Selbst: Unterschied zwischen den Versionen

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== Begriffsherkunft ==
== Begriffsherkunft ==
Das Wort 'Selbst' hat sich aus dem althochdeutschen 'selb' entwickelt, welches in der Funktion eines [[w:Pronomen|Pronomen]]s einen Bezug auf ein Individuum herstellte. Das substantivierte und auch psychologisch und ethisch verstandene 'Selbst' hat sich zunächst im Englischen als 'the self' im Sinne von "a person’s essential being" und "object of introspection" (New Oxford Dictionary) entwickelt. Daran angelehnt entstanden dann wiederum im Deutschen im 18. Jahrhundert das Substantiv 'Selbst' und in der Folge dessen zahlreiche Ableitungen und Komposita.<ref>Duden: Herkunftswörterbuch, Ausg. 1989; The New Oxford Dictionary of English, 1998.</ref> ''Der Brockhaus Psychologie'' bietet eine große Zahl von Begriffen, die mit dem Wort ''Selbst'' gebildet sind.<ref>R. Asanger, T. Bliesener, F. A. Brockhaus: ''Der Brockhaus Psychologie.'' Mannheim 2008 / Leipzig 2009, S. 541–547.</ref>
Das Wort 'Selbst' hat sich aus dem althochdeutschen 'selb' entwickelt, welches in der Funktion eines [[w:Pronomen|Pronomen]]s einen Bezug auf ein Individuum herstellte. Das substantivierte und auch psychologisch und ethisch verstandene 'Selbst' hat sich zunächst im Englischen als 'the self' im Sinne von "a person’s essential being" und "object of introspection" (New Oxford Dictionary) entwickelt. Daran angelehnt entstanden dann wiederum im Deutschen im 18. Jahrhundert das Substantiv 'Selbst' und in der Folge dessen zahlreiche Ableitungen und Komposita.<ref>Duden: Herkunftswörterbuch, Ausg. 1989; The New Oxford Dictionary of English, 1998.</ref> ''Der Brockhaus Psychologie'' bietet eine große Zahl von Begriffen, die mit dem Wort ''Selbst'' gebildet sind.<ref>R. Asanger, T. Bliesener, F. A. Brockhaus: ''Der Brockhaus Psychologie.'' Mannheim 2008 / Leipzig 2009, S. 541–547.</ref>
== Das Selbst in der Psychologie ==
=== Verschiedene Stufen des Selbst ===
Gliederung: materielles, soziales, spirituelles Selbst und das reine Ego (Ich-Bewusstsein)
Der amerikanische Psychologe und Philosoph [[w:William James|William James]] (1842–1910) unterschied methodisch das erkennende Selbst (''self as knower, I, pure ego'') vom erkannten Selbst (''self as known, me, empirical ego'').<ref>[[ w:William James|William James]]: ''The principles of psychology.'' Band 1, Macmillan, London 1890 / Henry Holt, New York 1890.</ref> James, ein höchst einflussreicher Pionier der Psychologie und bestens vertraut auch mit der deutschen psychologischen Literatur seiner Zeit, lehrte in seinen ''[[w:William James#Schriften|Principles of Psychology]]'' von 1890 folgende Systematik des Selbst: 1. Das ''„materielle Selbst“'' umfasse des Menschen Körper und alles, was der Mensch als sich so nahe zugehörig auffasst wie seine Kleider, seine Familie und seine Arbeit (James 1890: 292 f.). 2. Das ''„soziale Selbst“'' seien die Erscheinungen eines Menschen in den Augen seiner sozialen Umgebung – und wie er von dieser gesehen werden wolle, sich situativ unterschiedlich zeige (S. 293–296). 3. Das ''„spirituelle Selbst“'' (S. 296–306) sei zugleich das „Empirical Me, I mean a man’s inner or subjective being“ (S. 296), welches James als die intimsten und zugleich dauerhaftesten Elemente der Persönlichkeit und ihres „Bewusstseinsstromes“ beschrieb. „… our considering the spiritual self at all is a reflective process“ (S. 296: Die Betrachtung des geistigen Selbsts ist ein Reflexionsprozess). 4. Das ''„reine Ego“'' (pure ego) stehe den drei vorgenannten Bereichen des Selbst als die selbstbeobachtende Instanz im Selbst gegenüber (v.&nbsp;a. S. 319–330); das „pure ego“ nach James kann also als das scheinbar kohärente Ichbewusstsein im Modus der Introspektion und Reflexion interpretiert werden.
In der Tradition von James unterscheidet die Psychologie das (dem empirischen Ego entsprechende) [[w:Selbstkonzept|Selbstkonzept]], also die Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“, vom Nachdenken über sich selbst, der [[w:Objektive Selbstaufmerksamkeit|Selbstaufmerksamkeit]] (''self-awareness'') und Selbstreflexion. Die sich selbst wahrnehmende und beobachtende Person entwickelt das Gefühl und zunehmende Bewusstsein einer [[w:Identität#Psychologie|Ich-Identität]],<ref>[[w:Elliot Aronson|E. Aronson]], T. D. Wilson, R. M. Akert: ''Sozialpsychologie''. 6. Auflage. Pearson Studium, München/Boston 2008, ISBN 978-3-8273-7359-5, S. 127 ff.</ref> welche sich im Zuge der [[w:Ich-Entwicklung|Ich-Entwicklung]]<ref>J. Loevinger: ''Ego Development.'' Jossey-Bass, San Francisco 1976, ISBN 0-87589-275-2.</ref> verändert.
=== Das Selbst und sein Gegenüber ===
Im Anschluss an James hat der Soziologe [[w: Charles Cooley |Charles Cooley]] um 1900 herum das ''[[w: Looking-glass self |Looking-glass self]]'' entwickelt: Der Mensch erkenne sich selbst ''„''im Spiegel seines Gegenübers''“'', also durch soziale Reaktionen. <ref>[[George Herbert Mead]]: ''Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus.'' Suhrkamp, Frankfurt am Main 1968, ISBN 0-226-51668-7, S. 218 f.</ref>
Der Religionsphilosoph [[w:Martin Buber|Martin Buber]] beschreibt das Gegenüber als grundlegend für die Ich-Entwicklung. Das Ich wird erst am Du wirklich zum Ich. Für diese Begegnung ist es notwendig, jegliches zweckmäßige Denken zu überwinden:
: „Die Beziehung zum Du ist unmittelbar. Zwischen Ich und Du steht keine Begrifflichkeit, kein Vorwissen und keine Phantasie; und das Gedächtnis selber verwandelt sich, da es aus der Ein-zelung in die Ganzheit stürzt. Zwischen Ich und Du steht kein Zweck, keine Gier und keine Vorwegnahme; und die Sehnsucht selber verwandelt sich, da sie aus dem Traum in die Er-scheinung stürzt. Alles Mittel ist Hindernis. Nur wo alles Mittel zerfallen ist, geschieht die Begegnung.” <ref>Martin Buber: ''[https://jochenteuffel.com/wp-content/uploads/2022/10/buber-ich-und-du.pdfpdf#page=5&view=fit Ich und Du.]''Abgerufen am 21. Januar 2026.</ref>]
=== Selbstverwirklichung als Individuation des Menschen ===
[[w:Sigmund Freud|Freud]] verwendete die Begriffe des „Ichs“ und des „Selbst“ zunächst häufig synonym, wobei er meinte: "Das Ich ist vor allem ein körperliches", man könne es "am ehesten mit dem 'Gehirnmännchen' der Anatomen identifizieren".<ref>Sigmund Freud: ''Gesammelte Werke.'' Band XIII: ''Das Ich und das Es.'' Fischer, 1923b, S. 253 f. ([https://freud-online.de/Texte/PDF/freud_werke_bd13.pdf Volltext online]).</ref> So scheint für Freud das System ''Ich'' in allen seinen Funktionen zusammengenommen dem Selbst und damit der ganzen Person sehr nahe zu sein. Das [[w:Strukturmodell der Psyche|Ich]] vermittelt, in der [[w:Psychoanalyse|psychoanalytischen]] Theoriebildung, realitätsgerecht zwischen den Ansprüchen des [[w:Strukturmodell der Psyche#Es|Es]], des [[w:Über-Ich|Über-Ich]] und der sozialen Umwelt. Es orientiert sich an seinen eigenen psychischen Fähigkeiten und Möglichkeiten und an den möglichen und realen Gegebenheiten der „Naturwelt“ und der „Kulturwelt“. Den Wissenserwerb darüber nennt man [[a:Selbsterkenntnis|Selbsterkenntnis]]. Sie ist die Voraussetzung nahezu jeder glückenden [[w:Selbstverwirklichung|Selbstverwirklichung]].


== Literatur ==
== Literatur ==

Version vom 22. Januar 2026, 12:10 Uhr

Selbst ist ein Begriff mit unterschiedlichen Bedeutungen zwischen den und innerhalb der Anschauungen der Psychologie, Philosophie, Theologie, Soziologie und Pädagogik. An ein allgemeinsprachliches Verständnis von 'selbst-' als rückbezüglich, reflektierend oder selbstbezogen anknüpfend, bezeichnet man das zur Selbstbeobachtung fähige, scheinbar konsistent fühlende, denkende und handelnde Wesen des Ichs als Selbst. In der Psychologie und zum Teil der Religionswissenschaft und Theologie wird das Selbst oft substanziell oder funktional als Zentrum der menschlichen Persönlichkeit verstanden.[1]

Begriffsherkunft

Das Wort 'Selbst' hat sich aus dem althochdeutschen 'selb' entwickelt, welches in der Funktion eines Pronomens einen Bezug auf ein Individuum herstellte. Das substantivierte und auch psychologisch und ethisch verstandene 'Selbst' hat sich zunächst im Englischen als 'the self' im Sinne von "a person’s essential being" und "object of introspection" (New Oxford Dictionary) entwickelt. Daran angelehnt entstanden dann wiederum im Deutschen im 18. Jahrhundert das Substantiv 'Selbst' und in der Folge dessen zahlreiche Ableitungen und Komposita.[2] Der Brockhaus Psychologie bietet eine große Zahl von Begriffen, die mit dem Wort Selbst gebildet sind.[3]

Das Selbst in der Psychologie

Verschiedene Stufen des Selbst

Gliederung: materielles, soziales, spirituelles Selbst und das reine Ego (Ich-Bewusstsein) Der amerikanische Psychologe und Philosoph William James (1842–1910) unterschied methodisch das erkennende Selbst (self as knower, I, pure ego) vom erkannten Selbst (self as known, me, empirical ego).[4] James, ein höchst einflussreicher Pionier der Psychologie und bestens vertraut auch mit der deutschen psychologischen Literatur seiner Zeit, lehrte in seinen Principles of Psychology von 1890 folgende Systematik des Selbst: 1. Das „materielle Selbst“ umfasse des Menschen Körper und alles, was der Mensch als sich so nahe zugehörig auffasst wie seine Kleider, seine Familie und seine Arbeit (James 1890: 292 f.). 2. Das „soziale Selbst“ seien die Erscheinungen eines Menschen in den Augen seiner sozialen Umgebung – und wie er von dieser gesehen werden wolle, sich situativ unterschiedlich zeige (S. 293–296). 3. Das „spirituelle Selbst“ (S. 296–306) sei zugleich das „Empirical Me, I mean a man’s inner or subjective being“ (S. 296), welches James als die intimsten und zugleich dauerhaftesten Elemente der Persönlichkeit und ihres „Bewusstseinsstromes“ beschrieb. „… our considering the spiritual self at all is a reflective process“ (S. 296: Die Betrachtung des geistigen Selbsts ist ein Reflexionsprozess). 4. Das „reine Ego“ (pure ego) stehe den drei vorgenannten Bereichen des Selbst als die selbstbeobachtende Instanz im Selbst gegenüber (v. a. S. 319–330); das „pure ego“ nach James kann also als das scheinbar kohärente Ichbewusstsein im Modus der Introspektion und Reflexion interpretiert werden. In der Tradition von James unterscheidet die Psychologie das (dem empirischen Ego entsprechende) Selbstkonzept, also die Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“, vom Nachdenken über sich selbst, der Selbstaufmerksamkeit (self-awareness) und Selbstreflexion. Die sich selbst wahrnehmende und beobachtende Person entwickelt das Gefühl und zunehmende Bewusstsein einer Ich-Identität,[5] welche sich im Zuge der Ich-Entwicklung[6] verändert.

Das Selbst und sein Gegenüber

Im Anschluss an James hat der Soziologe Charles Cooley um 1900 herum das Looking-glass self entwickelt: Der Mensch erkenne sich selbst im Spiegel seines Gegenübers, also durch soziale Reaktionen. [7] Der Religionsphilosoph Martin Buber beschreibt das Gegenüber als grundlegend für die Ich-Entwicklung. Das Ich wird erst am Du wirklich zum Ich. Für diese Begegnung ist es notwendig, jegliches zweckmäßige Denken zu überwinden:

„Die Beziehung zum Du ist unmittelbar. Zwischen Ich und Du steht keine Begrifflichkeit, kein Vorwissen und keine Phantasie; und das Gedächtnis selber verwandelt sich, da es aus der Ein-zelung in die Ganzheit stürzt. Zwischen Ich und Du steht kein Zweck, keine Gier und keine Vorwegnahme; und die Sehnsucht selber verwandelt sich, da sie aus dem Traum in die Er-scheinung stürzt. Alles Mittel ist Hindernis. Nur wo alles Mittel zerfallen ist, geschieht die Begegnung.” [8]]

Selbstverwirklichung als Individuation des Menschen

Freud verwendete die Begriffe des „Ichs“ und des „Selbst“ zunächst häufig synonym, wobei er meinte: "Das Ich ist vor allem ein körperliches", man könne es "am ehesten mit dem 'Gehirnmännchen' der Anatomen identifizieren".[9] So scheint für Freud das System Ich in allen seinen Funktionen zusammengenommen dem Selbst und damit der ganzen Person sehr nahe zu sein. Das Ich vermittelt, in der psychoanalytischen Theoriebildung, realitätsgerecht zwischen den Ansprüchen des Es, des Über-Ich und der sozialen Umwelt. Es orientiert sich an seinen eigenen psychischen Fähigkeiten und Möglichkeiten und an den möglichen und realen Gegebenheiten der „Naturwelt“ und der „Kulturwelt“. Den Wissenserwerb darüber nennt man Selbsterkenntnis. Sie ist die Voraussetzung nahezu jeder glückenden Selbstverwirklichung.


Literatur

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Roland Asanger, Thomas Bliesener, F. A. Brockhaus: Der Brockhaus Psychologie. Fühlen, Denken und Verhalten verstehen (= Brockhaus-Sachlexika.) 2., vollständig überarbeitete Auflage, Brockhaus, Mannheim/Leipzig 2009, ISBN 978-3-7653-0592-4, S. 541.
  2. Duden: Herkunftswörterbuch, Ausg. 1989; The New Oxford Dictionary of English, 1998.
  3. R. Asanger, T. Bliesener, F. A. Brockhaus: Der Brockhaus Psychologie. Mannheim 2008 / Leipzig 2009, S. 541–547.
  4. William James: The principles of psychology. Band 1, Macmillan, London 1890 / Henry Holt, New York 1890.
  5. E. Aronson, T. D. Wilson, R. M. Akert: Sozialpsychologie. 6. Auflage. Pearson Studium, München/Boston 2008, ISBN 978-3-8273-7359-5, S. 127 ff.
  6. J. Loevinger: Ego Development. Jossey-Bass, San Francisco 1976, ISBN 0-87589-275-2.
  7. George Herbert Mead: Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1968, ISBN 0-226-51668-7, S. 218 f.
  8. Martin Buber: Ich und Du.Abgerufen am 21. Januar 2026.
  9. Sigmund Freud: Gesammelte Werke. Band XIII: Das Ich und das Es. Fischer, 1923b, S. 253 f. (Volltext online).
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