Übersäuerung des Bindegewebes

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Eine Studentin testet eine Grundwasser­probe auf Säurebelastung

Die Übersäuerung des Bindegewebes wird auch als Gewebsazidose bezeichnet. Azidose, auch Acidose (von lateinisch acidus „sauer“) heißt „Übersäuerung“.

Das flüssig fasrige Bindegewebe umhüllt und verbindet im ganzen Körper alle Organe und verfeinert sich bis an die Berührung der einzelnen Zellen. Es ist der Vermittler zwischen dem Blut und den Zellen. Eine Überlastung des Blutes von Säuren betrifft dieses Grundbindegewebe als erstes. Wenn dann die Regulation des Säure-Basen-Gleichgewichts ungenügend erfolgt, tritt eine Übersäuerung des Bindegewebes oder Teilbereichen davon ein.

Im Bereich der Schulmedizin ist das Krankheitsbild der Azidose streng an die Abweichung des pH-Werts des Blutes gekoppelt und das Krankheitsbild einer Gewebsazidose wird überwiegend nicht anerkannt. Im Bereich der Naturheilkunde, der biologischen, komplementären oder alternativen Medizin wird unter Übersäuerung oder latenter Übersäuerung eine Störung benannt, bei welcher der pH-Wert des Blutes im Normbereich liegt, aber das Bindegewebe übersäuert und die Mineralpufferreserve angegriffen ist.

Der pH-Wert ist die Maßeinheit für den Säure- und Basengehalt im menschlichen Körper.[1] Im Körper bestehen in den verschiedenen Organen unterschiedliche pH-Bereiche. Am strengsten wird das Blut in einem leicht basischen Bereich gehalten.

Aus geisteswissenschaftlicher Forschung drücken sich in Säuren und Basen weiterreichende Prozesse des Menschseins aus. Die innerleiblichen Säure-Basen-Differenzen müssen ausgeglichen und die über die Außenwelt hereinkommenden Säuren und Basen, z. B. der Nahrung, bewältigt werden. Dies geschieht über eine weise abgestimmte Regulation durch das Blut, die Lunge, die Nieren und die Knochen. Säuren entstehen im Körper bei Belastungen und vielfach über die Verdauung.

Die Milieustörung durch Säureüberlastung im Bindegewebe kann Auswirkungen auf unterschiedliche Bereiche haben. Die Symptome zeigen sich auch im psychischen Bereich. Eine spezielle Diagnostik ist entwickelt worden.

Die Ernährung ist ein wesentlicher Ansatzpunkt der Behandlung. Aus geisteswissenschaftlicher Sicht ist es ausschlaggebend, in welchem Verhältnis das Bewusstsein zur Ernährung steht und diese günstig gestalten kann.

Grundlegendes zum Säure-Basen-Haushalt des Menschen

Eine Aufnahme der Sonne mit Wasserstofffilter. Wasserstoff ist mit 98 % der Hauptbestandteil der Sonne, beim Menschen macht er 10 % seines Gewichts aus.

pH-Wert und Wasserstoff

Der Säure- und Basengehalt in den Körperflüssigkeiten wird mit der Messeinheit pH angegeben, dem negativen dekadischen Logarithmus der Wasserstoffionen-Konzentration. pH kommt von potentia Hydrogenii, der „Wirkungskraft des Wasserstoffs“.

Eine Substanz, die Wasserstoff (chemisches Zeichen: H) abgibt, wird als Säure bezeichnet, diejenige die H aufnimmt, als Base. Der Wasserstoff, genauer das Hyon H plus (H+), ist ein sehr reaktionsfreudiges Element.

Auf der pH-Skala bedeutet ein Wert von 7 Neutralität, über 7 ist basisch oder alkalisch und unter 7 ist sauer.[2]

Säure-Basen-Verhältnisse im menschlichen Körper

pH-Wert einiger Körperflüssigkeiten
(nach Angaben in Onmeda)[2]
Substanz pH-Wert Art
Magensäure 1 – 4 sauer
Vagina 4 – 5
Urin 4,5 – 7,9 sauer bis alkalisch
Schweiß 4,5 sauer
Haut 5,2 – 5,8
Speichel 5,5 – 7,8 sauer bis alkalisch
Galle 6,5 – 8,2
Stuhl 7 neutral
Fruchtwasser 7 – 7,5 neutral bis alkalisch
Zervixschleim 7 – 8,5
Sperma 7,2 – 8 alkalisch
Blut 7,36 – 7,44
Pankreassekret 7,5 – 8,8
Dünndarm > 8
Anmerkung

farbig hinterlegt
Farben des Universalindikators

Das Blut wird sehr streng in einem eng begrenzten pH-Bereich gehalten. Dieser ist nicht neutral, sondern leicht alkalisch innerhalb eines pH-Wertes von 7,36–7,44.[2] Ein Abweichen würde zu folgenschweren Struktur- und Funktionsveränderungen des Eiweißes führen, mit welchem der Wasserstoff leicht reagiert.

Nicht jede einzelne Körperzelle wird von einem eigenen Blutgefäß ver- und entsorgt. Diese Verbindung geschieht über das Bindegewebe, in dem sich Blut und auch die Lymphe mit ihren Endstromgebieten bis hin zu den Zellen verströmen – und umgekehrt. Das Bindegewebe, in diesem Zusammenhang auch Matrix oder Grundgewebe genannt, wirkt mit den darin enthaltenen Nerven wie ein Kommunikationssystem, das die Verbindung übernimmt sowie als Austausch­medium und Filter wirkt.

Die Lymphe liegt wie das Blut im pH-Bereich um 7,4.[3] Die Zelle selber tendiert zum neutral-sauren Bereich mit einem pH-Wert von 6,8.[4] Das Bindegewebe liegt in einem Bereich zwischen 7,1 und 7,25.[5]

Die verschiedenen Organe des Körpers arbeiten in unterschiedlichen pH-Milieus. Ihr pH-Bereich ist oft breiter eingestellt als beim Blut, je nach Funktion und Einfluss. Beispielsweise schwankt der pH-Wert bei der eher alkalisch eingestellten Galle oder der eher sauer eingestellten Blase gemäß dem Prozess der Verdauungsstoff­wechselleistung, die gerade erbracht wird.[6]

Der saure pH-Wert der Haut im Bereich 5,2–5,8 und dem Mittelwert 5,5 bewirkt einen „Säureschutzmantel“. Ausnahmen sind z. B. die Achseln (pH 7,1), die Fußsohlen (pH 7,0) und der Hautbereich um den After herum (pH 6,5).

Der Schweiß mit seinem Wert 4,5 bietet einen Infektionsschutz durch die saure antibakterielle Wirkung.[2]

Die Angaben zu den pH-Werten weisen je nach Quelle unterschiedliche Werte auf. So wird der pH-Wert des Speichels in einer Quelle mit 5,5–7,8[2] angegeben. Bei einer anderer Quelle sind die diesbezüglichen Angaben 6,2–6,8.[6]

Geisteswissenschaftliche Aspekte des Säure-Basen-Wirkens im Menschen

Der anthroposophische Arzt Dr. Otto Wolff beschreibt in seinem Buch Grundlagen einer geisteswissenschaftlich erweiterten Biochemie die Wirkungen von Laugen und Säuren in ihrer Polarität und stellt daraus Bezüge zu dem Ätherleib oder Bildekräfteleib und dem Astralleib, vereinfacht dem Bewusstsein des Menschen, her:

„Die Extreme von Lauge oder Säure sind – wie alle Extreme – lebensfeindlich. Aufschlussreich ist in diesem Sinne ihr Verhalten gegenüber gesundem Gewebe: Eine starke Lauge bewirkt eine Kolliquationsnekrose, eine Säure aber eine Koagulationsnekrose. Das besagt, dass die Lauge das geformte Gewebe quellen lässt, auflöst, verflüssigt, während die Säure das Eiweiß verfestigt, denaturiert, koaguliert: Eigenschaften wie sie grundsätzlich für den aufbauenden Ätherleib und den abbauenden Astralleib nötig sind, deren Wirken man in der Substanz somit erkennen kann. Im übrigen zeigt sich die Polarisierung bereits am Geschmack: Alkalisches schmeckt dumpf, fade, langweilig, während Saures anregend und attraktiv schmeckt und wirkt.“[7]

Rudolf Steiner, Begründer der Anthroposophie, drückt in einem Vortrag vor Medizinern über Säure-Base und Möglichkeiten der Therapie aus, dass das Basische jene Wirkungen des Menschen unterstützt die von „vorne nach rückwärts“ und das Saure jene, die von „rückwärts nach vorne verlaufen“. Das Salzige hingegen wirkt von „oben nach unten“:

„Da wird man finden, daß alles Basische eine Tendenz hat, zu unterstützen jene Wirkungen des Menschen, welche beginnen, sagen wir, im Munde und in der Verdauung sich fortsetzen, von vorn nach rückwärts; ebenso haben alle anderen Prozesse damit zu tun, welche von vorn nach rückwärts verlaufen. Basen haben mit dieser Richtung von vorn nach rückwärts etwas zu tun, Säuren mit der umgekehrten. Nur dann, wenn man den Gegensatz des Vorne-Menschen und des rückwärtigen Menschen ins Auge faßt, kommt man eigentlich auf den Gegensatz zwischen dem Basischen und dem Säurehaften. Dazu verhält sich das Salzhafte als zur Erde sich hin richtend, senkrecht stehend auf den beiden. Alle diejenigen Wirkungen, die von oben nach unten verlaufen, sind dasjenige, in das sich das Salzige hineinwirft. […] Da haben Sie auch die ganze Verwandtschaft des Salzigen mit der Erde gegeben, und da haben Sie das Ganze gegeben, was das Basische und das Säurehafte hat, das man etwa so schematisch zeichnen könnte: wenn hier Erde ist, hat das Salzige die Tendenz zur Erde hin und das Basische und das Säurehafte die Tendenz, im Kreise um die Erde herumzulaufen. Und damit hängt es wieder zusammen, daß einfach dadurch, daß man in gewisser Weise mit den im Organismus gegebenen Richtungen des Funktionierens sich bekannt macht, man auch wiederum eingreifen kann in diese Richtungen des Funktionierens.“[8]

Ausgleichsregulation und Säurequellen

Das Säure-Basen-Verhältnis, welches in der von außen aufgenommenen Nahrung besteht, impulsiert sofort Ausgleichsprozesse in und mit dem innerleiblichen Säure-Basen-Milieu.

Balanciert oder reguliert wird der Säure-Basen-Haushalt maßgeblich durch

  1. das Blut – über Bindung an Puffer wie das COA2/COA3-System, das Hämoglobin oder an Mineralien. Dies wirkt sofort, unmittelbar.
  2. die Lunge – durch Abatmung von Kohlendioxid. Diese Wirkung tritt innerhalb von Minuten bis Stunden ein.
  3. die Nieren – einmal durch Ausscheidung von Wasser mit schnellem Wirkungseintritt und zum anderen durch Ausscheidung von Bicarbonat oder dessen Wiederaufnahme, letzteres ist mit Ausscheidung von Wasserstoff gekoppelt. Diese Regulation benötigt Stunden bis Tage.[9]
  4. die Knochen - als Mineralspeicher

Der körpereigene Energiestoffwechsel von Kohlenhydraten, Fetten und Aminosäuren ist die Hauptquelle für Säuren. Ein grundlegendes, hier vereinfachtes Beispiel für die wechselseitigen Prozessabläufe, die in der pH-Ausgleichsregulation stattfinden:

Im Abbau von Kohlenhydraten und Fetten entsteht Kohlendioxid, das sich im Blut mit Wasser zu Kohlensäure verbindet. Diese trennt sich in Wasserstoff und Bicarbonat. Der Wasserstoff bindet sich an das Hämoglobin, den roten Blutfarbstoff, gelangt in die Lunge, wo in einer Umkehrreaktion schlussendlich Kohlendioxid und Wasser entsteht. Das Kohlendioxid wird abgeatmet. Das Wasser wird über die Niere ausgeschieden:

HA+ + HCOA3A      ⇔     HA2COA3     ⇔     COA2+HA2O
Wasserstoff plus Bicarbonat   ⇔   Kohlensäure   ⇔   Kohlendioxid plus Wasser

und umgekehrt in wechselseitiger Balance.[9]

Dieses System des Zusammenwirkens aus HCOA3A und COA2 ist der wichtigste chemische Puffer im Blut. Danach folgt das Hämoglobin der roten Blutkörperchen und dann andere Phosphate und Proteine sowie ein Austausch durch Mineralien.

Bei Säureüberlastung werden die Mineralien des Knochen zu einem wichtigen Puffer. Knochen setzen im Austausch für HA+ zunächst Natriumhydrogenkarbonat und Kaliumbikarbonat frei. Besteht die Übersäuerung länger, setzen sie dann Kalziumkarbonat und -phosphat frei. Eine anhaltende Übersäuerung kann daher zu Demineralisation und Osteoporose beitragen.[9]

Ein Phänomen von subtilen Wirkungen im Säure-Basen-Geschehen zeigt sich unter dem Mikroskop: Bei Einfluss von Bicarbonat kommt es zu einer kurzfristigen Überdehnung der Zelle. (Quelle Video: Wikimedia Commons)

Weitere Säurequellen sind:

  • Gerbsäure und Essigsäure aus Süßwaren und Alkohol[10]
  • Übermäßige Produktion von Salzsäure im Magen. z. B. wegen Stress, Wut oder Ärger[10]

Die folgenden Arten der Säurebelastung können nicht abgeatmet werden und werden durch die Nieren ausgeschieden:

  • Schwefelsäure aus schwefelhaltigen Aminosäuren[9]
  • Milchsäure und Ketosäuren bei starker anaerober Muskelaktivität[9]
  • Abbau von Phosphat aus der Nahrung[9]

Pathologie

Örtlich spielt sich die latente Übersäuerung im Bindegewebe ab. Dort ist das Austauschmilieu zwischen den Zellen, dem Blut, der Lymphe, den Nerven, den Immunzellen und somit dem Gesamtorganismus. Dieses Phänomen geriet im letzten Jahrhundert zunehmend in den Fokus der Erforschung und wird als Grundgewebe oder Matrix bezeichnet. Zum Beispiel erforschte und erarbeitete Prof. Dr. Hartmut Heine (1941–2014) neben Dr. Alfred Pischinger und Ernst P. Hauss das System der Grundregulation. Sie entdeckten die Gewebsazidose als eine wesentlich dort wurzelnde Störung, die sie dann lebenslang weiter erforschten mit folgenden Ergebnissen:

Bei erhöhter oder länger anhaltender Säureanflutung im Blut kann diese nicht schnell genug abgepuffert werden und wird zur Aufrechterhaltung des Blut-pH-Werts in die Matrix des Bindegewebes eingeschleust. Dort reagieren die Säuren mit Mineralien sowie Eiweißen und lagern sich ab, bis sie durch die zunehmende Alkalisierung unter Mineralverbrauch des Blutes wieder ausgewaschen, neutralisiert werden. Wenn dies aber sehr oft oder sehr lange geschieht, verschlackt und versauert das Bindegewebe immer mehr.

In der Folge stagniert die Zirkulation. Daraufhin werden die Zellen weniger versorgt und auch der Abtransport von Blutgasen und Stoffwechselprodukten vermindert sich. Als Reaktion treten immunologische, entzündliche Prozesse auf, die eine Reizkarzinogenese, also Bedingungen für Krebsentstehung fördern. Nerven reagieren im sauren Milieu verstärkt mit Schmerzreizen. Die Veränderungen der elastischen und kollagenen Fasern durch Säure, z. B. Aufquellen oder Verfestigung, machen Gewebe verletzbarer, dichter und mürber. Bei langer Säurebelastung mit verstärktem Mineralpufferbedarf kommt es zur Demineralisation von Knochen, was wiederum die Krankheit der Osteoporose begünstigt.[10][11]

Ursachen oder Verstärker einer Übersäuerung

Die Ursachen einer Übersäuerung liegen nicht nur in der Ernährung und können sich gegenseitig beeinflussen oder verstärken.

Endogene Ursachen (von innen kommend)

  • gestörte Darmfunktion und/oder Darmflora (Säure durch Gärung oder Fäulnis)[11]
  • Störungen der Nieren, z. B. durch altersbedingte Nierenfunktionseinschränkung[12]
  • Störung des Atemverhaltens (zu flacher oder gepresster Atem) oder Störungen der Lunge[13]
  • Unterfunktion der Belegzellen des Magens mit der Folge, dass sich die regelmäßig zur Entlastung stattfindenden Basenfluten verringern[6]

Exogene Ursachen (von außen kommend)

  • Bei einem Übermaß an Zufuhr säurebildender Nahrung (Fleisch, Fisch, Wurst, Softgetränke, Zusatz- und Konservierungsstoffe, Zucker, Kaffee, Schwarztee) werden durch Bildung von Phosphaten und Sulfaten Alkalien entzogen[12]
  • Zu wenig Mineralien (Vollkornprodukte, Gemüse, Obst, Nüsse usw.)[12]
  • Zu wenig Flüssigkeit, das bedeutet weniger Ausscheidung über die Niere und weniger Schwitzen[11]
  • Nikotin, Alkohol[13]

Andere Faktoren

  • Stress[11]
  • Fasten, Hunger[6]
  • Entzündungsprozesse[11]
  • Fieber[6]
  • Schwere körperliche Belastung[6]
  • Bestimmte Medikamente[11]
  • Fehlende körperliche Bewegung (weniger Abatmen von Säuren, weniger Schwitzen)[11]

Symptome

Auf der psychischen Ebene zeigt sich im Gemüt oft eine überempfindliche, unleidige Reizbarkeit – man wird leicht „sauer“ – und auch eine erschöpfte, dumpfe Übermüdung.[12]

Die Symptome sind körperlich gesehen eher unscharf und nicht so spezifisch benennbar, wie z. B. Kopfschmerzen. Eine Schmerzhaftigkeit des Gewebes oder eine Verdichtung mit Elastizitätsverlust kann ein Hinweis sein. Ebenso Veränderungen der Nägel mit Brüchigkeit oder stumpfes und sprödes Haar. Auch Hautunreinheiten, Zungenbeläge, Mundgeruch, Magen-Darm-Reizungen und Stuhlunregelmäßigkeiten sind zu nennen. Eine Verschlimmerung schon bestehender Beschwerden am Bewegungsapparat, den Gelenken, der Wirbelsäule sowie Rheuma oder Migräne können Zeichen sein.

Langfristig gesehen gibt es Zusammenhänge mit degenerativen Erkrankungen wie KHK, Bluthochdruck oder Osteoporose mit Knochenbrüchen.[12]

Diagnostik der Gewebsazidose

Im Urin

pH-Profil des Urins

3- bis 5-mal am Tag über 3 Tage wird der pH-Wert des Urins gemessen. Nur ein Mehrtagesprofil des Urins ist aussagekräftig zur Beurteilung der Säureausscheidung der Nieren bzw. des „dahinter“ liegenden Bindegewebes. Normal ist ein Morgentief des pH-Wertes (etwa 5) – die Folge der nächtlichen parasympathischen Säureausscheidung –, nach dem Frühstück eine Basenausschüttung mit einem pH-Anstieg auf 6–7 und nach dem Mittagessen eine noch stärkere Reaktion mit einem pH-Wert bis über 7. Spätabends ist der Urin basisch. Pathologisch ist eine Regulationsstarre (pH-Wert gleichbleibend bei 5).[10]

Provokationstest

Morgens werden auf nüchternen Magen 5 Basentabletten oder 2 Teelöffel Basenpulver mit 2 Gläsern Wasser eingenommen. Eine pH-Wert-Messung im Urin findet nach 1–2 Stunden statt. Wenn der pH-Wert von 5 nur unwesentlich verändert ist, kann von einem erheblichen Basenmangel ausgegangen werden.[10]

Urintitration nach Sander

Es wird eine Titration gebundener saurer bzw. basischer Anteile im Urin durchgeführt und der mittlere Aziditätsquotient, einer Messzahl für die Säurebelastung des Körpers, errechnet.[10]

Bestimmung des Intrazellulärpuffers im Blut

Der Intrazellulärpuffer errechnet sich aus der Differenz der Pufferkapazität des Vollblutes (Norm 47–56 mmol/l) abzüglich der Pufferkapazität des Plasma (Norm 27-36 mmol/l) . Plasma wird die Blutflüssigkeit ohne Zellen, d. h. auch ohne gepuffertes Hämoglobin, genannt. Vollblut und Plasma werden mit Salzsäure schrittweise titriert und das Gesamtergebnis subtrahiert. Es ergibt sich so eine Aussage über den Intrazellulärpuffer. Dieser lässt einen Rückschluss auf den Säurezustand des Gewebes zu. Der Normalwert ist > 20 mmol/l.[14]

Therapie

Die Zitronensäure ( Ascorbinsäure, Vitamin C) ist vom Geschmackserleben sauer, verstoffwechselt wird sie aber basisch
Zitronensäure (Ascorbinsäure, Vitamin C) ist sauer im Geschmackserleben, wird aber basisch verstoffwechselt.

Am einfachsten und effektivsten ist die Ernährungsumstellung auf verstärkte Anteile von Gemüse, Kräuter und Obst sowie Nüsse und Saaten. Diese sind alle reich an Mineralien wie Kalium, Magnesium und Calcium und wirken so im Stoffwechsel basenbildend. Eine Überdosierung kann nicht stattfinden. Daneben sollten Säurebildner wie Fleisch, Wurst, Fisch, Eier, Käse, Zucker, Fertigprodukte, Softgetränke, Kaffee und Alkohol reduziert werden. Milchsauer vergorene Lebensmittel sowie Backferment- statt Hefebackwaren, die den Darm ansäuern, sind ebenfalls zu empfehlen. Ist das Darmmilieu leicht säuerlich, haben es krankmachende Bakterien und Pilze schwerer, sich im Darm anzusiedeln. Reines Wasser und Kräutertees wirken verdünnend und ausschwemmend.[12]

Bei ausgeprägten Befunden können auch vorübergehend Minerale substituiert werden. Während in der Nahrung die Mineralien Teil eines ganzen, gewachsenen Lebensmittels sind, handelt es sich allerdings bei den zahlreichen Basenmitteln oder Mineralpräparaten um isolierte, extrahierte Stoffe, die auch Nebenwirkungen haben können. Beispielsweise kann Calcium, wenn es der Mensch in zu hohen Dosen zu sich nimmt, Herz und Gefäße belasten.[12]

Körperliche Bewegung, ideal an der frischen Luft, fördert die Atmung, die Zirkulation und die Verdauung. Ein freierer Atem kann herangebildet werden. Schwitzen wirkt entsäuernd und deshalb ist körperliche, kräftige Bewegung ein aktiver, Sauna ein passiver Ansatz.

Ursache und Behandlung aus geistiger Sicht

Der Pizzabäcker fertigte die Pizza nach einer zuvor gebildeten Vorstellung an und hatte während des ganzen Prozesses der Entstehung diejenigen Menschen im Auge, die sie essen werden. Nun liefert er sie selbst aus. Durch seine Beziehungsfähigkeit integriert er sich harmonisch in die Umgebung.

Heinz Grill, spiritueller Lehrer und anthroposophischer Heilpraktiker, bringt das Thema der Übersäuerung mit der Entwicklungsfrage des Menschen in Zusammenhang. Er beschreibt, wie das Bewusstsein bei Belastungen, Stress, Einseitigkeiten, Über- und auch Unterforderung oder Extremen nicht mehr frei in Beziehung ist, sondern bedrängt von Angst, Zwang, Müdigkeit usw. Das Bewusstsein fällt aus seinen Außenbezügen heraus. Dadurch entsteht eine Missstimmung, auch zum Körper. Es zeigt sich eine Störung des Leib-Seele-Verhältnisses, eine Dissoziation. In der Folge oder als Antwort darauf entsteht die Übersäuerung:

„Wichtig aber erscheint es, den Zusammenhang, der nicht nur ein sogenannter psychosomatischer, sondern ein viel größerer, ein wirklicher Leib-Seele-Zusammenhang ist, zu erkennen. […] Die Übersäuerung ist eine Erscheinung, die sehr viele Gesichter besitzt und dennoch in ihrer Bedeutung immer auf den gleichen Zusammenhang stößt und das ist jener, dass das Bewusstsein aus seinem kosmischen Eingebundensein herausfällt, und somit die Beziehungs­verhältnisse zu den Mitmenschen oder auch zu den verschiedenen Objekten der Welt nicht mehr ausreichend geordnet und natürlich stattfinden können.“[15]

Weiter führt er aus, dass der Mensch lernen kann, unabhängig von den Bedrängnissen der Ereignisse das Bewusstsein nach außen zu lenken. Dieser Krafteinsatz fördert auch die Verdauungskraft.

„Damit Getreide verdaut und wirklich harmonisch verwertet werden kann und die Eiweiße, Fette, Kohlenhydrate, Mineralien und Spurenelemente zu einer geeigneten gesunden Aufbauleistung im Organismus beitragen, ist gleichzeitig die Aktivität in einem Ich-geführten Bewusstsein oder in einem bewussten Hinwenden zu größeren philosophischen und geistigen Fragen im Leben notwendig.“[16]

Im ausdauernden eigenständigen Herstellen einer guten Balance, die sowohl Unterforderung als auch Überforderung vermeidet, sieht Heinz Grill eine entwicklungsförderliche und somit therapeutische Option bei Übersäuerung. Ein bewusster Sinnesprozess schafft einen Berührungspunkt zwischen Außen und Innen und fördert die aktive Beziehungsaufnahme, z. B. zu den Nahrungsmitteln:

„Auch mit der Ernährung nimmt der Mensch an der Außenwelt teil. Über die Sinne wird ihm dieser Prozess bewusst, wenn er z.B. die Nahrung schmeckt, sie riecht und die Farben und Formen wahrnimmt. Diese bewusste Sinneswahr­nehmung ist wie der Kreuzpunkt der Lemniskate, der zwischen der Außen- und Innenwelt liegt. In der lebendigen Auseinandersetzung mit den Nahrungsmitteln bewegt sich der Mensch in einem rhythmischen Wechselspiel zwischen Außen und Innen. Er nimmt nicht nur physische Nahrung in sich hinein, sondern „beseelt“ den Prozess durch sein aktives Sinnesleben wie in einem Kreuz- oder Berührungspunkt. Der Sinnesprozess ist immer wie ein feinster Berührungspunkt.“[17]

Literatur

  • Michael Worlitschek: Praxis des Säure-Basen-Haushalts. Karl F. Haug Verlag, 2008, ISBN 978-3-8304-7217-9.
  • Hartmut Heine: Lehrbuch der biologischen Medizin. Karl F. Haug Verlag, 2014, ISBN 978-3-8304-75446.
  • Alfred Pischinger, Hartmut Heine: Das System der Grundregulation. 13. Auflage. Thieme Verlag, ISBN 978-3-13-244338-9.
  • Heinz Grill: Ernährung und die gebende Kraft des Menschen. 9. Auflage. Stephan Wunderlich Verlag, Sigmaringen 2015, ISBN 978-3-9815855-2-0.
  • Hans Konrad Biesalski, Stephan C. Bischoff, Christoph Puchstein (alle Herausgeber): Ernährungsmedizin. 4. Auflage. Georg Thieme Verlag, 2010, ISBN 978-3131002945.

Siehe auch

Weblinks

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Einzelnachweise

  1. Bedeutung von pH. In: etymonline.com. Abgerufen am 14. September 2025.
  2. 2,0 2,1 2,2 2,3 2,4 pH-Werte: Bedeutung für den Körper und Tabelle. In: Onmeda. Abgerufen am 26. September 2025.
  3. Lymphe. In: Springer Medizin. Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik. Abgerufen am 26. September 2025.
  4. Säure, Basen, pH-Wert und Puffer. In: khanacademy.org. Abgerufen am 26. September 2025.
  5. Der pH-Wert (Wasserstoffionenkonzentration) – Erklärung und Beispiele. In: ib-rauch.de. Abgerufen am 14. September 2025.
  6. 6,0 6,1 6,2 6,3 6,4 6,5 Michael Worlitschek: Praxis des Säure-Basen-Haushalts. Leseausschnitt (PDF). In: narayana-verlag.de. Abgerufen am 14. September 2025.
  7. Otto Wolff: Grundlagen einer geisteswissenschaftlich erweiterten Biochemie. 1. Auflage. Verlag Freies Geistesleben, 1998, ISBN 377251734X, S. 65.
  8. Rudolf Steiner: Geisteswissenschaft und Medizin. GA 312. 7. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1999, ISBN 3-7274-3120-2, S. 244–245. (Online)
  9. 9,0 9,1 9,2 9,3 9,4 9,5 Säure-Basen-Regulation. In: MSD Manual. Abgerufen am 14. September 2025.
  10. 10,0 10,1 10,2 10,3 10,4 10,5 Dr. Michael Worlitschek: Die Bedeutung des Säure-Basen-Haushalts in der komplementären Schmerztherapie. In: Die Naturheilkunde. Sonderdruck aus Ausgabe 3/2012. Abgerufen am 15. September 2025.
  11. 11,0 11,1 11,2 11,3 11,4 11,5 11,6 Übersäuerung des Magens: Ursachen & Hilfe. In: gesundheit.de. Abgerufen am 15. September 2025.
  12. 12,0 12,1 12,2 12,3 12,4 12,5 12,6 Übersäuerung – Mythos oder echtes Problem? In: Netzwerk Frauengesundheit. Abgerufen am 15. September 2025.
  13. 13,0 13,1 Säure-Basen-Fakten-Check: Rauchen. In: Säure-Basen-Ratgeber. Abgerufen am 18. September 2025.
  14. Dr. Michael Worlitschek: Säure-Basen-Haushalt und Tumorgeschehen – Eine praxisorientierte Betrachtung. In: eurumed.de. Abgerufen am 18. September 2025.
  15. Heinz Grill: Ernährung und die gebende Kraft des Menschen. Die geistige Bedeutung der Nahrung. 9. Auflage. Stephan Wunderlich Verlag, Sigmaringen 2015, ISBN 978-3-9815855-2-0, S. 172.
  16. Grill: Ernährung und die gebende Kraft des Menschen. S. 174.
  17. Grill: Ernährung und die gebende Kraft des Menschen. S. 175.


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