Tat Tvam Asi

Aus AuroraWiki
Version vom 13. September 2025, 23:19 Uhr von Robert Lindermayr (Diskussion | Beiträge) (Datum geändert und Formatierungsfehler behoben)
Tat Tvam Asi (Sanskrit)

Tat Tvam Asi (Sanskrit तत् त्वम् असि, IAST tat tvam asi, deutsch „Das bist du“) ist eines der großen Worte der indischen Vedantaphilosophie und verweist auf die ursprüngliche Identität des eigenen Selbst mit dem Urgrund des Daseins – mit anderen Bezeichnungen: die Identität von Atman und Brahman.

Erstmals erwähnt wird das Tat Tvam Asi im Vers 6.8.7 der Chāndogya Upanishad (ca. 6. Jh. v. Chr.), und zwar im Dialog zwischen Uddālaka und seinem Sohn Shvetaketu.

Tat Tvam Asi ist einer der sogenannten Mahavakyas, der „Großen Aussprüche“ der vedischen Literatur. Das Sanskritwort mahāvākya setzt sich zusammen aus mahā „groß“ und vākya „Ausspruch“.

Wortbedeutung

Die Übersetzung der drei Sanskritwörter tat tvam asi im Einzelnen:

Sanskrit IAST Deutsch Bemerkung
तट् tat[Anmerkung 1] „das“, „dieses“[1] tat kann Pronomen oder Adverb sein
त्वम् tvam „Du“[2] tvam ist der Nominativ von tvad
ब्रह्मन् asi „Du bist“[3] asi ist die 2. Person Singular von as „sein“

Das Kapitel 6.8 aus Chandogya Upanishad

Im Schlaf, so erfährt Shvetaketu von seinem Vater, vereinigt sich der Mensch mit dem Seienden, allerdings unbewusst, denn vom bewussten Manas tritt er hinüber in das unbewusste, aber lebendige Prana. Mit dem Tod geht dann auch Prana über in die Glut und diese in die höchste Gottheit, in deren Feinheit und Unerkennbarkeit die wahre und fundamentalste Wirklichkeit gegründet ist: Brahman ist Atman – „Das bist du“.

Verse aus Chāndogya Upanishad in Sanskrit
  1. Uddâlaka Âruni sprach zu seinem Sohne Shvetaketu: „Laß dir von mir, o Teurer, den Zustand des Schlafes erklären. Wenn es heißt, daß der Mensch schlafe, dann ist er mit dem Seienden, o Teurer, zur Vereinigung gelangt. Zu sich selbst ist er eingegangen, darum sagt man von ihm «er schläft», denn zu sich selbst eingegangen ist er. –

  2. Gleichwie ein Vogel, der an einen Faden gebunden wurde, nach dieser und jener Seite fliegt, und nachdem er anderweit einen Stützpunkt nicht gefunden, sich an der Bindungsstelle niederläßt, so auch, o Teurer, fliegt das Manas nach dieser und jener Seite, und nachdem es anderweit einen […] Stützpunkt nicht gefunden, so läßt es sich in dem Prâna nieder, denn der Prâna, o Teurer, ist die Bindungsstelle des Manas.

  3. Laß dir von mir, o Teurer, den Hunger und den Durst erklären. Wenn es heißt, ein Mensch hungert, so kommt das, weil die Wasser das von ihm Gegessene hinwegführen. Und wie man von einem Kuhführer, Roßführer, Menschenführer spricht, so bezeichnet man dann die Wasser als «Nahrungführer». Hierbei [beim Hinwegführen der Nahrung durch die Wasser zum Aufbau des Leibes] erkenne dieses [d.h. diesen Leib], o Teurer, als den daraus entsprungenen Schößling [als die Wirkung]; derselbe wird nicht ohne Wurzel [Ursache] sein;

  4. aber wo anders könnte dessen Wurzel sein als in der Nahrung? Und in derselben Weise, o Teurer, gehe von der Nahrung als Schößling zurück zu dem Wasser als Wurzel, von dem Wasser, o Teurer, als Schößung gehe zurück zu der Glut als Wurzel, von der Glut, o Teurer, als Schößling gehe zurück zu dem Seienden als Wurzel; das Seiende, o Teurer, haben alle diese Geschöpfe als Wurzel, das Seiende als Stützpunkt, das Seiende als Grundlage.

  5. Ferner, wenn es heißt, ein Mensch dürstet, so kommt das, weil die Glut das von ihm Getrunkene hinwegführt. Und wie man von einem Kuliführer, Roßführer, Menschenführer spricht, so bezeichnet man dann die Glut als „Wasserführer“. Hierbei [beim Hinwegführen des Wassers durch die Glut zum Aufbau des Leibes] erkenne dieses [diesen Leib], o Teurer, als den daraus entsprungenen Schößling [als die Wirkung]; derselbe wird nicht ohne Wurzel [Ursache] sein;

  6. aber wo anders könnte dessen Wurzel sein als in dem Wasser? Von dem Wasser, o Teurer, als Schößling gehe zurück zu der Glut als Wurzel, von der Glut, o Teurer, als Schößling gehe zurück zu dem Seienden als Wurzel; das Seiende, o Teurer, haben alle diese Geschöpfe als Wurzel, das Seiende als Stützpunkt, das Seiende als Grundlage. Wie aber, o Teurer, von diesen drei Gottheiten, wenn sie in den Menschen gelangen, jede einzelne dreifach wird, das ist vorher auseinandergesetzt worden. Bei diesem Menschen, o Teurer, wenn er dahinscheidet, geht die Rede ein in das Manas, das Manas in den Prâna, der Prâna in die Glut, die Glut in die höchste Gottheit. –

  7. Was jene Feinheit [Unerkennbarkeit] ist, ein Bestehen aus dem ist dieses Weltall, das ist das Reale, das ist die Seele, das bist du, o Shvetaketu!“
    – „Noch weiter, o Ehrwürdiger, belehre mich!“ sprach er. – „So sei es“, sprach er.[4]

Der Satz der 7. Strophe „Was jene Feinheit [Unerkennbarkeit] ist, ein Bestehen aus dem ist dieses Weltall, das ist das Reale, das ist die Seele, das bist du, o Shvetaketu!“ kehrt in den folgenden Khandas (Unterkapiteln) des sechsten Prapathaka (Hauptkapitels) zum Zweck der meditativen Vertiefung immer wieder.

Unterschiedliche Interpretation in den Schulen des Vedanta

In den feinen Details wird das Tat Tvam Asi von den drei großen Schulen des Vedanta unterschiedlich interpretiert:

  • Nach der Schule des Advaita-Vedanta bedeutet es die Identität des eigenen Selbst mit Brahman.
  • Im Vishishtadvaita-Vedanta geht man davon aus, dass des Selbst des Menschen nur ein „Teil“ des umfassenden Seins ist.
  • Die Schule des Dvaita-Vedanta behauptet, dass die ursprüngliche Bedeutung dieses Mantra Atat Tvam Asi – „Das bist nicht Du“ – gewesen sei. Sie erklären dies mit den euphonischen Regeln des Sanskrit, aufgrund derer das erste a von tat ausgefallen sei, weil der Satz zuvor mit einem langen ā endet. Demnach müsste es heißen tat satyam sa ātmā, ’tat tvam asi, deutsch wörtlich „Nicht das bist du“.[5]

Interpretation aus geistiger Forschung

Rudolf Steiner

„Zunächst erlebt der Mensch seine Seele in seinem Inneren, indem er Lust und Leid, Freude und Schmerz erlebt. Dann aber gehen dieser Seele die Vorstellungen auf, welche wieder verschwinden. Es lebt da etwas auf, was den bloßen Sinnen verborgen ist. Was da in der Seele auflebt, hat der Mensch zunächst als den bloßen Gedanken in sich. Aber er verbindet im Laufe des Lebens diesen Gedanken mit seiner Seele. Er lernt fühlen und mitempfinden mit dem Geistigen und hat zuletzt das Geistige gern und liebt es, wie er vorher nur das Sinnliche gern und lieb gehabt hat. Die Begierde erstreckt sich schließlich über alles Geistige. Die Selbstsucht wird zu einer selbstlosen Liebe zum Unvergänglichen. In der Selbstsucht wird des Menschen Liebe in der Seele erfaßt. Aber indem wir sie tief im Inneren als Geist erfassen, wird uns klar, daß wir dieses Selbst in der ganzen übrigen Welt finden, daß wir verbunden sind mit der ganzen übrigen Welt und daß, wie wir aus dem Physischen geboren sind, es ebenso wahr ist, daß wir als Geist stündlich aus dem geistigen Universum, der geistig-göttlichen Welt heraus geboren werden. Suchen wir daher unser höheres Selbst, das wie ein Funke in uns vorhanden ist, dann werden wir das Geistige in der ganzen Umwelt sehen. Das ist die große Weisheitserkenntnis, welche die Vedantaphilosophie zusammengefaßt hat in dem Spruch: Tat tvam asi — Das bist du. - Wenn der Mensch seines Geistes sich bewußt ist und seine Entwickelung beginnt im Hinausschreiten in die Welt, dann erweitert sich sein Selbst zu dem Geiste des Universums, zu einem Geistselbst-Dasein, und wir sind dann unserer ureigenen Wesenheit nach überall. Dann wird für uns das, was bloßes Begreifen war, seelisch verwandter Inhalt, und das ist wirkliche Erhebung der Seele zum Geist, Erhebung in wirkliches geistiges Leben.“[6]
„Zuerst hatte der Mensch in sich die Wut des Löwen und die List des Fuchses. Die Wut wurde von ihm dann sozusagen im Löwen fixiert und die List im Fuchse. So ist also das warmblütige Tierreich ein Bilderbogen von Kamaeigenschaften. Heute ist vielfach die Ansicht verbreitet, daß das «Tat tvam asi», das «Das bist du», als etwas unbestimmt Allgemeines aufzufassen sei, aber man muß sich etwas Bestimmtes darunter denken. Zum Beispiel beim Löwen muß der Mensch sich sagen: Das bist du! – So haben wir im warmblütigen Tierreich den kamarupischen Menschen vor uns ausgebreitet. Vorher bestand nur der reine Mensch: Adam Kadmon.“[7]

Swami Sivananda benutzt in seinen Ausführungen zu Tat tvam asi das Wort „Kutastha“, welches das Ewige und Unveränderliche im Menschen bezeichnet. Die Transkription mit diakritischen Zeichen (IAST) lautet kūṭastha, deutsch „die höchste Seele“ oder „unveränderlich“.[8] Kutastha bezeichnet ein unbewegliches, ewiges und unveränderliches Prinzip des Menschseins:

„In dem vedischen Satz «Das bist Du» bzw. «Du bist Das» ist die direkte Bedeutung des Wortes «Das» die Maya, in der sich Brahman spiegelt, einschließlich des reinen Brahmans, der die Basis von Maya ist. Die direkte Bedeutung des Wortes «Du» ist Avidya, einschließlich des Selbst, das sich in ihr spiegelt, sowie Kutashtha, der Basis von Avidya. Die wahre Bedeutung, auf die das Wort «Das» hinweist, ist reines Brahman. Die wahre Bedeutung, auf die das Wort «Du» hinweist, ist Kutashtha. Die widersprüchlichen Eigenschaften von Maya und Avidya müssen bei Seite gelassen werden, und Kutashtha, dessen wahre Natur Sein, Wissen und Glückseligkeit (Satchidananda) ist, muss sich mit dem reinen Brahman identifizieren, dessen Natur auch Sein, Wissen und Glückseligkeit ist. Derjenige, der die Einheit mittels direkter, intuitiver Wahrnehmung verwirklicht, erlangt Moksha (Befreiung). Er ist ein Jivanmukta. Dies ist die ausdrückliche und einstimmige Aussage der Upanishaden.“[9]

Heinz Grill schreibt über Tat Tvam Asi anlässlich eines Vergleichs zwischen einem kosmozentrischen und einem anthropozentrischen Menschenbild:

„In den vedischen Schriften existiert das Mantra tat tvam asi und dieses will dem Menschen verdeutlichen, dass er, so wie er mit seinem physischen Leib auf der Erde steht, nicht der Wirklichkeit entspricht. Tat tvam asi, die mystisch-mantrische Formel, besagt in der Übersetzung: „Das bist du”. Aber der Hinweis „das bist du” sieht von dem irdischen Menschen ab und deutet hinauf zu den Sternen, zu dem Kosmos und sagt nun dem Menschen im Erdendasein, dass die Kräfte, die Impulse, die nun im Kosmos leben, sein wahres Selbst, seine wahre Wirklichkeit sind. Diese aus den Veden, dem älteren und umfassenden Schriftwerk des Hinduismus, geprägte kosmozentrische Anthropologie ist tatsächlich in Indien wie auch in östlichen Ländern noch mehr enthalten als beispielsweise im Okzident.“[10]

Intern: Weitere Quellen für die Ausarbeitung

Literatur

  • Paul Deussen: Sechzig Upanishad's des Veda. F. A. Brockhaus, Leipzig 1897
  • Rudolf Steiner: Die Welträtsel und die Anthroposophie. GA 54. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1983. ISBN 3-7274-0540-6
  • Rudolf Steiner: Kosmogonie. GA 94. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 2001, ISBN 3-7274-0940-1

Siehe auch

  • ...

Weblinks

Anmerkung

  1. „In den vedischen Texten wird tat häufig benutzt, um auf das unausprechliche Seinsprinzip, das unergründliche Geheimnis des unendlichen Absoluten hinzuweisen. Es ist die wortlose Geste, die auf das Unbeschreibliche, das Namenlose zeigt und das Bewußtsein zu dieser Realität erhebt. Wenn Meister ihre Schüler in die letzten Erkenntnisse des Vedānta einweihen wollen, haben sie ihnen gesagt: „tat tvam asi“ („Das bist du“); d. h. das, was dieser unaussprechliche Urgrund allen Seins (brahman) ist, das ist deine wahre Natur, das ist identisch mit deinem Selbst (ātman).“
    Martin Mittwede: Spirituelles Wörterbuch Sanskrit/Deutsch. Überarbeitete und erweiterte Fassung. Verlag Sathya Sai Vereinigung, Bonn 1992, S. 233.
    ISBN der früheren Ausgabe 3-924739-56-0.

Einzelnachweise

  1. Suchergebnisse für तट्. In: learnsanskrit.cc. Abgerufen am 13. September 2025 (englisch).
  2. Suchergebnisse für त्वम्. In: learnsanskrit.cc. Abgerufen am 13. September 2025 (englisch).
  3. Suchergebnisse für „asi“. In: sanskritdictionary.org. Abgerufen am 13. September 2025 (englisch).
  4. Paul Deussen: Chândogya-Upanishad. Sechster Prapâthaka „tat tvam asi“ – „das bist du“. In: 12koerbe.de. Abgerufen am 10. September 2025.
  5. Lambert Schmithausen: Tat tvam asi. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Abgerufen am 13. September 2025.
  6. Rudolf Steiner: Die Welträtsel und die Anthroposophie. GA 54. 2. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1983, ISBN 3-7274-0540-6, S. 76–77. (Online)
  7. Rudolf Steiner: Grundelemente der Esoterik. GA 93a. 3. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1987, ISBN 3-7274-0935-5, S. 53. (Online)
  8. Suchergebnisse für kUTastha. In: learnsanskrit.cc. Abgerufen am 13. September 2025 (englisch).
  9. Swami Sivananda: Jnana Yoga. Divine Life Society, 2007, S. 26–30. (Online englisch und deutsch)
  10. Heinz Grill: Kosmos und Mensch. 4., vollkommen neu überarbeitete und erweiterte Auflage. Stephan Wunderlich Verlag, 2015, ISBN 978-3-9815855-6-8, S. 12.
Dieser Artikel basiert teilweise auf dem Artikel Tat Tvam Asi in AnthroWiki und steht dort unter der Lizenz Creative-Commons Namensnennung-ShareAlike 4.0 International. In AnthroWiki ist eine Liste der Autoren einsehbar.


zurück nach oben