Tat Tvam Asi

Aus AuroraWiki
Tat Tvam Asi (Sanskrit)

Tat Tvam Asi (Sanskrit तत् त्वम् असि, IAST tat tvam asi, deutsch „Das bist du“, altenglisch “That Thou Art”) ist einer der großen Aussprüche (Mahavakyas) der indischen Vedantaphilosophie. Das Mantra verweist auf die ursprüngliche Identität des eigenen Selbst mit dem Urgrund des Daseins – mit anderen Bezeichnungen: auf die Identität von Atman und Brahman.

Erstmals erwähnt wird das Tat Tvam Asi im Vers 6.8.7 der Chāndogya Upanishad (ca. 6. Jh. v. Chr.), und zwar im Dialog zwischen Uddālaka und seinem Sohn Shvetaketu.

Wortbedeutung

Die Übersetzung der drei Sanskritwörter tat tvam asi im Einzelnen:

Sanskrit IAST Deutsch Bemerkung
तट् tat[Anm. 1] „das“, „dieses“[1] tat kann Pronomen oder Adverb sein
त्वम् tvam „Du“[2] tvam ist der Nominativ von tvad
ब्रह्मन् asi „Du bist“[3] asi ist die 2. Person Singular von as „sein“

Das Kapitel 6.8 aus Chandogya Upanishad

Im Schlaf, so erfährt Shvetaketu von seinem Vater Uddālaka, vereinigt sich der Mensch mit dem Seienden, allerdings unbewusst, denn vom bewussten Manas tritt er hinüber in das unbewusste, aber lebendige Prana. Mit dem Tod geht dann auch Prana über in die Glut und diese in die höchste Gottheit, in deren Feinheit und Unerkennbarkeit die wahre und fundamentalste Wirklichkeit gegründet ist: Brahman ist Atman – „Das bist du“.

Verse aus Chāndogya Upanishad in Sanskrit
  1. Uddâlaka Âruni sprach zu seinem Sohne Shvetaketu: „Laß dir von mir, o Teurer, den Zustand des Schlafes erklären. Wenn es heißt, daß der Mensch schlafe, dann ist er mit dem Seienden, o Teurer, zur Vereinigung gelangt. Zu sich selbst ist er eingegangen, darum sagt man von ihm «er schläft», denn zu sich selbst eingegangen ist er. –

  2. Gleichwie ein Vogel, der an einen Faden gebunden wurde, nach dieser und jener Seite fliegt, und nachdem er anderweit einen Stützpunkt nicht gefunden, sich an der Bindungsstelle niederläßt, so auch, o Teurer, fliegt das Manas nach dieser und jener Seite, und nachdem es anderweit einen […] Stützpunkt nicht gefunden, so läßt es sich in dem Prâna nieder, denn der Prâna, o Teurer, ist die Bindungsstelle des Manas.

  3. Laß dir von mir, o Teurer, den Hunger und den Durst erklären. Wenn es heißt, ein Mensch hungert, so kommt das, weil die Wasser das von ihm Gegessene hinwegführen. Und wie man von einem Kuhführer, Roßführer, Menschenführer spricht, so bezeichnet man dann die Wasser als «Nahrungführer». Hierbei [beim Hinwegführen der Nahrung durch die Wasser zum Aufbau des Leibes] erkenne dieses [d.h. diesen Leib], o Teurer, als den daraus entsprungenen Schößling [als die Wirkung]; derselbe wird nicht ohne Wurzel [Ursache] sein;

  4. aber wo anders könnte dessen Wurzel sein als in der Nahrung? Und in derselben Weise, o Teurer, gehe von der Nahrung als Schößling zurück zu dem Wasser als Wurzel, von dem Wasser, o Teurer, als Schößung gehe zurück zu der Glut als Wurzel, von der Glut, o Teurer, als Schößling gehe zurück zu dem Seienden als Wurzel; das Seiende, o Teurer, haben alle diese Geschöpfe als Wurzel, das Seiende als Stützpunkt, das Seiende als Grundlage.

  5. Ferner, wenn es heißt, ein Mensch dürstet, so kommt das, weil die Glut das von ihm Getrunkene hinwegführt. Und wie man von einem Kuliführer, Roßführer, Menschenführer spricht, so bezeichnet man dann die Glut als „Wasserführer“. Hierbei [beim Hinwegführen des Wassers durch die Glut zum Aufbau des Leibes] erkenne dieses [diesen Leib], o Teurer, als den daraus entsprungenen Schößling [als die Wirkung]; derselbe wird nicht ohne Wurzel [Ursache] sein;

  6. aber wo anders könnte dessen Wurzel sein als in dem Wasser? Von dem Wasser, o Teurer, als Schößling gehe zurück zu der Glut als Wurzel, von der Glut, o Teurer, als Schößling gehe zurück zu dem Seienden als Wurzel; das Seiende, o Teurer, haben alle diese Geschöpfe als Wurzel, das Seiende als Stützpunkt, das Seiende als Grundlage. Wie aber, o Teurer, von diesen drei Gottheiten, wenn sie in den Menschen gelangen, jede einzelne dreifach wird, das ist vorher auseinandergesetzt worden. Bei diesem Menschen, o Teurer, wenn er dahinscheidet, geht die Rede ein in das Manas, das Manas in den Prâna, der Prâna in die Glut, die Glut in die höchste Gottheit. –

  7. Was jene Feinheit [Unerkennbarkeit] ist, ein Bestehen aus dem ist dieses Weltall, das ist das Reale, das ist die Seele, das bist du, o Shvetaketu!“
    – „Noch weiter, o Ehrwürdiger, belehre mich!“ sprach er. – „So sei es“, sprach er.[4]

Der Satz der 7. Strophe „Was jene Feinheit [Unerkennbarkeit] ist, ein Bestehen aus dem ist dieses Weltall, das ist das Reale, das ist die Seele, das bist du, o Shvetaketu!“ kehrt in den folgenden Khandas (Unterkapiteln) des sechsten Prapathaka (Hauptkapitels) zum Zweck der meditativen Vertiefung immer wieder.

Unterschiedliche Interpretation in den Schulen des Vedanta

In den feinen Details wird das Tat Tvam Asi von den drei großen Schulen des Vedanta unterschiedlich interpretiert:

  • Die Schule des Dvaita-Vedanta behauptet, dass die ursprüngliche Bedeutung dieses Mantra Atat Tvam Asi – „Das bist nicht Du“ – gewesen sei. Sie erklärt dies mit den euphonischen Regeln des Sanskrit, aufgrund derer das erste a von tat ausgefallen sei, weil der Satz zuvor mit einem langen ā endet. Demnach müsste es heißen tat satyam sa ātmā, ’tat tvam asi, deutsch wörtlich „Nicht das bist du“.[5]

Interpretationen aus Philosophie und geistiger Forschung

Swami Sivananda

Swami Sivananda

Swami Sivananda benutzt in seinen Ausführungen zu Tat tvam asi das Wort Kutastha, welches das unbewegliche, ewige und unveränderliche Prinzip des Menschseins bedeutet. Die Transkription mit diakritischen Zeichen ist kūṭastha, deutsch „die höchste Seele“ oder „unveränderlich“:[6]

„In dem vedischen Satz «Das bist Du» bzw. «Du bist Das» ist die direkte Bedeutung des Wortes «Das» die Maya, in der sich Brahman spiegelt, einschließlich des reinen Brahmans, der die Basis von Maya ist. Die direkte Bedeutung des Wortes «Du» ist Avidya, einschließlich des Selbst, das sich in ihr spiegelt, sowie Kutashtha, der Basis von Avidya. Die wahre Bedeutung, auf die das Wort «Das» hinweist, ist reines Brahman. Die wahre Bedeutung, auf die das Wort «Du» hinweist, ist Kutashtha. Die widersprüchlichen Eigenschaften von Maya und Avidya müssen bei Seite gelassen werden und Kutashtha, dessen wahre Natur Sein, Wissen und Glückseligkeit (Satchidananda) ist, muss sich mit dem reinen Brahman identifizieren, dessen Natur auch Sein, Wissen und Glückseligkeit ist. Derjenige, der die Einheit mittels direkter, intuitiver Wahrnehmung verwirklicht, erlangt Moksha (Befreiung). Er ist ein Jivanmukta. Dies ist die ausdrückliche und einstimmige Aussage der Upanishaden.“[7]

Arthur Schopenhauer

Datei:Arthur Schopenhauer by J Schäfer, 1859b.jpg
Arthur Schopenhauer (1788–1860)

Der Philosoph Arthur Schopenhauer wertschätzte die Upanishaden,[8] insbesondere das Mahavakya Tat tvam asi. Er schreibt:

„Die Leser meiner Ethik wissen, daß bei mir das Fundament der Moral zuletzt auf jener Wahrheit beruht, welche im Veda und Vedanta ihren Ausdruck hat an der stehend gewordenen mystischen Formel Tat twam asi (dies bist du), welche mit Hindeutung auf jedes Lebende, sei es Mensch oder Tier, ausgesprochen wird […].[9]

Nach seinem Verständnis von Tat tvam asi und gemäß seiner Philosophie sind Mensch und Tier sowie alles in der Natur Erscheinungsformen des metaphysischen Willens. Damit sind sie in ihrem innersten Wesen gleich. Für das Verständnis des Tieres bzw. die Tierethik leitet er daraus ab:

„Erst, wenn jene einfache und über allen Zweifel erhabene Wahrheit, daß die Tiere in der Hauptsache und im Wesentlichen ganz das Selbe sind, wie wir, in´s Volk gedrungen sein wird, werden die Tiere nicht mehr als rechtlose Wesen dastehn.“[10]

Aus dieser Interpretation des Wortes „Das bist du“ konstatiert Schopenhauer dem Christentum einen Grundfehler, wenn es den Menschen über das Tier stellt:

„Ein anderer, bei dieser Gelegenheit zu erwähnender, aber nicht weg zu erklärender und seine heillosen Folgen täglich manifestirender Grundfehler des Christenthums ist, daß es widernatürlicherweise den Menschen losgerissen hat von der Thierwelt, welcher er doch wesentlich angehört, und ihn nun ganz allein gelten lassen will, die Thiere geradezu als Sachen betrachtend; […].“[11]

Der Schlussfolgerung Schopenhauers, das Mensch und Tier „im Wesentlichen ganz das Selbe sind“, steht der Standpunkt aus geistiger Forschung gegenüber, der einen innersten Unterschied zwischen Mensch und Tier konstatiert. Dieser besteht darin, dass der Mensch im Unterschied zum Tier mit dem Wesensglied des „Ich“ ausgestattet ist.[12][13]

Rudolf Steiner

„Das höhere Selbst des Menschen ist nichts, was in uns lebt, sondern um uns herum. Das höhere Selbst sind die höherentwickelten Individualitäten. Der Mensch muß sich klar darüber sein, daß das höhere Selbst außer ihm ist. Wenn er es in sich suchte, würde er es nie finden.“[14]
Foto: Otto Rietmann

Rudolf Steiner (1861–1925) vergleicht bei einer Interpretation des Tat tvam asi ebenfalls den Menschen mit dem Tier im Sinne von: Das bist du. Dies bezieht er jedoch auf die, im (warmblütigen) Tierreich ausgebreiteten „kamarupischen“ Eigenschaften des Menschen. Das Sanskritwort kamarupa setzt sich zusammen aus kāma „Wunsch, Verlangen, Begierde“[15] und rūpa „Form, Aussehen, Gestalt“.[16] Die Bezeichnung Kamaeigenschaften, die im Tierreich vorzufinden sind, sind demnach „Begierdeeigenschaften“:

„Zuerst hatte der Mensch in sich die Wut des Löwen und die List des Fuchses. Die Wut wurde von ihm dann sozusagen im Löwen fixiert und die List im Fuchse. So ist also das warmblütige Tierreich ein Bilderbogen von Kamaeigenschaften. Heute ist vielfach die Ansicht verbreitet, daß das «Tat tvam asi», das «Das bist du», als etwas unbestimmt Allgemeines aufzufassen sei, aber man muß sich etwas Bestimmtes darunter denken. Zum Beispiel beim Löwen muß der Mensch sich sagen: Das bist du! – So haben wir im warmblütigen Tierreich den kamarupischen Menschen vor uns ausgebreitet. Vorher bestand nur der reine Mensch: Adam Kadmon.“[17]

An anderer Stelle beschreibt Steiner, wie der Mensch erst durch eine seelisch-geistige Entwicklung, die aktiv zu vollziehen ist, zu der Weisheitserkenntnis gelangt, dass er als Geistbegabter stündlich aus der geistig-göttlichen Welt heraus geboren wird:

„Zunächst erlebt der Mensch seine Seele in seinem Inneren, indem er Lust und Leid, Freude und Schmerz erlebt. Dann aber gehen dieser Seele die Vorstellungen auf, welche wieder verschwinden. Es lebt da etwas auf, was den bloßen Sinnen verborgen ist. Was da in der Seele auflebt, hat der Mensch zunächst als den bloßen Gedanken in sich. Aber er verbindet im Laufe des Lebens diesen Gedanken mit seiner Seele. Er lernt fühlen und mitempfinden mit dem Geistigen und hat zuletzt das Geistige gern und liebt es, wie er vorher nur das Sinnliche gern und lieb gehabt hat. Die Begierde erstreckt sich schließlich über alles Geistige. Die Selbstsucht wird zu einer selbstlosen Liebe zum Unvergänglichen. In der Selbstsucht wird des Menschen Liebe in der Seele erfaßt. Aber indem wir sie tief im Inneren als Geist erfassen, wird uns klar, daß wir dieses Selbst in der ganzen übrigen Welt finden, daß wir verbunden sind mit der ganzen übrigen Welt und daß, wie wir aus dem Physischen geboren sind, es ebenso wahr ist, daß wir als Geist stündlich aus dem geistigen Universum, der geistig-göttlichen Welt heraus geboren werden. Suchen wir daher unser höheres Selbst, das wie ein Funke in uns vorhanden ist, dann werden wir das Geistige in der ganzen Umwelt sehen. Das ist die große Weisheitserkenntnis, welche die Vedantaphilosophie zusammengefaßt hat in dem Spruch: Tat tvam asi – Das bist du. – Wenn der Mensch seines Geistes sich bewußt ist und seine Entwickelung beginnt im Hinausschreiten in die Welt, dann erweitert sich sein Selbst zu dem Geiste des Universums, zu einem Geistselbst-Dasein, und wir sind dann unserer ureigenen Wesenheit nach überall. Dann wird für uns das, was bloßes Begreifen war, seelisch verwandter Inhalt, und das ist wirkliche Erhebung der Seele zum Geist, Erhebung in wirkliches geistiges Leben.“[18]

Heinz Grill

Heinz Grill (* 1961) schreibt über Tat Tvam Asi anlässlich eines Vergleichs zwischen dem kosmozentrischen und dem anthropozentrischen Menschenbild. Das Ideal liegt aus seiner Sicht in einer Mitte, in der sich der Mensch sowohl im kosmischen Eingebundensein als auch in seiner Eigenwirklichkeit erleben lernt:

Datei:Heinz Grill.png
Tat tvam asi
„Du bist nicht derjenige, der Du durch Askese oder Übung bei Dir selbst werden kannst, sondern Du bist so, wie Du auf die Mitmenschen wirkst, welche moralischen und edlen Beziehungen Du aufbaust, welche Formen der Schönheit und Ästhetik Du gestaltest und wie Du diese schließlich in das nächtliche Meer der Sterne hineinträgst.“[19]
„In den vedischen Schriften existiert das Mantra tat tvam asi und dieses will dem Menschen verdeutlichen, dass er, so wie er mit seinem physischen Leib auf der Erde steht, nicht der Wirklichkeit entspricht. Tat tvam asi, die mystisch-mantrische Formel, besagt in der Übersetzung: „Das bist du”. Aber der Hinweis „das bist du” sieht von dem irdischen Menschen ab und deutet hinauf zu den Sternen, zu dem Kosmos und sagt nun dem Menschen im Erdendasein, dass die Kräfte, die Impulse, die nun im Kosmos leben, sein wahres Selbst, seine wahre Wirklichkeit sind. Diese aus den Veden, dem älteren und umfassenden Schriftwerk des Hinduismus, geprägte kosmozentrische Anthropologie ist tatsächlich in Indien wie auch in östlichen Ländern noch mehr enthalten als beispielsweise im Okzident.
Die europäische Philosophie hingegen brachte im Allgemeinen mehr den Satz hervor: „Ich denke und deshalb bin ich.” In der Erfahrung des Denkprozesses und in der Eigenständigkeit von diesem erfährt sich der Okzidentale in seiner eigenen Mitte und in seinem Zentrum. Dieser Standpunkt, der von Descartes beginnend über die verschiedenen Philosophen in die westliche Geschichte hineinfließt, gibt einen tendenziell anthropozentrischen Standpunkt vor. Nicht der Kosmos, sondern mehr der Mensch mit seiner Erfahrung des Denkprozesses rückt in die Mitte.
Ein Bild über den idealen Menschen kann aber wohl nicht allein in einem anthropozentrischen oder kosmozentrischen Standpunkt liegen, sondern muss sich um der Harmonie und Ganzheit willen sowohl in der erfahrbaren Eigenwirklichkeit als auch in der Erfahrung des kosmischen Eingebundenseins erleben.“[20]

In einem anderen Zusammenhang drückt er aus, dass in früheren Zeiten der Yogakultur der Blick in den Weltenraum eine nennenswerte Erfahrung offenbarte. Der Inder sah dort zu diesen Zeiten das tat, das sogenannte „das“, und fühlte mit dem Blick seine wahre Identität. Ihm offenbarte sich eine große Kosmologie und eine körperliche Freiheit. Eine Askese war für die damalige Zeit natürlich und ohne Zwang, denn der Inder wollte sich mit Gefühlen und Emotionen nicht ganz im Leib eingeschlossen wissen.[19]

„Heute jedoch lernt der Einzelne diese große kosmische Dimension und das Ausgegossensein seiner Seele während der Nacht im Kosmos erst wieder langsam kennen. Der praktische Weg ist es, dass er die Seele nicht nur auf sich und seine Gefühle bezieht, sondern dass er sich den Mitmenschen und der Welt auf geeignete Weise hinwendet und langsam erkennen lernt, dass dieser Kosmos mit seinen Wirkungen in seinem sozialen Umfeld lebt.“[19]

Sri Aurobindo

Datei:Sri aurobindo (cropped).jpg
Sri Aurobindo

Für Sri Aurobindo (1872–1950) geht die Verwirklichung von Tat tvam asi über ein Aufgehen des Individuums im kosmischen Bewusstsein oder die Zerstörung des Egos hinaus. Sein Ziel ist die umfassende Transformation des Menschen in all seinen Wesensgliedern. Er möchte ein göttliches Leben auf der Erde durch das Herabkommen eines höheren Bewusstseins schaffen:[21]

„Keine spirituelle Disziplin zielt auf Läuterung oder Vergöttlichung durch die Zerstörung der Essenz – etwas Derartiges kann es nicht geben, und die Formulierung als solche ist sinnlos und widerspricht sich selbst. Die Essenz des Wesens ist unzerstörbar. Selbst die strengste Advaita-Disziplin zielt auf keine derartige Zerstörung; ihr Ziel ist die reinste Reinheit des essentiellen Selbstes. Umwandlung zielt auf diese essentielle Reinheit des reinen Spirits, doch fordert sie ebenfalls die Reinheit und Göttlichkeit der höchsten Natur; nicht die Essenz unseres Wesens, sondern die Zufälligkeiten unserer unentwickelten, unvollkommenen Natur werden zerstört und durch die Manifestation der göttlichen Natur ersetzt. Der monistische Advaita hat die Auflösung des Ego zum Ziel und nicht die der Essenz der Person; er erreicht diese Auflösung durch Identität mit dem Einen, durch Auflösung des von der Natur geformten Ego in der Wirklichkeit des ewigen Selbstes, denn dieses und nicht das Ego – sagt er – ist die Essenz der Person, so-ham tat tvam asi. Auch in unserer Auffassung der Umwandlung gibt es die Zerstörung des Egos, seine Auflösung im kosmischen und göttlichen Bewusstsein, doch durch diese Zerstörung erlangen wir die wahre oder spirituelle Person, die ein ewiger Teil des Göttlichen ist.“[22]

Literatur

  • Paul Deussen: Sechzig Upanishad's des Veda. F. A. Brockhaus, Leipzig 1897.
  • Julius Frauenstädt (Hrsg.): Arthur Schopenhauer´s sämmtliche Werke. 2. Auflage. Band 6: Parerga und Paralipomena II. Leipzig 1919.
  • Rudolf Steiner: Die Welträtsel und die Anthroposophie. GA 54. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1983. ISBN 3-7274-0540-6.
  • Rudolf Steiner: Kosmogonie. GA 94. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 2001, ISBN 3-7274-0940-1.
  • Sri Aurobindo: Briefe über den Yoga. Band 1, Kapitel 2, (PDF).
  • Heinz Grill: Die Seelendimension des Yoga. 7., unveränderte Auflage. Stephan Wunderlich Verlag, Sigmaringen 2022, ISBN 978-3-948193-00-3.

Weblinks

Anmerkung

  1. „In den vedischen Texten wird tat häufig benutzt, um auf das unausprechliche Seinsprinzip, das unergründliche Geheimnis des unendlichen Absoluten hinzuweisen. Es ist die wortlose Geste, die auf das Unbeschreibliche, das Namenlose zeigt und das Bewußtsein zu dieser Realität erhebt. Wenn Meister ihre Schüler in die letzten Erkenntnisse des Vedānta einweihen wollen, haben sie ihnen gesagt: „tat tvam asi“ („Das bist du“); d. h. das, was dieser unaussprechliche Urgrund allen Seins (brahman) ist, das ist deine wahre Natur, das ist identisch mit deinem Selbst (ātman).“
    Martin Mittwede: Spirituelles Wörterbuch Sanskrit/Deutsch. Überarbeitete und erweiterte Fassung der früheren Ausgabe, ISBN 3-924739-56-0. Verlag Sathya Sai Vereinigung, Bonn 1992, S. 233.

Einzelnachweise

  1. Suchergebnisse für तट्. In: learnsanskrit.cc. Abgerufen am 13. September 2025 (englisch).
  2. Suchergebnisse für त्वम्. In: learnsanskrit.cc. Abgerufen am 13. September 2025 (englisch).
  3. Suchergebnisse für „asi“. In: sanskritdictionary.org. Abgerufen am 13. September 2025 (englisch).
  4. Paul Deussen: Chândogya-Upanishad. Sechster Prapâthaka „tat tvam asi“ – „das bist du“. In: 12koerbe.de. Abgerufen am 10. September 2025.
  5. Lambert Schmithausen: Tat tvam asi. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Abgerufen am 13. September 2025.
  6. Suchergebnisse für „kUTastha“. In: learnsanskrit.cc. Abgerufen am 13. September 2025 (englisch).
  7. Swami Sivananda: Jnana Yoga. Divine Life Society, 2007, S. 26–30. (Online, englisch)
  8. Upanishaden ( Oupnekhat ) und Arthur Schopenhauer. In: arthur-schopenhauer-studienkreis.de. Abgerufen am 18. September 2025.
  9. Julius Frauenstädt (Hrsg.): Arthur Schopenhauer´s sämmtliche Werke. 2. Auflage. Band 6: Parerga und Paralipomena II. Kapitel VIII: Zur Ethik. Leipzig 1919, S. 234.
  10. Julius Frauenstädt (Hrsg.): Arthur Schopenhauer´s sämmtliche Werke. 2. Auflage. Band 6: Parerga und Paralipomena II. Kapitel VIII: Zur Ethik. Leipzig 1919, S. 403.
  11. Julius Frauenstädt (Hrsg.): Arthur Schopenhauer´s sämmtliche Werke. Band 10, Kapitel 15. Zürcher Ausgabe, 1977, S. 408.
  12. Rudolf Steiner: Natur- und Geistwesen – ihr Wirken in unserer sichtbaren Welt. GA 98. 2. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1996, ISBN 3-7274-0980-0, S. 166. (Online)
  13. Heinz Grill: Übungen für die Seele. 3., erweiterte Auflage. Synergia Verlag, 2022, ISBN 978-3-906873-33-6, S. 72.
  14. Rudolf Steiner: Grundelemente der Esoterik. GA 93a. 3. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1987, ISBN 3-7274-0935-5, S. 153. (Online)
  15. Martin Mittwede: Spirituelles Wörterbuch Sanskrit/Deutsch. Überarbeitete und erweiterte Fassung der früheren Ausgabe, ISBN 3-924739-56-0. Verlag Sathya Sai Vereinigung, Bonn 1992, S. 106–107.
  16. Martin Mittwede: Spirituelles Wörterbuch Sanskrit/Deutsch. Überarbeitete und erweiterte Fassung der früheren Ausgabe, ISBN 3-924739-56-0. Verlag Sathya Sai Vereinigung, Bonn 1992, S. 187.
  17. Rudolf Steiner: Grundelemente der Esoterik. GA 93a. 3. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1987, ISBN 3-7274-0935-5, S. 53. (Online)
  18. Rudolf Steiner: Die Welträtsel und die Anthroposophie. GA 54. 2. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1983, ISBN 3-7274-0540-6, S. 76–77. (Online)
  19. 19,0 19,1 19,2 Heinz Grill: Die Seelendimension des Yoga. 7., unveränderte Auflage. Stephan Wunderlich Verlag, Sigmaringen 2022, ISBN 978-3-948193-00-3, S. 21.
  20. Heinz Grill: Kosmos und Mensch. 4., vollkommen neu überarbeitete und erweiterte Auflage. Stephan Wunderlich Verlag, 2015, ISBN 978-3-9815855-6-8, S. 12–13.
  21. Philosophy of Sri Aurobindo. Aurobindo’s Interpretation of “Tat-Tvam Asi”: Unifying Individual and Ultimate Reality. In: Philosophy Institute. Abgerufen am 18. September 2025 (englisch).
  22. Sri Aurobindo: Briefe über den Yoga. Band 1, Kapitel 2. PDF, abgerufen am 18. September 2025.
Dieser Artikel basiert teilweise auf dem Artikel Tat Tvam Asi in AnthroWiki und steht dort unter der Lizenz Creative-Commons Namensnennung-ShareAlike 4.0 International. In AnthroWiki ist eine Liste der Autoren einsehbar.


zurück nach oben