Rainer Maria Rilke

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Rainer Maria Rilke (1900)

Rainer Maria Rilke (* 4. Dezember 1875 in Prag; † 29. Dezember 1926 im Sanatorium Valmont bei Montreux, Schweiz) war einer der bedeutendsten Lyriker deutscher Sprache. Daneben verfasste er Erzählungen, einen Roman und Aufsätze zur Kunst und Kultur.

Sein umfangreicher Briefwechsel mit gleichfalls herausragenden Dichtern und Denkern seiner Zeit gilt als wichtiger Bestandteil seines literarischen Schaffens. Als Übersetzer französischer Lyrik, unter anderen von Paul Verlaine und Paul Valéry, leistete er einen wichtigen Beitrag zum deutsch-französischen Kulturtransfer.

Leben

Kindheit und Ausbildung (1875–1896)

René Rilke (ca. 1877/78)

Rainer Maria Rilke wurde als René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke in Prag am 4. Dezember 1875 geboren. Seine Kindheit und Jugend in Prag waren wenig glücklich. Der Vater, Josef Rilke (1838–1906), war nach misslungener militärischer Karriere Bahnbeamter. Seine Mutter, Sophie Entz (1851–1931), entstammte einer wohlhabenden Prager Fabrikanten­familie. Ihre Träume von einem vornehmen Leben fand sie in ihrer Ehe nicht erfüllt und fühlte sich unter ihrem Stande verheiratet. Auch das Verhältnis zwischen der Mutter und dem einzigen Sohn war belastet, weil sie den frühen Tod der älteren Tochter nicht verkraftete. Sie drängte René – französisch für „der Wiedergeborene“ – in die Rolle seiner verstorbenen Schwester. Bis zu seinem sechsten Lebensjahr fand sich Rilke so als Mädchen erzogen, frühe Fotografien zeigen ihn mit langem Haar und im Kleidchen.

Mit sechs Jahren besuchte Rilke eine von Piaristen geleitete katholische Volksschule in der Prager Neustadt. Obgleich er eher kränklich war, waren seine Leistungen während der vier Jahre dauernden Schulzeit gut.[1] Im Jahr 1884 brach die Ehe der Eltern auseinander, die fortan ohne Scheidung getrennt lebten. Eine kurze Zeit wurde René von seiner Mutter allein erzogen, bevor seine Eltern ihn in die Militär-Unterrealschule St. Pölten gaben. Der Knabe war dichterisch und zeichnerisch begabt. Die Zumutungen militärischen Drills an der Schule und die Erfahrungen einer reinen Männergesellschaft setzten dem zarten Knaben zu. 1891 brach er wegen Krankheit seine militärische Ausbildung ab. Daran schloss sich ein Besuch der Handelsakademie Linz, Oberösterreich, an. Nach einem Jahr jedoch brach er seine Schullaufbahn endgültig ab, ging 1892 nach Prag zurück und bereitete sich – mit finanzieller Unterstützung seines Onkels – 3 Jahre auf die Matura vor, die er 1895 „mit Auszeichnung“ bestand. Im selben Jahr begann er an der Deutschen Universität in Prag Geschichte, Kunst und Literatur zu studieren. Auf Wunsch seiner Eltern belegt er auch ein Semester Rechtslehre. 1896 ging Rilke als Student der Philosophie nach München.[2]

Entwicklungsjahre (1897–1902)

Lou Andreas-Salomé (1897)

Im März 1897 besuchte Rilke das erste Mal Venedig. Am 12. Mai 1897 traf er in München die weit gereiste Intellektuelle und Literatin Lou Andreas-Salomé (1861–1937) und verliebte sich in sie. Die folgende intensive Beziehung mit der 15 Jahre älteren und mit dem Orientalisten Friedrich Karl Andreas verheirateten Frau dauerte bis 1900 an. Unter ihrem Einfluß ändert er seinen Vornamen von „René“ zu „Rainer“. Auch nach der Trennung erwies sich Lou Andreas-Salomé bis an Rilkes Lebensende als seine wichtigste Freundin und Beraterin. Dabei werden ihre psychoanaly­tischen Kenntnisse und Erfahrungen, die sie sich 1912/13 bei Sigmund Freud angeeignet hatte, eine erhebliche Rolle gespielt haben.

„[…] wurde bekannt, daß sie dem großen, im Leben ziemlich hilflosen Dichter Rainer Maria Rilke zugleich Muse und sorgsame Mutter gewesen war […]“

Sigmund Freud, Gedenkworte zum Tode Lou Andreas-Salomés, 1937

Rilke folgte Lou Andreas-Salomé im Herbst 1897 nach Berlin und bezog eine Wohnung in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft. 1898 unternahm er eine mehrwöchige Auslandsreise nach Italien. In den beiden Jahren darauf besuchte er zweimal Russland: 1899 reiste er mit dem Ehepaar Andreas nach Moskau, wo er Lew Tolstoi traf. Von Mai bis August des Jahres 1900 folgte eine zweite Russlandreise mit Lou Andreas-Salomé allein, nach Moskau und Sankt Petersburg, aber auch quer durch das Land und die Wolga stromauf. Die sich entwickelte Beziehung zu Russland sollte sein Leben lang halten:

„Denken Sie nicht, dass es ein russisches Dorf gibt, elend genug, um meine Meinung und Empfindung zu Russland umzustürzen. Ich fürchte nicht, dass das russische Volk an Hunger sterben könnte, denn Gott selbst nährt es mit seiner ewigen Liebe.“

Rainer Maria Rilke, am Ende seiner zweiten Russlandreise[3]

In dem trinationalen Ausstellungsprojekt „Rilke und Russland“[4] des DLA Marbach widmete man sich den Erlebnissen, Beziehungen und „russischen Dingen“ in seinem Werk.[5]

Rainer Maria Rilke und Clara Rilke-Westhoff kurz nach ihrer Hochzeit im Jahr 1901

Im Herbst 1900, unmittelbar nachdem Lou Andreas-Salomé den Entschluss gefasst hatte, sich von ihm zu trennen, hielt sich Rilke zu einem längeren Besuch bei Heinrich Vogeler in Worpswede auf. Vogeler veranstaltete im Weißen Saal seines Barkenhofs sonntägliche Treffen, wo neben Otto Modersohn, Paula Modersohn-Becker, Carl Hauptmann auch die Bildhauerin Clara Westhoff (1878–1954) verkehrte.

Clara Westhoff und Rainer Maria Rilke heirateten am 28. April 1901 in Bremen. Im Dezember 1901 wurde ihre Tochter Ruth (1901–1972) geboren.[6] Bereits im Sommer 1902 gab Rilke jedoch die gemeinsame Wohnung auf und reiste nach Paris, um dort eine Monografie über den Bildhauer Auguste Rodin (1840–1917) zu verfassen. Die Beziehung zwischen Rilke und Clara Westhoff blieb Zeit seines Lebens bestehen, doch war er nicht der Mensch für ein bürgerliches und ortsgebundenes Familienleben. Gleichzeitig drückten ihn finanzielle Sorgen, die durch Auftragsarbeiten nur mühsam gemildert werden konnten.

Die erste Schaffensperiode (1902–1910)

Auguste Rodin (1840–1917)

Die erste Pariser Zeit war für Rilke schwierig, da die fremde Großstadt viele Schrecken barg. Diese Erfahrungen hat Rilke später im ersten Teil seines einzigen Romans Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge gestaltet. Zugleich aber brachte die Begegnung mit der Moderne zahlreiche Anregungen: Rilke setzte sich intensiv zunächst mit den Plastiken Auguste Rodins, dann mit dem Werk des Malers Paul Cezanne (1839–1906) auseinander. Mehr und mehr wurde in diesen Jahren Paris zum Hauptwohnsitz des Dichters. Von 1905 bis 1906 wird Rilke als Sekretär bei Auguste Rodin angestellt, der ihm gleichzeitig eine idealisierte Vaterfigur ist. Das Dienstverhältnis beendete Rodin im Mai 1906 abrupt, kurz nachdem Rilkes leiblicher Vater gestorben war.

Ab 1906 intensivierte sich der Kontakt Rilkes zu Mathilde und Karl Gustav Vollmoeller. Über Ostern 1908 war Rilke für mehrere Tage Gast in Vollmoellers Florentiner Domizil, der Renaissancevilla Gilli-Pozzino. Anwesend waren auch der Schriftsteller Felix Salten sowie das Ehepaar Lepsius. In den folgenden Jahren trafen Rilke und Vollmoeller einander mehrmals in Paris.

Die wichtigsten dichterischen Erträge der Pariser Zeit waren die Felix Salten (1907), Der neuen Gedichte anderer Teil (1908), die beiden Requiem-Gedichte (1909) sowie der bereits 1904 begonnene und im Januar 1910 vollendete Roman Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge.

Für den Leipziger Insel Verlag, dessen Leitung Anton Kippenberg 1905 übernommen hatte, wurde Rilke zum wichtigsten zeitgenössischen Autor. Kippenberg erwarb für den Verlag bis 1913 die Rechte an allen bis dahin verfassten Werken Rilkes.

Innere und äußere Umwälzungen (1910–1919)

Schloss Duino an der Adriaküste

Nachdem er Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge 1910 in Leipzig vollendet hatte, begann für Rilke eine tiefe Schaffenskrise. Auf der Suche nach neuer Inspiration setzte er sich mit klassischen Schriftstellern, erstmals auch intensiver mit dem Werk Goethes und Shakespeares, auseinander. 1912 begann er die Duineser Elegien, die er jedoch erst im Februar 1922 abschließen konnte. Dieser Gedichtzyklus verdankt seinen Namen dem Aufenthalt Rilkes auf dem Schloss Duino der Gräfin Marie von Thurn und Taxis bei Triest in der Zeit von Oktober 1911 bis Mai 1912

1912 erschien eine Neuausgabe der lyrischen Erzählung Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke als Nummer 1 der Insel-Bücherei], mit der das Werk hohe Auflagen und ungewöhnliche Popularität erlangen sollte, nachdem es zunächst 1906 von Rilkes erstem Verleger, Axel Juncker, recht erfolglos als Liebhaberausgabe herausgebracht worden war.

Gut Böckel

Der Ausbruch des 1. Weltkriegs überraschte Rilke während eines Deutschlandaufenthaltes. Nach Paris konnte er nicht mehr zurückkehren; sein dort zurückgelassener Besitz wurde beschlagnahmt und versteigert. Den größten Teil der Kriegszeit verbrachte Rilke in München. Von 1914 bis 1916 hatte er eine stürmische Affäre mit der Malerin Lou Albert-Lasard.

Die Zeit danach, in der er auch – zum Teil gemeinsam mit Oskar Maria Graf – die dortigen revolutionären Bewegungen erlebte[7] – verbrachte er wieder in München, unterbrochen durch einen Aufenthalt auf Hertha Koenigs Gut Böckel in Westfalen. Das traumatische Erlebnis des Militärdienstes, empfunden auch als eine Wiederholung in der Militärschulzeit erfahrener Schrecken, ließ Rilke als Dichter eine Zeit lang nahezu völlig verstummen.[8]

Die Vollendung (1919–1926)

Château de Muzot, in dem Rilke von 1921 bis 1926 mit Baladine Klossowska lebte

Am 11. Juni 1919 reiste Rilke von München in die Schweiz. Äußerer Anlass war eine Vortragseinladung aus Zürich, eigentlicher Grund aber der Wunsch, den Nachkriegswirren zu entkommen und die so lange unterbrochene Arbeit an den Duineser Elegien wieder aufzunehmen. In Zürich lernte er Nanny Wunderly-Volkart (1878–1962) kennen, eine großzügige Mäzenin, die ihn von 1919 an bis zu seinem Tod nicht nur finanziell unterstützte und für Rilke angenehme Aufenthaltsorte mit der gewünschten Bedienung bereitstellte. Ihr inniges und vertrauensvolles Verhältnis spiegelt sich in einem regen Briefwechsel wider, der 1977 teilweise veröffentlicht wurde.[9] Auf Rilkes Wunsch unterstützte sie auch seine Geliebte Baladine Klossowska, die mittellose geschiedene Mutter zweier Kinder. Rilke reiste für eine Lesung nach Basel, wo er am 14. November 1919 ankam. Dort hatte er Kontakt zu Angehörigen des Basler Daig und Künstlern wie etwa Niklaus Stoecklin und dessen Schwester Franziska Stoecklin.[10]

Die Suche nach einem geeigneten und bezahlbaren Wohnort erwies sich als sehr schwierig. Rilke lebte unter anderem in Soglio, Locarno und Berg am Irchel. Erst im Sommer 1921 fand er in dem Schlösschen Château de Muzot, das oberhalb von Siders im Kanton Wallis gelegen ist, eine dauerhafte Wohnstätte. Im Mai 1922 erwarb Rilkes Mäzen Werner Reinhart (1884–1951) das Gebäude und überließ es dem Dichter mietfrei.

In einer intensiven Schaffenszeit vollendete Rilke hier innerhalb weniger Wochen im Februar 1922 die Duineser Elegien. In unmittelbarer zeitlicher Nähe entstanden auch die beiden Teile des Gedichtzyklus Sonette an Orpheus. Beide Dichtungen zählen zu den Höhepunkten in Rilkes Werk.

Seit 1923 musste Rilke mit großen gesundheitlichen Beeinträchtigungen kämpfen, die mehrere lange Sanatoriumsaufenthalte nötig machten. Auch der lange Parisaufenthalt von Januar bis August 1925 war ein Versuch, der Krankheit durch Ortswechsel und Änderung der Lebensumstände zu entkommen. Dennoch entstanden auch in den letzten Jahren zwischen 1923 und 1926 noch zahlreiche wichtige Einzelgedichte (etwa Gong und Mausoleum) und ein umfangreiches und in seiner Bedeutung noch immer nicht erschöpfend gewürdigtes lyrisches Werk in französischer Sprache.

Im Januar und Februar 1926 schrieb Rilke der Mussolini-Gegnerin Aurelia Gallarati Scotti drei Briefe nach Mailand, in denen er die Herrschaft Benito Mussolinis lobte. Über die Rolle der Gewalt war Rilke sich dabei nicht im Unklaren und er war bereit, eine gewisse, vorübergehende Gewaltanwendung und Freiheitsberaubung zu akzeptieren.[11] Der Literaturwissenschaftler und Rilke-Experte Joachim Wolfgang Storck stellte zu diesen Briefen fest, dass man ihre biographische und allgemeinhistorische Genese berücksichtigen müsse:

„Von dieser schieren Namensnennung [Anm.: Mussolinis] hat sich die erste Reaktion auf die Veröffentlichung dieser Briefe so blenden lassen, daß der übrige Kontext, oder gar die biographische wie die allgemeinhistorische Genese des hier angedeuteten politischen Struktur-Modells zunächst fast völlig außer Betracht blieben. Unter einer Leserschaft, die sich – wie es schien – überhaupt zum erstenmal mit politischen Äußerungen Rilkes konfrontiert sah, konnte sich damals der Eindruck verbreiten, daß erst jetzt der bis dahin verschwiegene oder verschleierte, der kryptopolitische, der konservative, wenn nicht gar der faschistoide Rilke sichtbar werde. Es sei also – dieser Schluß lag nahe – tatsächlich ein “falsches Bewußtsein”, welches im “elfenbeinernen Turm” der Poesie entwickelt werde; […]“ [12]
Rilkes Grab auf dem Friedhof in Raron

Erst kurz vor Rilkes Tod wurde seine Krankheit als Leukämie diagnostiziert. Der Dichter starb am 29. Dezember 1926 im Sanatorium „Valmont sur Territet“ bei Montreux und wurde am 2. Januar 1927 auf dem Bergfriedhof von Raron im Wallis westlich von Visp beigesetzt. Auf seinem Grabstein steht der selbst ausgewählte Spruch:[13]

„Rose, oh reiner Widerspruch, Lust,
Niemandes Schlaf zu sein unter soviel
Lidern.“

Das dichterische Werk

Rilke bewegt sich in seiner Dichtung ähnlich der zeitgenössischen Philosophie Arthur Schopenhauers und vor allem Friedrich Nietzsches, die er früh kennengelernt hatte, auf dem Weg einer radikalen Abrechnung mit den Selbstverständlichkeiten des abendländischen Christentums einerseits und den modernen naturwissenschaftlichen Deutungsversuchen der Wirklichkeit andererseits.

Die Biografie des jungen Rilke ist geprägt von der Erfahrung der Heimatlosigkeit. So erscheint es als natürlich, dass seine ersten Gedichte vor allem um das Thema „Heimat“ kreisen. Dazu gehören Betrachtungen zu seiner Heimatstadt Prag, vor allem im Gedichtband Larenopfer, der 1896 erschien. Das nach außen weltoffene Prag, Sitz der ersten im deutschen Reich gegründeten Universität, glich um 1900 einem Treibhaus für nachwachsende Literaten. Rainer Maria Rilke, Gustav Meyrink, der beruflich in Prag zu tun hatte, und der junge Franz Werfel gehörten dem neuromantischen Kreis „Jung-Prag“ an. Der träumerische und schwermütige Ausdruck in Rilkes ersten Gedichten spiegelt den Widerspruch zwischen seinem melancholischen und unbehausten Lebensgefühl sowie der schäumenden Lebenslust der Stadt.

Zu den frühen Werken Rilkes gehören die Gedichtbände Wegwarten, Traumgekrönt und Advent. Mit dem Band Mir zur Feier (1897/89) wendet sich Rilke zum ersten Mal systematisch einer Betrachtung der menschlichen Innenwelt zu, die vor allem Ort seiner eigenen im äußeren vermissten Heimat ist. Die Gedichtsammlung Dir zur Feier (1897/98) ist eine einzige Liebeserklärung an die verehrte Lou Andreas-Salomé. Das Stundenbuch (3 Teile, erschienen 1899-1903), so genannt nach dem traditionellen klerikalen Gebetbuch der Kirche, bildet den ersten Höhepunkt des Frühwerkes und ist nach Rilkes eigenem Zeugnis Ausdruck seiner unmittelbaren Gottesbeziehung, die auf kirchliche und traditionelle Bindung völlig verzichten kann. In ekstatischem Ausdruck zeigen sich hier bereits die Ansätze der für Rilke typischen Musikalität und Virtuosität der Sprache.

Nietzsches Philosophie - auch vermittelt durch beider intime Freundin Lou Andreas-Salomé - gewinnt in den Jahren um die Jahrhundertwende erheblichen Einfluss auf Rilke. Die radikale Anerkenntnis der Wirklichkeit ohne Jenseitsvertröstungen oder soziale Entwicklungsromantik prägt auch Rilkes Weltverständnis. Dafür stehen intensive Beobachtungen der Natur und des menschlichen Verhaltens und Gefühlslebens. Dies alles bildet Rilkes "Weltinnenraum", der allein die ganz und gar weltimmanente Wirklichkeit ausmacht.

Aus Rilkes Werken der mittleren Phase zwischen 1910 und 1912 sind vor allem die Neuen Gedichte und der Roman Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge prägend. Rilke wendet sich in diesen Werken radikal der Welt menschlicher Erfahrungen zu. In diesen Erfahrungen versucht er das Wesen der Dinge zu erfassen. So entstehen seine "Dinggedichte" (z.B. Blaue Hortensie, Der Panther), die in intensiver Beobachtung das Eigentliche und überzeitlich Gültige der beschriebenen Objekte offenbaren. Damit weisen sie über sich selbst hinaus und wirken im Leser bewusstseinsbildend. Insofern kann Rilkes Dichtung als symbolistisch bezeichnet werden. Solches Welterfassen (Rilke nennt es Hiersein) erreicht seine tiefste Radikalität, indem es nicht einmal vor der Erfahrung von Elend und Tod zurückschreckt. Dies führt zu Rilkes spezifischem Expressionismus in den ersten Teilen der Duineser Elegien, deren pathetischer Stil die Sachlichkeit und weitgehende Leidenschaftslosigkeit der vorhergehenden Phase verdrängt.

Diesen Stil vollendet Rilke schließlich nach der langen Schaffenspause zwischen 1912 und 1922 mit der Fertigstellung der Duineser Elegien und den Sonetten an Orpheus. Die späten Gedichte sind Apotheosen der Sinn- und Wirklichkeit, die von "den Liebenden" und den "Jungverstorbenen" in reiner Innerlichkeit erfasst werden kann. Damit kommt Rilkes Rühmen der Weltimmanenz und das Ausloten menschlicher Beschaffenheiten an ihr letztes Ziel.

Rilke heute

Rilkes Werk trifft seit einigen Jahren auf eine wachsende Aufmerksamkeit auch außerhalb literarisch gebildeter Kreise. Dies mag eine Folge des größeren Individualismus unserer Zeiten sein, der in Rilkes Dichtung einen adäquaten künstlerischen Ausdruck findet. Ein weiterer Grund für die breitere Darstellung von Rilkes Texten in den Medien liegt im Wegfall der Urheberrechtsbindung seines Werkes an den Insel-Verlag seit 1996, 70 Jahre nach Rilkes Tod. Zur öffentlichen Wirkung Rilkes tragen nicht unwesentlich einige Internetprojekte bei (s. u.). Populär geworden ist vor allem auch die musikalische Annäherung an Rilkes lyrisches Werk durch das Rilke-Projekt. 1998 hat sich die englische Künstlerin Anne Clark auf ihrem Album Just after sunset ebenfalls mit dem Werk Rilkes auseinandergesetzt.

Rilke-Projekt

Im Rahmen des Rilke-Projekts interpretieren bekannte zeitgenössische Schauspieler und Popsänger (u. a. Mario Adorf, Iris Berben, Karlheinz Böhm, Hannelore Elsner, Nina Hagen, Xavier Naidoo, Wolfgang Niedecken, Jürgen Prochnow, Katja Riemann, Otto Sander, Sir Peter Ustinov) Texte von Rilke. Damit soll versucht werden, Rilke neuen Generationen zugänglich machen. 2004 erschien die dritte CD des Projekts. Gleichzeitig fand eine Konzertreise mit zahlreichen Live-Auftritten statt. Naturgemäß trifft die grenzensprengende - teilweise als Glittershow ausgestaltete - Interpretation literarischer Kunst auf geteiltes Echo bei der Kritik.

Werke

Gesamtausgaben

  • Rainer Maria Rilke, Sämtliche Werke in 12 Bänden, hg. vom Rilke-Archiv in Verbindung mit Ruth Sieber-Rilke, besorgt durch Ernst Zinn. Frankfurt/M. 1976.
  • Rainer Maria Rilke, Werke. Kommentierte Ausgabe in vier Bänden und einem Supplementband, hg. von Manfred Engel, Ulrich Fülleborn, Dorothea Lauterbach, Horst Nalewski und August Stahl. Frankfurt/M. und Leipzig 1996 u. 2003.

Gedichtbände

Die Titel verweisen auf eine Online-Ausgabe des genannten Werkes, falls eine solche verfügbar ist.

Das Stundenbuch (1899)

Prosa

Briefe

  • Umfangreicher Briefwechsel. Die wichtigsten Gesamtausgaben sind:
    • Gesammelte Briefe in sechs Bänden, hg. von Ruth Sieber-Rilke und Carl Sieber. Leipzig 1936-1939.
    • Briefe, hg. vom Rilke-Archiv in Weimar. 2 Bände, Wiesbaden 1950 (Neuauflage 1987 in einem Band).
    • Briefe in zwei Bänden, hg. von Horst Nalewski. Frankfurt und Leipzig 1991.

Textbeispiele

Herbsttag

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

(1902, aus: Das Buch der Bilder)

Der Panther
Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.

(1902/03, aus: Neue Gedichte)

Die Liebenden

Sieh, wie sie zu einander erwachsen:
in ihren Adern wird alles Geist.
Ihre Gestalten beben wie Achsen,
um die es heiß und hinreißend kreist
Dürstende, und sie bekommen zu trinken,
Wache, und sieh: sie bekommen zu sehn.
Laß sie ineinander sinken,
um einander zu überstehn.

(1908, Paris)

L'Attente

C'est la vie au ralenti,
c'est le cœur à rebours,
c'est une espérance et demie:
trop et trop peu à son tour.

C'est le train qui s'arrête en plein
chemin sans nulle station
et on entend le grillon
et on contemple en vain

penché à la portière,
d'un vent que l'on sent, agités
les prés fleuris, les prés
que l'arrêt rend imaginaires.

(1926)

Literatur

  • Manfred Engel, Dorothea Lauterbach (Hg.), Rilke Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. Stuttgart und Weimar 2004.
  • Ralph Freedman, Rainer Maria Rilke. 2 Bände, aus dem Amerikanischen von Curdin Ebneter. Frankfurt/M. und Leipzig 2001 und 2002.
  • Wolfgang Leppmann, Rilke. Sein Leben, seine Welt, sein Werk. Bern 1981.
  • Ingeborg Schnack, Rainer Maria Rilke. Chronik seines Lebens und seines Werkes. Frankfurt/M. 1991.
  • Eine Rilke-Bibliografie erscheint auch im Internet: http://www.rilke.ch/biblio/index.html

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Dr. Clarissa Höschel: Biographie Rainer Maria Rilke. In: xlibris.de. Abgerufen am 20. Oktober 2025.
  2. Biografie. Schulzeit. In: rilke.de. Abgerufen am 20. Oktober 2025.
  3. Roman Bucheli: Rilke in Russland: Vielleicht war es nur ein Missverständnis. In: Neue Zürcher Zeitung. Abgerufen am 20. Oktober 2025.
  4. »Rilke und Russland«. Trinationales Forschungs- und Ausstellungsprojekt Marbach – Bern, Zürich – Moskau. In: dla-marbach.de. Abgerufen am 20. Oktober 2025.
  5. Stefan Kister: „Rilke und Russland“ in Marbach. Pilgerfahrten eines Russlandverstehers. In: Stuttgarter Zeitung. Artikel vom 3. Mai 2017, abgerufen am 20. Oktober 2025.
  6. Biografie. In: foundationrilke.ch. Abgerufen am 20. Oktober 2025.
  7. Ralf Höller: „Aus ist’s! Revolution! Marsch!“ Einträchtig und doch auseinanderstrebend: Die beiden Schriftsteller Rainer Maria Rilke und Oskar Maria Graf erlebten in München die Novemberrevolution und die bayerische Räterepublik. In: Neues Deutschland. 29./30. Dezember 2018, S. 14–15.
  8. Stefan Schank: Rainer Maria Rilke. Brief: An Kurt Wolf vom 28. März 1917. S. 119–121.
  9. Die letzten Besitzerinnen der Seeburg in Kreulingen. In: Thurgauer Jahrbuch 2008/2009. Abgerufen am 30. Oktober 2025.
  10. Peter F. Kopp: Rilke und Basel. Der Dichter auf dem Schönenberg–Freunde–Auswirkungen. In: Baselbieter Heimatblätter, 2005. Abgerufen am 30. Oktober 2025.
  11. Rainer Maria Rilke: Lettres Milanaises. 1921–1926. Paris 1956, S. 84f, 184–186.
  12. Joachim W. Storck: Politisches Bewusstsein beim späten Rilke. In: Recherches germaniques, N°8, 1978. S. 87–88.
  13. Rainer (René) Maria Rilke. In: knerger.de. Abgerufen am 21. Oktober 2025.

Dieser Artikel basiert teilweise auf dem Artikel Rainer Maria Rilke in der Fassung vom 25. August 2005 (Version, die als „Lesenswerter Artikel“ ausgezeichnet wurde) aus Wikipedia DE und steht unter der Lizenz Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International. Es ist in Wikipedia DE eine Liste der Autoren einsehbar.


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