Gleichnis vom Haus auf dem Felsen oder auf Sand
Das Gleichnis vom Haus auf dem Felsen oder auf Sand, auch Vom Haus, auf Felsen oder auf Sand gebaut oder kurz Vom Hausbau genannt, steht im Evangelium nach Matthäus (Mt 7,24–29) am Ende der Bergpredigt. Eine ähnliche Passage findet sich in der Feldrede des Lukasevangeliums (Lk 6,47–49).
In vielen Bibelauslegungen wird dieses Gleichnis insoweit interpretiert, dass der Mensch sein ganzes Vertrauen in die Worte Jesu gibt und auch sein Handeln gemäß den Worten ausrichtet. Auf diese Weise gewinnt er einen Halt, der ihn die Stürme des Lebens bestehen lässt.
Das Haus, das der Mensch auf Felsen erbaut, wird auch mit der Institution der Kirche und der Zugehörigkeit zu ihr gleichgesetzt. Demnach würde ein Mensch, der durch die Taufe einer Kirche angehört, automatisch dieses Fundament besitzen.
Aus geistiger Forschung ist das Haus auf dem Felsen die geistige Gründung des Bewusstseins in wahrheitsvollen Gedanken. Wahrheitsvolle Worte und geistige Gedanken wollen vom Menschen durch Kontemplation und Meditation ausreichend genug nach ihrer innersten Sinnbedeutung erforscht werden. Das Festhalten an Glaubensformen, Bekenntnissen und Traditionen löst sich auf und weicht einer freudigen Lebensweite der Freiheit, die es ermöglicht, anderen Menschen einen großen Raum eines toleranten Gespräches eröffnen.
Wer in Weisheit gegründet ist, braucht nicht um diese zu streiten. Dies ist die geistige Bedeutung des Platzregens, der Ströme und der Winde, die das Haus auf dem Felsen nicht erschüttern können.
Textstellen und Kontext im Neuen Testament
Evangelium nach Matthäus
Die Elberfelder Übersetzung bringt das Gleichnis mit folgenden Worten zum Ausdruck:
- „Jeder nun, der diese meine Worte hört und sie tut, den werde ich einem klugen Mann vergleichen, der sein Haus auf den Felsen baute; und der Platzregen fiel hernieder, und die Ströme kamen, und die Winde wehten und stürmten gegen jenes Haus; und es fiel nicht, denn es war auf den Felsen gegründet. Und jeder, der diese meine Worte hört und sie nicht tut, der wird einem törichten Mann verglichen werden, der sein Haus auf den Sand baute; und der Platzregen fiel hernieder, und die Ströme kamen, und die Winde wehten und stießen an jenes Haus; und es fiel, und sein Fall war groß.
- Und es geschah, als Jesus diese Worte vollendet hatte, da erstaunten die Volksmengen sehr über seine Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, und nicht wie ihre Schriftgelehrten.“ (Mt 7,24-29)[1]
Parallelstelle im Evangelium nach Lukas
Mit ähnlichen Worten steht dieses Gleichnis auch im Lukasevangelium. Es findet dort seinen Platz am Ende der Feldrede und beschließt das 6. Kapitel:
- „Jeder, der zu mir kommt und meine Worte hört und sie tut – ich will euch zeigen, wem er gleich ist: Er ist einem Menschen gleich, der ein Haus baute, der grub und in die Tiefe ging und den Grund auf den Felsen legte; als aber eine Flut kam, schlug der Strom an jenes Haus und vermochte es nicht zu erschüttern, denn es war auf den Felsen gegründet. Wer aber gehört und nicht getan hat, ist einem Menschen gleich, der ein Haus auf die Erde baute, ohne Grundlage, an das der Strom schlug, und sogleich fiel es zusammen, und der Sturz jenes Hauses war groß.“ (Lk 6,47–49)[2]
Theologische Interpretationen (Auswahl)
Jakob Lorber (1800–1864), österreichischer Schriftsteller, Musiker und christlicher Mystiker, spricht in Bezug auf das Gleichnis von einem unklugen Bauherrn, der sein Haus auf Sand gebaut hat, und einem klugen Bauherrn, der sein Haus auf den Felsen gebaut hat. Der Unkluge meinte anfangs, dass er klüger gehandelt habe, weil er sein Haus mit weniger Mühe und Beschwerlichkeit auf Sand im Tal erbaute, in einer guten Lage und mit leichtem Zugang. Dann muss er jedoch feststellen, dass sein Haus dem starken Orkan und Wolkenbruch nicht standhält und zerstört wird. Es erweist sich schlussendlich derjenige als der klügere Bauherr, der sein Haus oben auf den Felsen baute, dafür aber eine viel größere Mühe und Leistung erbringen musste. Diesem Haus können die Stürme und Wasserfluten nichts anhaben.[3]
Jakob Lorber stellt dann die Frage, wie ein Mensch beschaffen sein muss, der sein Haus auf dem Felsen erbaut und kommt zur Antwort:
- „Der muss durchgehends nicht leicht- und abergläubisch sein, sondern allein die Wahrheit in allem suchen, die allein ihn frei und wohlerleuchtet macht. Wer an mich glaubt, nach meiner Lehre lebt und handelt, zu dem werde ich Selbst kommen und Mich ihm geradeso getreuest offenbaren, wie nun euch.“[3]
Den Menschen, der sein Haus auf Sand baut, charakterisiert er folgendermaßen:
- „Wen die wahre Liebe zur Wahrheit und zum Licht nicht anzieht und der in seiner Trägheit und Schläfrigkeit ganz behaglich verharrt und sich in der Welt soviel als möglich allen Vergnügungen und Zerstreuungen in die Arme wirft, wird der wohl einmal zum Licht der Welt gelangen?“[3]
Pater Pius Kirchgessner, Kapuziner, beschreibt in einer Predigt zum Gleichnis, dass es erst einmal wesentlich ist, die Worte Jesu richtig zu hören. Dann muss auf das Hören das Gehorchen folgen, das Handeln und Tun:
- „Die Botschaft des Evangeliums will wirksam werden im Handeln. Dazu ruft uns heute Jesus im Gleichnis vom Hausbau ganz eindringlich auf. Es steht ganz bewusst am Ende der Bergpredigt. Worin nämlich das Tun und Befolgen besteht, sagt er zuvor in den Worten und Weisungen seiner Predigt. – Diese Worte nicht nur hören, sondern sich zu Herzen nehmen und sie ins Tun umzusetzen, das ist entscheidend und macht ein glaubwürdiges, überzeugendes Christenleben aus.“[4]
Björn Weiershausen interpretiert das Gleichnis, dass der Felsen ein Bild von Jesus Christus sei und der Sand die Haltung des Menschen, auf die eigene Kraft und die eigenen Werke zu setzen, anstatt auf Gott und Jesus Christus zu vertrauen. Platzregen, Ströme und Winde seien Sinnbilder für Gottes Bewertung des menschlichen Daseins.[5]
- „Der Mensch, der sein Leben ohne Gott gelebt hat und keine Erlösung durch den Glauben an Jesus Christus erfahren hat, hat sinnbildlich auf Sand gebaut. Sein Leben wird nichts wert sein im Angesicht Gottes. Gott wird diesen Menschen, nach seinem Leben entsprechend seiner Taten richten. Das Urteil für solche Menschen lautet ewige Verdammnis und ewiges abgeschieden sein von Gott.“[5]
Eine bekannte Interpretation geht auf Johannes Chrysostomos (344 oder 347–407) zurück, der in seiner 24. Predigt über das Matthäusevangelium schrieb:
- „Mit dem «Regen» hier, den «Fluten» und den «Winden» drückt Er metaphorisch die Katastrophen und Leiden, die Menschen heimsuchen wie falsche Anschuldigungen, Verschwörungen, Todesfälle, Verluste von Freunden, Leiden, all die Krankheiten unseres Lebens, die jemand erwähnen könnte. «Aber nichts davon», sagt Er, «gibt eine solche Seele nach; der Grund ist, dass sie auf Fels gegründet ist.» Er nennt die Standhaftigkeit Seiner Lehre einen Felsen; denn in Wahrheit sind Seine Anweisungen stärker als Fels und erheben einen über alle Wellen der menschlichen Angelegenheiten. Denn wer sich streng an diese Dinge hält, wird nicht nur gegenüber den Menschen im Vorteil sein, wenn sie ihn bedrängen, sondern sogar gegenüber den Teufeln selbst, die gegen ihn intrigieren. Und dass dies sozusagen keine leere Phrase ist, bezeugt Hiob, der alle Angriffe des Teufels ertrug und unerschütterlich stand; und auch die Apostel sind unsere Zeugen dafür, dass sie, als die Wellen der ganzen Welt gegen sie brandeten, als sowohl Völker als auch Fürsten, sowohl ihr eigenes Volk als auch Fremde, sowohl die bösen Geister als auch der Teufel und alle möglichen Mittel in Gang gesetzt wurden, standhafter als ein Fels standen und alles zerstreuten.“[6]
Interpretation aus geistiger Forschung
Heinz Grill, spiritueller Lehrer und Begründer der spirituellen Hochschule Sonnenoase in Lundo/Norditalien, weist aus geistiger Forschung darauf hin, dass die Überzeugung, sein Haus auf festen Fels gebaut zu haben, weil man sich mit Christus verbunden fühlt, eine große Illusion darstellen kann. Nicht das „äußere, übernommene, rezeptierte und konservierte Wort“ sei im letzten Teil der Bergpredigt angesprochen, der Mensch müsse „förmlich um die geistige Erkenntnis kämpfen, Belanglosigkeiten opfern, damit das Wort ihn frei macht und es ihm nicht nur ein kompensatorisches Gefühl verleiht, sondern ihm Tiefe und Kraft schenkt und ihm im weiteren Verlauf durch die integrative Lebenspraxis ein bleibendes Rückgrat betitelt.“[7]
Das Haus auf dem Felsen ist, so Heinz Grill, „die geistige Gründung des Bewusstseins in wahrheitsvollen Gedanken“:
- „Wer in einer wirklichen Weisheit gegründet ist und diese infolge seiner gründlichen Auseinandersetzung, das ist ein Fundament der aktiven Gedankenbildung, kommunizieren kann, erlebt sich selbst sicher und unangreifbar. Er spürt jene freudige Lebensweite der Freiheit, denn er kann sich selbst, wie auch anderen Menschen, einen großen Raum eines toleranten Gespräches eröffnen. Er ist nicht schweigend, sondern immer kommunizierend, sei es verbal, wie auch nonverbal. Eine errungene Weisheit erscheint niemals als Ideologie, denn sie zeugt für sich selbst, wirkt ohne Beeinflussung und Unterstreichung von Dritten und sie ist nicht nur intellektuell, sondern bildet eine unmittelbare Seelenkraft. Der, der in der Weisheit sicher gegründet ist, braucht um diese nicht zu streiten. Aus diesem Grunde spricht sich die Evangelientextstelle vom Haus auf dem Felsen deutlich dahingehend aus, dass das Haus nicht von Strömen, von Winden und Platzregen überwältigt werden kann. Das Haus auf dem Felsen ist die geistige Gründung des Bewusstseins in wahrheitsvollen Gedanken. Unweigerlich reifen diese zur Persönlichkeitsstruktur. Sie bilden sogar eine feste Organplastizität und ein gesundheitliches Fundament.“[8]
Heinz Grill zieht vom Gleichnis eine Parallele zur Bhagavad Gita II,61. Er weist darauf hin, dass sich der Ausdruck „Weisheit“ in der Bhagavad Gita „vor allem auf Bindungslosigkeit und die daraus resultierende freie Gedankenperspektive“ beziehe. „Eine wirklich entwickelte Weisheit erscheint im Sinne des Seelenlebens immer frei, während die Mangelhaftigkeit oder besser ausgedrückt der Irrtum auf kategorische Weise Bindungen erzeugt.“[8] In der Bhagavad Gita spricht Krishna zu Arjuna:
tāni sarvāṇi saṁyamya
yukta āsīta mat-paraḥ
vaśe hi yasyendriyāṇi
tasya prajñā pratiṣṭhitā
„Hat er sie alle überwunden,
sollte er sitzen unverwandt in Mich vertieft;
dessen Sinne beherrscht sind,
der steht in der Weisheit fest.“ (BhG II,61)[8]
Außerbiblische Parallelen
Bei Abot de Rabbi Nathan gibt es eine vergleichbare Stelle in § 24 (3.–4. Jh., Kompilation 7.–9. Jh.). Dort heißt es, dass jemand, der viel Torah studiere und gute Werke tue, wie Kalk sei, der auf Steine gestrichen werde und den Regengüssen trotze. Jemand, der nur studiere, aber keine guten Werke tue, sei dagegen wie Kalk, der auf Ziegel gestrichen und dann vom Regen weich und fortgespült werde.[9]
Der Originaltext lautet:
- „Elisha ben Abuja sagt: Einer, in dem gute Werke sind, der viel Torah studiert hat, mit was kann er verglichen werden? Mit einem Menschen, der erst mit Steinen baut und danach mit Ziegeln (ungebrannt, nur in der Sonne getrocknet): Auch wenn viele Wasser kommen und sich sammeln an ihrer Seite, lösen sie sie nicht von ihrer Seite weg. Aber ein Mensch, in dem keine guten Werke sind, obgleich er Torah studierte, mit was kann er verglichen werden? Mit einem Menschen, der zuerst mit (ungebrannten) Ziegeln baut und danach mit Steinen. Auch wenn nur geringe Wasser sich sammeln, stürzen sie sie sogleich um.
- Er pflegte zu sagen: Ein Mensch, in dem gute Werke sind, der viel Torah studiert hat, mit was kann er verglichen werden? Mit Kalk, der auf Steine gestrichen ist: Auch wenn einige Regengüsse auf ihn fallen, können sie sie nicht vom Platz bewegen. Ein Mensch, in dem keine guten Werke sind, obgleich er viel Torah studiert hat, ist wie Kalk, der auf Ziegel gestrichen ist: Auch wenn geringer Regen darauf fällt, wird er weich und wird fortgespült.“[10]
Wirkung
Georg Neumark (1621–1681) war ein deutscher Dichter und Komponist von protestantischen Kirchenliedern. Er komponierte 1641 das bekannte Lied Wer nur den lieben Gott lässt walten, dessen erste Strophe mit dem Vers „Wer Gott dem Allerhöchsten traut / Der hat auf keinen Sand gebaut“ endet.
Die deutsche Redewendung „auf Sand gebaut haben“ leitet sich ebenso von dieser Evangelienstelle ab und bedeutet, auf etwas vertraut zu haben, das ungewiss, zweifelhaft ist und folglich scheitern wird.
Siehe auch
Einzelnachweise
- ↑ Matthäus 7. In: Elberfelder Übersetzung. Edition CSV. Abgerufen am 13. März 2026.
- ↑ Lukas 6. In: Elberfelder Übersetzung. Edition CSV. Abgerufen am 13. März 2026.
- ↑ 3,0 3,1 3,2 Das Gleichnis vom unklugen und klugen Bauherrn und seine Deutung. In: jakob-lorber.info. Abgerufen am 13. März 2026.
- ↑ Pius Kirchgessner: Das Gleichnis vom Hausbau auf Fels / Sand. In: pius-kirchgessner.de. Abgerufen am 13. März 2026.
- ↑ 5,0 5,1 Björn Weiershausen: Jesus Gleichnis vom Haus auf Felsen und auf Sand gebaut. In: Wo ist Gott? Abgerufen am 13. März 2026.
- ↑ Homily 24 on Matthew. In: New Advent. Abgerufen am 10. April 2026.
Englischer Originaltext:
By “rain” here, and “floods,” and “winds” He is expressing metaphorically the calamities and afflictions that befall men; such as false accusations, plots, bereavements, deaths, loss of friends, vexations from strangers, all the ills in our life that any one could mention. “But to none of these,” says He, “does such a soul give way; and the cause is, it is founded on the rock.” He calls the steadfastness of His doctrine a rock; because in truth His commands are stronger than any rock, setting one above all the waves of human affairs. For he who keeps these things strictly, will not have the advantage of men only when they are vexing him, but even of the very devils plotting against him. And that it is not vain boasting so to speak, Job is our witness, who received all the assaults of the devil, and stood unmoveable; and the apostles too are our witnesses, for that when the waves of the whole world were beating against them, when both nations and princes, both their own people and strangers, both the evil spirits, and the devil, and every engine was set in motion, they stood firmer than a rock, and dispersed it all. - ↑ Heinz Grill: Meditationsinhalt 98 vom 7. August 2021 (PDF). Über die E-Mail-Adresse meditationsinhalte@mail.de kann die PDF erbeten und eingesehen werden.
- ↑ 8,0 8,1 8,2 Heinz Grill: Meditationsinhalt 99 vom 13. August 2021 (PDF). Über die E-Mail-Adresse meditationsinhalte@mail.de kann die PDF erbeten und eingesehen werden.
- ↑ Aaron Schart: Vom Hausbau (Mt 7,24–27 // Lk 6,47–49). In: Universität Duisburg-Essen, Institut für Evangelische Theologie. Archivlink, abgerufen am 28. März 2026.
- ↑ Kurt Erlemann: Gleichnisauslegung: ein Lehr- und Arbeitsbuch. UTB für Wissenschaft, Nr. 2093. Francke Verlag, Tübingen 1999, Teil C, S. 262–263.
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