Benutzer:Lunita/Angst: Unterschied zwischen den Versionen
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Das Thema der Angst wird erst wieder von Böhme und [[w: F. W. J. Schelling|F. W. J. Schelling]] beachtet.<ref> Alois Halder: ''Philosophisches Wörterbuch.'' Herder, Freiburg i. Br. u. a. 2008. ISBN 978-3-4510-5967-4. ''Angst.''</ref> | Das Thema der Angst wird erst wieder von Böhme und [[w: F. W. J. Schelling|F. W. J. Schelling]] beachtet.<ref name=":12"> Alois Halder: ''Philosophisches Wörterbuch.'' Herder, Freiburg i. Br. u. a. 2008. ISBN 978-3-4510-5967-4. ''Angst.''</ref> | ||
Nach [[Jakob Böhme]] „urständet sich ein jedes Leben in der Angst“<ref>Böhme: ''Von der Menschwerdung Jesu Christi II.'' 4, § 1, zitiert nach Regenbogen/Meyer (Hrsg.): ''Wörterbuch der philosophischen Begriffe.'' Meiner, Hamburg 2005, ISBN 978-3-7873-1761-5. ''Angst.'' </ref> und ist kein Leben ohne Angst. | Nach [[Jakob Böhme]] „urständet sich ein jedes Leben in der Angst“<ref>Böhme: ''Von der Menschwerdung Jesu Christi II.'' 4, § 1, zitiert nach Regenbogen/Meyer (Hrsg.): ''Wörterbuch der philosophischen Begriffe.'' Meiner, Hamburg 2005, ISBN 978-3-7873-1761-5. ''Angst.'' </ref> und ist kein Leben ohne Angst. | ||
Nach [[a: Georg Wilhelm Friedrich Hegel|Georg Wilhelm Friedrich Hegel]] gehört Angst zum notwendigen Übergang auf dem Weg des Bewusstseins zum Selbstbewusstsein. Die Überwindung der Angst werde durch Arbeit vollzogen.<ref>Anton Hügli, Poul Lübcke (Hrsg.): ''Philosophielexikon.'' 6. Auflage. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2013, ISBN 978-3-499-55689-0. ''Angst.''</ref> | Nach [[a: Georg Wilhelm Friedrich Hegel|Georg Wilhelm Friedrich Hegel]] gehört Angst zum notwendigen Übergang auf dem Weg des Bewusstseins zum Selbstbewusstsein. Die Überwindung der Angst werde durch Arbeit vollzogen.<ref>Anton Hügli, Poul Lübcke (Hrsg.): ''Philosophielexikon.'' 6. Auflage. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2013, ISBN 978-3-499-55689-0. ''Angst.''</ref> | ||
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In der Vorlesung [[w: Was ist Metaphysik?|Was ist Metaphysik?]] (1929) ist das Wovor der Angst nicht das In-der-Welt-sein als solches, sondern die Angst offenbart die Welt als das Seiende als Ganzes und das Nichts als etwas sich von der Welt Abhebendes.<ref>Martin Heidegger: ''Was ist Metaphysik? '' Verlag Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 2006, ISBN 978-3-465-03517-6, S. 28. Vgl. zum Unterschied des Angstverständnisses von ''Sein und Zeit.'' und ''Was ist Metaphysik? '' Romano Pocai: ''Heideggers Theorie der Befindlichkeit: sein Denken zwischen 1927 und 1933.'' Karl Alber Verlag, Freiburg (Breisgau)/ München 1996, ISBN 3-495-47835-3.</ref> Das Nichts ist hier das Unbestimmte schlechthin im Sinne des ganz Anderen als das Seiende. Dabei entschleiert sich in der Erschlossenheit des Nichts das Sein<ref>Martin Heidegger: ''Was ist Metaphysik? '' S. 45.</ref> bzw. das Nichts west als das Sein.<ref>Martin Heidegger: ''Was ist Metaphysik?'' S. 46.</ref> | In der Vorlesung [[w: Was ist Metaphysik?|Was ist Metaphysik?]] (1929) ist das Wovor der Angst nicht das In-der-Welt-sein als solches, sondern die Angst offenbart die Welt als das Seiende als Ganzes und das Nichts als etwas sich von der Welt Abhebendes.<ref>Martin Heidegger: ''Was ist Metaphysik? '' Verlag Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 2006, ISBN 978-3-465-03517-6, S. 28. Vgl. zum Unterschied des Angstverständnisses von ''Sein und Zeit.'' und ''Was ist Metaphysik? '' Romano Pocai: ''Heideggers Theorie der Befindlichkeit: sein Denken zwischen 1927 und 1933.'' Karl Alber Verlag, Freiburg (Breisgau)/ München 1996, ISBN 3-495-47835-3.</ref> Das Nichts ist hier das Unbestimmte schlechthin im Sinne des ganz Anderen als das Seiende. Dabei entschleiert sich in der Erschlossenheit des Nichts das Sein<ref>Martin Heidegger: ''Was ist Metaphysik? '' S. 45.</ref> bzw. das Nichts west als das Sein.<ref>Martin Heidegger: ''Was ist Metaphysik?'' S. 46.</ref> | ||
Für Jaspers folgt die Angst aus einem Scheitern in Grenzsituationen, die durchgestanden „ein unbegreifliches Vertrauen in den Grund aller Dinge“.<ref name=":12"/> bewirke. | |||
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Aktuelle Version vom 10. Mai 2026, 21:08 Uhr
Angst ist ein Grundgefühl, das sich in als bedrohlich empfundenen Situationen in Form einer Besorgnis und unlustbetonten Erregung äußert. Auslöser können dabei erwartete oder unerwartete Bedrohungen, etwa der körperlichen Unversehrtheit, der Selbstachtung oder des Selbstbildes sein. Krankhaft übersteigerte oder nicht rational begründbare Angst wird als Angststörung bezeichnet.
Begriff
Das Wort Angst hat sich seit dem 8. Jahrhundert vom indogermanischen anghu „beengend“ über althochdeutsch angust und mittelhochdeutsch angest entwickelt. Verwandt ist er mit dem lateinischen angustus oder auch angustia für „Enge, Beengung, Bedrängnis“ (siehe auch Angina) und angor „Würgen“.[1] Den Begriff „Angst“ gibt es ebenfalls als sogenannten Wortexport im Englischen, siehe German Angst, was so viel bedeutet wie Existenzangst. Auch spricht man von „angst-ridden“ (von Angst geritten). Vermutlich wurde dieser Ausdruck 1849 von George Eliot eingeführt.[2]
In der Psychologie gilt Angst als emotionaler Zustand, der durch Anspannung, Nervosität und die Furcht vor der Zukunft gekennzeichnet ist. Unterschieden wird zwischen einer objektunbestimmten und einer objektbezogenen Angst (auch Furcht genannt).[3]
Des Weiteren kann man eine situationsbedingt entstehende Angst von der verhältnismäßig stabilen Persönlichkeitseigenschaft Ängstlichkeit unterscheiden. Nach dem Angstmodell von Charles Spielberger werden sie auch als State- und Trait-Angst bezeichnet.[4]
Spektrum der Angst
Angst gilt als Oberbegriff für eine Vielzahl von emotionalen Regungen, welche als Gemeinsamkeit eine Verunsicherung des Gefühlslebens aufweisen. Der Psychoanalytiker Fritz Riemann unterscheidet in seinem bekannten Hauptwerk Grundformen der Angst[5] [6] zwischen dem „depressiven“, dem „schizoiden“, dem „hysterischen“ und dem „zwanghaften“ Persönlichkeitstypus. Damit verbunden beschreibt er die Grundängste „Angst vor Nähe“, „Angst vor Selbstwerdung“, „Angst vor Veränderung“ und „Angst vor Endgültigkeit“. Fritz Riemann sieht diese Tendenzen nicht als grundsätzlich schlecht an, sondern bewertet sie sogar als hilfreich für verschiedene Lebensbedürfnisse. Erst eine einseitige Ausprägung dieser beschriebenen Grundstrukturen führt zu entsprechenden Störungen.[7]
Die verschiedenen Erscheinungsformen der Angst umfassen nach dem von dem Experimentalpsychologen Siegbert A. Warwitz aufgestellten Angst-Spektrum[8] einfache „Unsicherheiten“ (Scheu, Beklommenheit, Zaghaftigkeit…), „Furchtformen“ (Versagensfurcht, Verletzungsfurcht, Berührungsfurcht etc.), „Zwänge“ (Kontrollzwang, Esszwang, Reinigungszwang etc.), „Paniken“ (Angstanfall, Katastrophenlähmung, Schockstarre etc.), „Phobien“ (Klaustrophobie, Akrophobie, Agoraphobie, …) bis zu den „Psychosen“ (Neurotische Ängste, Lebensangst, Verfolgungswahn …).
Im nichtfachlichen Bereich wird Angst auch oftmals mit andersartigen emotionalen Regungen verwechselt oder vermischt, etwa mit Misstrauen, mit Scham oder Sinnzweifeln.[9]
Angst lässt sich nicht grundsätzlich als negative, unangenehme Gefühlsregung festlegen. Abhängig vom Grad der persönlichen Risikoerfahrung und der individuellen Kompetenzeinschätzung, kann Angst auch als stark lustbetonte Erfahrung gesehen und erlebt werden, etwa in Form des sogenannten Thrills. Die Spannungserfahrung von aufregender, riskanter Gefahrensituation und deren Bewältigung führt zum Erleben eines gesteigerten Lebensgefühls. Wendepunkt zwischen Anspannung und Befreiung aus der Angst bildet der sogenannte Kick.[10]
Die beherrschten, d.h. nicht krankhaften Angstformen stellen dabei Steuerungsinstrumente für gefahrenträchtiges Verhalten und ihre Funktion als Warnimpulsgeber dar und bilden somit eine überlebensnotwendige Grundausstattung im Rahmen des angelegten Selbsterhaltungstriebs dar.[11] Eine Sonderform im Angstkomplex ist die sogenannte „Angst vor der Angst“ (Phobophobie, Angstsensitivität), die eine objektlose Angst vor den eigenen Angstsymptomen darstellt.[12] [13]
Funktion der Angst
Angst hat evolutionsgeschichtlich eine wichtige Funktion als eine Art Alarmsystem, das die Sinne schärft und die Körperkraft aktiviert und dadurch in tatsächlichen oder vermeintlichen Gefahrensituationen ein angemessenes und sinnvolles Verhalten einleitet (Fight-or-Flight).[14]
Um diese Aufgabe zu erfüllen, darf weder zu viel Angst das Handeln blockieren noch zu wenig Angst reale Risiken und Gefahren ausblenden. Bereits 1908 formulierten die Verhaltensbiologen und Ethologen Robert Yerkes und John D. Dodson in ihrem bekannten Aktivationsmodell (Yerkes-Dodson-Gesetz oder „Gesetz der Angst“) gesetzmäßige Zusammenhänge zwischen dem nervösen Erregungsniveau der Probanden und deren kognitiver Leistungsfähigkeit, welches sie als „Aktivationsniveaus“ benannten.[15]
Die damaligen Forschungserkenntnisse, gewonnen aus Tierversuchen, konnten inzwischen durch weitere empirische Studien auch bezogen auf menschliches Verhalten bestätigt werden.[16]
Aufgrund des geringen Energieaufwands bei Fluchtverhalten (wenige hundert Kilokalorien) im Vergleich zu den möglichen folgenschweren Auswirkungen bei übersehenen Bedrohungen, ist das „Alarmsystem“ Angst grundsätzlich sehr empfindlich eingestellt, was bisweilen Fehlalarme zur Folge hat.[17]
Zeigt sich die Angstreaktion bezüglich der tatsächlichen Bedrohungslage als inadäquat, wird dies als Angststörung bezeichnet. Von einer Phobie spricht man, wenn diese Angst an eine bestimmte Situation oder ein bestimmtes Objekt gebunden ist.[18][19]
Körperliche Reaktionen
Bei den körperlichen Symptomen der Angst handelt es sich um normale (nicht krankhafte) körperliche Reaktionen, welche bei (realer oder irrealer) Gefahr die physische oder seelische Unversehrtheit sichern sollen. Durch diese wird ein Lebewesen auf eine Flucht- oder Kampfsituation (fight or flight) vorbereitet:
- Erhöhte Aufmerksamkeit, Seh- und Hörnerven werden empfindlicher, Pupillen weiten sich
- Ein größerer Teil des weißen Augapfels wird sichtbar
- Erhöhte Reaktionsgeschwindigkeit, erhöhte Muskelanspannung
- Erhöhter Blutdruck, erhöhte Herzfrequenz
- Schnellere und flachere Atmung
- Energie in Muskeln wird bereitgestellt
- Schwitzen, Zittern und Schwindelgefühl
- Hitze- oder Kälteschauer
- Darm-, Magen- und Blasentätigkeit werden während der Angstreaktion gehemmt
- Atemnot und Übelkeit können auftreten
- Absonderung von Geruchs-Molekülen im Schweiß, durch die bei anderen Menschen ebenfalls unterbewusst
- Alarmbereitschaft ausgelöst werden kann[20]
Die körperlichen Symptome der Angst sind sowohl bei realer Bedrohung als auch bei einer Panikattacke dieselben.
Bei jedem vierten Patienten geht die Angststörung mit chronischen Schmerzen einher.[21]
Psychophysiologie
Für das Überleben von vielen Tieren ist der Wechsel zwischen dem Entstehen von Angst im Verteidigungsfall und dem Erlöschen der Angst bei Explorationsverhalten lebensnotwendig. Wie allerdings dieser Übergang durch neuronale Schaltungen entsteht, ist noch nicht ausreichend erforscht.
In der Neurophysiologie wird angenommen, dass „bidirektionale Übergänge zwischen Zuständen hoher und niedriger Angst kontextabhängig durch sehr schnelle Veränderungen im Gleichgewicht der Tätigkeiten von zwei verschiedenen Gemeinschaften basaler Amygdala-Neuronen ausgelöst werden.“[22]
Ausgehend von der Amygdala werden folgende Regionen erregt: periaquäduktales Grau, Locus caeruleus, Nucleus parabrachialis, das vegetative Nervensystem über den Hypothalamus und die so genannte Stressachse (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse). Dabei kommt es bei einer akuten Stress-/Angstreaktion zur vermehrten Ausschüttung von Adrenalin aus dem Nebennierenmark. Bei lang anhaltendem, chronischem Stress dominiert die Ausschüttung von Cortisol aus der Nebennierenrinde.[23]
Das Ausmaß der Reaktion ist dabei von Mensch zu Mensch verschieden. Frühe Erfahrungen (z. B. Stress der Mutter in der Schwangerschaft, perinatale Ereignisse, Mutter-Kind-Beziehung, Dauer der Stillzeit und anderes) scheinen hierbei eine Rolle zu spielen.[24]
Nach bisherigem Wissensstand sind bei Ängsten vor allem drei Neurotransmittersysteme relevant:[24]
- GABAerges System: GABA wird als der wichtigste hemmende Neurotransmitter im ZNS bezeichnet. Bei einer herabgesetzten GABA-Funktion kommt es zu Überreizung und einer Generalisierung der Erregung. So scheinen generalisierte Ängste mit einer mangelhaften Funktion des hemmenden Neurotransmitters in Beziehung zu stehen. Von Bedeutung scheinen hierbei ausschließlich GABA-A-Benzodiazepin(BDZ)-Rezeptoren zu sein. Benzodiazepine stimulieren den GABA-BDZ-Rezeptorkomplex, was u. a. ihre beruhigende und angstlösende Wirkung erklärt. Zudem ist das GABA-System mit dem noradrenergen und dem serotonergen Neurotransmittersystem verbunden.
- noradrenerges System: Noradrenerge Bahnen (ausgehend vom Locus caeruleus) scheinen bei Angstsymptomen eine entscheidende Rolle zu spielen. Eine durch elektrische Reize gesteigerte Aktivität des Noradrenalin führte in Tierversuchen zu einem Vollbild einer Panikattacke, daher wird über eine mögliche fehlerhafte Regulation des Locus caeroleus gesprochen.
- serotonerges System: Der Neurotransmitter Serotonin spielt bei unterschiedlichen Formen der Angst eine bedeutende Rolle, jedoch sind die genauen Mechanismen noch nicht bekannt. Allgemein scheint eine verminderte Funktion des serotonergen Systems mit Zwangsneurosen, Phobien und sozialen Phobien im Zusammenhang zu stehen. Menschen mit einer Unterfunktion des serotonergen Systems reagieren ängstlich und gehemmt bis aggressiv. Auch bei Suizid-gefährdeten Patienten zeigte sich ein erniedrigter Serotoningehalt. Jedoch wurde auch schon eine Erhöhung des Serotonins bei Ängsten gefunden, sodass von einer wahrscheinlich modulatorischen und strukturspezifischen Wirkung ausgegangen wird.
Typische Reaktionsmuster auf angstauslösende Reize sind Vermeidungsverhalten und Sympathikus-Erregung. Das Erkennen von Gefahrenanzeichen und die autonome Sympathikusantwort sind doppelt dissoziiert: Bei Schädigung der Amygdala kann zwar das Gefahrensignal als solches benannt werden, eine körperliche Angstreaktion jedoch erfolgt nicht. Ist hingegen der Hippocampus geschädigt, wird die körperliche Angstreaktion ausgelöst, ohne dass der Patient die Ursache erkennt.[25]
Spontane Angstreaktionen bei Säugetieren können von neokortikalen Hirngebieten, insbesondere dem präfrontalen Kortex (PFC), verändert und moduliert werden.[26]
Beispielsweise reagieren Mäuse schmerzempfindlicher, wenn sie vorher eine Schmerzreaktion bei einer anderen Maus beobachteten, jedoch nur, wenn sie ihnen bekannt war.[27]
Auch beim Menschen erscheint die empathische Angstreaktion kontextabhängig. So war im Experiment von Lanzetta und Englis das Ausmaß der Angst eines beobachtenden Probanden davon abhängig, ob das Modell in einem Spiel Mitstreiter oder Gegner war.[28]
Lernprozesse
Jeder Mensch besitzt als Anlage eine für ihn typische Angstdisposition, die sich aber bereits ab dem Kleinkindalter und weiterhin lebenslang durch Lernprozesse stark verändern lässt. Jegliche Art von Angst kann gelernt, jedoch auch verlernt werden.[29]
Dabei sind die Unterschiede zwischen den mannigfaltigen Formen der Angst wesentlich:[30] Beispielsweise ergeben sich sowohl in der Behandlungsmethode als auch in der Zielsetzung von Neurotischen Ängsten, Panikattacken, Phobien oder Furcht gravierende Unterschiede. Jeder Lernprozess bezieht sich auf das Erreichen eines möglichst realitätsgetreuen, beherrschten Angstlevels, da einerseits unangemessene Ängste unnötig Energie verbrauchen und zu dominante Ängste das Aktionspotenzial lähmen, andererseits bei zu schwach ausgeprägten Ängsten die lebensnotwendige Warnwirkung und Schutzfunktion fehlt.[31]
Offensichtlich hat es Selektionsvorteile, Gefahrensignale im Gedächtnis zu halten. So ist Angst die gelernte Verbindung von signifikanten Hinweisreizen und deren schädlichen Konsequenzen. Das Lernen von Ängsten geschieht beispielsweise durch eigene Erfahrung (Konditionierung), durch Instruktion (zum Beispiel Warnhinweise) oder durch Beobachtung fremden Verhaltens (Lernen am Modell). [32]
Zwei-Faktoren-Theorie von Mowrer
Ein bekanntes und einflussreiches lerntheoretisches Modell der Entstehung und Aufrechterhaltung von Angst ist die Zwei-Faktoren-Theorie von Mowrer (1960), die folgende Faktoren benennt:
- Klassische Konditionierung: Angst entsteht durch klassische Konditionierung, bei welcher ein ursprünglich neutraler Reiz durch das gleichzeitige Auftreten mit einer Angstreaktion zu einem konditionierten Angstreiz wird (siehe das Little-Albert-Experiment).
- Operante Konditionierung: Indem der klassisch konditionierte Angstreiz vermieden wird, kommt es zur Reduzierung von Angst und Spannungszuständen und dadurch zu einer negativen Verstärkung und einem Aufrechterhalten von Vermeidungsverhaltens und Erwartungsangst.[33]
Preparedness
Es gibt laut Martin Seligman „biologisch vorbereitete Ängste“, wie beispielsweise die Angst vor Spinnen, Schlangen oder wütenden Gesichtern, die sehr viel leichter gelernt werden können als andere. Dieses Phänomen, als Preparedness benannt, zeigt sich auch, wenn die Reize unterschwellig an den Menschen herankommen.[34] Neuzeitliche Gefahrenquellen wie defekte Elektrokabel oder Schusswaffen sind allerdings nicht biologisch vorbereitet.[35]
Kognitive Sicht
Nach Aaron T. Beck entsteht Angst, wenn die Wahrscheinlichkeit des Auftretens einer Gefahr groß, die Schadenskosten hoch und die eigenen Copingstrategien und die Möglichkeit auf Hilfe von außen niedrig eingeschätzt werden.[36] Quasi-mathematisch ließe sich das folgendermaßen beschreiben:[36]
Angst=Geschätzte Wahrscheinlichkeit*Geschätzter Schaden/(Copingstrategien+Mögliche Hilfe von außen)
Eine ähnliche Erklärung beschreibt das Stressmodell von Lazarus, nach welchem Angst die Folge einer subjektiven Bedrohungsinterpretation bei gleichzeitig niedriger Bewältigungseinschätzung ist.[37]
Psychoanalytische Sicht
Laut Sigmund Freud existieren drei Ursachen der Angst:
- Die Realangst entsteht bei äußerer Bedrohung , entspricht also der Furcht. Ihre Funktion ist es, Gefahren zu signalisieren und daraufhin angepasste Reaktionen auslösen. Die natürlichen Reaktionen sind Flucht, Panik, das Ausweichen vor der Situation und Aggression. Hierzu zählt ebenfalls die Vitalangst, welche bei lebensbedrohlichen Situationen und Erkrankungen wie beispielsweise Asthma bronchiale oder [[w: auftritt.[38] Das Ausmaß der Realangst ist außerdem von Faktoren wie der Reaktionsbereitschaft, der psychovegetativen Verfassung (Erschöpfung), der Persönlichkeit, frühkindlichen Angsterfahrungen und der Widerstandskraft abhängig.[39] Angst führt zu einer erhöhten Anpassungsfähigkeit, da sie das Lernen neuer Reaktionsmuster zur Gefahrenbewältigung motiviert. Jedoch kann sie auch zu unangemessenen Reaktionen und dadurch selbstschädigendem Verhalten führen.[40]
- Die neurotische Angst liegt laut Freud ihrem Ursprung nach in unserem Es, in unseren unbewussten Instinkten, unerfüllten Wünschen und nicht aufgearbeiteten Traumata. Es handle sich um widersprüchliche Geisteszustände, nicht reale Gedanken, die den Menschen in seinem Ich begrenzen.[41]
- Die moralische Angst tritt auf, wenn das Über-Ich mit Strafe aufgrund von Verletzungen von Tabus und Regeln droht, und zeigt sich in Schuldgefühlen oder Scham. Diese Form bezieht sich auf die eigene innere sozialen Welt, in der die Moralvorstellungen angelegt sind und beispielsweise die Angst vor Versagen bis hin zu Bestrafung (in Form von Einsamkeit, Verruf, Entlassung etc.) lebt.[42]
Der Psychoanalytiker und Psychiater Stavros Mentzos sieht die Angst als ein „angeborenes und biologisch verankertes Reaktionsmuster“ aufgrund der sie „begleitenden vegetativen Erscheinungen sowie der analogen Erscheinungen bei Tieren“ und vergleicht sie mit der Schmerzreaktion.[43] Bezogen auf die Verhaltenstherapie stellt er die Frage, „ob nicht die Angst ein regelrechter Instinkt ist“.[43]
Soziologie der Angst
In der Soziologie erforscht man die sozialen Ursachen und Folgen von Angst sowie die verschiedenen gesellschaftlichen Erscheinungsformen.
Es existieren seit den Anfängen der Soziologie zahlreiche Theorien der Angst, beispielsweise die These von Max Weber über eine angstgetriebene protestantische Ethik und deren Einfluss auf die Entstehung des modernen Kapitalismus[44] oder die Theorie von Norbert Elias über eine steigende Affektkontrolle, die maßgeblich durch die Angst vor sozialer Scham getragen wird.[45]
Auch in soziologischen Anomietheorien betrachtet man Verunsicherung und Kontingenzangst als Folge anomischer gesellschaftlicher Zustände für einen Grund für Suizid (Emile Durkheim)[46] sowie den Zerfall verbindlicher sozialer Normen (Robert K. Merton).[47]
These der Angstgesellschaft
Mehrere soziologische Gegenwartsdiagnosen (u. a. Ulrich Beck[48] und Zygmunt Bauman[49]) schildern westliche Gesellschaften als in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend von Angst besetzt. Als Ursachen werden hierfür meist drei Arten von Argumenten genannt:[50]:
- Anstieg konkreter Bedrohungen: Dabei wird eine Vielzahl potenzieller Gefahren beschrieben, das Spektrum reicht von Terrorismus über technische Risiken (nukleare Bedrohungen, Umweltverschmutzung) bis hin zu Pandemien.
- Kontingenzzuwachs: Die gesellschaftliche Entwicklung hat zu einer erhöhten sozialen Komplexität und einem kulturellen Kontingenzbewusstsein geführt, welche sich subjektiv in einem ansteigenden Eindruck von Unabsehbarkeit und Unbestimmtheit der Welt sowie der persönlichen Lebensführung niederschlagen. Aspekte, welche hierzu beitragen, sind die wachsende Individualisierung, die Heterogenisierung sozialer Normen, Optionsvielfalt, Globalisierung, Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, multipolare Weltordnung etc.
- Eigendynamik: Bereits bestehende Unsicherheiten und Angst übertragen sich auf weitere soziale Bereiche oder werden – zur vermeintlich leichteren Bewältigung – auf Ersatzobjekte projiziert (z. B. auf soziale Gruppen).
Empirisch konnte die Theorie eines hohen Angstlevels und einer Angstzunahme allerdings bislang nicht bestätigt werden (zumindest für die Zeit von 1980 bis 2010 in Deutschland).[51] Auch die oft geäußerte Hypothese einer „German Angst“ erwies sich im europäischen Vergleich, bei welchem Deutschland eines der niedrigsten Angstniveaus offenbarte, als Mythos.[51]
Angstformen
Es wird zwischen konkreter Angst und Kontingenzangst unterschieden, wobei sich die erstere Form auf ein konkretes bedrohtes Objekt fokussiert, wie beispielsweise physische Unversehrtheit und sich meist in der Angst vor bzw. um etwas zeigt, während sich Kontingenzangst auf das sogenannte „Leiden an der Unbestimmtheit“ bezieht, auf Unsicherheit, Orientierungslosigkeit etc. Diese Form der Angst gilt in aktuellen soziologischen Diagnosen als charakteristisch für komplexe Gegenwartsgesellschaften und besitzt eine Eigendynamik, die sich auf unterschiedlichste Bereiche überträgt.[52]
Soziale Bedingungen von Angst
Sowohl kulturelle als auch sozialstrukturelle Einflüsse zählen zu den sozialen Bedingungen von Angst. Innerhalb der sozialstrukturellen Ansätze werden insbesondere Machtdefizite als Ursache von Angst benannt,[53] während laut kultureller Theorien die Emotionsnormen, d. h. soziale Regeln des Empfindens und des Ausdrucks von Emotionen[54], eine große Bedeutung einnehmen.
Max Dehne erweitert und gliedert dieses Verständnis, indem er soziale Bedingungen auf sogenannte Einschätzungsdimensionen bezieht. Diesen zufolge entsteht Angst, wenn eine Situation auf bestimmte Weise eingeschätzt wird, bei welcher die Faktoren betroffenes Objekt, Kontrollierbarkeit und Ungewissheit/ Wahrscheinlichkeit berücksichtigt werden. Er unterscheidet hierbei vier Ebenen der sozialen Bedingtheit:
- Transsituative Ebene: Die generelle Einschätzung der Sachverhalte hängt von kulturellen Bedingungen (z. B. Geschlecht, Herkunftsland, Religion) und der sozialstrukturellen Position (z. B. Alter, Bildung, Einkommen) ab.
- Spezifische Wissensstrukturen: Hierunter versteht man die hinzu kommenden situativen Aspekte, beispielsweise die in einer Gesellschaft vermittelten und zirkulierenden Bedrohungsinformationen bezüglich spezifischer Situationen, die auf Erfahrungen beruhen (z. B. Kriege, Erdbeben), kulturell tradiert sein (z. B. Koro-Krankheit) oder im gesellschaftlichen Diskurs thematisiert und in ihrem Einfluss von unterschiedlichen Akteuren – Medien, Politiker, Wirtschaftsunternehmen, NGOs, soziale Bewegungen etc. – ausgehandelt werden können. Dabei sind sowohl die Glaubwürdigkeit als auch das Standing der jeweiligen Akteure von entscheidender Bedeutung für die Entstehung von angstspezifischen Einschätzungen.
- Emotionale Effekte: Emotionen können zu einer Generalisierung sowie einer Selbstverstärkung führen. Ob und in welcher Dimension dies geschieht, ist von weiteren sozialen Bedingungen (bestehende Wissensstrukturen, Repräsentativität der Situation, Emotionsnormen etc.) abhängig.
- Bewältigung: Eine Bewältigungsstrategie der Angst kann beispielsweise in der Umdeutung einer Situation bestehen, welche jedoch auch zur Entstehung weiterer Ängste führen kann, indem nun – im Grunde unverbundene - Situationen oder soziale Minderheiten als Bedrohung deklariert werden.[55]
Formen des Angstverhaltens
Der Umgang mit Angst zeigt ein breites Spektrum an variablen Verhaltensmustern, welche der jeweils angeborenen Gefühlsstruktur und des erlernten Risikomanagements des Menschen entsprechen. So unterscheidet der Wagnisforscher Siegbert A. Warwitz acht typische „Einstellungstendenzen“, welche sich in die Richtungen „Angriffshaltung“, „Fluchtreflex“, „Verharmlosung“ oder „Überhöhung“ bewegen:[56]
- Das Vermeidungsverhalten: Versuch, Angst induzierenden Ereignissen, Personen oder Räumen möglichst auszuweichen.
- Das Bagatellisierungsverhalten: Bestrebung, die als peinlich und unangenehm erlebten Angstgefühle vor sich selbst und anderen herunterzuspielen.
- Das Verdrängungsverhalten: Versuch, die einer gestellten Aufgabe störenden Angstgefühle zu unterdrücken.
- Das Leugnungsverhalten: Ausblenden von Angstanzeichen aus dem Bewusstsein oder Verstecken der Angstgefühle (die als Zeichen der Schwäche gesehen werden) vor anderen.
- Das Übertreibungsverhalten: Wiederholung und Übersteigerung von Sicherheitsvorkehrungen zur Beruhigung der spannungsgeladenen Gefühlslage.
- Das Generalisierungsverhalten: Ängste werden als „normale“ Erscheinung bezeichnet („Jeder hat doch Angst“), um sich selbst nicht in einer Sonderstellung erleben zu müssen.
- Das Bewältigungsverhalten: Bemühung um ein realitätsgerechtes, angemessenes Maß an Angst und um ein „funktionierendes Angstgewissen“.
- Das Heroisierungsverhalten: Annahme und Suche nach Angstemotionen, da man bei diesen ein gewisses Heldentum empfindet.
Angst in der Philosophie
Als philosophischer Begriff wurde Angst durch Kierkegaard und im Gefolge in der Existenzphilosophie prominent. Er spielt jedoch schon seit der antiken Ethik eine Rolle. Während die Existenzphilosophie mit Kierkegaard streng zwischen Angst und Furcht unterscheidet, ist das in der antiken Ethik (und auch in der theologischen Tradition)[57] nicht der Fall.
Antike
Nach Aristoteles ist nicht jede Angstform als pathologisch oder moralisch abzulehnen. Angst kann vielmehr zu situationsangemessenen Überlegungen führen. Mechanische Angstlosigkeit gilt ihm als Tumbheit, objektiv unbegründete Angst (z. B. vor einer Maus) als pathologisch.[58]
Die Epikureer sahen Angst als künstliche Emotion an, der mit Gelassenheit (Ataraxie) zu begegnen sei. Sie strebten einen angstfreien Zustand an, indem sie zu zeigen versuchten, dass der Tod im Grunde den Menschen nichts angehe, weil dieser nach dem Tode nichts mehr empfinden könne, da er nicht mehr ist.[59] Das Ziel der Ataraxie wird erreicht, wenn der Mensch sich durch philosophische Einsicht von den unbedeutenden Bedürfnissen und durch das Studieren der Natur von der Angst vor dem Tode und vor den Göttern befreit hat.[60]
Augustinus bestimmt die Furcht (timor) „grundlegend als das Gefühl der Entfremdung von Gott“.[61] Er unterscheidet bei der Gottesfurcht (timor dei) den timor castus und den timor servilis.[62] Timor castus wird wörtlich mit „keuscher Furcht“,[61] anders auch mit „heiliger Angst“[63] übersetzt. Während timor castus in der Furcht vor der Trennung von dem Geliebten besteht und durch die (Gottes)liebe motiviert ist, gilt timor servilis (knechtliche Furcht) als bloße „Straffurcht“,[61] die einer knechtischen Haltung entspringt und durch die Weltliebe und nicht durch die „Liebe zu Gott oder zum Guten“ motiviert ist. [62]
Trotz der Abwertung der timor servilis wird ihr eine pädagogische Funktion im Sinne einer Vorbereitung auf die Liebe zugemessen,[62] was eine Pädagogik der Angst im Christentum begünstigt haben soll.[64]
Neuzeit
Das Thema der Angst wird erst wieder von Böhme und F. W. J. Schelling beachtet.[65] Nach Jakob Böhme „urständet sich ein jedes Leben in der Angst“[66] und ist kein Leben ohne Angst. Nach Georg Wilhelm Friedrich Hegel gehört Angst zum notwendigen Übergang auf dem Weg des Bewusstseins zum Selbstbewusstsein. Die Überwindung der Angst werde durch Arbeit vollzogen.[67]
Existenzphilosophie
Im Anschluss an Søren Kierkegaard wird das Thema Angst zu einem Grundthema der Existenzphilosophie. So u. a. bei Martin Heidegger, Karl Jaspers, Jean-Paul Sartre und Peter Wust.
Søren Kierkegaard, der in der Tradition des Augustinismus zu sehen ist, befasst sich mit dem Thema Angst vor allem in seiner Schrift Der Begriff Angst von 1844. Der menschliche Geist durchläuft in dieser Schrift verschiedene Erscheinungsformen.
Kierkegaard unterscheidet zwischen den Zuständen der Unschuld, der Sünde und der Erlösung. Am Zustand der Unschuld klärt sich das Verhältnis von Angst und Nichts. Der Geist ist hier träumend gegenwärtig, d. h. er hat sich noch nicht als Geist erfasst, strebt aber dahin, in ein Verhältnis zu sich selbst zu treten. Dabei steht dieses Streben in einem ständigen Konflikt. Angst ist da gegeben, wo der Geist sich danach sehnt, sich selbst zu setzen und davor zugleich zurückschreckt. Der Geist empfindet sich als von seiner eigenen Wirklichkeit angezogen und abgestoßen zugleich. An einer Stelle wird das Ganze dieser Bewegung dialektischer Zweideutigkeit als Angst bezeichnet: „Angst ist eine sympathetische Antipathie und eine antipathetische Sympathie.“[68]
Die Wirklichkeit seiner selbst ist dabei für den träumenden Geist wie ein Nichts. Der Geist ängstigt sich vor dem Nichts: „Des Geistes Möglichkeit zeigt sich fort und fort als eine Gestalt, die seine Möglichkeit lockt, ist jedoch entschwebt, sobald diese danach greift und ist ein Nichts, das nichts als ängsten kann.“[68] Als auf etwas Unbestimmtes gerichtet aber unterscheidet sich die Angst „von Furcht und ähnlichen Begriffen“. Furcht ist immer Furcht vor diesem oder jenem Bestimmten.[68]
Die Angst bewirkt weiter, dass der Geist sich im Versuch, sich selbst zu setzen, am Ende selbst verfehlt. Dabei ist die Sünde für Kierkegaard ein misslungener Akt der Selbstsetzung des Geistes, bzw. der Freiheit. Auch auf der Ebene des der Sünde verfallenen Geistes lebt der Mensch wieder in Angst: „Die Sünde ist mit der Angst hineingekommen, aber die Sünde brachte wiederum die Angst mit sich“.[69] „Einerseits ist das in sich Zusammenhängende (die Kontinuität) der Sünde die Möglichkeit, welche ängstigt; anderseits ist die Möglichkeit einer Erlösung wiederum ein Nichts, welches das Individuum so liebt wie fürchtet;“[68]
Martin Heidegger unterscheidet in Sein und Zeit (1927) drei verschiedene Weisen des In-der-Welt-seins: die Befindlichkeit, das Verstehen und die Rede. Die Befindlichkeit ist das Gestimmtsein. Der Mensch bzw. das Dasein ist immer gestimmt.[70] Die Angst aber wird als die „Grundbefindlichkeit“ bezeichnet, die sich radikal auf die Erfahrung des bloßen „Daß es ist“ des Daseins bezieht.[71] Sie vereinzelt das Dasein auf sein eigenstes In-der-Welt-sein,[72] d. h. die alltägliche Vertrautheit bricht in sich zusammen[73] und es erschließt sich dem Dasein die Bedrohlichkeit bzw. die Unheimlichkeit, das Nicht-zuhause-sein seines In-der-Welt-seins.[74] Dabei ist „das Wovor“ der Angst im Gegensatz zur Furcht völlig unbestimmt, „Nichts ist es [das Bedrohliche] und nirgends“.[75] In der Angst vor dem Tode enthüllt sich die Geworfenheit in den Tod, d. h. der Tod als eigenstes, unüberholbares Seinkönnen eines jeden Daseins.[76] Das in der Angst enthüllte Seinkönnen ermöglicht nach Heidegger ein Sichverstehen in seinem eigenen Seinkönnen[77] und damit die Wahl als das Sichentscheiden für ein Seinkönnen aus dem eigenen Selbst[78] bzw. die Entschlossenheit.[79]
In der Erlösung bzw. im Glauben sind Angst und Sünde aufgehoben. Um dahin zu gelangen, muss sich der Mensch zuvor (Der Begriff Angst, letztes Kapitel) durch die Angst „bilden“ lassen,[80] d. h. jede Möglichkeit des Schicksals und jede Möglichkeit der Schuld/Sünde als für sich selbst möglich erachten. Wer für sich selbst nicht einsieht, dass ihr jederzeit das schlimmste Unglück widerfahren kann, wer nicht einsieht, dass das Entsetzliche, das Verderben, die Vernichtung Tür an Tür wohnt mit einem jeden Menschen, kann Angst und Sünde nicht wahrhaft überwinden.
In der Vorlesung Was ist Metaphysik? (1929) ist das Wovor der Angst nicht das In-der-Welt-sein als solches, sondern die Angst offenbart die Welt als das Seiende als Ganzes und das Nichts als etwas sich von der Welt Abhebendes.[81] Das Nichts ist hier das Unbestimmte schlechthin im Sinne des ganz Anderen als das Seiende. Dabei entschleiert sich in der Erschlossenheit des Nichts das Sein[82] bzw. das Nichts west als das Sein.[83]
Für Jaspers folgt die Angst aus einem Scheitern in Grenzsituationen, die durchgestanden „ein unbegreifliches Vertrauen in den Grund aller Dinge“.[65] bewirke.
Einzelnachweise
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