschaftsprojekt ''Psychlinker'' des Leibniz-Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation und der Saarländischen Universitäts- und Landesbibliothek | |||
* [http://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.de/psychiatrie-psychosomatik-psychotherapie/erkrankungen/depressionen/was-ist-eine-depression/ ''Was ist eine Depression?''] Informationsportal ''Neurologen und Psychiater im Netz'', herausgegeben von mehreren deutschen und schweizerischen Berufsverbänden und Fachgesellschaften. | |||
* [https://www.iqwig.de/de/projekte-ergebnisse/projekte/versorgung/v15-02-leitliniensynopse-fuer-ein-dmp-depressionen.6821.html ''Leitliniensynopse für ein DMP Depressionen''.] Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, ''IQWiG-Berichte'', Nr. 502, 4. April 2017. | |||
* Heike Le Ker: [https://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/depression-wie-entzuendungen-depressionen-ausloesen-a-1026767.html ''Körper und Psyche: Wie Entzündungen Depressionen auslösen''.] In: ''Spiegel Online'', 17. April 2015. | |||
* Heinz Grill: [https://heinz-grill.de/depression-organe-gott/ ''Logik und Gesetze der Gesundheit XVI – Die Depression.''] In: ''Beiträge zu einem Neuen Yogawillen.'' | |||
* Heinz Grill: [https://heinz-grill.de/depression-gegensteuern-yoga/ ''Wie kann der Einzelne Depressionen entgegensteuern?''] In: ''Beiträge zu einem Neuen Yogawillen.'' | |||
'''Labordiagnostik''' | |||
* IMD Labor Berlin – Diagnostkinformation Nr. 242: [https://www.imd-berlin.de/fileadmin/user_upload/Diag_Info/242_Depression_Serotonin_Tryptophan_DAT1_COMT_TPH2_SERT.pdf ''Genetische Veränderungen des Neurotransmitter-Haushaltsprädisponieren für depressive Symptomatiken.''] (PDF; 199 kB) imd-berlin.de; abgerufen am 31. März 2021. | |||
* [https://www.thieme.de/de/psychiatrie-psychotherapie-psychosomatik/depression-diagnostik-per-bluttest-61137.htm ''Depression – Diagnostik per Bluttest.''] (Nach einer Mitteilung der Medizinischen Universität Wien; aus der Zeitschrift ''Fortschritte der Neurologie und Psychiatrie.'' Band 82, Nr. 6, Juni 2014, S. 303, [[doi:10.1055/s-0034-1381274]]) thieme.de; abgerufen am 31. März 2021. | |||
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Aktuelle Version vom 26. Februar 2026, 10:23 Uhr
Weitere Bedeutungen sind unter Depression (Begriffsklärung) aufgeführt. |

Als Depression (lateinisch depressio von lateinisch deprimere „niederdrücken“) wird in der Medizin allgemein eine Herabsetzung oder Dämpfung körperlicher oder psychischer Funktionen bezeichnet. Im Speziellen ist hier jedoch eine psychische Störung gemeint, die als Erkrankung den affektiven Störungen zugeordnet wird. Typische Symptome einer Depression sind gedrückte Stimmung, häufiges Grübeln, das Gefühl von Hoffnungslosigkeit und ein verminderter Antrieb. Häufig verloren gehen Freude und Lustempfinden, Selbstwertgefühl, und das Interesse am Leben insgesamt. Leistungsfähigkeit und Lebensqualität sind dadurch beeinträchtigt. Die Krankheitsursachen sind bislang wenig verstanden, vor allem der biologische Pathomechanismus (ursächlich wirkende Kausalkette von Körpervorgängen). Psychotherapie und Antidepressiva gehören zum standardmäßigen medizinischen Behandlungsangebot.
Die klinische Depression unterscheidet sich von Trauer oder einer vorübergehend niedergeschlagenen, deprimierten Stimmungslage (Dysphorie) durch eine unverhältnismäßig lange Dauer und Schwere. Als ernste, oft folgenreiche Erkrankung entzieht sie sich der Beeinflussung durch Willenskraft oder Selbstdisziplin des Betroffenen. Die Depression stellt eine wesentliche Ursache für Arbeitsunfähigkeit oder Frühverrentung dar und ist der Auslöser für rund die Hälfte der jährlichen Selbsttötungen in Deutschland.
Aus geistiger Forschung ergibt sich, dass eine Depression in der Regel mit einer feinstofflichen Schwächung der Leber zusammenhängt. Dadurch entsteht eine fast nicht messbare feine Verzögerung im Zuckerstoffwechsel, worunter das gesamte Energieniveau im Körper und auf seelischer Ebene leidet. Es entwickelt sich daraus keine physische Krankheit, sondern stattdessen die psychische Erkrankung der Depression. Der Depressive versinkt innerhalb seiner eigenen nach unten ziehenden, grübelnden und verzagenden Gefühlswelt. Seelisch gesehen dominiert in der Depression eine passive Erwartungshaltung mit Selbstaufgabe.
Passive Formen von Spiritualität oder Religion ohne eigenständige Erkenntnissuche sind von diesem Standpunkt depressionsfördernd, ebenso eine rein materialistische Lebensausrichtung sowie ein allgemeiner Mangel an Entwicklungsschritten im Leben. Eine karmische Ursache für Depressionen kann auch aus einem früheren Leben resultieren.
Aus geistiger Sicht erfordert die Depression zu ihrer Heilung eine Überwindung des Versunkenseins in die persönliche, körperlich bedingte Gefühlswelt und die entschiedene, zielgerichtete Entwicklung eines klaren, konkreten Gedankenlebens, das mit weiten Perspektiven verbunden ist.
Soforthilfen für Betroffene
Viele deutsche Online- und Print-Medien fügen bei Berichten im Kontext von Depressionen oder Suizidgefahr deutliche Hinweise[1] auf folgende stets direkt zugängliche Sofort-Hilfsangebote für Betroffene in Deutschland hinzu:
- Bei Suizidgefahr: Notruf 112
- Deutschlandweites Info-Telefon Depression, kostenfrei: 0800 33 44 5 33
- Telefonseelsorge (0800/111-0-111 oder 0800/111-0-222, Anruf kostenfrei)
- Kinder- und Jugendtelefon (Tel.: 0800/111-0-333 oder 116-111)
- Deutsche Depressionshilfe (regionale Krisendienste und Kliniken, Tipps für Betroffene und Angehörige)
- Deutsche Depressionsliga
Verbreitung

In einer internationalen Vergleichsstudie von 2011 wurde die Häufigkeit von Depressionen in Ländern mit hohem Einkommen verglichen mit der in Ländern mit mittlerem und niedrigem Einkommen. Die Lebenszeitprävalenz betrug in der ersten Gruppe (zehn Länder) 14,9 % und in der zweiten Gruppe (acht Länder) 11,1 %. Das Verhältnis von Frauen zu Männern war ungefähr 2:1.[2]
Rund drei bis zehn Prozent der Jugendlichen erkranken an einer Depression. Auch im jüngeren Alter ist die Erkrankung nicht selten.[3]
Die Krankheitslast durch Depressionen, etwa in Form von Arbeitsunfähigkeiten, stationären Behandlungen und Frühverrentungen, ist in Deutschland in den letzten Jahren stark angestiegen.[4][5][6] Es wird angenommen, dass sich die tatsächliche Krankheitshäufigkeit deutlich weniger gravierend verändert hat und das vermehrte Auftreten durch eine bessere Erkennung und weniger Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Störungen herrührt.[7] Auch die mit der Zeit niedrigschwelliger gewordenen Diagnose-Kriterien für eine psychische Störung werden als Teilursache kritisch diskutiert.[8] Ergebnisse von Langzeitstudien auf der anderen Seite sprechen jedoch eher für einen echten Anstieg, der mit verschiedenen gesellschaftlichen Einflussfaktoren in Zusammenhang gebracht wird.[9][10][11]
Auch in Deutschland scheinen nach Krankenkassendaten jüngere Generationen gefährdeter zu sein, im Laufe ihres Lebens an einer psychischen Störung zu leiden.[12] Die durchschnittliche Arbeitsunfähigkeitsdauer der versicherten Erkrankten belief sich im Jahr 2014 laut Angaben der Techniker Krankenkasse auf 64 Tage (im Vergleich: bei allen Diagnosen durchschnittlich 13 Tage). Von den zehn Gruppen mit den höchsten Erkrankungsraten gehören sieben dem Berufsbereich Gesundheit, Soziales, Lehre und Erziehung an. Mit Abstand führen Mitarbeiter in Callcentern die Liste an; gefolgt von Alten- und Krankenpflegern, Erziehern und Kinderbetreuern, Mitarbeitern der öffentlichen Verwaltung und Beschäftigten im Bewachungsgewerbe. Vergleichsweise wenig anfällig sind Hochschullehrer, Software-Entwickler und Ärzte. Frauen sind fast doppelt so oft betroffen wie Männer. Von 2000 bis 2013 hat sich die Zahl der verordneten Tagesdosen von Antidepressiva fast verdreifacht. In regionaler Hinsicht führen Hamburg (1,4 Arbeitsunfähigkeitstage pro versichertem Arbeitnehmer), Schleswig-Holstein und Berlin (je 1,3 Tage) die Liste an. In Hamburg sind 9,2 Prozent der gesamten Arbeitsunfähigkeitstage durch Depression bedingt. In Süd- und Ostdeutschland sind die Raten im Durchschnitt geringer.[13] Bei Studierenden, die bisher als relativ gesunde Gruppe galten, sind inzwischen nach Angaben der Barmer GEK 17 Prozent (etwa 470.000 Menschen), vor allem ältere, von einer psychiatrischen Diagnose betroffen.[14]
Anzeichen
Symptome
Im Jahre 2011 wurde von mehreren Fachgesellschaften wie der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) eine Versorgungsleitlinie zum Thema Depression erarbeitet. Sie empfiehlt, zur Diagnose nach ICD-10 zwischen drei Haupt- und sieben Zusatzsymptomen zu unterscheiden:[15]
Diagnostische Symptome
Die Hauptsymptome sind:
- gedrückte, depressive Stimmung: Die Depression ist charakterisiert durch Stimmungseinengung oder bei einer schweren Depression (englisch major unipolar depression) das „Gefühl der Gefühllosigkeit“ bzw. das Gefühl anhaltender innerer Leere.
- Interessensverlust und Freudlosigkeit: Verlust der Fähigkeit zu Freude oder Trauer; Verlust der affektiven Resonanz, das heißt, die Stimmung des Patienten ist durch Zuspruch nicht aufzuhellen.
- Antriebsmangel und erhöhte Ermüdbarkeit: Ein weiteres typisches Symptom ist die Antriebshemmung. Bei einer schweren depressiven Episode können Betroffene in ihrem Antrieb so stark gehemmt sein, dass sie auch einfachste Tätigkeiten wie Körperpflege, Einkaufen oder Abwaschen nicht mehr verrichten können.[16]
Die Zusatzsymptome sind:
- verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit
- vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen (Insuffizienzgefühl)
- Schuldgefühle und Gefühle von Minderwertigkeit
- Negative und pessimistische Zukunftsperspektiven
- Suizidgedanken oder -handlungen: Schwer Betroffene empfinden oft eine völlige Sinnlosigkeit ihres Lebens. Häufig führt dieser qualvolle Zustand zu latenter oder akuter Suizidalität.[17]
- Schlafstörungen
- verminderter Appetit
Mögliche weitere Symptome
Ferner kann zusätzlich ein somatisches Syndrom vorliegen, wenn mindestens vier der folgenden Symptome eindeutig feststellbar sind:[15]
- mangelnde Fähigkeit, emotional auf die Umwelt zu reagieren
- Interessen- oder Freudeverlust an normalerweise angenehmen Aktivitäten
- frühmorgendliches Erwachen: Der Schlaf ist gestört in Form von vorzeitigem Erwachen, mindestens zwei Stunden vor der gewohnten Zeit. Diese Schlafstörungen sind Ausdruck eines gestörten 24-Stunden-Rhythmus. Die Störung des chronobiologischen Rhythmus ist ebenfalls ein charakteristisches Symptom.
- Morgentief: Häufig geht es dem Kranken vormittags besonders schlecht. Bei einer seltenen Krankheitsvariante verhält es sich umgekehrt: Es tritt ein sogenanntes „Abendtief“ auf, das heißt, die Symptome verstärken sich gegen Abend und das Einschlafen ist erschwert oder erst gegen Morgen möglich.
- psychomotorische Hemmung oder Agitiertheit: Die Hemmung von Bewegung und Initiative geht häufig mit innerer Unruhe einher, die körperlich als ein Leidgefühl wahrgenommen wird und sehr quälend sein kann (stumme Exzitation, lautlose Panik).[16]
- deutliche Appetitlosigkeit
- Gewichtsabnahme
- auch kann sich das sexuelle Interesse vermindern oder erlöschen (Libidoverlust).
Depressive Erkrankungen gehen gelegentlich mit körperlichen Symptomen einher, sogenannten Vitalstörungen, und Schmerzen in ganz unterschiedlichen Körperregionen, am typischsten mit einem quälenden Druckgefühl auf der Brust. Während einer depressiven Episode ist die Infektionsanfälligkeit erhöht. Beobachtet wird auch sozialer Rückzug, das Denken ist verlangsamt (Denkhemmung), sinnloses Gedankenkreisen (Grübelzwang), Störungen des Zeitempfindens. Häufig bestehen Reizbarkeit und Ängstlichkeit. Hinzukommen kann eine Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen.[18]
Wie eine Übersichtsarbeit von 2019 hervorhebt, können zu den Beeinträchtigungen bei Depressionen zusätzlich zu affektiven Merkmalen auch kognitive Merkmale betroffen sein wie Kontrollvorgänge (Exekutivfunktionen), Lernen, Gedächtnis, Verarbeitungsgeschwindigkeit und Aufmerksamkeit. Der Fokus bei der Auseinandersetzung mit Depressionen liege jedoch in der Regel auf affektiven Merkmalen, obwohl insbesondere Aufmerksamkeitsstörungen sich sehr negativ auf das Funktionieren im Alltag auswirke. Im Gegensatz zu anderen Symptomen der Depression verbessere sich die Aufmerksamkeit bei den meisten Patienten durch aktuelle Behandlungsformen, insbesondere SSRIs, nicht. Medikamente, die hingegen auf Katecholamine abzielen (z. B. Dopamin, Noradrenalin), können einer verbesserten Aufmerksamkeitsspanne zugutekommen.[19]
Bild der Depression erweitert mit seelisch-geistigen Zusammenhängen
Auf Basis der vorliegenden Symptomatik entsteht in Verbindung mit einer Erweiterung aus seelisch-geistigen Zusammenhängen ein tiefgehendes Bild der Depression, das Heinz Grill wie folgt beschreibt: „[…] so ist die Erscheinungsform der Depression wie ein Mensch, der die Aufmerksamkeit vom sicheren und vorgegebenen Wege verloren hat und nun in den Wäldern abirrt, mit den Füßen im Schlamme tritt und somit in seinem Gange immer langsamer, eingeschränkter und schwerer wird. Er erschöpft, und der wässrige Schlamm zieht in weiter in den verschlingenden und einsaugenden Sumpf hinein. Sein Bewusstsein empfindet mit der Zeit nur noch die Schwere und Belastung der ihn umgebenden Materie.“[20]
Schweregrad
Der Schweregrad wird nach ICD-10 gemäß der Anzahl der Symptome eingeteilt:[15]
- leichte Depression: zwei Hauptsymptome und zwei Zusatzsymptome
- mittelschwere Depression: zwei Hauptsymptome und drei bis vier Zusatzsymptome
- schwere Depression: drei Hauptsymptome und vier oder mehr Zusatzsymptome
Geschlechtsunterschiede
Untersuchungen weisen darauf hin, dass sich Depressionen bei Männern nicht selten in atypischen, externalisierenden Symptomen zeigen. Anstelle von Traurigkeit oder Antriebslosigkeit stehen häufig Reizbarkeit, Aggression, Feindseligkeit, vermehrter Alkohol- oder Substanzkonsum, riskantes Verhalten oder eine Übersteigerung von Arbeit und Leistung im Vordergrund.[21] Auch somatische Beschwerden wie Schmerzen, Schlafstörungen oder gastrointestinale Symptome können die affektive Symptomatik überlagern.[22] Solche Unterschiede im Symptomprofil werden vielfach auf soziokulturelle Faktoren zurückgeführt, etwa auf traditionelle Männlichkeitsnormen, die Gefühlsausdruck, Hilfesuche oder das Eingeständnis von Schwäche hemmen.[23]
Für die beschriebenen Symptomkonstellationen hat sich in der populärwissenschaftlichen Literatur der Begriff männliche Depression etabliert. Der Terminus ist jedoch umstritten. Kritiker betonen, dass es sich nicht um ein eigenständiges Krankheitsbild handelt, sondern um geschlechtstypisch häufigere Ausdrucksweisen einer Depression, die wesentlich durch kulturelle Rollenerwartungen geprägt sind.[24] Zudem besteht die Gefahr, dass sich stereotype Zuschreibungen verfestigen und vergleichbare Symptomkonstellationen bei Frauen übersehen werden. Als alternative Bezeichnungen finden sich daher Begriffe wie verdeckt verlaufende Depression oder externalisierende Depression,[25] die die Symptomatik beschreiben, ohne eine geschlechtsspezifische Sonderform zu implizieren.
Bei Kindern und Jugendlichen
Das Erkennen von Depressionssymptomen bei Vorschulkindern ist inzwischen relativ gut erforscht, erfordert jedoch die Beachtung einiger Besonderheiten. Entsprechendes gilt für Schulkinder und Jugendliche.[26] Bei Kindern liegt die Prävalenz von Depression etwa bei drei Prozent, bei Jugendlichen bei etwa achtzehn Prozent.[27] Die Symptome sind bei Kindern und Jugendlichen oft nur schwer zu erkennen, da sie von alterstypischen Verhaltensweisen überlagert werden. Dies erschwert die Diagnostik.
Für Kinder und Jugendliche gelten die gleichen Diagnoseschlüssel wie für Erwachsene. Allerdings können bei Kindern eine ausgesprochene Verleugnungstendenz und große Schamgefühle vorliegen. In einem solchen Fall kann Verhaltensbeobachtung und die Befragung der Eltern hilfreich sein. Auch die familiäre Belastung in Hinblick auf depressive Störungen sowie anderen Störungen sollte in den Blick genommen werden. Im Zusammenhang mit Depression wird oft eine Anamnese des Familiensystems nach Beziehungs- und Bindungsstörungen sowie frühkindlichen Deprivationen oder auch seelischen, körperlichen und sexuellen Misshandlungen erstellt.[28]
Zu den weiteren diagnostischen Schritten kann auch eine Befragung der Schule oder des Kindergartens hinsichtlich der Befindlichkeit des Kindes oder Jugendlichen zählen. Häufig wird auch eine orientierende Intelligenzdiagnostik durchgeführt, welche eine eventuelle Über- oder Unterforderung aufdecken soll. Spezifische Testverfahren für Depression im Kindes- und Jugendalter sind das Depressions-Inventar für Kinder und Jugendliche (DIKJ) und der Depressions-Test für Kinder (DTK).
Diagnose

Da die Depression eine sehr häufige Störung ist, sollte sie bereits vom Hausarzt erkannt werden, was aber nur in etwa der Hälfte aller Fälle gelingt. Manchmal wird die Diagnose erst von einem Psychiater, von einem Arzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie oder von einem psychologischen Psychotherapeuten gestellt. Wegen der besonderen Schwierigkeiten der Diagnostik und Behandlung von Depressionen im Kindesalter sollten Kinder und Jugendliche mit einem Verdacht auf eine Depression grundsätzlich von einem Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie oder von einem Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten untersucht werden.
Verbreitete Verfahren zur Einschätzung des Schweregrades einer depressiven Episode sind die Hamilton-Depressionsskala (HAMD), ein Fremdbeurteilungsverfahren, das Beck-Depressions-Inventar (BDI), ein Selbstbeurteilungsverfahren, und das Inventar depressiver Symptome (IDS), welches in einer Fremd- und einer Selbstbeurteilungsversion vorliegt.
Mitunter wird eine Depression von einer anderen Erkrankung überdeckt und nicht erkannt.
In der ICD-10 fallen Depressionen unter den Schlüssel F32 und werden als „depressive Episode“ bezeichnet. Im Falle sich wiederholender Depressionen werden diese unter F33 klassifiziert, bei Wechsel zwischen manischen und depressiven Phasen unter F31. Die ICD-10 benennt drei typische Symptome der Depression: depressive Stimmung, Verlust von Interesse und Freude sowie eine erhöhte Ermüdbarkeit. Entsprechend dem Verlauf unterscheidet man im gegenwärtig verwendeten Klassifikationssystem ICD-10 die depressive Episode und die wiederholte (rezidivierende) depressive Störung.
Unterschiedliche Formen
| Klassifikation nach ICD-10 | ||
|---|---|---|
| F32.0 | Leichte depressive Episode (Der Patient fühlt sich krank und sucht ärztliche Hilfe, kann aber trotz Leistungseinbußen seinen beruflichen und privaten Pflichten noch gerecht werden, sofern es sich um Routine handelt.) | |
| F32.1 | Mittelgradige depressive Episode (Berufliche oder häusliche Anforderungen können nicht mehr oder – bei Tagesschwankungen – nur noch zeitweilig bewältigt werden). | |
| F32.2 | Schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome (Der Patient bedarf ständiger Betreuung. Eine Klinik-Behandlung wird notwendig, wenn das nicht gewährleistet ist). | |
| F32.3 | Schwere depressive Episode mit psychotischen Symptomen (Wie F.32.2, verbunden mit Wahngedanken, z. B. absurden Schuldgefühlen, Krankheitsbefürchtungen, Verarmungswahn u. a.). | |
| F32.8 | Sonstige depressive Episoden | |
| F32.9 | Depressive Episode, nicht näher bezeichnet | |
| ICD-10 online (WHO-Version 2019) | ||
Gegenwärtig ist das Diagnose-Schema nach ICD-10 in der medizinischen Praxis verbindlich. Die Schwere der Depression wird dort durch die Begriffe leichte, mittelgradige und schwere depressive Episode unterschieden, bei letzterer noch mit dem Zusatz mit oder ohne psychotische Symptome (siehe auch: Diagnose). Mit der Einführung der ICD-11 wird bereits ab der mittelgradigen Episode unterschieden, ob diese mit oder ohne psychotische Symptome auftritt.[29][30]
Nach dem ICD-10-Diagnose-Schema wird die chronische Depression nach Schwere und Dauer eingestuft in Dysthymie oder rezidivierende (wiederholte) Depression. Hier ist das DSM-5 genauer, da zu bestehenden chronischen depressiven Verstimmungen noch phasenweise zusätzliche Depressionen hinzukommen können. Innerhalb der DSM-5 wird dies dann „double depression“ genannt. Dort wurde jedoch auch der Ausschluss von Trauerreaktionen als Diagnosekriterium aufgehoben.[31]
Organische Depression (ICD-10 F06.3 – „Organische affektive Störungen“) nennt man ein depressives Syndrom, das durch eine körperliche Erkrankung hervorgerufen wird, beispielsweise durch Schilddrüsenfunktionsstörungen, Hypophysen- oder Nebennierenerkrankungen, Schlaganfall oder Frontalhirnsyndrom. Nicht zur organischen Depression zählen hingegen Depressionen im Gefolge von hormonellen Umstellungen, z. B. nach der Schwangerschaft oder in der Pubertät. „Eine depressive Episode muss … von einer organischen depressiven Störung unterschieden werden. Diese Diagnose ist (vorrangig) zu stellen, wenn die Störung des Affekts sehr wahrscheinlich als direkte körperliche Folge eines spezifischen Krankheitsfaktors (z. B. Multiple Sklerose, Schlaganfall, Hypothyreose) angesehen wird.“[32] Dies gibt dem weiterbehandelnden Arzt Hinweise, dass eine somatische Erkrankung als Ursache der Depression zugrunde liegt und bei der Diagnostik und Behandlung zu berücksichtigen ist (und nicht die Depression die Ursache funktioneller oder psychosomatischer Beschwerden ist).
Entlastungsdepression wird laut dem Dorsch eine depressive Episode genannt, die sich nach „seelischer Dauerbelastung“ einstellen kann, wie sie unter anderem Prüfungen, Hafterfahrungen oder Schwangerschaften darstellen. Sie geht insbesondere mit dem Gefühl der inneren Leere einher. Ein „erhöhtes Risiko“ liege für besonders motivierte Menschen vor, „die keine klare Trennung“ zwischen „Freizeit und Arbeit vornehmen und unzureichende Erholungspausen einlegen“.[33]
Historische Formen
Die Entwicklung der Klassifikationssysteme und die verschiedenen Erscheinungsformen der Depression haben zu Bezeichnungen geführt, die heute nicht mehr gebräuchlich sind und in den modernen Klassifikationssystemen nicht verwendet werden:
Disposition zur Depression
Der Tiefenpsychologe Fritz Riemann (1902–1979) beschreibt vier Grundformen der Angst, wovon eine die Depression ist. Manche Menschen haben depressive Persönlichkeitsstrukturen aufgrund ihrer mitgebrachten Anlage und/oder aufgrund von bestimmten Kindheitserfahrungen und ‑traumatisierungen, welche mehr oder weniger stark ausgeprägt sein können.[34]

In einem Bild, das auf der kosmischen Ordnung basiert, beschreibt er 4 Grundkräfte, die auf harmonische Weise zusammenwirken müssen:
- Die Erde umkreist die Sonne
- Die Eigendrehung der Erde
- Die Schwerkraft (wirkt zentripetal)
- Die Fliehkraft (wirkt zentrifugal)
Der Mensch trägt diese vier Kräfte in unterschiedlicher Ausprägung als unbewusste Triebkräfte in sich. Diese zeigen sich folgendermaßen:
- Sich einordnen in ein größeres Ganzes, eigenes Wollen begrenzen zugunsten Überpersönlichem, Selbsthingabe
- Ein Individuum werden (Individuation), Selbstbewahrung
- Impuls nach Dauer und Beständigkeit
- Impuls zur Veränderung und Wandlung[35]
Fehlt der zweite Impuls, der zur Selbstbewahrung, weitgehend oder komplett, so entsteht die Erkrankung der Depression. Der Depressive hat eine Angst vor der Selbstwerdung und lebt stattdessen einseitig den ersten Impuls, den der Selbsthingabe:
- „Wenn man, die Individuation vermeidend, die Hingabeseite überwertig lebt, ist, wie wir sahen, die allgemeinste Folge, dass dadurch der jeweilige andere einen Überwert bekommt, man selbst entsprechend an Wert verliert. Positiv ergibt das Zurückstellen des eigenen Ichs zunächst alles, was auf der Linie verstehender Einfühlung, des Mitgefühls und des Mitleids liegt. Man denkt immer erst an den anderen, an dessen Situation und Interessen, fühlt sich in ihn ein bis zur Identifikation. Das ermöglicht ein tiefes Fremdverständnis, ein Sich-in-andere-versetzen-Können, das zunächst etwas sehr Positives ist. Der eigentlich Depressive bleibt aber nun gleichsam in der Identifikation stecken und nimmt sich nicht wieder zu sich selbst zurück; er verliert dadurch zu viel an eigenem Standpunkt und kann zum Echo des anderen werden – man könnte sagen, er missverstehe die christliche Forderung des «liebe deinen Nächsten wie Dich selbst» als ein «mehr als dich selbst».“[36]
Riemann führt weiter aus, dass es für die depressive Persönlichkeitsstruktur eine Linie von Menschen mit durchaus noch völlig gesund zu nennenden depressiven Einschlägen über leichtere bis zu den schweren und schwersten depressiven Persönlichkeiten gebe, die folgendermaßen skizziert werden kann:
- „Kontemplation, Beschaulichkeit – stille Introvertierte – Bescheidenheit, Schüchternheit – Gehemmtheit im Fordern und Sich-Behaupten – Bequemlichkeit, rezeptive Passivität – passive Erwartungshaltungen (Schlaraffenerwartungen an das Leben) – Hoffnungslosigkeit – Depression – Melancholie. Nicht selten steht am Ende dieser Linie der Selbstmord oder die völlige Apathie und Indolenz oder es wird ausgewichen in eine Sucht, die aber nur vorübergehend das Ich stärkt, die Depression aufhebt.“[37]
Ursachen
Die Ursachen depressiver Störungen sind komplex und nur teilweise verstanden. Es existieren sowohl anlagebedingte als auch erworbene Anfälligkeiten (Prädispositionen) zur Ausbildung einer Depression. Diese können durch biologische Faktoren und durch lebensgeschichtliche soziale oder psychische Belastungen sowie durch seelisch-geistige Ursachen ausgelöst werden.
Biologische Einflüsse
Genetik
Depressive Störungen treten familiär gehäuft auf. Das Risiko, selbst an einer Depression zu erkranken, ist bei Verwandten ersten Grades etwa 50 % höher als normal.[38] Bei eineiigen Zwillingen (gleiche genetische Ausstattung) lag das Risiko, ebenfalls zu erkranken, bei 50 %, bei zweieiigen Zwillingen nur bei 15–20 %.[38] Bestimmte Genabweichungen, die für die Entstehung von Depression ausschlaggebend sind, konnten jedoch bislang trotz umfangreicher Suche nicht gefunden werden.[39]
Neurophysiologie
Nach der Einführung von Reserpin als Arzneimittel in den 1950er Jahren wurde die Beobachtung gemacht, dass einige Patienten depressive Symptome zeigten, nachdem sie damit behandelt worden waren. Dies wurde auf die Senkung von Neurotransmittern im Gehirn zurückgeführt.[40] Als gesichert gilt, dass die Signalübertragung insbesondere der monoaminergen Neurotransmitter Serotonin, Dopamin und Noradrenalin beteiligt ist. Auch weitere Signalsysteme sind involviert, die sich gegenseitig auf komplexe Weise beeinflussen. Medikamente, die Transmittersysteme beeinflussen, können depressive Symptome verändern (Antidepressiva). Jedoch ist unklar, inwieweit diese Transmittersysteme ursächlich an der Entstehung von Depressionen beteiligt sind.[41][42] So spricht auch etwa ein Drittel der Patienten nicht oder nur unzureichend auf Medikamente an, die monoaminerge Systeme beeinflussen.[43]
Jahreszeit
Die sogenannte Winterdepression (als Untergruppe aller saisonal auftretender Störungen, zusammengefasst englisch Seasonal Affective Disorders – SAD) wird als eine unzureichende Anpassung an Jahresrhythmen und an die jahreszeitlichen Veränderungen des Tagesrhythmus aufgefasst. Daran beteiligt sind mehrere Faktoren, unter anderem die jahreszeitlichen Schwankungen bei der Bildung von Vitamin D durch Sonnenlicht. Auch die antidepressive Wirksamkeit von Therapien, die cirkadiane Systeme beeinflussen, wie Lichttherapie, Schlafentzug oder Lithiumtherapie deutet auf Zusammenhänge hin. Ungeklärt ist, ob ein gestörtes circadianes System die Depression verursacht oder die Depression Ursache des geänderten circadianen Systems ist oder andere Kombinationen verantwortlich sind.[44][45][46]
Infektionen
Auch chronische Infektionen mit Krankheitserregern wie Streptokokken (früher auch das Borna Disease Virus 1 (BoDV-1)) stehen in Verdacht, Depressionen auslösen zu können.[47] Die depressiven Syndrome bei schweren Infektionen oder anderen schweren Erkrankungen können nach heutigem Kenntnisstand durch Entzündungsprozesse und die dabei wirksamen Zytokine vermittelt und als sickness behaviour bezeichnet werden.[48]
Medikamente und Drogen
Depressive Syndrome können durch die Einnahme oder das Absetzen von Medikamenten oder psychotropen Substanzen verursacht werden. Die Unterscheidung zwischen einer substanzinduzierten Depression und einer von Medikamenteneinnahme unabhängigen Depression kann schwierig sein. Grundlage der Unterscheidung ist eine durch einen Psychiater erhobene ausführliche Krankengeschichte.[49]
Medikamente, die am häufigsten depressive Symptome verursachen können, sind Antikonvulsiva, Benzodiazepine (vor allem nach Entzug), Zytostatika, Glucocorticoide, Interferone, Antibiotika, Statine, Neuroleptika, Retinoide, Sexualhormone und Betablocker. Als Medikamente mit potentiell depressionsauslösender Wirkung wurden z. B. Diazepam, Cimetidin, Amphotericin B und Barbiturate identifiziert.[50]
Ein depressives Syndrom wird häufig auch als typische Entzugserscheinung nach Drogenkonsum beobachtet.[51] Auch beim Absetzen des Dopingmittels Anabolikum im Kraftsport kann es zu einem depressiven Syndrom kommen. Da es sich dabei um illegalen Substanzgebrauch handelt, ist die Bereitschaft von Sportlern oft gering, sich beim Absetzen einem Arzt anzuvertrauen.[52]
Hormonelle Empfängnisverhütung
Die Einnahme hormoneller Kontrazeptiva kann zu Stimmungsschwankungen führen und eine Veränderung der Stimmung ist ein häufiger Grund dafür, dass deren Einnahme beendet wird.[53] Formale depressive Symptome hingegen, werden zwar in den Packungsbeilagen hormoneller Kontrazeptiva als mögliche unerwünschte Nebenwirkung genannt, die Datenlage bezüglich eines kausalen Zusammenhangs zwischen der Einnahme von Kontrazeptiva und dem Auftreten depressiver Verstimmungen bleibt jedoch unklar. Frauen sollte laut der aktuellen Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) geraten werden, sich im Falle von Stimmungsschwankungen oder depressiven Symptomen während einer hormonellen kontrazeptiven Behandlung mit ihrem Arzt in Verbindung zu setzen. Die Einnahme von hormonellen Kontrazeptiva führt nicht zu einer Verschlechterung bereits existierender Depressionen.[54]
Schwangerschaft
Nach einer groß angelegten britischen Studie sind etwa zehn Prozent aller Frauen von Depressionen während der Schwangerschaft betroffen. Nach einer anderen Studie sind es in der 32. Schwangerschaftswoche 13,5 Prozent. Die Symptome können extrem unterschiedlich sein. Hauptsymptom ist eine herabgesetzte Stimmung, wobei dies nicht Trauer im engeren Sinn sein muss, sondern von den betroffenen Patienten auch oft mit Begriffen wie „innere Leere“, „Verzweiflung“ und „Gleichgültigkeit“ beschrieben wird. Psychosomatische körperliche Beschwerden sind häufig. Es dominieren negative Zukunftsaussichten und das Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Das Selbstwertgefühl ist niedrig. Die depressive Symptomatik in der Schwangerschaft wird oft von schwangerschaftstypischen „Themen“ beeinflusst. Dies können etwa Befürchtungen in Bezug auf die Mutterrolle oder die Gesundheit des Kindes sein.[55][56]
Wochenbett
Zum Stimmungstief der Mutter im Wochenbett nach einer Geburt („Baby-Blues“) werden verschiedene mögliche neuroendokrinologische Ursachen diskutiert.[57] Mit einer oft zitierten Häufigkeit von ungefähr 10 bis 15 Prozent ist diese sogenannte postnatale Depression weit verbreitet. Allerdings zeigte ein Vergleich von 143 Studien mit Daten aus 40 Staaten, dass die tatsächlichen Häufigkeiten im Bereich von 0 bis 60 % liegen, was mit großen sozioökonomischen Unterschieden in Verbindung gebracht wurde. So war die Häufigkeit in Singapur, Malta, Malaysia, Österreich und Dänemark sehr gering, dagegen in Brasilien, Guyana, Costa Rica, Italien, Chile, Südafrika, Taiwan und Südkorea sehr hoch.[58] Die Symptome können Niedergeschlagenheit, häufiges Weinen, Angstsymptome, Grübeln über die Zukunft, Antriebsminderung, Schlafstörungen, körperliche Symptome und lebensmüde Gedanken bis hin zur Suizidalität umfassen.
Leberschwäche und Leberleiden
In der Naturheilkunde wird ein Zusammenhang zwischen Depression und einer Schwächung oder Erkrankung der Leber gesehen.[59]
Psychologische Einflüsse
Erlernte Hilflosigkeit
Nach Seligmans Depressionsmodell werden Depressionen durch Gefühle der Hilflosigkeit bedingt, die auf unkontrollierbare, aversive Ereignisse folgen. Entscheidend für die erlebte Kontrollierbarkeit von Ereignissen sind die Ursachen, auf die die Person ein Ereignis zurückführt. Nach Seligman führt die Ursachenzuschreibung unangenehmer Ereignisse auf interne, globale und stabile Faktoren zu Gefühlen der Hilflosigkeit, die wiederum zu Depressionen führen. Mittels Seligmans Modell lässt sich die hohe Komorbidität zu Angststörungen erklären: Für alle Angststörungen ist es charakteristisch, dass die Personen ihre Angst nicht oder sehr schlecht kontrollieren können, was zu Hilflosigkeits- und im Verlauf der Störung auch zu Hoffnungslosigkeitserfahrungen führt. Diese wiederum sind, laut Seligman, ursächlich für die Entstehung von Depressionen.[60]
Kognitionen als Ursache
Im Zentrum von Aaron T. Becks kognitiver Theorie der Depression stehen kognitive Verzerrungen der Realität durch den Depressiven. Ursächlich dafür sind, laut Beck, negative kognitive Schemata oder Überzeugungen, die durch negative Lebenserfahrungen ausgelöst werden. Kognitive Schemata sind Muster, die sowohl Informationen beinhalten als auch zur Verarbeitung von Informationen benutzt werden und somit einen Einfluss auf Aufmerksamkeit, Enkodierung und Bewertung von Informationen haben. Durch Benutzung dysfunktionaler Schemata kommt es zu kognitiven Verzerrungen der Realität, die im Falle der depressiven Person zu pessimistischen Sichtweisen von sich selbst, der Welt und der Zukunft führen (negative Triade). Als typische kognitive Verzerrungen werden u. a. willkürliche Schlüsse, selektive Abstraktion, Übergeneralisierungen und Über- oder Untertreibungen angesehen. Die kognitiven Verzerrungen verstärken rückwirkend die Schemata, was zu einer Verfestigung der Schemata führt. Unklar ist jedoch, ob kognitive Fehlinterpretationen, bedingt durch die Schemata, die Ursache der Depression darstellen oder ob durch die Depression kognitive Fehlinterpretationen erst entstehen.[60] Für Depressionen bei Kindern und Jugendlichen wurden bisher kaum Hinweise dafür gefunden, dass kognitive Fehlinterpretationen die Ursache für Depression darstellen.[61]
Emotionale Intelligenz
Daniel Goleman sieht im Rahmen des Konzepts der emotionalen Intelligenz bei depressiven Teenagern zwei emotionale Defizite. Erstens zeigten depressive Teenager, wie auch Aaron T. Beck beschreibt, eine Tendenz, Wahrnehmungen negativ, also depressionsverstärkend, zu interpretieren. Zweitens mangele es depressiven Jugendlichen an der Fähigkeit, zwischenmenschliche Beziehungen zu gestalten (Eltern, Peergroup, Sexualpartner). Kinder, die depressive Neigungen haben, zögen sich bereits in sehr jungem Alter zurück, wichen Sozialkontakten aus und verpassten dadurch soziales Lernen, das sie später nur noch schwer nachholen könnten.[62][63]
Verstärkerverlust
Nach dem Depressionsmodell von Lewinsohn, das auf der operanten Konditionierung der behavioristischen Lerntheorie beruht, entstehen Depressionen aufgrund einer zu geringen Rate an unmittelbar mit dem Verhalten verbundener Verstärkung. Nach Lewinsohn hängt die Menge positiver Verstärkung von der Anzahl verstärkender Ereignisse, von der Menge verfügbarer Verstärker und von den Verhaltensmöglichkeiten einer Person ab, sich so zu verhalten, dass Verstärkung möglich ist.[60] Im weiteren Verlauf kann es zu einer Depressionsspirale kommen, wenn Betroffene sich aufgrund der Interesselosigkeit sozial zurückziehen und der Verlust an Verstärkern wiederum zu einer weiteren Verschlechterung der Stimmung beiträgt.[64] Dieser Entwicklung müsse dann durch Verhaltensänderungen im Sinne einer „Anti-Depressionsspirale“ entgegengewirkt werden.[65] Das entsprechende Konzept ist die Grundlage für die Verhaltensaktivierung in der Behandlung.[66]
Stressoren und Traumata
Anhaltende Stressbelastungen wie etwa Armut können Depressionen auslösen.[67] Auch frühe Traumata können spätere Depression bedingen. Da die Hirnreifung bei Kindern noch nicht abgeschlossen ist, können traumatische Erlebnisse das Entstehen einer schweren Depression im Erwachsenenalter begünstigen.[68] Zu den auslösenden Faktoren von Traumata gehören Deprivation, Vernachlässigung, Trennungs- und Verlusterlebnisse oder auch schwerwiegende Krankheitserfahrungen, invasive medizinische Eingriffe (wie z. B. Miktionszystourethrographie) von der perinatalen bis Kindheitsphase.[69]
Brown und Harris (1978) berichteten in ihrer als Klassiker geltenden Studie an Frauen aus sozialen Brennpunkten in London, dass Frauen ohne soziale Unterstützung ein besonders hohes Risiko für Depressionen aufweisen. Viele weitere Studien haben seitdem dieses Ergebnis gestützt. Menschen mit einem kleinen und wenig unterstützenden sozialen Netzwerk werden besonders häufig depressiv. Gleichzeitig haben Menschen, die erst einmal depressiv geworden sind, Schwierigkeiten, ihr soziales Netzwerk aufrechtzuerhalten. Sie sprechen langsamer und monotoner und halten weniger Blickkontakt, zudem sind sie weniger kompetent beim Lösen interpersonaler Probleme.[70]
Mangelnde soziale Anerkennung
Der Medizinsoziologe Johannes Siegrist hat auf der Grundlage umfangreicher empirischer Studien das Modell der Gratifikationskrise (verletzte soziale Reziprozität) zur Erklärung des Auftretens zahlreicher Stresserkrankungen (wie Herz-/Kreislauf-Erkrankungen, Depression) vorgeschlagen.
Gratifikationskrisen gelten ebenso wie Mobbing als großer psychosozialer Stressfaktor. Gratifikationskrisen können vor allem in der Berufs- und Arbeitswelt, aber auch im privaten Alltag (z. B. in Partnerbeziehungen) als Folge eines erlebten Ungleichgewichtes von wechselseitigem Geben und Nehmen auftreten. Sie äußern sich in dem belastenden Gefühl, sich für etwas engagiert eingesetzt oder verausgabt zu haben, ohne dass dies gebührend gesehen oder gewürdigt wurde. Oft sind solche Krisen mit dem Gefühl des Ausgenutztseins verbunden. Mobbing ist hingegen durch das Erleben von direkter oder versteckter sozialer Ausgrenzung gekennzeichnet.[71] In diesem Zusammenhang kann es bei beiden Formen zu heftigen negativen Emotionen kommen, die bei einem Andauern auch zu einer Depression führen können.
Folgen von elterlichen Depressionen
Eine Depression bei einem Familienmitglied wirkt sich auf Kinder aller Altersgruppen aus. Elterliche Depression ist ein Risikofaktor für Depressionen von deren Kindern. Beispielsweise kann es zu einer sog. transgenerationalen Weitergabe kommen. Viele Studien haben die negativen Folgen der Interaktionsmuster zwischen depressiven Müttern und ihren Kindern belegt. Bei den Müttern wurde mehr Anspannung und weniger verspielte, wechselseitig belohnende Interaktion mit den Kindern beobachtet. Sie zeigten sich weniger empfänglich für die Emotionen ihres Kindes und weniger bestätigend im Umgang mit dessen Erlebnissen. Außerdem boten sich den Kindern Gelegenheiten zum Beobachten depressiven Verhaltens und depressiven Affektes.[72] André Green (1983) beschreibt in seinem Konzept der emotional „toten Mutter“, dass eine Depression die Folge davon sein könnte, dass in wichtigen Entwicklungsphasen eine emotionale Antwort der Eltern fehlte.[73][74]
Unterdrückung eigener Interessen (Aggressionshemmung)
Karl Abraham (1912) beobachtete bei Depressionen eine Aggressionshemmung, was auch von Melanie Klein aufgenommen wurde.[74] Daraufhin wurde zunächst angenommen, diese Aggressionshemmung könne ursächlich für die Depression sein. Zum Teil wurde sowohl innerhalb als auch außerhalb der Psychoanalyse das Auftreten von Aggression als positives Zeichen interpretiert.[75] Stavros Mentzos geht jedoch davon aus, dass nicht eine sinnlose aggressive Entladung die Depression mildern kann, sondern eine die eigenen Interessen berücksichtigende Lösung eines inneren Konflikts.[75]
Seelisch-geistige Einflüsse
Gewöhnung der Leber an unordentliche astralische Einflüsse
Rudolf Steiner, Begründer der Anthroposophie, zeigt aus geistiger Sicht den Zusammenhang einer spezifischen Schwäche im Leberorgan auf, welche unter bestimmten Bedingungen nicht zu einer chronischen physischen Erkrankung, sondern zur psychischen Erkrankung der Depression führt:
- „Nun aber kommt es zur gewöhnlichen physischen chronischen Erkrankung, wenn der ganze Vorgang so im Organ gehalten werden kann, daß astralischer Leib und Ätherleib richtig ihren Anteil nehmen an der Organwirkung und so viel als nötig ist, in die Organwirkung hineinsenden. Ist der Kranke so konstituiert, daß er ertragen kann ein unordentliches Hereinwirken des astralischen Leibes auf dem Umweg durch den Ätherleib in sein Organ, ist der Kranke also so geartet, daß er den abnormen Zusammenhang seines astralischen Leibes mit seiner Leber über einen gewissen kritischen Punkt hinwegbringt, so daß gewissermaßen die Leber nicht merkt, daß der astralische Leib nicht ordentlich in sie hineinwirkt, dann, ich möchte sagen, erholt sich die Leber, aber sie gewöhnt sich an das unordentliche Hineinwirken des astralischen Leibes. Das braucht dann nur lange genug fortzuschreiten und es macht den umgekehrten Weg in das Seelische hinein. Das, was die Leber aufnehmen sollte ins Physische, schiebt sie in das Seelische hinein, und wir haben die Depression, so daß also in einer gewissen Weise dadurch, daß der Mensch chronische Krankheiten über einen gewissen Punkt hin bis zu der abnormen Beziehung zum astralischen Leib hin übersteht, die Anlage gegeben wird zur sogenannten geistigen Erkrankung.“[76]
Metaphysische Schwächung der Leber führt zu Verzögerung im Zuckerstoffwechsel
Auch Heinz Grill weist aus geistiger Forschung darauf hin, dass die Leber das bei der Depression am stärksten betroffene Organ ist. Dies zeigt sich jedoch in aller Regel nicht an pathologischen Leberwerten oder einer Vergrößerung der Leber, sondern auf einer metaphysischen Ebene:
- „Der zur Leber zugehörige Planet Jupiter ist im Sternenmeer der Regent der hohen Ideale, des Selbstbewusstseins, der Religion und der Protektion. In der Depression ist die Kraft des Jupiters durch bestimmte Fremdeinflüsse abgeschwächt oder gestört. Die Leber, die die Werte des Jupiters benötigt und die nichts mehr als ein konzentriertes und ein kristallklares Denken liebt, beginnt in der Depression auf eine feine pathologische Weise störend in den Gesamtzusammenhang des Körpers einzustrahlen. Die Stoffwechselvorgänge, die im Anabolismus und Katabolismus geregelt sind, geraten zunehmend in eine Disharmonie, und meist sind es die abbauenden, formbildenden, vom Gedanken kommenden Kräfte, die nicht mehr richtig in den Gesamtzusammenhang des physiologischen Wirkens treten.“[20]
Es wird vor allem der Zuckerstoffwechsel, der in der Leber stattfindet, gestört, worunter das gesamte Energieniveau leidet:
- „Durch die Schweretendenz in diesem großen Stoffwechsellaboratorium tritt eine Verzögerung vor allem im Zuckerstoffwechsel ein. Diese, wenn auch vielleicht recht minimale Verzögerung, ist der Ausdruck für das Nicht-eingreifen-Können des rechten kosmischen Strahlungsfeldes aus dem Jupiter. In der Folge dieser Verzögerung stört sich das gesamte Energieniveau im Körper und Wohlbefinden, da dem Körper im Moment tatsächlich auch nicht mehr das rechte Maß an Zucker zur Verfügung steht. Das Gehirn benötigt diese Energiesubstanz aus den Kohlenhydraten am meisten, aber auch die Muskulatur und die verschiedenen Gewebe brauchen Zucker. Diese feine, fast nicht nachweisbare Verzögerung des Stoffwechsels bringt eine weitreichende Folge für das gesunde integrative Denken und Handeln und für das positive Interesse an der Außenwelt. Die Leber, die aus dem Zusammenhang geglitten ist und in die Schwere sinkt, bringt dadurch eine Art Lähmung und Passivität in alle weiteren Aktivitäten hinein und strahlt schließlich auf das eigene Bewusstsein eine gefangennehmende Traurigkeit aus, die sich wiederum von dem Menschen bis hinein in die Umwelt verströmt. Alle Handlungen und Gedanken sind von einem sensiblen Ziehen der Müdigkeit und der Hoffnungslosigkeit, die im wahrsten Sinn eine Lebensangst darstellt, begleitet. Dem schwer gewordenen Gedankenleben fehlt das Licht des Jupiters und somit die erhebende und organisierende Kraft eines soliden Selbstwertgefühls. Es fehlt das Licht des Gedankens und somit verschatten Bedrückung, Sorge und Verzagtheit die Wahrnehmung zur Welt.“[77]
Gedankenlähmung
Die bei der Depression häufig auftretende Willenslähmung oder Antriebshemmung ist nach den Forschungen von Heinz Grill die Folge einer Gedankenlähmung:
- „Der Wille scheint gelähmt zu sein, die ganze Antriebskraft, die Motivation zum Leben, die Begeisterungsfähigkeit zum Leben, das Interesse nach außen, die Bewegungen nach außen sind wie gelähmt und eingeschnürt im eigenen Innenraum. Das Fühlen in der Depression ist aber gar nicht so sehr diese Willenslähmung, sondern es ist, wenn wir sie einmal ganz genau betrachten, mehr eine Gedankenlähmung. Sie wird bezeichnet als Willenslähmung oder als Willensmangel. Der Wille wäre aber in der Depression bereit, vieles zu tun, jedoch scheint sich eine negative Macht, eine sehr schwere, grübelnde Tendenz durch uns so blockierend zu äußern, dass wir nicht weiterschreiten können. Es scheint sich hier etwas Fremdes, etwas Wesenhaftes durch uns bemerkbar zu machen. Dieses Wesenhafte ist eine Art Zeichen des Schlafes. In der Depression haben wir die typische Stimmung des Schlafes. Wir können mit den Gedanken noch nicht erwachen, wir sind, wenn wir es bildhaft beschreiben wollen, in der Depression mit dem Kopf im Leibe versunken. Wir könnten uns die Depression bildhaft so vorstellen, dass der Kopf hineinstürzt nach innen und sich einschnürt in diesen Innenraum. Das zeigt sich beispielsweise an jenen Verhältnissen des Denkens. Das Denken in der Depression ist meistens sehr, sehr schwer zu begeistern, sehr, sehr schwer in ein lichthaftes, in ein freudiges, in ein feuriges Bewusstsein zu führen.“[78]
Erwartungshaltung statt gedanklicher Schöpferkraft
Bei der Depression liegt eine von Heinz Grill so bezeichnete Selbstlosigkeit ohne Selbst vor:
- „Diese falsche Selbstlosigkeit bringt ein unendliches Dilemma von Schwierigkeiten in Bewegung, da sie der Entwicklung des Geistes, der zu einem freien und reifen Individuum aufsteigen möchte, entgegengesetzt ist. So sucht vielleicht das Gemüt in der Phase der Traurigkeit verstärkt in der Außenwelt Rat und Hilfe. […] Eine überbereitwillige Offenheit entsteht gerne gegenüber Ratschlägen und fremden Meinungen sowie auch einer fremden Führung. Ganz besonders innerhalb religiöser Formen imponiert plötzlich die überfromme Hingabe und Bereitschaft zur Aufopferung gegenüber einem göttlichen Ideal, das in einer außenstehenden, fernen Dimension angenommen wird. In einem passiven Hoffen und sehnsüchtigen Bitten ruft das Gebet um Hilfe für das eigene Leben. Die Erwartung und nicht die Schöpferkraft prägen das Gemüt. In den Gebetserwartungen äußern sich aber nur flehende Gefühle, die höchstens eine Depression verstärken, aber niemals heilen können.[79]
Ungünstige Formen von Spiritualität oder Religiosität
Heinz Grill weist darauf hin, dass ungünstige Formen von Spiritualität oder Religiosität Depressionen fördern können:
- „Die heutigen religiösen Formen fördern die Depressionen, da sie den Menschen nicht zur praktischen Verwirklichung religiöser Inhalte führen, sondern ihn an Glaubenssysteme fesseln möchten. Wie wenig kann eine katholische Kirche eine wirkliche Auskunft über das nachtodliche Leben und über die Lehren der Reinkarnation und karma geben? Sie aber repräsentiert den höchsten Anspruch der Wahrheit. Der Mensch wird durch diese Lehre auf einen Körper und auf eine Seele reduziert und es wird ihm ein schöpferisches geistiges Bewusstsein in vollkommener Freiheit nicht ausreichend zugestanden.“[80]
Alle Glaubens- und auch Yogasysteme, die in Form von Sukzession arbeiten, förderten tendenziell depressive Grundstimmungen.[79]
Materialistische Weltsicht
Rudolf Steiner zeigt auf, dass eine rein materialistische Weltsicht Depressionen fördert:
- „Wie leidet heute mancher Mensch praktisch unter den naturwissenschaftlichen Vorurteilen! Da steht ein Mensch, und wenn er ein naturwissenschaftlicher Gläubiger und den Geist Ablehnender ist, so sagt er sich wohl: Da habe ich eine gewisse Art der Individualität an mir; ich schaue hinauf zu meiner Blutsverwandtschaft und muß erkennen, wie ich das Ergebnis der Vererbung seitens dieser meiner Blutsverwandtschaft bin. – Dann senkt sich Depression, Energielosigkeit und Unfähigkeit des Ankämpfens gegen ein Schicksal in manche Seele. Denn wenn es so wäre, daß der Mensch nur das Ergebnis der Vererbung wäre, dann würde es ebenso unmöglich sein, die schlimmen Wirkungen der Vererbung aufzuhalten, wie es unmöglich ist, den Blitz, der gegen einen Menschen zuckt, aufzuhalten. Wenn aber die Geisteswissenschaft nicht bloß eine Theorie bleibt, sondern Kraft der Seele wird, so daß wir wissen: in uns lebt ein seelischer Kern, der das, was die Vererbungslinie gegeben hat, nur als äußere Hülle an sich trägt, und der in sich immer tiefere und tiefere Kräfte suchen muß – dann wächst der Mut, die Hoffnung, die Energie, um das, was sich im äußeren körperlichen Dasein als Schwäche zeigt, durch das Geistige zu beherrschen und zu verbessern. Da gibt es dann keinen Augenblick im Menschenleben mehr, wo man nicht im Hinblick auf die geistigen Kräfte im Menschen die Sicherheit gewinnen kann, äußere Hindernisse zu überwinden.“[81]
Außerdem weist er auf die Depressionen fördernde Wirkung hin, die ein äußerlich angenehmes Leben mit sich bringt, denn es entsteht der Hang, nur über das Physische nachzudenken. Die Seelen bleiben dadurch öde und werden leidender:
- „Wer sich genauer das Leben ansieht, kann das heute schon bemerken. In kaum einem Zeitalter hat es so viele Menschen gegeben, welche in so angenehmen äußeren Verhältnissen leben, aber mit öden, unbeschäftigten Seelen einhergehen, wie es heute der Fall ist. Diese Menschen eilen darum von Sensation zu Sensation; dann, wenn das Pekuniäre reicht, reisen sie von Stadt zu Stadt, um etwas zu sehen, oder wenn sie in derselben Stadt bleiben müssen, eilen sie jeden Abend von Vergnügen zu Vergnügen. Die Seele bleibt aber darum doch öde, weiß zuletzt selber nicht mehr, was sie aufsuchen soll in der Welt, um einen Inhalt zu bekommen. Namentlich wird durch ein Leben in rein äußeren, physisch annehmlichen Zuständen der Hang erzeugt, nur über das Physische nachzudenken. Und wenn diese Neigung, sich nur mit dem Physischen zu beschäftigen, nicht schon lange vorhanden wäre, so würde auch nicht die Neigung zum theoretischen Materialismus so stark geworden sein, wie es in unserer Zeit der Fall ist. So werden die Seelen leidender, während das äußere Leben gesünder gemacht wird.“[82]
Mangel an Entwicklung
Depressionen können auch entstehen, wenn Menschen aufgrund eines Mangels an geeigneten Zielen zu wenig in einer Entwicklung stehen.[80]
Karmische Einflüsse
Aus geistiger Sicht können einer Depression, insbesondere wenn es sich um eine schwerwiegendere handelt, auch karmische Ursachen zugrunde liegen: „Während in einem früheren Leben zu wenig Bewusstsein aufgebracht wurde und sich der Mensch mehr durch seine eigenen vitalen Gefühle gelenkt hat, so muss er nun auf ganz besondere Weise unter schwierigeren Umständen sein Bewusstsein kreieren. Diese für ihn außergewöhnliche Aktivität bewirkt aber eine wachsende Wertschätzung des realen Gliedes des Geistes.“[83]
Rudolf Steiner erwähnt außerdem einen Bezug der Depression mit einem zukünftigen Leben:
- „Der Psychoanalytiker findet irgendeinen Menschen, der unter dieser oder jener Depression leidet. Diese Depression braucht ihren Ursprung nicht im gegenwärtigen bewußten Seelenleben zu haben, sondern in der Vergangenheit. In diesem Leben trat einmal irgend etwas im seelischen Erleben auf. Der Mensch ist darüber hinausgekommen, aber nicht vollständig; im Unterbewußten ist ein Rest geblieben. Er hat zum Beispiel Enttäuschungen erlebt. Er ist durch Erziehung, durch andere Vorgänge, mit dem bewußten Seelenleben über diese Enttäuschungen hinweggekommen, aber im Unbewußten, da leben sie. Da wogt sie, diese Enttäuschung, gewissermaßen bis an die Grenze der Bewußtheit heran. […] Aber in dem, was da eingebettet ist, birgt sich zu gleicher Zeit eine Keimkraft, welche das darstellt, was – wenn der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen sein wird in das Leben, das zwischen dem Tod und einer neuen Geburt verläuft, und dann in ein neues Erdenleben eintritt – aus den getäuschten Hoffnungen etwas ganz anderes macht als eine Depression, dasjenige aus ihnen macht, was dann in einem nächsten Leben zur Ent-Täuschung, zur Ertüchtigung führt. In dem, was der Psychoanalytiker in den enttäuschten Lebenshoffnungen in den Untergründen der Seele sucht, liegt, wenn er nur tief genug darauf eingeht, dasjenige, was sich vorbereitet in einem gegenwärtigen Leben, um schicksalsmäßig in ein nächstes Leben einzugreifen.“[84]
Behandlung
Depressionen können bei der Mehrheit der Patienten erfolgreich behandelt werden. Im Vordergrund stehen die medikamentöse Behandlung mit Antidepressiva und die Psychotherapie. Weitere Therapieverfahren, z. B. Lichttherapie, Wachtherapie, Sport- und Bewegungstherapie, Elektrokonvulsionstherapie ergänzen die Behandlungsmöglichkeiten. Die aktuelle nationale Behandlungsleitlinie wertet bei mittelschweren bis schweren depressiven Perioden Antidepressiva als gleichwertig mit einer Psychotherapie. Bei schweren Depressionen wird eine Kombination von Psychotherapie und antidepressiver Medikation empfohlen.[32]
Durchgeführt wird die Psychotherapie von psychologischen Psychotherapeuten, von ärztlichen Psychotherapeuten, von Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, von Heilpraktikern für Psychotherapie. Häufig erfolgt parallel dazu die Gabe von Antidepressiva durch den Hausarzt oder Psychiater. Die Behandlung erfolgt ambulant oder stationär in psychiatrischen Kliniken bzw. Fachkrankenhäusern.
Stationäre Behandlung

Bei hohem Leidensdruck und einem nicht zufriedenstellenden Ansprechen auf ambulante Therapie und Psychopharmaka – insbesondere jedoch bei drohendem Suizid – ist eine Behandlung in einer psychiatrischen Klinik in Erwägung zu ziehen. Die stationäre Behandlung dauert in der Regel vier bis acht Wochen und bietet dem Patienten eine Tagesstruktur sowie die Möglichkeit intensiverer psychotherapeutischer und medizinischer Maßnahmen. Häufig ist auch die medikamentöse Einstellung, beispielsweise bei der Lithiumtherapie, ein Grund für einen Krankenhausaufenthalt. Dabei ist es auch möglich, sich in einer Tagesklinik tagsüber intensiv behandeln zu lassen, die Nacht aber zu Hause zu verbringen. Psychiatrische Kliniken haben in der Regel offene und geschlossene Stationen, wobei Patienten auch auf geschlossenen Stationen in der Regel Ausgang haben.
Stationäre Depressionsbehandlungen sind in den letzten Jahren sehr viel häufiger geworden. Die Häufigkeit einzelner Krankenhausbehandlungen aufgrund wiederholter (rezidivierender) Depressionen ist zwischen 2001 und 2010 auf mehr als das 2,8fache angestiegen.[85] Der Anstieg der Zahl an Aufnahmen relativiert sich jedoch, wenn man die gleichzeitige Verkürzung der durchschnittlichen Verweildauer im Krankenhaus berücksichtigt. Depressionen verursachten nach Daten der Barmer GEK im Jahre 2010 über sechs Prozent aller Krankenhaustage und liegen damit mit großem Abstand an der Spitze aller Diagnosen. Nach Entlassung aus dem Krankenhaus kommt es bei etwa 30–40 % der Patienten innerhalb eines Jahres zur erneuten stationären Aufnahme.[4]
Psychotherapie
Zur Behandlung der Depression kann ein breites Spektrum psychotherapeutischer Verfahren wirksam eingesetzt werden (Übersicht über evaluierte Therapieverfahren bei Hautzinger, 2008[86]). Hierzu gehören die kognitive Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und die analytische Psychotherapie.[87] Auch die Gesprächspsychotherapie, die Gestalttherapie, metakognitive Therapie nach Wells sowie metakognitives Training können zur Behandlung eingesetzt werden. Neuere integrative Ansätze zur Behandlung chronischer bzw. rezidivierender Depressionen sind das Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy (CBASP) sowie die Achtsamkeitsbasierte Kognitive Therapie (englisch Mindfulness Based Cognitive Therapy, MBCT).[88] Seit einigen Jahren kommen auch zunehmend Online-Therapieprogramme (Onlineberatung) zum Einsatz,[89] z. B. iFightDepression.[90]
Verhaltenstherapie
Die verhaltenstherapeutische Behandlung der Depression wird heutzutage auf der Grundlage der Kognitiven Verhaltenstherapie durchgeführt. In der Therapie sollen die depressionsauslösenden Denkmuster und Verhaltensmuster herausgearbeitet werden, um sie anschließend Schritt für Schritt zu verändern. Zusätzlich wird der Patient zu größerer Aktivität motiviert, um seine persönlichen Verstärkermechanismen wieder zu aktivieren und um die erwiesen positiven Wirkungen größerer körperlicher Aktivität auf die Stimmung zu nutzen. Weitere Methoden der Kognitiven Verhaltenstherapie umfassen die Krisenbewältigung, die Diagnostik, das Erkennen negativer Denkmuster oder das Erkennen des Zusammenhangs von Handeln und Fühlen.[91]
Tiefenpsychologische Therapie
In der tiefenpsychologischen Behandlung sollen durch die Aufdeckung und Bearbeitung unbewusster psychischer Konflikte und verdrängter Erfahrungen die zugrundeliegenden Ursachen für die Erkrankung bewusst gemacht werden. Die im Laufe der Therapie für den Patienten wahrnehmbar werdenden, zugrundeliegenden Motive, Gefühle und Bedürfnisse sollen dadurch in das aktuelle Leben integrierbar werden.
Hinsichtlich der Unterschiede in der Wirksamkeit verschiedener Psychotherapien lassen sich keine pauschalen Empfehlungen geben, sodass hier die Präferenzen, Hauptbeschwerden und auslösende oder aktuell belastende Faktoren des Patienten bei der Auswahl des therapeutischen Verfahrens berücksichtigt werden sollten.[92] Auch die aktuelle nationale Behandlungsleitlinie beinhaltet keine Empfehlung zu spezifischen Psychotherapieverfahren, sondern verweist auf Evidenztabellen mit unterschiedlichen Forschungsergebnissen.[32] Allerdings heißt es dort: „In spezifischen Reviews wurden psychotherapeutische Behandlungsverfahren, die speziell auf die Therapie der Depression abgestimmt sind (z. B. kognitive Verhaltenstherapie oder Interpersonelle Psychotherapie bzw. psychodynamische Psychotherapie), als gleich wirksam wie Antidepressiva beschrieben.“[93] Für die Akuttherapie gilt laut nachfolgendem Abschnitt Effektivität psychotherapeutischer Verfahren in der Akuttherapie: „Die meisten Belege für eine psychotherapeutische Monotherapie liegen für leichte und mittelgradige depressive Störungen vor. Bei mittelschweren bis schweren depressiven Episoden ist eine Differenzialindikation erforderlich.“
Medikamente

Pharmazeutika
Die Wirksamkeit von Antidepressiva ist stark abhängig vom Schweregrad der Erkrankung. Während bei mildem und mäßigem Schweregrad die Wirksamkeit fehlend oder gering ist, ist sie bei schwerer Depression deutlicher.[94] Bei den schwersten Formen profitieren bis zu 30 % der behandelten Patienten über die Placeborate hinaus von Antidepressiva.[32] Ein Drittel bis die Hälfte der Patienten spricht nicht auf die Medikation an nach einer mehrwöchigen Behandlung mit einem ersten Antidepressivum.[95] Metaanalysen weisen darauf hin, dass antidepressive Medikamente in ihrer Wirksamkeit von Patient zu Patient große Unterschiede zeigen und in manchen Fällen eine Kombination verschiedener Medikamente Vorteile haben kann.[96][97] In der Wahrnehmung der (Fach-)Öffentlichkeit wird die Wirksamkeit von Antidepressiva eher überschätzt, da Studien, in denen das Antidepressivum besser als ein Placebo abschnitt, sehr viel häufiger in Fachjournalen publiziert werden, als solche, in denen das Antidepressivum einem Placebo nicht überlegen war.[32]
Unerwünschte Nebenwirkungen sind mit der Einführung der Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI, siehe unten) in den 80er Jahren deutlich zurückgegangen, jedoch weiterhin zu beachten.[98]
Die Therapietreue (Compliance) der Patienten bei der Anwendung der Medikamente ist wie bei anderen psychiatrischen Medikamenten relativ gering. Nur etwa die Hälfte bleibt in der akuten Phase dabei, und hiervon wiederum nur etwa die Hälfte auch in der Nachfolgephase.[99]
Die bekanntesten Antidepressiva lassen sich in drei Gruppen einteilen:
Selektive Wiederaufnahmehemmer
Diese Wirkstoffe hemmen die Wiederaufnahme der Neurotransmitter Serotonin, Noradrenalin oder Dopamin in die Präsynapse. Direkte Wirkungen auf andere Neurotransmitter sind bei diesen selektiven Wirkstoffen deutlich schwächer ausgeprägt als bei trizyklischen Antidepressiva.
Die selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) werden bei Depressionen heute am häufigsten eingesetzt. Sie wirken ab einer Einnahmedauer von zwei bis drei Wochen. Sie hemmen (weitgehend) selektiv die Wiederaufnahme von Serotonin an der präsynaptischen Membran, wodurch eine „relative“ Vermehrung des Botenstoffs Serotonin bei der Signalübertragung erzielt wird. Ähnlich wirken Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI), welche zusätzlich die Wiederaufnahme von Noradrenalin in die Präsynapse vermindern. Von vergleichbarem Wirkmechanismus sind Noradrenalin-Dopamin-Wiederaufnahmehemmer und selektive Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer, welche die Wiederaufnahme von Noradrenalin, bzw. Noradrenalin und Dopamin hemmen. SSRI und SNRI (z. B. Reboxetin) unterscheiden sich in ihrem Nebenwirkungsprofil.[100]
SSRIs werden seit ca. 1986 eingesetzt; seit 1990 sind sie die am häufigsten verschriebene Klasse von Antidepressiva. Wegen des nebenwirkungsärmeren Profils, vor allem in Bezug auf Kreislauf und Herz, werden sie häufig verordnet. Relativ häufige Nebenwirkungen sind jedoch Verdauungsstörungen, erhöhtes Risiko innerer Blutungen, sexuelle Dysfunktion und Anorgasmie.[98]
Trizyklische Antidepressiva
Die trizyklischen Antidepressiva (z. B. Trimipramin, Amitriptylin) wurden bis zum Aufkommen der Serotonin-Wiederaufnahmehemmer am häufigsten verschrieben. Es handelt sich um eine relativ große Gruppe von Substanzen, die sich in ihren Wirkungen und vor allem in ihren Kombinationsmöglichkeiten mit anderen Klassen von Antidepressiva markant unterscheiden und daher fundiertes Wissen erfordern.[101] Hauptnachteil sind deren ausgeprägte auftretende Nebenwirkungen (z. B. Mundtrockenheit, Verstopfung, Müdigkeit, Muskelzittern und Blutdruckabfall), wobei es besser verträgliche Ausnahmen gibt (z. B. Amoxapin, Maprotilin). Bei älteren und bei durch Vorerkrankungen geschwächten Menschen ist daher Vorsicht geboten. Zudem wirken einige Trizyklika häufig zunächst antriebssteigernd und erst danach stimmungsaufhellend, wodurch es zu einem höheren Suizidrisiko in den ersten Wochen der Einnahme kommen kann. In den USA müssen sie zusammen mit SSRI einen diesbezüglichen Warnhinweis tragen.
Monoaminooxidase-Hemmer (MAO-Hemmer)
MAO-Hemmer wirken durch Blockieren der Monoaminoxidase-Enzyme. Diese Enzyme spalten Monoamine wie Serotonin, Noradrenalin und Dopamin – also Neurotransmitter (Botenstoffe zwischen den Nervenzellen im Gehirn) – und verringern dadurch deren Verfügbarkeit zur Signalübertragung im Gehirn. Die MAO-Hemmer hemmen diese Enzyme, wodurch sich die Konzentration der Monoamine und damit der Neurotransmitter erhöht und die Signalübertragung zwischen den Nervenzellen verstärkt wird.
MAO-Hemmer werden in selektiv oder nichtselektiv sowie reversibel oder irreversibel unterteilt. Selektive Inhibitoren der MAO-A (z. B. Moclobemid, reversibel) hemmen nur den Typ A der Monoaminoxidase und zeigen eine antidepressive Wirkung. Sie sind im Allgemeinen gut verträglich, unter anderem mit deutlich weniger Störungen bei Verdauungs- und Sexualfunktionen als bei SSRI.[102] Die Einnahme von nichtselektiven irreversiblen MAO-Hemmern kann in Verbindung mit dem Verzehr bestimmter Lebensmittel, wie z. B. Käse und Nüssen, zu einem gefährlichen Blutdruckanstieg führen. Deshalb müssen Patienten, die nichtselektive, irreversible MAO-Hemmer einnehmen, eine strenge, tyraminarme Diät halten. Nichtselektive MAO-Hemmer (z. B. Tranylcypromin, irreversibel) hemmen MAO-A und MAO-B und werden in der Behandlung von (therapieresistenten) Depressionen und Angststörungen eingesetzt. Irreversible MAO-Hemmer binden die MAO-A bzw. MAO-B dauerhaft. Um die Wirkung aufzuheben, muss das betroffene Enzym vom Körper erst neu gebildet werden, was Wochen dauern kann. Reversible MAO-Hemmer hingegen binden nur schwach an die MAO und geben MAO-A bzw. MAO-B spätestens mit dem Abbau des Medikaments wieder intakt frei.
Neuere Studien weisen auf eine Einsatzmöglichkeit von Ketamin in Akutfällen:
Ketamin
Bei depressiven Notfällen (Suizidgefährdung) bestätigten mehrere Studien eine schnelle antidepressive Wirkung von Ketamin, einem Antagonisten am Glutamat-NMDA-Rezeptorkomplex.[103][104][105][106] Studienergebnisse zeigten bei einmaliger Gabe eine signifikante Besserung über einen Zeitraum von bis zu sieben Tagen.[107] Es gibt Empfehlungen zur niedrigdosierten Verordnung, welche im Gegensatz zum Gebrauch als Anästhetikum oder Dissoziativum kaum Nebenwirkungen zeigt.[108][109] Seit Dezember 2019 ist ein Nasenspray mit dem Ketamin-Derivat Esketamin (Spravato) in der europäischen Union zugelassen.[110]
Lithium
Lithium wird in erster Linie bei therapieresistenten Depressionen, zur Phasenprophylaxe bei wiederkehrenden Depressionen, zur Verbesserung der Wirkung bei Nichtansprechen auf Antidepressiva (Augmentation) oder als Monotherapie in Akutphasen, und zur Reduzierung einer Suizidgefahr eingesetzt. Aufgrund möglicher schwerer Nebenwirkungen muss eine Lithiumeinnahme streng überwacht werden.[111]
Antiepileptika
Alternativ oder ergänzend zu Lithium werden auch die Antiepileptika Carbamazepin, Lamotrigin und Valproinsäure zur Phasenprophylaxe bei wiederkehrenden Depressionen eingesetzt.[112][113]
Phytotherapeutika
Phytotherapeutika, also pflanzliche Arzneimittel, wie Johanniskrautextrakte werden bei leichten und mittelschweren Depressionen häufig verschrieben und eingenommen. Wirkung und Nebenwirkungen sind aber nicht abschließend geklärt.[114]
Zur Unterstützung und Stärkung der bei einer Depression aus naturheilkundlicher Sicht häufig geschwächten Leber werden zur allgemeinen Tonisierung des Leberorgans Bitterstoffdrogen wie Mariendistel oder Löwenzahn eingesetzt.[115]
Medikation auf Basis der Wesensglieder des Menschen
Anhand eines Patientenfalles stellen Rudolf Steiner und Ita Wegman den Zusammenhang zwischen Symptomatik und den Wesensgliedern des Menschen (Ich, Astralleib, Ätherleib und physischer Leib) dar und leiten hieraus geeignete Stoffe bzw. Medikamente ab, die zur Behandlung indiziert sind. Mit dieser seelisch-geistigen Herangehensweise entsteht eine zusammenhängende Gesamtsicht auf das Wesen der Depression:
- „Mit 33 Jahren zeigen sich nach geistiger Überanstrengung Depression, Müdigkeit, Apathie. Diese Zustände verstärken sich fortwährend. Es tritt parallel damit eine geistige Ratlosigkeit auf. Patient steht vor Fragen, die ihm das Negative seines Berufes zeigen – er ist Lehrer –, dem er aber nichts Positives entgegensetzen kann.
- Der Krankheitszustand zeigt einen astralischen Leib, der zum Äther- und physischen Leib eine zu geringe Affinität hat und in sich selbst unbeweglich ist. Dadurch machen der physische Leib und der Ätherleib ihre eigenen Eigenschaften geltend. Die Empfindung des nicht richtig mit dem Astralleib verbundenen Ätherleibes erzeugt Depressionen; das nicht richtig Verbundensein mit dem physischen Leib Müdigkeit und Apathie. Daß Patient in geistige Ratlosigkeit verfällt, rührt davon her, dass der Astralleib ohnmächtig ist, den physischen und Ätherleib zu gebrauchen. Mit alledem hängt zusammen, dass der Schlaf gut ist, weil der Astralleib geringen Zusammenhang mit Äther- und physischem Leib hat. Aus demselben Grunde ist aber das Aufwachen schwer. Der Astralleib will in den physischen nicht hinein. Erst wenn der physische und Ätherleib müde sind am Abend, tritt eine normale Verbindung mit demselben ein. Daher wird Patient erst am Abend recht wach.

- Der ganze Zustand weist darauf hin, daß man zunächst die Tätigkeit des astralischen Leibes verstärke. Das erreicht man immer, wenn man Arsen in innerlicher Form eines Naturwassers gibt. Man wird nach einiger Zeit bemerken, wie der betreffende Mensch mehr Herrschaft über seinen Körper bekommt. Der Zusammenhang zwischen Astralleib und Ätherleib wird stärker, Depression, Apathie und Müdigkeit hören auf. Man muß nun auch dem physischen Körper, der durch die längere zu geringe Verbindung mit dem Astralleibe träge in bezug auf Beweglichkeit geworden ist, durch eine Phosphorkur in schwacher Dosis zu Hilfe kommen. Der Phosphor unterstützt die Ich-Organisation, so daß diese den Widerstand des physischen Körpers überwinden kann. Rosmarinbäder werden den abgelagerten Stoffwechselprodukten einen Abfluß eröffnen. Heileurythmie kann die Harmonie der einzelnen Glieder (Nerven-Sinnessystem, rhythmisches System, motorisches und Stoffwechselsystem) des menschlichen Organismus, die durch die Untätigkeit des Astralleibes gestört worden sind, wieder herstellen. Gibt man dem Patienten noch Fliedertee, so wird der träge Stoffwechsel, der sich nach und nach durch die Untätigkeit des Astralleibes eingestellt hat, wieder normal gemacht.“[116]
Lichttherapie
Die aktuelle Behandlungsleitlinie empfiehlt Lichttherapie bei Depressionen, die einem saisonalen Muster folgen.[32] Etwa 60–90 % der Patienten profitierten von einer Lichttherapie nach etwa zwei bis drei Wochen.[117]
Nach früheren Ergebnissen war Lichttherapie ebenfalls bei nicht jahreszeitlich bedingten Depressionen wirksam.[118] Dabei sollten die Patienten – um einen Effekt zu gewährleisten – täglich für mindestens 30 Minuten in eine spezielle Lichtquelle schauen, die weißes Vollspektrumlicht von mindestens 10.000 Lux abgibt.[119] Es werden 10.000 Lux für 30–40 Minuten als anfängliche Dosis empfohlen, wenigstens zwei bis vier Wochen jeden Morgen und zwar so rasch wie möglich nach dem Erwachen.[120] Nach einer von der Cochrane Collaboration veröffentlichten systematischen Übersichtsarbeit von 2015 können keine Schlussfolgerungen zur Wirksamkeit von Lichttherapie zur Prävention (Verhütung) neuer depressiver Episoden gezogen werden.[121]
Stimulationsverfahren
Insbesondere bei schweren und über lange Zeit gegen medikamentöse und psychotherapeutische Behandlung resistenten Depressionen kommen gerade in jüngerer Zeit wieder stärker Stimulationsverfahren zum Einsatz, deren Wirkmechanismen jedoch noch weitgehend unklar sind.
Das häufigste diesbezüglich eingesetzte Verfahren ist die Elektrokonvulsionstherapie (EKT). In der Epilepsie-Behandlung war aufgefallen, dass bei Patienten, die gleichzeitig an einer Depression litten, nach einem epileptischen Anfall auch eine Verbesserung der Stimmung auftrat. Die Elektrokonvulsionstherapie wird in Narkose durchgeführt und stellt dann, wenn Medikamente und Psychotherapie bei schweren Depressionen nicht wirken, eine mögliche Alternative dar. Signifikante Kurzzeiteffekte konnten nachgewiesen werden.[122] Im Einzelnen noch ungeklärte Wirkungen bei schwerer Depression werden auch mit einem Rückgang der Neigung zum Suizid und verminderten Selbsttötungen in Zusammenhang gebracht.[123][124] Es gibt Hinweise auf die Beeinflussung neuroendokrinologischer Mechanismen.[125][126]
Im Versuchsstadium befinden sich weitere Stimulationsverfahren wie die Magnetkrampftherapie (ein Krampf wird mittels starker Magnetfelder induziert),[127] die Vagusnerv-Stimulation (ein Schrittmacher sendet elektrische Impulse an den Vagusnerv; in den USA als Therapieverfahren zugelassen),[128][129] die Transkranielle Magnetstimulation (Gehirnstimulation durch ein Magnetfeld außerhalb des Kopfes),[130][131][132] die Transkranielle Gleichstromapplikation (tDCS) (schwachelektische Gehirnstimulation durch den Schädelknochen).[133] Nachweise zur Wirksamkeit dieser Verfahren liegen bislang (Stand Dezember 2015) noch nicht vor.
Akupunktur
In einer Übersichtsstudie von 2019 zeigte Akupunktur klinisch signifikante Verringerungen der Schwere von Depressionen. Es wurde dabei eine Korrelation zwischen der Anzahl der durchgeführten Akupunkturbehandlungen und dem Grad der Verringerung der Depression gefunden. Wie die Studienautoren jedoch selbst anmerken, ist die Übertragbarkeit der Ergebnisse von der chinesischen Bevölkerung auf andere Bevölkerungsgruppen unklar, da die Mehrheit der Studien in China durchgeführt wurde, und in China eine höhere Behandlungsfrequenz und Anzahl von Behandlungen angewendet werden. Die Studie kam zu dem Schluss, dass Akupunktur eine Ergänzung zur üblichen Behandlung und zur Standardmedikation mit Antidepressiva sein kann.[134]
Bewegung

Eine Form der unterstützenden therapeutischen Maßnahmen ist die Sporttherapie. Wenn Sport im gesellschaftlichen Zusammenhang stattfindet, erleichtert er eine Wiederaufnahme zwischenmenschlicher Kontakte. Ein weiterer Effekt der körperlichen Betätigung ist das gesteigerte Selbstwertgefühl und die Ausschüttung von Endorphinen. Positive Effekte des Joggings bei Depressionen sind empirisch durch Studien nachgewiesen; 1976 wurde das erste Buch unter dem Titel The Joy of Running zu diesem Thema veröffentlicht.[135]
Krafttraining beispielsweise konnte in einer Studie für alte Patienten (70+ Jahre) als wirksam erwiesen werden. Nach 10 Wochen angeleiteten Trainings war ein Rückgang der depressiven Symptome im Vergleich zu einer Kontrollgruppe (die nicht trainiert, sondern angeleitet gelesen hatte) feststellbar. Der Effekt war für einen Teil der Testpersonen auch zwei Jahre nach Ende des geführten Trainings noch nachweisbar.[136]
Es existiert eine Vielzahl von methodisch robusten Studien über den Nutzen von Sport und Bewegung bei Depression. Diese zeigen beispielsweise, dass Sport (unter Anleitung, zuhause) gegen Depression gleich wirksam ist wie eine medikamentöse Therapie (Sertralin) oder Placebo-Medikation.[137] Eine Metaanalyse von 2013 bewertet den Effekt zurückhaltender, unterstreicht aber den präventiven Effekt, da „moderate Bewegung im aeroben Bereich von mindestens 150 Minuten pro Woche […] mit einem merklich geringeren Risiko für die Entwicklung einer Depression in Zusammenhang“ steht.[138] Ist das Ziel nicht die Prävention, sondern die Behandlung der Depression, ist laut einer Metaanalyse von 2019 einen Monat lang jede Woche dreimal 45 min Sport notwendig für eine Stimmungsverbesserung.[139]
Yoga
Gemäß wissenschaftlichen Untersuchungen besonders der letzten 15 Jahre verbessert eine regelmäßige Yogapraxis unabhängig von der Art der psychischen Erkrankung die subjektiv empfundene Lebensqualität und steigert das Wohlbefinden. Insbesondere bei Depressionen mit einer leichteren Ausprägung scheint es, dass die Symptome mit Yoga kurzfristig effektiv reduziert werden können. Bei schwereren depressiven Erkrankungen konnte diese positive Wirkung hingegen nicht eindeutig belegt werden. Es gibt Hinweise, dass es bereits ausreicht, drei Mal pro Woche Yoga zu praktizieren, um eine Verbesserung von depressiven Symptomen zu erzielen. Yoga kann somit vielversprechend als ergänzende Therapie der Depression neben Psychopharmaka und Psychotherapie eingesetzt werden.[140]
Iyengar Yoga

B. K. S. Iyengar beschreibt Yoga als eine Heilmethode:
- „Yoga ist eine Kombination aus Physiotherapie, Psychotherapie und geistigem Training – also eine Heilmethode, die keinen Unterschied zwischen Körper und Psyche macht. Asanas sind physisch und psychisch wirksame Übungen, die die Organe wohldosiert mit frischem, heilendem Blut und Energie versorgen. Wenn ein Teil des Körpers von einer Krankheit befallen ist, verliert er seine Empfindsamkeit. Während des Übens von therapeutisch auf die Beschwerden abgestimmten Asanas fließt Energie in die erkrankten Bereiche. Damit kann der Heilungsprozess einsetzen.“[141]
Iyengar versteht Yoga-Therapie dahingehend, dafür zu sorgen, dass Gehirn und Körper harmonisch zusammenarbeiten. Dabei umfasst der Begriff des Gehirns sowohl den Geist wie auch den Verstand, womit alle Gedanken, Erfahrungen und die Vorstellungskraft mit eingeschlossen sind. Es soll die Wirkung des Gehirns auf den Körper kontrolliert werden. Neben einer Vielzahl an Yogaübungsreihen zur therapeutischen Begleitung verschiedenster Beschwerden hat er eine spezifische Asanareihe bei Depressionen[142] entwickelt. Hierbei betont Iyengar, dass es entscheidend ist, die richtige Kombination und Reihenfolge von Yogastellungen zu üben, damit eine entsprechende Wirkung eintreten kann. Als allgemeine Wirkungen von Asanas benennt er Folgendes: der Körper wird geschmeidiger, der Geist wird wach, die Nerven werden beruhigt, das Gehirn entspannt sich und das physische, physiologische und emotionale Gleichgewicht erhalten sich. Das Selbstvertrauen und die Willenskraft steigen mit regelmäßigem Praktizieren.[143]
Eine spezifische Wirkung bei Depressionen benennt er für die Yogaübungen Intensive Beinstreckung (Prasarita-Padottanasana),[144] Kamelhaltung (Ushtrasana),[145] Heldenstellung mit dem Gesicht nach unten (Adho-Mukha-Virasana),[146] Knie-zum-Kopf-Stellung (Janu Shirshasana),[147] und Umkehrstellung (Viparita-Karani).[148]
Yogaübungsweise nach Heinz Grill
Heinz Grill betont die tiefgreifenden Möglichkeiten zur heilsamen Unterstützung bei Depressionen, die mit der Praxis von Yogaübungen gegeben sind, insbesondere wenn diese nicht nur körperlich, sondern mit einer bewussten gedanklichen Aktivität ausgeführt werden. Er arbeitet differenziert die Gestaltung dieser Bewusstseinsaktivität und die damit entstehenden Wirkmechanismen auf Psyche und Körper heraus.
Als spezifisch wirksam bei Depressionen benennt und beschreibt er folgende Yogastellungen:
Die Yogaübung Fisch (Matsyasana) sieht er vor allem wegen ihrer stärkenden Wirkung auf das Leberorgan als bei Depressionen besonders wirkungsvoll. Er empfiehlt deshalb Betroffenen, diese möglichst oft zu üben.
Das Ausführen dieser Yogastellung erfordert, dass sich der Praktizierende von den vorhandenen Körpergefühlen frei macht und auf differenzierte Weise einerseits den Kopf locker nach hinten legt und andererseits die Brustwirbelsäule hoch nach oben heraus trägt und für einige Zeit gezielt hält. Für Ablenkungen und Sorgen bleibt mit dieser sowohl bewussten, als auch körperlichen gezielten Aktivität kein Raum, womit sie unmittelbar einen lichteren Charakter erhält.[149]
Bei dieser spezifischen Körperhaltung stellt sich unvermeidlich eine öffnende Wirkung ein und mit der differenzierten Aktivität der Spannungsverteilung durch das Bewusstsein „entsteht ein Wirkungskreislauf, der nicht nur in der unmittelbar bearbeiteten oberen Körperhälfte seine Resultate zeigt, sondern des Weiteren in die Verdauungsorgane und ganz besonders auf das Leberorgan einwirkt. Wenn das Bewusstsein zu einer gezielten Präsenz und hohen Aktivität geführt wird, strömen der Leber feinste Lebenskräfte zu, die diese von hypertrophierenden und unruhigen Tendenzen reinigen, sie gewissermaßen wieder in eine Form bringen und somit das Leistungsvermögen des Stoffwechselaufbaus von gesunden Proteinen fördern. […] Melancholie wird durch diese Position geheilt.“[149]
Die Praxis der Yogastellung Liegendes Dreieck (Anantasana) wirkt nach seelisch-geistigen Gesichtspunkten psychisch stabilisierend auf den bei einer Depression sehr häufig vorliegenden labilen Zustand des Willens und fördert die Fähigkeit, diesen zu führen. Bei dieser Übung ist es notwendig, dass der Praktizierende in jedem Moment das Gleichgewicht mit einer wachsenden Dynamik nach oben herstellt, indem er sich aus der Hüfte und dem unteren Rücken aufrichtet. Diese Aktivität verhindert ein Zurücksinken in einen labileren Zustand, welcher einem Zurückfallen in Gewohnheiten und Bequemlichkeiten entspricht. Bei Depressionen ist dieser labile Zustand häufig. Der Übende lernt hierbei den Willen mit Erfolg zu führen, weil dieses Halten des Dreieckes und das elegante Aufrichten hin zur Spitze mit einem angenehm leichten Atem und dem Empfinden einer neuen Perspektive verbunden ist.[150]

Der Halbe Drehsitz (Ardha Matsyendrasana) ist gemäß den geistigen Forschungen von Heinz Grill für die unterstützende Therapie von Depressionen gut geeignet, da mit der gedanklich geführten Praxis dieser Übung eine Erfahrung des real existierenden und wirklichen Gedankens verbunden ist und somit die bei der Depression in der Regel mangelnde Gedankenbildekraft, welche aus dem sechsten Energiezentrum entwickelt wird, maßgeblich angeregt wird.
Für die praktische Ausführung dieser Yogaübung betont Heinz Grill, dass es wichtig ist, als Erstes den Rücken aufzurichten. Nicht bevor die Wirbelsäule ausreichend hoch strebt und sich der Praktizierende dem Zentrum in der Stirn gewahr ist, schließt sich die mit den Armen in die Weite geführte, dynamische Drehung an und diese mündet in die ruhende, fixierte statische Stellung der Yogaübung. Auf diese Weise erlebt der Übende den Rumpf in einer „selbstvergessenen Ruhe“ und die Stirn, wie sie „in der Wachheit und Gegenwart des Atems nahezu erhaben strahlt.“ Der Versuch, sich erst nach erfolgter Drehung aufrichten zu wollen, gelingt in der Regel nicht, was in angespannten Schultern und einem gedanklichen Fixiertsein auf den Körper resultiert. Es fehlt in diesem Fall der die Bewegung tragende Gedanke und die damit verbundene Freiheit im Haupt, das Bewusstsein ist auf den Körper fixiert.[151]
- „Die āsana beschreibt bildhaft die Weite der Gedanken, die von Anfang an besteht und im Haupte trotz der schwierigen Ausführung bewahrt bleibt. [...] Es ist der konkrete Gedanke selbst, der die āsana führt und der den reinen Ausdruck des Wachseins verkündet. Das Ergebnis aber ist immer eine Form im Körper.“[151]
Der Kopfstand (Shirshasana) erweist sich aus seelisch-geistigen Gesichtspunkten als die am besten geeignete, jedoch auch am schwierigsten zu erlernende Yogastellung zur Therapie von Depressionen, nämlich aufgrund der energetischen Spannungsverteilung mit der damit verbundenen Bewusstseinserfahrung. Heinz Grill zeigt hier den Zusammenhang einer wachen, klaren und logischen Bewusstseinsaktivität mit dem Organ der Hypophyse, welches bezüglich der aufbauenden Stoffwechselprozesse in einem engen Zusammenwirken mit dem Leberorgan steht, auf.
Geistig gesehen ist die Hypophyse ein organischer Träger der inneren Bewusstseinsseele. Sie greift sehr tief in das Stoffwechselgeschehen ein, nimmt alle empfangenden und gestaltenden Impulse aus dem Nervensystem auf und gibt sie zusammen mit dem Hypothalamus in einer Art reproduzierenden und organisierenden Tätigkeit an das vegetative Nervensystem und an die Hormondrüsen weiter.[152]
- „In der Depression ist die Hypophyse in dieser reproduzierenden Tätigkeit gestört. […] Die Hypophyse benötigt den direkten Einfluss von Zentrierung und harmonisierender Beruhigung. Die beste Übung, die dies herbeileitet, ist der Kopfstand. […] Bei der Ausführung wird man auf die Stirn und das dort lokalisierte sechste Energiezentrum achten. Durch die Aufmerksamkeit auf das sechste Zentrum während des Kopfstandes entwickelt sich bereits eine angenehme Zentrierung. Schließlich erfordert der Kopfstand eine lebendige Einsatzbereitschaft, eine Stärke im Rücken und im unteren Rumpf und ein großes Maß an Selbstüberwindung. Der persönliche Einsatz führt zu einer besseren Haltung und größeren Wachheit wie auch zu einer Konzentration in der Gedankenbildung. Der Kopfstand darf mehrmals am Tage im langsamen Aufbau und mit einer zeitlichen Steigerung erfolgen.“[152]
Ernährung
Eine ausgewogene und gesunde Ernährung ist für gesunde Menschen wichtig und für Menschen mit Erkrankungen, ob physisch oder psychisch, umso wichtiger. Bei einer Depression mit Appetitverlust gilt es, diese besonders zu beobachten.[153]
Es gibt bis heute widersprüchliche Ergebnisse zu der Wirkung von Omega-3-Fettsäuren im Bezug auf die Depression, unter anderem wird hierfür der Publikationsbias verantwortlich gemacht.[154][155][156] Eine Supplementierung mit Omega-3-Fettsäuren wird deshalb in keiner Leitlinien-Behandlung empfohlen.
Die alternativmedizinische „orthomolekulare Medizin“ versucht außerdem über die Aminosäuren Tyrosin, Phenylalanin und Tryptophan bzw. 5-HTP (Oxitriptan) Depressionen günstig zu beeinflussen. Jedoch fehlen wissenschaftliche Belege für eine positive Wirkung gerade von Tryptophangaben (z. B. in Form von Nahrungsergänzungsmitteln).[157]
Ernährung auf Basis einer entwicklungsorientierten Sichtweise

Heinz Grill verweist auf die wesentliche Unterstützung, welche die Ernährung und der bewusste Umgang mit dieser für den unter Depression Leidenden geben kann, und unter welchen Bedingungen sie die bei dieser Erkrankung mangelnde konkrete Gedankenkraft am Besten fördert:
- „Die beste und wirksamste Quelle zur Unterstützung eines schöpferischen, lichtvollen Gedankenprozesses bietet die Ernährung und ganz besonders der bewusste und sensible Umgang mit den verschiedenen Nahrungsmitteln. Eine gut abgestimmte Vollkorn-Getreidekost, verbunden mit Milchprodukten, Salaten, Gemüse und Früchten aus biologischem Anbau trägt zu einer ersten lichten Grundlage im Stoffwechselsystem bei. Die Nahrungsaufnahme aber offenbart ebenfalls eine Berührung des Menschen mit den verschiedenen Formen, Farben und Geschmacksverhältnissen. Ein bewusstes Wahrnehmen, Erleben und Schmecken der Nahrung fördert das gesunde Sinneserleben und zentriert die Verdauung in ihre Mitte, während alles Essen nur um des vitalen Genusses willen zur sinnlichen Befriedigung der Gaumenwünsche sowohl die Peripherie verschattet als auch die Verdauung zu wenig in ihre Mitte zentriert. Wenn die Art und Weise der Nahrungsaufnahme dem natürlichen Bewusstsein unterstellt wird und wenn allgemein die Verdauung nicht überladen wird, erholen sich die überbeanspruchten und verausgabten Nerven wesentlich schneller und das Bewusstsein wird für neue und vielfältige Eindrücke aufnahmefähig.“[158]
Weiterhin zeigt er auf, dass eine qualitativ hochwertige Nahrung und eine bewusste Beziehungsaufnahme zum Essen zwei wesentliche und notwendige Säulen neben den Heilmitteln bilden:
- „Die besten Heilmittel können niemals ganz eine fundierte Ernährung und ein bewusstes Umgehen mit den verschiedensten Nahrungsmitteln ersetzen. Es wäre sogar töricht zu denken, dass man dem Patienten die besten Heilmittel verordnet und dabei aber seine Ernährung wie auch seine damit verbundenen Gewohnheiten auf schlechter Basis lässt. Alkohol und ein Übermaß an Fleischkonsum wie auch ein Konsum von sehr vielen synthetischen Stoffen, zuckerhaltigen Süßigkeiten und von Gemüse aus konventionellem und mit Dünger und Chemie überlastetem Anbau rauben dem Menschen die lebendige und nach höheren Idealen ausgerichtete Konzentrationsfähigkeit, sodass er sich schließlich zu sehr dem irdischen Element verschreibt und in das Leben mit immer mehr Abhängigkeiten und Verhaftungen eintaucht. Die Qualitätsverbesserung der Nahrung und die persönliche bewusste Beziehungsaufnahme zum Essen sind zwei wichtige Säulen, die in einer Therapie möglichst nicht fehlen sollten.“[158]
Schlafhygiene
Depression wirkt sich auf die Qualität des Schlafes aus. Umgekehrt gilt, dass eine Verbesserung des Schlafes (Schlafhygiene) sich bessernd auf eine Depression auswirken kann.[159] Dazu gehören regelmäßige Zu-Bett-geh-Zeiten, der Verzicht auf Monitor-Licht am Abend, angepasste Beleuchtung, Abdunklung der Schlafräume und weitere Maßnahmen.
Schlafentzug
Partieller (teilweiser) Schlafentzug in der zweiten Nachthälfte oder gar vollständiger Schlafentzug in einer Nacht ist die einzige antidepressive Therapie mit positiven Wirkungen bei ca. 60 % der Patienten noch am gleichen Tag. Der antidepressive Effekt ist jedoch selten anhaltend. Meistens kehren die depressiven Symptome bereits nach der nächsten Erholungsnacht wieder. Bis zu 15 % der Patienten in klinischen Studien zeigten jedoch eine anhaltende Verbesserung nach völligem Schlafentzug. Die nationale Behandlungsleitlinie empfiehlt, dass die Wachtherapie auf Grund ihrer relativ leichten Umsetzbarkeit, Nichtinvasivität, Kosteneffizienz und raschen Wirkung in bestimmten Fällen als ergänzendes Therapieelement erwogen werden sollte.[32]
Meditation
Klinische Studien deuteten darauf hin, dass achtsamkeitsbasierte Meditation in der Behandlung von Depression der psychiatrischen Leitlinientherapie (kognitiv-behaviorale Therapie) gleichwertig sei.[160][161] Dies gelte insbesondere für den Einsatz als zusätzliche Therapie und zur laufenden Nachsorge ehemaliger Patienten.[162]
Meditation wirkt dem für Depression typischen Grübelzwang entgegen, indem die bewusste Aufmerksamkeitssteuerung trainiert wird. Weiterhin werden Veränderungen in der Emotionswahrnehmung, Emotionssteuerung, kognitiven Bewertung und Belohnungsverarbeitung als antidepressive Wirkmechanismen diskutiert.[161][163] Dies geht einher mit durch Meditationsübungen veränderter Hirnaktivität in Amygdala, Präfrontalem Cortex und Hippocampus, Regionen, die mit Emotionsverarbeitung in Verbindung stehen.[164][165]
Die Wirksamkeit der Achtsamkeitsbasierten Kognitiven Therapie (MBCT) zur Rückfallprävention von Depressionen ist durch aktuelle Metaanalysen[166][167][168] ausreichend belegt und wurde deshalb als Therapieempfehlung in die S3-Leitlinie/NVL Unipolare Depression aufgenommen.[32] Durch Übungen zur Achtsamkeit (mindfulness) wird die Aktivierung depressionsfördernder Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen rechtzeitig erkannt, sodass die Betroffenen sich bewusst hilfreichen Maßnahmen zuwenden können, die einen Rückfall verhindern.[32]
Ein Review verglich 15 Studien zur Wirksamkeit von Entspannungs-Techniken zur Reduktion von Depression und Ängsten bei älteren Erwachsenen (älter als 60 Jahre).[169] Gegen Depressionen wirkte progressive Muskelentspannung am stärksten (siehe Tabelle). Zur Verringerung von Angst eignete sich hingegen Musiktherapie am stärksten, mit deutlichem Abstand gefolgt von Yoga.
Die Tabelle zeigt die Wirksamkeit verschiedener Techniken zur Verringerung von Depression bei Älteren (älter als 60) gemäß einer Übersichtsstudie.[169]
| Zahl der Studien | Durchschnittliche Effektstärke (Hedges g) |
Standardfehler | |
|---|---|---|---|
| Progressive Muskelentspannung | 2 | 1.21 | 0.14 |
| Musiktherapie | 4 | 0.84 | 0.16 |
| Yoga | 4 | 0.49 | 0.12 |
| kombiniertes Entspannungstraining | 1 | 0.38 | 0.49 |
| ein Stressbewältigungsprogramm | 1 | 0.09 | 0.36 |
Entwicklungsorientierte Ansätze auf seelisch-geistiger Basis
Entwicklung einer konkreten Gedankenkraft

Das bei einer Depression vorliegende leibverhaftete Versunkensein in den Gefühlen, das mit einer sich selbst aufgebenden Hingabe und Erwartungshaltung und mit tiefer Hoffnungslosigkeit einhergeht, ist nach geisteswissenschaftlichen Forschungen von Heinz Grill mit der Entwicklung einer konkreten Gedankenkraft zu überwinden:
- „Das Gedankenprinzip ist das Wichtigste, das der Depressive in seiner gesamten Natur entfalten muß. Indem er mehr und mehr einen Sinn für den konkreten Gedanken und für ein klares, reines Denken entwickelt, ein zielgerichtetes Denken und Wahrnehmen, um so mehr gewinnt er vielleicht auf mühsame, aber doch sichere und langsame Weise eine Kraft der Anschauung, eine Kraft der Zuversicht und Weite, eine Kraft, die ihn heraushebt aus dem Schlafe und aus der Müdigkeit des ganzen Lebens. […] er muss die Kräfte des Hauptes entwickeln, die sonnenhaften Kräfte, die im Haupte lokalisiert sind und die in einem Energiezentrum ausstrahlen, dem „ajna-cakra“ […] Dieses Zentrum, das mit dem konkreten Denken und mit den Gedankenbildekräften, mit der Fähigkeit zum plastizierenden Denken, zur Gedankenkraft und Gedankenmodellierung einhergeht, dieses Haupt muß er entwickeln, er muß seine Gedankenkraft in die Weite entfalten.“[170]
Entscheidung für die klare gedankliche Realisierung eines Ideals
- „Mit dieser Krankheit entsteht, gleich welche Ursache zugrunde liegt, eine wachsende Anforderung an das eigene Vermögen und an die mentale Stärke. Gerade aber diese mentale Stärke mit ihrer Konzentrationskraft ist in der Phase des Krankseins am meisten geschwächt. Sie wäre nun zur Heilung am allerwichtigsten. Durch diese Widersprüchlichkeit entsteht die scheinbar so unmenschliche und tragische Anforderung an das Gemüt zur bewussten Entscheidung. Die Heilung erfordert Aktivität, eigene Anteilnahme, Mut, gedankliche Formung, Ausdauer und das gezielte Entwickeln idealerer Gedanken. Der Weg der Depression führt zu einer Gabelung, an der der Angekommene eine Entscheidung treffen muss. Es ist wahrhaftig so, dass der eine Pfad mit den Verlockungen des irdischen Lebens zurückgewiesen werden muss, damit der andere Weg der Individuation und der Freiheit in einem spirituellen Seelenlicht begangen werden kann. Es ist nicht wirklich eine Überwindung der Welt gefordert, es ist vielmehr auf der einen Seite eine bewusste Zurückweisung jener verlockenden Versuchung von lebensabhängigen Gefühlen und sentimentalen, romantisierenden oder infantilen Stimmungen notwendig und auf der anderen Seite die klare gedankliche Realisierung eines Ideals wegweisend.“[80]
Prognose
Depressive Grunderkrankung
Depressive Episoden klingen oft im Laufe der Zeit ab, unabhängig davon, ob sie behandelt werden oder nicht.[171] Ambulante Patienten auf einer Warteliste zeigen innerhalb weniger Monate eine 10–15%ige Reduktion der Symptome, wobei etwa 20 % nicht mehr die Kriterien für eine depressive Störung erfüllen. Die mediane Dauer einer Episode wurde auf 23 Wochen geschätzt, wobei in den ersten drei Monaten die Erholungsrate am höchsten war.[172] Zu einer Chronifizierung der Depression kommt es bei 15 bis 25 % der Patienten.[95]
Die meisten behandelten Patienten berichten über Restsymptome trotz scheinbar erfolgreicher Behandlung. Restsymptome, die bei vorübergehendem oder dauerhaftem Nachlassen der Erkrankung auftreten, haben einen starken prognostischen Wert. Es scheint einen Zusammenhang zwischen diesen Restsymptomen und Vorzeichen einer erneuten Erkrankung zu geben. Es wird daher für behandelnde Ärzte empfohlen, dass das Konzept der Genesung auch psychisches Wohlbefinden beinhalten sollte.[173]
Von Personen, die nie verheiratet waren oder nicht mehr verheiratet sind, kann angenommen werden, dass sie möglicherweise eine geringfügig schlechtere Prognose haben als Verheiratete oder in Partnerschaft lebende Personen.[174] Auch das gleichzeitige Auftreten einer Persönlichkeitsstörung bei einer Depression hat einen negativen Einfluss auf das Behandlungsergebnis. Eine Persönlichkeitsstörung steht etwa doppelt so häufig mit einem schlechten Behandlungsergebnis für die Depression in Verbindung wie bei einer Person ohne Persönlichkeitsstörung.[175]
Therapieresistenz
Bei einer Pharmakotherapie spricht man am häufigsten von Therapieresistenz, wenn durch eine Behandlung mit mindestens zwei unterschiedlich wirkenden Antidepressiva in angemessener Dosierung über eine Dauer von jeweils mindestens vier Wochen sich die Symptome nicht verbessern. Bei einer Psychotherapie liegt eine Therapieresistenz vor, wenn innerhalb von mindestens 2 bis 3 Monaten die Symptome nicht um 50 bis 70 Prozent zurückgegangen sind. Neben dieser pauschalen Definition kann Therapieresistenz aber auch detaillierter mit Abstufungen definiert werden.[176]
Bis zu einem Drittel depressiver Patienten sind bei Psychotherapie therapieresistent.[176] Ein Drittel bis die Hälfte spricht nach einer ersten mehrwöchigen Behandlung nicht auf die Medikation an.[177] Mehr als die Hälfte der Patienten erreicht auch nach acht Wochen medikamentöser Behandlung keine Vollremission. Wenn sich durch Medikamenteneinnahme nach zwei bis vier Wochen keinerlei Besserung zeigt, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sich das ändert.[178]
Suizidgefahr
Man geht davon aus, dass rund die Hälfte der Menschen, die einen Suizid begehen, an einer Depression gelitten haben. Im Jahre 2010 verübten in Deutschland rund 7000 Menschen mit Depression Suizid.[179] Bei der Depression handelt es sich daher um eine sehr ernste Störung, die umfassender Therapie bedarf.[180]
Literatur
Das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) stellt in seinen Nationalen Versorgungsleitlinien (NVL) mit der Langfassung ihrer S3-Leitlinie nach den Abschnitten über Grundlagen, Diagnostik, Therapie und Methodik[181] eine umfangreiche Literaturliste über unipolare Depressionen mit über 1.500 wissenschaftlichen Literaturstellen zur Verfügung.[182]
Unabhängig davon finden sich u. a. Einführungen, psychoanalytische Schriften und Ratgeberliteratur:
Einführungen
- Michael Bauer, Anne Berghöfer, Mazda Adli (Hrsg.): Akute und therapieresistente Depressionen. Pharmakotherapie – Psychotherapie – Innovationen 2., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Springer, Berlin 2005, ISBN 3-540-40617-4.
- Tom Bschor (Hrsg.): Behandlungsmanual therapieresistente Depression: Pharmakotherapie – somatische Therapieverfahren – Psychotherapie. Kohlhammer, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-17-019465-6.
- Martin Hautzinger: Kognitive Verhaltenstherapie bei Depressionen. 8. Auflage. Beltz, Weinheim 2021, ISBN 978-3-621-28814-9.
- Martin Hautzinger: Akute Depression (= Fortschritte der Psychotherapie. Band 40). 2. überarbeitete Auflage, Hogrefe, Göttingen 2023, ISBN 978-3-8017-3167-0.
- Piet C. Kuiper: Seelenfinsternis. Die Depression eines Psychiaters. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-596-12764-5 (niederländisch: . Übersetzt von Marlis Menges).
- Clark Lawlor: From Melancholia to Prozac: A history of depression. Oxford University Press, Oxford 2012, ISBN 978-0-19-958579-3.
- Rainer Tölle, Klaus Windgassen: Psychiatrie: Einschließlich Psychotherapie. 17., überarbeitete und ergänzte Auflage. Springer, Berlin / Heidelberg 2014, ISBN 978-3-642-54699-0.
Psychoanalytische Schriften
- Joachim Küchenhoff: Depression (= Analyse der Psyche und Psychotherapie. Band 16). Psychosozial-Verlag, Gießen 2017, ISBN 978-3-8379-2705-4 (Inhaltsverzeichnis und Leseprobe [PDF; abgerufen am 21. August 2018]).
- Marianne Leuzinger-Bohleber, Ulrich Bahrke, Alexa Negele (Hrsg.): Chronische Depression. Verstehen – Behandeln – Erforschen (= Schriften des Sigmund-Freud-Instituts. Band 3, Nr. 1). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen / Bristol CT 2013, ISBN 978-3-525-45168-7.
- Marianne Leuzinger-Bohleber, Martin Hautzinger, Wolfram Keller u. a.: Psychoanalytische und kognitiv-behavoriale Langzeitbehandlung chronisch depressiver Patienten bei randomisierter oder präferierter Zuweisung. Ergebnisse der LAC-Studie. In: Psyche. Zeitschrift für Psychoanalyse. Band 73, Nr. 2, 2019, S. 77–105 (pep-web.org [abgerufen am 31. Oktober 2021]).
- Fritz Riemann: Grundformen der Angst. Eine tiefenpsychologische Studie. Ernst Reinhardt Verlag, 2006, ISBN 978-3-497-00749-3.
Wissenschaftliche Literatur (Medikamente, TMS)
- Albert, Paul R., Chawki Benkelfat, and Laurent Descarries: The neurobiology of depression—revisiting the serotonin hypothesis. I. Cellular and molecular mechanisms. Philosophical Transactions of the Royal Society B: Biological Sciences 367.1601 (2012): 2378-2381.
- J. W. Kim, K. Suzuki, E. T. Kavalali, L. M. Monteggia: Ketamine: mechanisms and relevance to treatment of depression. In: Annual review of medicine. Band 75, Nr. 1, 2024, S. 129–143.
- J. Downar, S. H. Siddiqi, A. Mitra, N. Williams, C. Liston: Mechanisms of Action of TMS in the Treatment of Depression. In: M. Browning, P. J. Cowen, T. Sharp (eds): Emerging Neurobiology of Antidepressant Treatments. In: Current Topics in Behavioral Neurosciences. Band 66, Springer, Cham 2024, doi:10.1007/7854_2024_483.
Literatur mit entwicklungsorientierten Ansätzen auf seelisch-geistiger Basis
- Heinz Grill: Das große Buch der Heilkraft durch Yogaaktivität. Stephan Wunderlich Verlag, 2025, ISBN 978-3-948803-19-3.
- Heinz Grill: Das Wesensgeheimnis der Seele. Die Organe des Menschen, ihr seelischer Zusammenhang und die Möglichkeit eines spirituell orientierten Bewusstseinsaufbaues. Vier große Entwicklungsprozesse, Stephan Wunderlich Verlag, Sigmaringen 2014, ISBN 978-3-9815855-5-1.
- Heinz Grill: Über die Einheit von Körper, Seele und Geist. Öffentliche Vorträge 1997 zu den Themen Angst, Seelsorge, Entwicklung der Individualität und Heilung. Lammers-Koll Verlag, 2001, ISBN 3-935925-84-0.
Ratgeberliteratur
- Barbara Bojack: Depressionen im Alter: ein Ratgeber für Angehörige. Psychiatrie-Verlag, Bonn 2003, ISBN 3-88414-359-X.
- Depression erkennen und behandeln. Informationsbroschüre für Patienten und Angehörige, herausgegeben vom Bundesverband für Gesundheitsinformation und Verbraucherschutz – Info Gesundheit. medcom, Bonn 2013, ISBN 978-3-931281-50-2.
- Pia Fuhrmann, Alexander von Gontard: Depression und Angst bei Klein- und Vorschulkindern: Ein Ratgeber für Eltern und Erzieher. Hogrefe, Göttingen 2015, ISBN 978-3-8017-2627-0.
- Gunter Groen, Wolfgang Ihle, Maria Elisabeth Ahle, Franz Petermann: Ratgeber Traurigkeit, Rückzug, Depression: Informationen für Betroffene, Eltern, Lehrer und Erzieher. Hogrefe, Göttingen 2012, ISBN 978-3-8017-2382-8.
- Ulrich Hegerl, Svenja Niescken: Depressionen bewältigen: Die Lebensfreude wiederfinden. 3. Auflage. TRIAS, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-8304-6781-6.
- Ruedi Josuran, Verena Hoehne, Daniel Hell: Mittendrin und nicht dabei: Mit Depressionen leben lernen (= Econ. Band 71021). Econ-Taschenbuch-Verlag, München 2002, ISBN 3-548-36428-4.
- Anke Rohde: Postnatale Depressionen und andere psychische Probleme: Ein Ratgeber für betroffene Frauen und Angehörige. Kohlhammer, Stuttgart 2014, ISBN 978-3-17-022116-1.
- Larissa Wolkenstein, Martin Hautzinger: Ratgeber Chronische Depression. Informationen für Betroffene und Angehörige. Hogrefe, Göttingen 2015, ISBN 978-3-8444-2516-1.
- Martin Hautzinger/Mazda Adli (Hrsg.): Praxishandbuch Depression. Ursachen - Diagnostik - Therapie. Elsevier, München 2023, ISBN 978-3-437-23031-8.
- Martin Hautzinger: Ratgeber Depression. Informationen für Betroffene und Angehörige. 3. aktualisierte Auflage. Hogrefe, Göttingen 2022, ISBN 978-3-8017-3168-7.
S3-Leitlinien
- Nationale Versorgungsleitlinie Unipolare Depression. Programm für Nationale Versorgungsleitlinien (NVL), Stand 2022, online Auf: awmf.org.
- Behandlung von depressiven Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP), Stand 1. Juli 2013, gültig bis 30. Juni 2018 online Auf: awmf.org
Weblinks
- Artikel Depression in Wikipedia mit weiteren Informationen zu begleitenden Gesundheitsrisiken und zur gesellschaftlichen Dimension (Volkswirtschaftliche Relevanz, Stigmatisierung, Staatliche Maßnahmen, Interessensvertretung und Selbsthilfe)
- Depression – redaktionell betreute Linksammlung im Gemeinschaftsprojekt Psychlinker des Leibniz-Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation und der Saarländischen Universitäts- und Landesbibliothek
- Was ist eine Depression? Informationsportal Neurologen und Psychiater im Netz, herausgegeben von mehreren deutschen und schweizerischen Berufsverbänden und Fachgesellschaften.
- Leitliniensynopse für ein DMP Depressionen. Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, IQWiG-Berichte, Nr. 502, 4. April 2017.
- Heike Le Ker: Körper und Psyche: Wie Entzündungen Depressionen auslösen. In: Spiegel Online, 17. April 2015.
- Heinz Grill: Logik und Gesetze der Gesundheit XVI – Die Depression. In: Beiträge zu einem Neuen Yogawillen.
- Heinz Grill: Wie kann der Einzelne Depressionen entgegensteuern? In: Beiträge zu einem Neuen Yogawillen.
Labordiagnostik
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Einzelnachweise
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- ↑ 79,0 79,1 Heinz Grill: Das große Buch der Heilkraft durch Yogaaktivität. S. 174.
- ↑ 80,0 80,1 80,2 Heinz Grill: Das große Buch der Heilkraft durch Yogaaktivität. S. 175.
- ↑ Rudolf Steiner: Ergebnisse der Geistesforschung. GA 62. 2. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1988, ISBN 3-7274-0620-8, S. 112. (Online)
- ↑ Rudolf Steiner: Die Offenbarungen des Karma. GA 120. 8. Auflage, Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1992, ISBN 3-7274-1200-3, S. 175. (Online)
- ↑ Heinz Grill: Das große Buch der Heilkraft durch Yogaaktivität. S. 172.
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