Pratyahara: Unterschied zwischen den Versionen

Aus AuroraWiki
Lunita (Diskussion | Beiträge)
K Textersetzung - „ f.“ durch „ f.“
 
(121 dazwischenliegende Versionen von 2 Benutzern werden nicht angezeigt)
Zeile 1: Zeile 1:
'''Pratyahara''' ist die 5. Stufe oder Glied der insgesamt acht Stufen des Ashtanga Yoga oder [[w:Raja Yoga|Raja Yoga]] (achtgliedriges Yoga), wie dies von [[w:Patanjali|Patanjali]] in einem der ältesten überlieferten Werke über Yoga, dem Yoga-Sutra beschrieben wurde. Es folgt auf das [[w:Pranayama|Pranayama]] (4. Stufe, die Beherrschung des Atems) und führt zum [[w:Dharana|Dharana]] (6. Stufe, Konzentration) und [[w:Dhyana|Dhyana]] (7. Stufe, Meditation). Es geht um die [[w:Disziplinierung|Disziplinierung]] der [[w:Sinne|Sinne]] (Indriya, „Fühler“), wie Geschmack, Sehen, Hören, Riechen, Fühlen und des Geistes durch ein Sich-nach-innen-Richten.<ref>[[B. K. S. Iyengar|Bellur Krishnamachar Sundararaja Iyengar]]: ''Licht auf Yoga. Das grundlegende Lehrbuch des Hathha-Yoga.'' Nikol-Verlag, Hamburgh 2013, ISBN 978-3-86820-175-8, S.&nbsp;39–41</ref>
[[Datei:Befreiung von äußeren Sinnen Zitat Aurobindo.jpg|mini|420px|Zitat des indischen Philosophen und Yogameisters [[a:Sri Aurobindo|Sri&nbsp;Aurobindo]] (1872–1950) aus „Briefe über den Yoga“<ref>[https://sri-aurobindo.co.in/workings/sa/24/vol_04_g.pdf#page=128&view=fit ''Briefe über den Yoga. Erfahrung und Verwirklichung. Band 4.''] S.&nbsp;128. Abgerufen am 20. Dezember 2025.</ref>]]
'''Pratyahara''' ist die 5. Stufe der insgesamt acht Stufen des Ashtanga Yoga oder [[w:Raja Yoga|Raja Yoga]], der von [[w:Patanjali|Patanjali]] im Yoga-Sutra beschrieben wurde. Pratyahara folgt auf [[w:Pranayama|Pranayama]], der Beherrschung des Atems, gefolgt von den nächsten Stufen [[w:Dharana|Dharana]] (Konzentration) [[w:Dhyana|Dhyana]], der [[Grundlagen der Meditation|Meditation]].  


Durch diese Internalisierung des [[w:Bewusstseins|Bewusstseins]] sollen Sinneseindrücke allgemein bewusster und kontrollierbarer werden. Durch regelmäßiges Üben wird so die Durchführung weiterer Stufen erleichtert. Es handelt sich aber nicht um eine Beschränkung der Sinne, im Gegenteil soll der Geist zur Wahrnehmung von Feinheiten geschult werden, die den Sinnen sonst verborgen blieben.  
Es geht bei Pratyahara um die [[w:Disziplinierung|Disziplinierung]] der [[w:Sinne|Sinne]], wie Geschmack, Sehen, Hören, Riechen, Fühlen und des Geistes durch ein Sich-nach-innen-Richten.<ref>B. K. S.&nbsp;Iyengar: ''Licht auf Yoga. Das grundlegende Lehrbuch des Hatha-Yoga.'' Nikol-Verlag, Hamburg 2013, ISBN 978-3-86820-175-8, S.&nbsp;39–41</ref>


Auf fortgeschrittenem Niveau wird auch gelehrt, wie die Aktivität der [[w:unwillkürlichen Muskulatur|unwillkürlichen Muskulatur]] beeinflusst werden kann. Diese Techniken gehen fließend in das Pranayama über. Eine andere Technik des Pratyahara ist die Konzentration auf den Punkt zwischen den Augenbrauen, das Ajna-Chakra ([[w:drittes Auge|drittes Auge]]).
Durch diese Verinnerlichung des [[a:Bewusstseins|Bewusstseins]] werden Sinneseindrücke bewusst und kontrollierbar. Der Geist des Menschen soll zur Wahr&shy;nehmung von Feinheiten geschult werden, die normalerweise den Sinnen verborgen sind.


Aus geistiger Sicht hat das Üben von Pratyahara nicht nur Auswirkungen auf das Bewusstsein des Übenden, sondern wirkt gleichzeitig befreiend auf das Betrachtungsobjekt, sodass sich dieses immer mehr in seiner wahren Gestalt offenbaren kann. ()
Auf fortgeschrittenem Niveau wird auch gelehrt, wie die Aktivität der [[w:unwillkürlichen Muskulatur|unwillkürlichen Muskulatur]] beeinflusst werden kann. Diese Techniken gehen fließend in das Pranayama über. Eine andere Technik des Pratyahara ist die Konzentration auf den Punkt zwischen den Augen&shy;brauen, das Ajna-Chakra ([[w:drittes Auge|drittes Auge]]).


== Definition und Herkunft von Pratyahara ==
Aus geistiger Sicht ist für Pratyahara der bewusst geführte Sinnesprozess von Bedeutung. Dieser findet im Prozess von „Loslösung und Neuanfang“ statt, bei dem in allen Beziehungsformen, Übungen oder Gesprächen der Mensch sein Bewusstsein von den alten bekannten Formen loslöst und durch die Existenz eines bewusst gedachten Gedankens eine Erfahrung gewinnt, die über die alte Form hinausgeht.
[[Datei:African_helmeted_turtle_(Pelomedusa_subrufa).jpg|mini|„Wer die Sinne von den Gegenständen der Sinne zurückzieht, so wie die Schildkröte ihre Glieder in ihren Panzer einzieht,- dessen Einsicht ruht auf starkem Fundament in der Weisheit.“ (Sri Aurobindo)<ref>Sri Aurobindo: ''Bhagavadgita.'' 4. Auflage. Verlag Hinder + Deelmann, Gladenbach (Hessen) 2005, ISBN 3-87348-163-4, S. 20.</ref>]]
Pratyahara ([[y:Sanskrit|Sanskrit]]: प्रत्याहार pratyāhāra m.) Zurückziehung (der Truppen aus der Schlacht), Rückzug; Auflösung, Vernichtung (des Geschaffenen); Zurückziehen der Sinne (Indriya) von ihren Objekten ([[y:Vishaya|Vishaya]]), fünftes Glied des [[y:Ashtanga Yoga|Ashtanga Yoga]] ([[y:Raja Yoga|Raja Yoga]]) Systems; das "Zurückhalten des Mondnektars" (im [[y:Goraksha Shataka|Goraksha Shataka]]).


Pratyahara ist ein Begriff aus dem klassischen [[y:Raja Yoga|Raja Yoga]] und bezeichnet den Rückzug der Sinne. Im [[y:Yoga Sutra von Patanjali|Yoga Sutra von Patanjali]], einem der ältesten Texte des [[y:Yoga|Yoga]], wird Pratyahara als fünfter Schritt auf dem achtgliedrigen Pfad beschrieben. Es geht darum, die Aufmerksamkeit von den äußeren Sinneseindrücken abzuziehen und bewusst nach innen zu lenken.
== Etymologie und Interpretationen in alter Yogaliteratur ==


Raja Yoga, der „königliche Yogaweg“, umfasst acht Stufen, die dich Schritt für Schritt zur Meisterschaft über den Geist führen. Neben ethischen Grundlagen ([[y:Yamas|Yamas]] und [[y:Niyamas|Niyamas]]), körperlichen Übungen ([[y:Asanas|Asanas]]) und Atemtechniken ([[y:Pranayama|Pranayama]]) gehört Pratyahara zu den entscheidenden Schritten, um in die [[Meditation]] einzutauchen.
[[Datei:African_helmeted_turtle_(Pelomedusa_subrufa).jpg|mini|334px|„Wer die Sinne von den Gegenständen der Sinne zurückzieht, so wie die Schildkröte ihre Glieder in ihren Panzer einzieht, – dessen Einsicht ruht auf starkem Fundament in der Weisheit.“<br>Bhagavad Gita (II, 58)<ref>Sri Aurobindo: ''Bhagavadgita'' (II, 58). 4. Auflage. Verlag Hinder + Deelmann, Gladenbach (Hessen) 2005, ISBN 3-87348-163-4, S.&nbsp;20.</ref>]]


Patanjali schreibt:  
Der Sanskrit-Begriff Pratyahara ([[y:Sanskrit|Sanskrit]] प्रत्याहार, [[w:IAST|IAST]] ''pratyāhāra'' m.) leitet sich von der Verbwurzel ''hr'' „nehmen“ ab und erfährt eine Abwandlung zu ''hāra''. Davor stehen die beiden Vorsilben ''ā'' „hin, zu, in Richtung“ und ''prati'' „zurück“, wobei ''prati'' durch das folgende ''ā''&nbsp;zu ''praty'' wird. Pratyahara bedeutet wörtlich „Zurücknehmen“ oder „Zurückziehen“.<ref name=":0" />


:„Wenn die Sinne nicht in Kontakt mit den Objekten treten, und gleichsam in die Natur des Geistes eingehen, dann entsteht Pratyahara Zurückziehen der Sinne. So entsteht die höchste Meisterschaft über die Sinne.“
Patanjali schreibt in Kapitel 2, Vers 54 und 55 des Yoga-Sutra:<poem style="margin-left:30px">
''svaviṣaya-asaṁprayoge cittasya svarūpānukāra-iv-endriyāṇāṁ pratyāhāraḥ'' ||54||
''tataḥ paramā-vaśyatā indriyāṇām'' ||55||
 
„Wenn die Sinne nicht in Kontakt mit den Objekten treten, und gleichsam in die Natur des Geistes eingehen, dann entsteht Pratyahara (Zurückziehen der Sinne).
„So entsteht die höchste Meisterschaft über die Sinne.“<ref>[https://schriften.yoga-vidya.de/patanjali-raja-yoga-sutra/category/sadhana-pada/2-kapitel-verse-51-55/ ''Raja Yoga Sutra von Patanjali.''] In: ''Yoga Vidya Schriften.'' Siehe Verse 54 und 55. Abgerufen am 18. November 2025.</ref>
</poem>
 
In den alten Schriften des Yoga finden sich unterschiedliche Interpretationen von Pratyahara. In den Yogasutras erklärt Patanjali, dass der Geist durch Pranayama eine Sammlung und Ausrichtung erfährt. Die [[wen:Prashna Upanishad|Prashna Upanishad]] gebraucht für diesen Vorgang in Kapitel II, Vers 4 das Bild von den Bienen, die der Bienenkönigin überall hin folgen. Nachfolgend eine Übersetzung dieses Verses von [[Swami Sivananda]]:
:„Aus Stolz stieg Prana sozusagen aus dem Körper empor. Als es emporstieg, stiegen auch alle anderen empor, und als es sich wieder niederließ, ließen sich auch alle anderen nieder. So wie Bienen ausfliegen, wenn ihre Königin ausfliegt, und zurückkehren, wenn sie zurückkehrt, so verhielten sich auch Sprache, Geist, Auge und Ohr. Zufrieden lobten sie Prana.“<ref>[https://shlokam.org/texts/prashna-2-4/ ''Prashna Upanishad – II – Discussion of Devas – 4.''] In: ''shlokam.org.'' Abgerufen am 21. Dezember 2025.</ref>
 
In der [[w:Gherandasamhita|Gherandasamhita]] (17. Jahrhundert) findet sich im 4. Kapitel zu Pratyahara eine Interpratation, nach der man sich von guter oder schlechter Rede, von süßen oder schlechten Gerüchen, von süßem, saurem, bitterem oder zusammenziehendem Geschmack zurückziehen und alles unter die Kontrolle des Selbst bringen soll.<ref>''Gheranda Samhita, Sanskrit-English.'' Sri Satguru Publications, SSP Edition, Delhi 1979, S.&nbsp;36.</ref>
 
[[Datei:Hindi Manuscript 884 Wellcome L0024562.jpg|mini|290px|Illustrierte Manuskriptdarstellung von Gorakhnath mit Ganesha]]
Die [[wen:Vasishtha Samhita|Vasishtha Samhita]], die [[wen:Yoga Yajnavalkya|Yogayajnavalkya Samhita]] und die [[wen:Shandilya Upanishad|Shandilya Upanishad]] sprechen von einem „kraftvollen Zurückziehen“ (''balat aharana''), das der Mensch bei Pratyahara leisten muss, da es die Natur der Sinne sei, zu den Sinnesobjekten zu wandern.<ref name=":0">''[https://www.paranormal.de/ebooks/pdfVersionen/kriya.pdf#page=25&view=fit Einführung in den Kriya-Yoga.]'' In: ''paranormal.de''. PDF, S.&nbsp;25. Abgerufen am 21. Dezember 2025.</ref>
 
Nach Uwe Bräutigam gibt es eine weitere Interpretation von Pratyahara bei [[wen:Gorakhnath|Gorakhnath]] (Anfang 11.&nbsp;Jh.), einem der Begründer des Hatha Yoga. „Bei ihm wird Pratyahara zu einer körperlichen [[Übung]] (Asana), nämlich zur Umkehrhaltung [[Shirshasana#Vorbemerkung|Viparita Karani]].“ Hier komme die Vorstellung ins Spiel, dass der Kopf eine Schale sei, die mit dem Nektar der Unsterblichkeit [[y:Amrita|Amrita]] (Sanskrit अमृत, IAST ''amṛta'') gefüllt ist. Dieser Nektar tropfe stetig herunter zum Nabel und werde dort in der Region des Sonnengeflechts (Manipura Chakra) vom Feuer der Sonne verzehrt. Pratyahara ist nach Gorakhnath das Zurückhalten dieses Nektars durch das Einnehmen der Umkehrstellung.<ref name=":0" />


== Die Entwicklung der Sinnesorgane ==
== Die Entwicklung der Sinnesorgane ==
Die Sinnesorgane dienen dem Wahrnehmen und der Orientierung in der Außenwelt und entwickeln sich sowohl pränatal als auch in den ersten Lebensjahren:
:„Auch wenn gesunde Kinder bereits mit einem voll entwickelten Sinnessystem auf die Welt kommen: Seine Funktionsfähigkeit wird erst durch die ständige Inanspruchnahme verbessert. Die Verbindung mehrerer Sinneserfahrungen zu einem umfassenden Eindruck kommt durch tägliches Üben zustande.“<ref>[https://www.herder.de/kk/fachwissen/sinnliche-wahrnehmung/ ''Sinnliche Wahrnehmung U3.''] In: Kleinstkinder in Kita und Tagespflege.'' Abgerufen am 11. November 2025.</ref>


Über die körperlichen Sinnesorgane nimmt der Mensch die physisch-sinnliche Welt wahr. Aus einer geistigen Sichtweise ist der Mensch nicht nur Teil der physischen, sondern gleichzeitig einer seelischen und geistigen Welt. Will er diese, den äußeren Sinnen unsichtbaren Welten wahrnehmen, so bedarf es nach Rudolf Steiner der Ausbildung seelisch-geistiger Wahrnehmungsorgane:
Die Sinnesorgane dienen dem Wahrnehmen und der Orientierung in der Außenwelt. Über sie nimmt der Mensch die physisch-sinnliche Welt wahr. Aus einer geistigen Sichtweise ist der Mensch nicht nur Teil der physischen, sondern gleichzeitig auch einer seelischen und geistigen Welt. Will er diese, den äußeren Sinnen unsichtbaren Welten wahrnehmen, so bedarf es nach [[Rudolf Steiner]] (1861–1925), dem Begründer der Anthroposophie, der Ausbildung seelisch-geistiger Wahrnehmungsorgane. Im Unterschied zur Entwicklung der physischen Sinnesorgane, die ganz natürlich vonstatten geht, muss der Mensch die Ausprägung feinerer Wahrnehmungsorgane selbst vollbringen:
:„Wie im Leibe Auge und Ohr als Wahrnehmungs-Organe, als Sinne für die körperlichen Vorgänge sich entwickeln, so vermag der Mensch in sich seelische und geistige Wahrnehmungsorgane auszubilden, durch die ihm die Seelen- und die Geisteswelt erschlossen werden. Für denjenigen, der solche höhere Sinne nicht hat, sind diese Welten «finster und stumm», wie für ein Wesen ohne Ohr und Auge die Körperwelt «finster und stumm» ist.“<ref>Rudolf Steiner: ''Theosophie – Einführung in übersinnliche Weltanschauung und Menschenbestimmung.'' 6. Auflage. Rudolf-Steiner-Verlag, Dornach, Schweiz 1987, ISBN 3-7274-0090-0, S. 77.</ref>
:„Allerdings ist das Verhältnis des Menschen zu diesen höheren Sinnen etwas anders als zu den körperlichen. Daß diese letzteren in ihm vollkommen ausgebildet werden, dafür sorgt in der Regel die gütige Mutter Natur. Sie kommen ohne sein Zutun zustande. An der Entwickelung seiner höheren Sinne muß er selbst arbeiten. Er muß Seele und Geist ausbilden, wenn er die Seelen- und Geisteswelt wahrnehmen will, wie die Natur seinen Leib ausgebildet hat, damit er seine körperliche Umwelt wahrnehmen und sich in ihr orientieren könne.“<ref>Rudolf Steiner: ''Theosophie.'' GA&nbsp;9. 6. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1987tb (Taschenbuchausgabe), ISBN 3-7274-0090-0, S.&nbsp;77–78. ([https://odysseetheater.org/GA/Buecher/GA_009.pdf#page=77&view=Fit Online])</ref>
 
Im Unterschied zur Entwicklung der physischen Sinnesorgane, die i.d.R. ganz natürlich vonstatten geht, muss der Mensch die Ausprägung feinerer Wahrnehmungsorgane selbst vollbringen:
:„Allerdings ist das Verhältnis des Menschen zu diesen höheren Sinnen etwas anders als zu den körperlichen. Daß diese letzteren in ihm vollkommen ausgebildet werden, dafür sorgt in der Regel die gütige Mutter Natur. Sie kommen ohne sein Zutun zustande. An der Entwickelung seiner höheren Sinne muß er selbst arbeiten. Er muß Seele und Geist ausbilden, wenn er die Seelen- und Geisteswelt wahrnehmen will, wie die Natur seinen Leib ausgebildet hat, damit er seine körperliche Umwelt wahrnehmen und sich in ihr orientieren könne.“<ref>Rudolf Steiner: ''Theosophie – Einführung in übersinnliche Weltanschauung und Menschenbestimmung.'' 6. Auflage. Rudolf-Steiner-Verlag, Dornach, Schweiz 1987, ISBN 3-7274-0090-0, S. 77.</ref>


Hierfür ist es notwendig, dass der Mensch sich selbst als geistiges Wesen begreift und seinen Körper als relativ nimmt. Der Körper spiegelt allerlei Begehrensformen, jedoch zeigt der Körper im Grunde nur den Hunger nach dem Geiste:
Hierfür ist es notwendig, dass der Mensch sich selbst als geistiges Wesen begreift und seinen Körper als relativ nimmt. Der Körper spiegelt allerlei Begehrensformen, jedoch zeigt der Körper im Grunde nur den Hunger nach dem Geiste:
:„Man muß sich mit einem seelischen Ruck aus dem Körper heben, um das Verlangen, das der Körper erzeugt, im Geiste zu befriedigen“<ref>Rudolf Steiner: ''Der Goetheanum-Gedanke inmitten der Kulturkrisis der Gegenwart.'' 6. Auflage. Verlag der Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung, Dornach, Schweiz 1961, ISBN 3-7274-0360-8, S. 74f..</ref>  
:„Man muß sich mit einem seelischen Ruck aus dem Körper heben, um das Verlangen, das der Körper erzeugt, im Geiste zu befriedigen.“<ref>Rudolf Steiner: ''Der Goetheanum-Gedanke inmitten der Kulturkrisis der Gegenwart.'' GA&nbsp;36. 1. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1961, ISBN 3-7274-0360-8, S.&nbsp;74–75. ([https://odysseetheater.org/GA/Buecher/GA_036.pdf#page=74&view=Fit Online])</ref>
Verzicht im Irdischen ist Voraussetzung für Geist-Erleben. Wenn der Mensch zu stark an das Irdische gebunden ist, ist es ihm im Weg auf der Suche nach dem Geistigen. In diesem Sinne kann Pratyahara als ein Element gesehen werden, die physischen Sinne in ihrer Dominanz zum Zurückweichen zu bringen und ein feineres Wahrnehmen zu entwickeln.
Verzicht im Irdischen ist Voraussetzung für Geist-Erleben. Wenn der Mensch zu stark an das Irdische gebunden ist, ist es ihm im Weg auf der Suche nach dem Geistigen. In diesem Sinne kann Pratyahara als ein Element gesehen werden, die physischen Sinne in ihrer Dominanz zum Zurückweichen zu bringen und ein feineres Wahrnehmen zu entwickeln.


== Verschiedene Aspekte von Pratyahara ==
== Verschiedene Aspekte von Pratyahara ==
Pratyahara, die Lenkung der Sinne kann unterschiedlich interpretiert und praktiziert werden. Ebenso gibt es verschiedene Aspekte und Ausarbeitungen, die von der Entwicklung des einzelnen Menschen bis hin zu einem zukünftigen Wissenschaftsverständnis reichen.


=== Sukadev über Pratyahara und seine Anwendung im Alltag ===
Pratyahara, die Lenkung der Sinne, kann unterschiedlich interpretiert und praktiziert werden. Ebenso gibt es darüber verschiedene Aspekte und Ausarbeitungen, die von der Entwicklung des einzelnen Menschen bis hin zu einem zukünftigen Wissenschaftsverständnis reichen.
Pratyahara heißt wörtlich „Rückzug“. Pratyahara hat tatsächlich verschiedene Bedeutungen.
 
Im Militärischen ist der Rückzug der Truppen Pratyahara. Man könnte fast sagen, Pratyahara ist so etwas wie ein militärischer Rückzug, ein Ausdruck daraus.
=== Praktische Umsetzung im Alltag ===
 
[[Datei:Meditation am Ganges.jpg|mini|Nach Sukadev Bretz kann Pratyahara eine Zeit des physischen Rückzugs bedeuten]]
Laut Sukadev Bretz, dem Begründer von Yoga Vidya, ist eine Bedeutung des Begriffes Pratyahara der Rückzug, englisch ''retreat'', beispielsweise eine Zeit, in der man nicht in Kontakt tritt mit Außenobjekten.
 
Konkret bedeute Pratyahara jedoch auch die Fähigkeit, seine Sinne von der Außenwelt zurückzuziehen. Normalerweise sind die fünf Sinne des Menschen dazu ausgerichtet, etwas wahrzunehmen. Die Augen wollen etwas sehen, die Ohren wollen etwas hören. Damit verbunden ist meist eine darauffolgende Reaktion, die Sukadev als würdeloses Verhalten bezeichnet: auf einen Außenreiz sofort zu reagieren.


Pratyahara bedeutet auch dass man sich zum Beispiel aus dem Leben zurückzieht, so etwas wie ein Retreat. Retreat ist ja ein englisches Wort, und heißt auch „Rückzug“. Retreat ist im Englischen ähnlich doppeldeutig, wie Pratyahara, der Rückzug der Truppen heißt nämlich auch Retreat. Und eine Zeit lang intensiv zu praktizieren, und vielleicht zu schweigen, mindestens nicht in Kontakt zu treten mit der Außenwelt, ist Pratyahara, ist ein Retreat. So ist Pratyahara auch eine Zeit des Rückzugs, wo man nicht in Kontakt tritt mit Außenobjekten.
Eine weitere Bedeutung von Pratyahara beschreibt Sukadev in der Fähigkeit, seinen Geist in eine meditative Stimmung zu versetzen, in welchem der Kontakt der Sinne mit der Umgebung keine Wichtigkeit mehr besitzt. Diesen Zustand erlangt man durch hohe Konzentration, bei der die Außenwelt in ihrer Wirkung zurückweicht und der Mensch beispielsweise Wärme oder Kälte kaum mehr wahrnimmt. Auch während des Schlafes sind die Sinne kaum in Kontakt mit der Umgebung.
:„Wenn du konzentriert bist oder dein Gemütszustand auf einer anderen Ebene ist, dann kommen deine Sinne nicht in Kontakt mit den Objekten. Und das bewusst herbeiführen zu können, das ist dann Pratyahara.“<ref>[https://www.youtube.com/watch?v=HUisd5kQLEo&t=680s ''Pratyahara im Patanjali Yoga Sutra – YVS518 – Kap. 2, Verse 54-55''] (Min. 11:20–11:40). Abgerufen am 17. November 2025.</ref>


Pratyahara ist aber konkret auch der Rückzug der Sinne. Das heißt, die Fähigkeit, seine Sinne abzuziehen vom Außen.
Sukadev benennt zwei Techniken für den Alltag, um die Reiz-Reaktions-Mechanismen zu durchbrechen, denen der Mensch meist unterliegt. Wenn durch einen Außenreiz ein Wunsch, ein Begehren oder auch Ablehnung geweckt werden, kann man


* Normalerweise wollen die Augen etwas sehen.
<div style="margin-left:15px">
* Normalerweise wollen die Ohren etwas hören.
* seinen Geist auf etwas Anderes richten, auf etwas Spirituelles, beispielsweise ein Mantra, und so die Aufmerksamkeit bewusst führen,
* Die Nase will etwas Angenehmes riechen.
* die Sinneswahrnehmung so lenken, dass man die Aufmerksamkeit in das Sinnesorgan selbst zurückzieht. Wenn also eine Störung durch das Sehen entsteht, soll man sich auf die Augen konzentrieren. So zieht man die Energie des Sehorgans zurück in das Auge selbst.
* Der Mund will etwas Angenehmes schmecken.
</div>
* Die Haut will eine angenehme Berührung haben,  
* seien es angenehme Temperaturen,  
* sei es angenehme Kleidung,  
* ein schönes Bett,  
* Zärtlichkeit usw.


Die fünf Sinne wollen das. Viele Menschen haben dort Reiz-Reaktions-Mechanismen. Man geht irgendwo vorbei, man riecht etwas Gutes, was gut schmeckt, rennt hin und isst es. Man hört irgendetwas, was man nicht mag es ändert die Stimmung. Man sieht etwas, und will es gleich haben. Man fühlt, es ist kalt, rennt zum Fenster und schließt es. Letztlich ist das alles ein würdeloses Betragen. Irgendwelche Knöpfe werden gedrückt, und Mensch rennt gleich. Pratyahara hat hier erstmal eine Ähnlichkeit mit Tapas, und mit Santosha: Santosha, Zufriedenheit, und Tapas eben Askese. Das ist schon mal wichtig. Und auch wie Asana: Eine Haltung, sich nicht so schnell beeinflussen zu lassen.
Ziel ist, dass kein Frust entsteht, sich selbst einen Wunsch zu untersagen, sondern frei vom Wunsch selbst zu werden.<ref>[https://www.youtube.com/watch?v=HUisd5kQLEo&t=860s ''Pratyahara im Patanjali Yoga Sutra – YVS518 Kap. 2, Verse 54-55''] (Min. 14:20–15:10). Abgerufen am 17. November 2025.</ref> Zum Erzeugen des Pratyahara, beispielsweise zu Beginn der Meditation, nennt er folgende mögliche Mittel:


Jetzt könnte man aber fragen: Wozu überhaupt noch Pratyahara?
<div style="margin-left:15px">
* Das Gebet im Sinne einer Hinwendung zu Gott,
* Visualisierungen, beispielsweise die Vorstellung, dass Licht in den Menschen einströmt,
* Positive Affirmationen, indem man beispielsweise bewusst macht, wozu Meditation gut ist,
* Bodyscan, bei dem man bewusst von unten nach oben durch den Körper geht,
* Tiefenentspannung üben.<ref>[https://www.youtube.com/watch?v=HUisd5kQLEo&t=1245s ''Pratyahara im Patanjali Yoga Sutra – YVS518 – Kap. 2, Verse 54-55''] (Min. 20:45–21:42). Abgerufen am 17. November 2025.</ref>
</div>


Pratyahara hat noch eine weitere Bedeutung. Pratyahara bedeutet auch, seinen Geist in eine meditative Stimmung zu versetzen, wo der Kontakt der Sinne zur Außenwelt nicht mehr von Bedeutung ist. Was schreibt Patanjali dazu tatsächlich? „Wenn die Sinne nicht in Kontakt mit den Objekten treten, gleichsam in die Natur des Geistes eingehen, entsteht Pratyahara.“
=== Voraussetzung für erfolgreiche Meditationspraxis ===


Sukadev benennt zwei Techniken für den Alltag, um die Reiz-Reaktions-Mechanismen zu durchbrechen, denen der Mensch meist unterliegt:
[[Datei:Swami Shivananda Liebe.jpg|mini|260px|Swami Sivananda]]
[[Swami Sivananda]] (1887–1963), indischer Arzt und spiritueller Meister, beschreibt den Prozess von Pratyahara als eine herausfordernde Disziplin, die Geduld und Ausdauer verlangt, jedoch mit der Zeit zu einer immensen Willensstärke führen kann. Dabei ist eine gewisse Behutsamkeit geboten in der Art, wie der Übende die Sinne zurückzieht:
:„Beim Üben von ''Pratyahara'' (Zurückziehen der Sinne von äußeren Objekten) musst du die nach außen strebenden Sinne wieder und wieder von den sinnlich wahrnehmbaren Dingen abziehen und den Geist auf dein ''Lakshya'' (Konzentrationspunkt) ausrichten, so wie ein Wagenlenker die ungestümen Ochsen am Zaum nimmt und sie ans Joch bindet. Du musst die Sinne sanft in die Spur ziehen. Manche Schüler zerren rüde an ihnen. Das ist der Grund, warum sie manchmal leichte Kopfschmerzen verspüren.“<ref name=":2">Swami Sivananda: [https://www.yoga-vidya.de/yoga-buch/sivananda/samadhi-yoga/kapitel-8-pratyahara/ ''Samadhi Yoga.''] Online verfügbar in: ''Yoga Vidya''. Abgerufen am 17. November 2025.</ref>


Wenn durch einen Außenreiz ein Wunsch, ein Begehren oder auch Ablehnung geweckt werden, kann man
Er gebraucht für die Beschreibung des Zusammenwirkens der Sinne mit dem Geist das Bild vom Oberbefehlshaber und den Soldaten:
:„Der Geist ist der Oberbefehlshaber. Die Sinne sind die Soldaten. Die Sinne können ohne die Mithilfe des Geistes überhaupt nichts ausrichten. Die Sinne können nichts unabhängig selbst tun. Sie können nur mit dem Geist zusammen arbeiten. Wenn du den Geist von den Sinnen trennen kannst, werden sich die Sinne automatisch zurückziehen.“<ref name=":2" />


# seinen Geist auf etwas Anderes richten, auf etwas Spirituelles, beispielsweise ein Mantra und so die Aufmerksamkeit bewusst führen,
Swami Sivananda sieht in Pratyahara die Voraussetzung für eine erfolgreiche Meditationspraxis. Generell empfiehlt er, mit der Praxis von Pratyahara zu beginnen, wenn man mit den ersten vier Stufen (Yama, Niyama, Asana, Pranayama) bereits erste erfolgreiche Schritte absolviert hat. Derjenige, der sofort zur Meditationspraxis übergeht, ohne sich in Pratyahara zu üben, wird laut Sivananda keinen Erfolg in der Kontemplation haben.
# die Sinneswahrnehmung so zu lenken, dass man die Aufmerksamkeit in das Sinnesobjekt selbst zurückzieht. Wenn also eine Störung durch das Sehen entsteht, soll man sich auf die Augen konzentrieren. So zieht man die Energie des Sehorgans zurück in das Auge selbst.


Ziel ist, dass kein Frust entsteht, sich selbst einen Wunsch zu untersagen, sondern frei vom Wunsch selbst zu werden.  
Dabei hat bereits das Üben von Pranayama, der Regulierung des Atems, eine Wirkung auf die Sinne, die zu einem ersten Zurückweichen gebracht werden:
:„Wenn die Lebenskraft durch die Regulierung oder das Anhalten des Atems kontrolliert wird, werden die Sinne ausgedünnt. Man lässt sie verhungern. Sie mergeln aus. Sie können jetzt nicht mehr fauchen, wenn sie mit den Objekten in Kontakt kommen.“<ref name=":2" />


Als weitere Form des Rückzugs der Sinne nennt Sukadev die Tiefenentspannung. Im Alltag verausgabt sich der Mensch oft mit den verschiedenen Sinnesreizen, die auf ihn einströmen. Das Gehirn hat hohe Beta-Wellen, der Sympathikus ist aktiviert, Stresshormone (Adrenalin) werden ausgeschüttet usw. Die entgegengesetzte Reaktion, Pratyahara, Rückzug, ist dann die Entspannungsreaktion, erzeugt durch Tiefenentspannungstechniken. (…) Und diese Tiefenentspannung ist so wichtig, auch wichtig, um dann im Alltag seine Sinne wieder gut nutzen zu können.
=== Loslösung und Neuanfang im Bewusstsein ===


Sukadev beschreibt weiterhin, wie man einen meditativen Gemütszustand in der Meditation erzeugen kann, den er ebenfalls mit pratyahara gleichsetzt. Laut ihm sind diese drei Stufen für Meditation notwendig:
[[Datei:Kurmasana verbessert.jpg|mini|390px|Kurmasana (Sanskrit कूर्मासन, IAST ''kūrmāsana''), deutsch „Schildkrötenstellung“, ist eine Yogastellung, bei deren Ausführung ein zusammengezogenes Zentriertsein empfunden werden kann.<ref>[https://www.youtube.com/watch?v=f7jSvVjm4tk ''Yoga: kurmasana – Schildkröte – la tartaruga – the tortoise pose.''] In: ''Yoga Arte'' (YouTube-Kanal). Abgerufen am 18. Dezember 2025.</ref>]]
[[a:Heinz Grill|Heinz Grill]] (* 1960), Autor und spiritueller Lehrer, beschreibt Pratyahara neben der Voraussetzung für die Meditationstätigkeit als Möglichkeit, eine Synthese zwischen Geist und Welt zu fördern, die weder einen Rückzug von der Außenwelt noch eine Weltverhaftung darstellt. Dieser Prozess ist dem natürlichen Sinnesprozess entgegengesetzt und durch eine gedanklich geführte Wahrnehmung motiviert:
:„Pratyahara ist eine Art Umkehrung der natürlichen Strömungsrichtung der Sinne, und sie geschieht durch die Initiation aus dem Geiste.“<ref>Heinz Grill: ''Die Vergeistigung des Leibes.'' 1. Auflage. Verlag für Schriften von Heinz Grill, Soyen 1995, ISBN 3-9802935-9-9, S.&nbsp;121.</ref>


* Asana: die ruhige Sitzhaltung
Für das Üben von Pratyahara empfiehlt er, die Augen geöffnet zu halten, um ein Träumen zu vermeiden. Als nächsten Schritt sollte sich der Übende bewusst werden, dass er über die Augen unbewusste Emotionen, Wünsche und intellektuelles Wissen transportiert:
* Pranayama: Pranaregulierung durch Atmung
:„Er blickt beispielsweise auf eine Waldlandschaft und überträgt sofort das Bedürfnis, dorthin einen Spaziergang zu unternehmen, mit seinem Sinnesprozess auf die gesehenen Bäume und Formen. Genau genommen erlebt sich der Mensch durch viele Bedürfnisse der Sympathie oder Antipathie und durch inneliegende Emotionen nicht in der Wirklichkeit der betrachteten Außenwelt, sondern er erlebt zu einem hohen Grade seine Innenwelt. […] Der erste Prozess, die Sinne frei von den eigenen Emotionen und den daraus entstehenden Projektionen zu machen, besteht darin, dass man ein Objekt in der Außenwelt oder beispielsweise eine Textstelle objektiv für längere Zeit, vielleicht für zwei bis fünf Minuten beobachtet. Schließlich wendet man den Blick von diesem Objekt hinweg und versucht, das Gesehene nach objektiven Kriterien zu beschreiben. Was und welche Worte standen in dem Text, wie ist der Hauptgedanke, die Aussage, das Satzgefüge nach gegebener Wirklichkeit? Unsicherheiten, die sich schließlich ergeben, können jederzeit durch eine Wiederholung der Sinnesbetrachtung überwunden werden, sodass die Wirklichkeit, wie sie ist, ganz zur Realität erscheint. Der sich so Übende gewinnt den Standpunkt des sogenannten Zeugen, der beispielsweise im Yoga ''sakshi'' genannt wird.“<ref>[https://heinz-grill.de/krebs-sonnenlicht-meditation/ ''Die Sinneslenkung und ihre heilsame Bedeutung.''] In: ''Beiträge zu einem neuen Yogawillen.'' Abgerufen am 11. November 2025.</ref>
* Pratyahara: den Geist hineinversetzen in eine meditative Stimmung, sodass die Sinne nicht nach außen gehen


Die Sinne gehen nach außen in einem bestimmten Modus des Geistes, und das ist der Alltagsmodus. Aber zum Beispiel im Tiefschlaf gehen die Sinne nicht nach außen. Du hast im Tiefschlaf keinen Hunger, du hast im Tiefschlaf keinen Durst. (Angenommen du fastest, und du bist vielleicht am dritten Tag des Fastens - für ungeübte Fastende oft der Tag, wo du doch ein bisschen frustriert bist, dass du mehr essen willst, dass du Fantasien hast, was du gerne essen willst…- aber wenn du im Tiefschlaf bist, nicht mehr.) Im Tiefschlaf bist du in einem Modus, wo die Sinne nicht nach außen gehen.) Aber diesen Modus, dass die Sinne nicht nach außen gehen, gibt es eben nicht nur im Tiefschlaf. Das geht ja auch im Alltag, wenn du gerade absorbiert bist in deine Arbeit. Dort spürst du weder die Temperatur, noch den Geruch, noch Hunger, noch stört dich die Autobahn, noch stören dich irgendwelche Computergeräusche. (Du wirst sogar etwaige Fiepser und Piepser deines Computers oder des Smartphones deines Kollegen nicht hören.) In bestimmten Modi des Geistes geht der Geist also nicht zu den Sinnen hin. Der Geist hat verschiedene Modi, man könnte sagen: Funktionszustände, und nur in einem konkreten gehen die Sinne nach außen. Und so ist Pratyahara das Erzeugen eines Gemütszustandes, in dem die Sinne keine Bedeutung mehr haben.  
Pratyahara bedeutet hier nicht, die Sinne vollständig zurückzuziehen oder die Augen zu schließen, sondern bezeichnet einen bewusst vorgenommenen Wahrnehmungsprozess, der das unbewusste und automatisch reagierende Innenleben zurückhält. In der Folge entwickelt der Mensch richtige, dem Sinnesobjekt entsprechende Vorstellungen:
:„Durch die sorgfältige Herangehensweise zu den verschiedenen Betrachtungen und ihrer Wiederholung, erweitert sich das Bewusstsein des Aspiranten und es entstehen relativ zügig die ersten richtigen Vorstellungen. Die betrachteten Sinnesobjekte sprechen sich mit der Disziplin der Wiederholung gegenüber der Seele des Menschen aus.“<ref>Heinz Grill: ''Die 7 Lebensjahrsiebte und die 7 Chakren. Ein praktischer Weg zur übersinnlichen Erkenntnisentwicklung.'' 5.&nbsp;Auflage. Synergia Verlag, Basel, Zürich, Roßdorf 2019, ISBN 978-3-907246-05-4, S.&nbsp;137.</ref>


Zum Erzeugen des Pratyahara, des meditativen Gemütszustandes nennt Sukadev folgende mögliche Mittel:
Bei Heinz Grill entspricht der Rückzug der Sinne, den Pratyahara beschreibt, dem Prozess von „Loslösung und Neuanfang“, einer Charakteristik des 5. Zentrums, des Vishuddha Chakra (Sanskrit विशुद्धचक्र, IAST ''viśuddha-cakra''). In allen Beziehungsformen, Übungen oder Gesprächen löst sich das Bewusstsein von den alten bekannten Formen los und gewinnt durch die Existenz des Gedankens eine Erfahrung, die über die alte Form hinausgeht.<ref>Heinz Grill: ''Die Seelendimension des Yoga.'' 7., unveränderte Auflage. Stephan Wunderlich Verlag, Sigmaringen 2022, ISBN 978-3-948193-00-3, S.&nbsp;58.</ref> Die sensorischen Nerven mit ihrer [[w:Afferent|afferenten]] (von lateinisch ''affere'' „hintragen, zuführen“) Funktion gewinnen durch die Loslösung von Altem und dem Neuanfang im Gedanken gegenüber den motorischen Nerven mit ihrer [[w:Efferent|efferenten]] (von lateinisch ''effere'' „hinaustragen, hinausführen“) Funktion die Oberhand.


* Gebet: Zu Anfang der Meditation kannst du dich an Gott wenden mit einem Gebet.
=== Sinneswahrnehmung und geistiger Inhalt führen zu Erkenntnis und Verbindung ===
* Visualisierungen: Du kannst dir vorstellen, das Licht in dich hineinströmt, dass du Licht zu allen Wesen schickst. Du kannst dir ein spirituelles Symbol vergegenwärtigen, oder du kannst dir vorstellen, dein Meister sitzt oder steht vor dir oder über dir, und segnet dich mit Licht.
* Positive Affirmationen: Du kannst dir bewusst werden, wofür Meditation gut ist.
* Bodyscan: Du kannst durch deinen Körper hindurchgehen, von unten nach oben.
* Tiefenentspannung üben zu Anfang der Meditation


=== Swami Sivananda über Pratyahara als Meditationsgrundlage ===
[[Datei:BhagavadGita-19th-century-Illustrated-Sanskrit-Chapter 1.20.21.jpg|mini|290px|Die Bhagavad Gita heißt übersetzt „Gesang des Erhabenen“]]
[[Swami Sivananda]] nennt Pratyahara als Voraussetzung für eine erfolgreiche Meditationspraxis:
Die [[a:Bhagavad Gita|Bhagavad Gita]] unterscheidet eine bloße Enthaltsamkeit, die noch nicht den Trieb in den Sinnen herauszunehmen vermag, von einer tieferen Erkenntnis, die läuternd auf die Sinne einwirkt. Im Kapitel II, Vers 59 steht:
:''viṣayā vinivartante nirāhārasya dehinaḥ rasavarjaṃ raso.apyasya paraṃ dṛṣṭvā nivartate''
:„Wenn jemand sich der Nahrung enthält, hören wohl die Gegenstände seiner Sinne auf zu wirken. Die Neigung in den Sinnen selbst, ''rasa'', bleibt jedoch bestehen. Wenn das Höchste geschaut wird, hört auch ''rasa'' auf.“<ref name=":3">Sri Aurobindo: ''Bhagavadgita'' (II, 59). S.&nbsp;21.</ref>


Der yogische Aspirant sollte beginnen, Pratyahara zu praktizieren, nachdem er einigen Erfolg in der Praxis von Yama, Niyama, Asana, Pranayama erreicht hat. Pratyahara ist Abstraktion oder zurückziehen der Sinne von ihren Objekten. Die Sinne werden durch diese Praxis in Schach gehalten. Wahres inneres Erleben beginnt, wenn der Aspirant in dieser Praxis etabliert ist. Der yogische Aspirant, der sofort zur Meditationspraxis springt, ohne Abstraktion zu praktizieren, ist eine getäuschte Seele. Er wird bei der Kontemplation keinen Erfolg haben. Pratyahara hält die Tendenz der Sinne, sich nach außen zu orientieren, an. Es schaltet sozusagen die Sinne aus. Pratyahara folgt automatisch auf die Pranayamapraxis. Wenn die Lebenskraft durch die Regulierung oder das Anhalten des Atems kontrolliert wird, werden die Sinne ausgedünnt. Man lässt sie verhungern. Sie mergeln aus. Sie können jetzt nicht mehr fauchen, wenn sie mit den Objekten in Kontakt kommen. Pratyahara ist eine schwierige Disziplin. Es ist am Anfang abscheulich, aber später wird es sehr interessant. Du wirst enorme innere Stärke fühlen. Es verlangt beträchtliche Geduld und Ausdauer. Es wird dir gewaltige Kraft verleihen. Du wirst immense Willensstärke entwickeln. Im Laufe der Praxis werden die Sinne wie ein wilder Stier immer und immer wieder zu den Objekten stürmen. Du wirst sie wieder und wieder zurückziehen müssen und den Geist auf den Lakshaya oder Punkt fixieren. Ein Yogi, der in der Praxis des Pratyahara bewandert ist, kann selbst auf einem Schlachtfeld, wo unzählige Maschinengewehre gefeuert werden, ruhig meditieren.  
[[Rudolf Steiner]] sagt, dass die sinnliche Wahrnehmung die Betrachtungsobjekte all dessen entkleidet – er gebraucht auch das Wort „auslöschen“ – was nichtsinnlich ist. Durch Hinzunahme eines geistigen Inhalts kann der Mensch wieder eine Verbindung zu dem Wesen der Sache schaffen:
:„Die sinnliche Wahrnehmung schaltet alles Nichtsinnliche von den Dingen aus. Die Dinge werden durch sie alles dessen entkleidet, was an ihnen nichtsinnlich ist. Schreite ich dann zu dem geistigen, dem ideellen Inhalt fort, so stelle ich nur dasjenige wieder her, was die sinnliche Wahrnehmung an den Dingen ausgelöscht hat. Somit zeigt mir die sinnliche Wahrnehmung nicht das tiefste Wesen der Dinge; sie trennt mich vielmehr von diesem Wesen. Die geistige, ideelle Erfassung verbindet mich aber wieder mit diesem Wesen.“<ref>Rudolf Steiner: ''Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens und ihr Verhältnis zur modernen Weltanschauung.'' GA&nbsp;7. 6. Auflage. Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung, Dornach 1987, ISBN 3-7274-0070-6, S.&nbsp;43. ([https://odysseetheater.org/GA/Buecher/GA_007.pdf#page=43&view=Fit Online])</ref>


In der Praxis des Pratyahara musst du die nach außen gehenden Sinne immer und immer wieder von den Sinnesobjekten zurückziehen und den Geist auf deinen Lakshya oder einen bestimmten Punkt fixieren, so wie der Karrenführer die ungestümen Bullen immer wieder zurückzieht und diese am Joch anspannt. Du musst besonders darauf achten, die Sinne sanft zurückzuziehen. Einige Aspiranten ziehen sie vehement zurück. Das ist der Grund, warum sie manchmal ein wenig Kopfweh haben.
=== Grundlage für effektives Lernen ===


Du solltest das zurückziehen der Sinne nacheinander praktizieren, einen nach dem anderen, beginnend mit dem turbulentesten. Wenn du versuchst, alle Sinne auf einmal zu beeinflussen, wirst du versagen. Der Geist ist der Oberbefehlshaber. Die Sinne sind die Soldaten. Die Sinne können ohne die Kooperation des Geistes nichts tun. Wenn du den Geist von den Sinnen abkoppeln kannst, wird die Abstraktion der Sinne automatisch passieren.
Die Disziplin des Pratyahara kann außerdem einen großen Einfluss auf die Lernfähigkeit eines Menschen haben. Bekannt ist, dass Kinder in den ersten Lebensmonaten und Lebensjahren enorme Lernschritte machen. Dies zeigt sich auch in der Synapsenbildung im Gehirn, die im Schnitt im 3. Lebensjahr einen Höhepunkt erreicht. Danach nimmt die Anzahl der Synapsen wieder ab, was bedeutet, dass der Mensch nicht mehr für alle Außenreize offen ist, sondern bereits erlernte und angelegte Bahnen bevorzugt. Er greift also tendenziell auf bereits bekannte Erfahrungen zurück. Dabei wird im emotionalen Erfahrungsgedächtnis beständig abgeglichen, ob eine Handlung mit dem Empfinden von Lust verbunden ist. Ist dies der Fall, so fühlt sich der Mensch motiviert, diese Handlung auch auszuführen.<ref>Dr. Edwin Ullmann: ''[https://www.uni-wuerzburg.de/fileadmin/43060000/04_Fort-_und_Weiterbildungen_Lehrkraefte/Herbsttagungen/Herbsttagung_2016/20161006_WS_04_Neurobiologie.pdf#page=15&view=fit Lernen aus neurobiologischer Perspektive.]'' S.&nbsp;15. Abgerufen am 13. November 2025.</ref>


=== Heinz Grill über Pratyahara zur Entwicklung objektbezogener Vorstellungen im Gegensatz zu subjektiven Projektionen ===
Durch die Anwendung von Pratyahara, dem geführten Sinnesprozess, lernt der Mensch, sich einer Sache hinzuwenden und eigene Sympathie- oder Antipathiegefühle zurückzustellen. Der Übende macht sich auf diese Weise unabhängig von seinen persönlichen Vorlieben oder Abneigungen und entwickelt eine Offenheit und ein erhöhtes [[Interesse]].
Heinz Grill beschreibt Pratyahara neben der Voraussetzung für die Meditationstätigkeit als Möglichkeit, eine Synthese zwischen Geist und Welt zu fördern:
:„Mit dem Begriff pratyahara stellt sich […] die philosophische Frage, ob dieser Rückzug der Sinne nur für die Meditation und deren Praxis gilt, oder ob man grundsätzlich im allgemeinen Leben ebenfalls eine exakte Kontrolle der Sinnesbewegungen praktizieren sollte. In asketischen Yogabewegungen dürfte diese Rückzugsneigung generell eine zwingende Gültigkeit besitzen. Will man jedoch mit den Yogabemühungen weniger einen Weltenrückzug leben, als vielmehr eine Art Synthese zwischen Welt und Geist fördern, so wird die Pforte von pratyahara noch einmal ganz wesentlich und verdient eine weitere differenzierte Betrachtung. Weder Weltverhaftung noch Weltentfremdung können dauerhafte Ziele eines im Westen praktizierten Yoga darstellen. Der Yogaübende wird wohl auf natürliche Weise eine persönliche Stabilität im irdischen Leben, das heißt in den körperlichen Umständen, bei gleichzeitig wachsender Universalität in seinem Selbstverständnis und Selbsterleben erstreben. Die gelungene Praxis von pratyahara eröffnet die Türe sowohl nach innen als auch im vernünftigen Maße nach außen.“<ref>[ https://wiki.yoga-vidya.de/Pratyahara_M%C3%B6glichkeiten_und_Vergleiche_zum_anthroposophischen_Schulungsweg/ ''Pratyahara Möglichkeiten und Vergleiche zum anthroposophischen Schulungsweg.''] In: ''Yogawiki.'' Abgerufen am 11. November 2025.</ref>


Grundsätzlich empfiehlt Heinz Grill für das Üben von Pratyahara, die Augen geöffnet zu halten, um ein Träumen zu vermeiden. Als nächsten Schritt sollte sich der Übende bewusst werden, dass er über die Augen unbewusste Emotionen, Wünsche und intellektuelles Wissen transportiert:
Die intensive Auseinandersetzung mit einem Thema, geführt von Interesse, führt zu sehr wirkungsvollen Lernprozessen und der Lernende verbindet sich in besonderem Maße mit dem selbst errungenen Wissen. Die hohe Anstrengung, die damit verbunden ist, erlebt der Lernende als angenehm und er kann sich leicht auf den Lernstoff konzentrieren.<ref>Andreas Krapp: [https://www.pedocs.de/volltexte/2018/13977/pdf/ZfPaed_1992_5_Krapp_Interesse_Lernen_und_Leistung.pdf#page=23&view=fit ''Interesse, Lernen und Leistung. Neue Forschungsansätze in der pädagogischen Psychologie. Zeitschrift für Pädagogik''.] (PDF; 1,7 MB), 1992, S.&nbsp;765. Abgerufen am 14.&nbsp;November 2025.</ref>
:„Er blickt beispielsweise auf eine Waldlandschaft und überträgt sofort das Bedürfnis, dorthin einen Spaziergang zu unternehmen, mit seinem Sinnesprozess auf die gesehenen Bäume und Formen. Genau genommen erlebt sich der Mensch durch viele Bedürfnisse der Sympathie oder Antipathie und durch inneliegende Emotionen nicht in der Wirklichkeit der betrachteten Außenwelt, sondern er erlebt zu einem hohen Grade seine Innenwelt. (…) Der erste Prozess, die Sinne frei von den eigenen Emotionen und den daraus entstehenden Projektionen zu machen, besteht darin, dass man ein Objekt in der Außenwelt oder beispielsweise eine Textstelle objektiv für längere Zeit, vielleicht für zwei bis fünf Minuten beobachtet. Schließlich wendet man den Blick von diesem Objekt hinweg und versucht, das Gesehene nach objektiven Kriterien zu beschreiben. Was und welche Worte standen in dem Text, wie ist der Hauptgedanke, die Aussage, das Satzgefüge nach gegebener Wirklichkeit? Unsicherheiten, die sich schließlich ergeben, können jederzeit durch eine Wiederholung der Sinnesbetrachtung überwunden werden, sodass die Wirklichkeit, wie sie ist, ganz zur Realität erscheint. Der sich so Übende gewinnt den Standpunkt des sogenannten Zeugen, der beispielsweise im Yoga sakshi genannt wird.<ref>[https://heinz-grill.de/krebs-sonnenlicht-meditation/ ''Die Sinneslenkung und ihre heilsame Bedeutung.''] In: ''Beiträge zu einem neuen Yogawillen.'' Abgerufen am 11. November 2025.</ref>


Laut Heinz Grill bedeutet pratyahara also nicht, die Sinne vollständig zurückzuziehen, die Augen zu schließen o.ä., sondern ein bewusst vorgenommener Wahrnehmungsprozess, der das unbewusste und automatisch reagierende Innenleben zurückhält. In der Folge entwickelt der Übende richtige, dem Sinnesobjekt entsprechende Vorstellungen.
=== Pratyahara und Naturwissenschaft ===
:„Durch die sorgfältige Herangehensweise zu den verschiedenen Betrachtungen und ihrer Wiederholung, erweitert sich das Bewusstsein des Aspiranten und es entstehen relativ zügig die ersten richtigen Vorstellungen. Die betrachteten Sinnesobjekte sprechen sich mit der Disziplin der Wiederholung gegenüber der Seele des Menschen aus.“<ref>Heinz Grill: ''Die 7 Lebensjahrsiebte und die 7 Chakren. Ein praktischer Weg zur übersinnlichen Erkenntnisentwicklung.'' 5. Auflage. Synergia Verlag, Basel, Zürich, Roßdorf 2019, ISBN 978-3-907246-05-4, S. 137.</ref>


=== Pratyahara als Grundlage für effektives Lernen ===
[[a:Johann Wolfgang von Goethe|Johann Wolfgang von Goethe]] (1749–1832), dessen naturwissenschaftliche Schriften im Vergleich zu seiner Dichtkunst noch relativ wenig beachtet sind, legte in seiner intensiven Forschung ebenfalls großen Wert auf die Art des Sinnesvorgangs. Ihm war es wichtig, innerhalb des Wahrnehmungs- und Erkenntnisprozesses den Menschen nicht vom Betrachtungsobjekt zu trennen, sondern beide in einem Gesamtzusammenhang zu sehen. Auf diese Weise würden sich Natur und Geist miteinander verbinden und gleichzeitig sich einander gegenüberstellen.<ref>Ernst Cassirer: [https://www.projekt-gutenberg.org/cassirer/ideegest/chap002.html ''Goethe und die mathematische Physik. Eine erkenntnistheoretische Betrachtung.''] In: ''Projekt Gutenberg.'' Aus seinem Werk: ''Idee und Gestalt. Goethe • Schiller • Hölderlin • Kleist.'' Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1971. Abgerufen am 12. November 2025.</ref>
Es ist bekannt, dass Kinder in den ersten Lebensmonaten und –jahren enorme Lernschritte machen. Dies zeigt sich auch in der Synapsenbildung im Gehirn, die im Schnitt im 3. Lebensjahr einen Höhepunkt erreicht:
:„Die Offenheit des Menschen für die vielen Lernmöglichkeiten spiegelt sich in der Anzahl der Synapsen wider, die sich in den ersten Lebensmonaten sprunghaft vermehren und bereits im Alter von 1 bis zu 3 Jahren den Höchststand in unserem Leben erreicht haben. Danach nimmt ihre Anzahl wieder ab, ein Zeichen dafür, dass wir nicht mehr für alle Reize offen sind, sondern bestimmte bereits erlernte Bahnen bevorzugen.<ref>[https://www.uni-wuerzburg.de/fileadmin/43060000/04_Fort-_und_Weiterbildungen_Lehrkraefte/Herbsttagungen/Herbsttagung_2016/20161006_WS_04_Neurobiologie.pdf ''Lernen aus neurobiologischer Perspektive.''] (PDF; 1,1 MB), 2016, S. 6, abgerufen am 13. November 2025.</ref>


Es werden also bereits gebildete Synapsenverbindungen bevorzugt, mit denen i.d.R. auch positive Erfahrungen verknüpft sind:
[[Datei:Antique_Telescope_at_the_Quito_Astronomical_Observatory_09.JPG|mini|330px|Antikes Teleskop aus El Centro Histórico de Quito (Historisches Zentrum in Quito)]]
: „Das emotionale Erfahrungsgedächtnis gleicht ständig ab, ob eine Handlung mit Lustempfindungen verbunden ist. Trifft dies zu, dann fühlen wir uns motiviert, diese Handlung auszuführen.<ref>[https://www.uni-wuerzburg.de/fileadmin/43060000/04_Fort-_und_Weiterbildungen_Lehrkraefte/Herbsttagungen/Herbsttagung_2016/20161006_WS_04_Neurobiologie.pdf ''Lernen aus neurobiologischer Perspektive.''] (PDF; 1,1 MB), 2016, S. 15, abgerufen am 13. November 2025.</ref>
Die gängige Forschung des 17. Jahrhunderts jedoch wurde mit der Entwicklung des Mikroskops und Teleskops maßgeblich beeinflusst und die Faszination, bisher Unsichtbares sichtbar zu machen, brachte es in der Folge mit sich, dem menschlichen Sinnesprozess zu misstrauen und somit auch die Objekte immer mehr vom Betrachter zu isolieren.<ref>Hartmut Böhme: ''[https://www.hartmutboehme.de/media/HB_Metaphysik_der_Erscheinungen.pdf#page=5&view=fit Die Metaphysik der Erscheinungen.]'' (PDF; 3,4&nbsp;MB), 2016, S.&nbsp;367. Abgerufen am 13. November 2025.</ref>


Durch die Anwendung von Pratyahara, dem geführten Sinnesprozess lernt der Mensch, sich einer Sache hinzuwenden und eigene Sympathie- oder Antipathiegefühle zurückzustellen. Der Übende macht sich auf diese Weise unabhängig von seinen persönlichen Vorlieben oder Abneigungen und entwickelt eine Offenheit und ein erhöhtes [[Interesse]]:
Goethe war kein Gegner der physikalischen Apparate, er machte im Gegenteil selbst davon Gebrauch, jedoch betonte er, dass es auf den Menschen ankomme, auf dessen Kenntnis und Fähigkeit, das Gesehene richtig zu deuten. Widmet sich jemand beispielsweise mikroskopischen Betrachtungen, so benötigt es Kenntnisse über die Gesetze des Sehens, über Licht und Schatten oder Perspektiven.<ref>Hartmut Böhme: ''[https://www.hartmutboehme.de/media/HB_Metaphysik_der_Erscheinungen.pdf#page=7&view=fit Die Metaphysik der Erscheinungen.]'' S.&nbsp;371. Abgerufen am 13. November 2025.</ref>
:„Interessen im Sinne individueller Wertschätzungen für bestimmte Gegenstandsbereiche und einer starken Neigung, mehr über diesen Gegenstandsbereich zu erfahren, haben ohne Zweifel einen erheblichen Einfluß auf den Prozeß und das Ergebnis des Lernens. Zahlreiche empirische Belege unterstützen die in älteren spekulativen Theorien geäußerte Vermutung, daß die interessenorientierte Auseinandersetzung mit einem bestimmten Themengebiet besonders intensive und wirkungsvolle Lernprozesse in Gang setzt. Lernen aus Interesse führt zu vergleichsweise umfangreichen, differenzierten und tief verankerten Wissensstrukturen (…). Trotz objektiv hoher Anstrengung erlebt der Lerner die Auseinandersetzung mit dem Gegenstand seines aktuellen Interesses als angenehm. Es fällt ihm leicht, seine Aufmerksamkeit auf den Lernstoff zu konzentrieren und er tendiert stärker als sonst dazu, ganz in der Beschäftigung mit einer Sache aufzugehen und Flow-ähnliche Zustände zu erleben.“<ref>[https://www.pedocs.de/volltexte/2018/13977/pdf/ZfPaed_1992_5_Krapp_Interesse_Lernen_und_Leistung.pdf, Andreas Krapp: ''Interesse, Lernen und Leistung. Neue Forschungsansätze in der pädagogischen Psychologie. Zeitschrift für Pädagogik''] (PDF; 1,7 MB), 1992, S. 765, abgerufen am 14. November 2025.</ref>


So sieht Goethe den Menschen mit seinen Sinnen als höchst bedeutsam für die Naturwissenschaft an und bemängelt, dass diese den Menschen aus ihrer Forschung heraushalten möchte:
:„Der Mensch an sich selbst, insofern er sich seiner gesunden Sinne bedient, ist der größte und genaueste Apparat, den es geben kann; und das ist eben das größte Unheil der neuern Physik, daß man die Experimente gleichsam vom Menschen abgesondert hat und bloß in dem, was künstliche Instrumente zeigen, die Natur erkennen, ja, was sie leisten kann, dadurch beschränken und beweisen will.“<ref>Johann Wolfgang v. Goethe: ''Wilhelm Meisters Wanderjahre.'' 1.&nbsp;Auflage. Insel Verlag, Frankfurt am Main 1982, ISBN 978-3-458-322757, S.&nbsp;479.</ref>


=== Der Zusammenhang von Sinneswahrnehmung und Erkenntnis bei Rudolf Steiner ===
Auch Rudolf Steiner sieht den Menschen als zentrales Element und beschreibt, wie die Naturvorgänge Fragen im Menschen wecken, wodurch er angeregt wird, sich tiefer mit diesen auseinanderzusetzen. Dieses Bedürfnis, eine Sache nach ihrem Wesen zu ergründen, ist für ihn wirkliche Wissenschaft, während er Forschungen, die einem äußeren Zweck dienen, beispielsweise der Weiterentwicklung der Technik, davon abgrenzt:
Die Bhagavadgita unterscheidet eine bloße Enthaltsamkeit, die noch nicht den Trieb in den Sinnen herauszunehmen vermag von einer tieferen Erkenntnis, die läuternd auf die Sinne einwirkt:
:„[…] Es ist etwas ganz anderes, die Vorgänge der Natur zu beobachten, um ihre Kräfte in den Dienst der Technik zu stellen, als mit Hilfe dieser Vorgänge tiefer in das Wesen der Naturwirksamkeit hineinzublicken suchen. Wahre Wissenschaft ist nur da vorhanden, wo der Geist Befriedigung ''seiner'' Bedürfnisse sucht, ''ohne äußeren Zweck''.“<ref>Rudolf Steiner: ''Einleitungen zu Goethes naturwissenschaftlichen Schriften.'' GA&nbsp;1. 4. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1987, ISBN 3-7274-0011-0, S.&nbsp;260. ([https://odysseetheater.org/GA/Buecher/GA_001.pdf#page=261&view=Fit Online])</ref>
:„Wenn jemand sich der Nahrung enthält, hören wohl die Gegenstände seiner Sinne auf zu wirken. Die Neigung in den Sinnen selbst, rasa, bleibt jedoch bestehen. Wenn das Höchste geschaut wird, hört auch rasa auf.“ <ref>Sri Aurobindo: ''Bhagavadgita.'' 4. Auflage. Verlag Hinder + Deelmann, Gladenbach (Hessen) 2005, ISBN 3-87348-163-4, S. 21.</ref>  


In diesem Sinne geht Pratyahara mit einem Erkenntnisprozess einher, der eintreten kann, wenn zur reinen Sinneswahrnehmung ein geistiger Inhalt hinzu kommt. So beschreibt Rudolf Steiner die Sinneswahrnehmung als etwas, das zunächst bei der rein äußeren Erscheinung bleibt und das innere Wesen des Betrachtungsobjektes auslöscht. Erst durch einen geistigen Inhalt kann der Mensch wieder eine Verbindung zu dem wirklichen Wesen schaffen:
== Wirkungen auf die Gesundheit ==
:„Die sinnliche Wahrnehmung schaltet alles Nichtsinnliche von den Dingen aus. Die Dinge werden durch sie alles dessen entkleidet, was an ihnen nichtsinnlich ist. Schreite ich dann zu dem geistigen, dem ideellen Inhalt fort, so stelle ich nur dasjenige wieder her, was die sinnliche Wahrnehmung an den Dingen ausgelöscht hat. Somit zeigt mir die sinnliche Wahrnehmung nicht das tiefste Wesen der Dinge; sie trennt mich vielmehr von diesem Wesen. Die geistige, ideelle Erfassung verbindet mich aber wieder mit diesem Wesen. Sie zeigt mir, daß die Dinge in ihrem Innern genau von demselben geistigen Wesen sind, wie ich selbst. Die Grenze zwischen mir und der Außenwelt fällt durch die geistige Erfassung der Welt dahin. Ich bin von der Außenwelt getrennt, insofern ich ein sinnliches Ding unter sinnlichen Dingen bin. Mein Auge und die Farbe sind zwei verschiedene Wesenheiten. Mein Gehirn und die Pflanze sind zweierlei. Aber der ideelle Inhalt der Pflanze und der Farbe gehören mit dem ideellen Inhalt meines Gehirns und des Auges einer einheitlichen ideellen Wesenheit an.“<ref>Rudolf Steiner: '' Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens und ihr Verhältnis zur modernen Weltanschauung.'' 6. Auflage. Rudolf-Steiner-Verlag, Dornach, Schweiz 1987, ISBN 3-7274-0070-6, S.43.</ref>


=== Pratyahara als Grundlage für eine moralische, zukünftige Wissenschaft ===
=== Tiefenentspannung und Regeneration ===
Goethe, dessen naturwissenschaftliche Schriften im Vergleich zu seiner Dichtkunst noch relativ wenig beachtet sind, legte in seiner intensiven Forschung ebenfalls großen Wert auf die Art des Sinnesvorgangs:
:„Mit geschärftem Sinn, in methodischer Klarheit und Helle richtete er sich nicht nur auf den Gegenstand, sondern auch auf das geistige Organ, mit welchem er ihn erfaßte. Er übte und empfahl diese Aufmerksamkeit, um die geistige Aktivität bildsam und rege zu erhalten – um verschiedenen gegenständlichen Forderungen mit verschiedenen und auf mannigfache Weise vorbereiteten Organen entgegenkommen und antworten zu können. So befaßte er in seiner Art des Anschauens nicht nur das Objekt selbst, sondern auch die »Weise des Sehens«, in der der Mensch Kunde vom Objekt erhält; und nur darauf drang er, daß beides nicht auseinandergerissen würde: daß in ein und demselben unteilbaren Grundakt »Natur« und »Geist« sich mit einander verknüpften und sich einander gegenüberstellten.“<ref>[https://www.projekt-gutenberg.org/cassirer/ideegest/chap002.html '' Goethe und die mathematische Physik. Eine erkenntnistheoretische Betrachtung.''] In: ''Projekt Gutenberg.'' Abgerufen am 12. November 2025.</ref>


Die gängige Forschung des 17. Jahrhunderts jedoch wurde mit der Entwicklung des Mikroskops und Teleskops maßgeblich beeinflusst und die Faszination, bisher Unsichtbares sichtbar zu machen, brachte es in der Folge mit sich, dem menschlichen Sinnesprozess zu misstrauen:
Sukadev Bretz beschreibt, wie durch Pratyahara eine Tiefenentspannung herbeigeführt werden kann, die wiederum sehr bedeutsam für die Regenerationsfähigkeit des menschlichen Körpers ist. [[w:Elektroenzephalografie|Beta-Wellen]], die im Wachzustand auftreten und in entsprechenden Situationen sogenannte Stresshormone erzeugen, werden weniger. Alphawellen, die beruhigende Neurotransmitter erzeugen, werden höher und es können sogar teilweise sogenannte Delta- oder Theta-Wellen auftreten, die bei tiefer Meditation oder im Schlaf aktiv sind. Dadurch wird die Regenerationsfähigkeit gefördert und das Immunsystem gestärkt.<ref>[https://www.youtube.com/watch?v=HUisd5kQLEo&t=1043s ''Pratyahara im Patanjali Yoga Sutra – YVS518 – Kap. 2, Verse 54-55''] (Min. 17:23–18:22). In: ''Yoga Vortrag – Yoga Vidya'' (YouTube-Kanal). Abgerufen am 17. November 2025.</ref>
:„Im 17. Jahrhundert setzt sich die Überzeugung durch, dass das, was den „unbewaffneten“ Sinnen zugänglich ist, ein falsches Weltbild erzeugt. Die sogenannte „Rettung der Phänomene“, wie sie von den Verteidigern des aristotelisch-ptolemäischen Systems und noch von Goethe praktiziert wird, erweist sich als Irrweg, auf dem man dem falschen Zeugnis des Auges vertraut.<ref>[https://www.hartmutboehme.de/media/HB_Metaphysik_der_Erscheinungen.pdf, Hartmut Böhme: ''Die Metaphysik der Erscheinungen.''] (PDF; 3,4 MB), 2016, S. 367, abgerufen am 13. November 2025.</ref>


Goethe war kein Gegner der physikalischen Apparate, im Gegenteil: er machte selbst davon Gebrauch. Jedoch betonte er, dass es auf den Menschen ankomme, auf dessen Kenntnis und Fähigkeit, das Gesehene richtig zu deuten:
Laut Heinz Grill stärken sich die sensorischen Nerven, wenn es gelingt, die mehr triebhaften, motorischen Nerven zunächst zu einem Zurückweichen zu bringen. Dominieren jedoch von Anfang an die automatisch ablaufenden, motorischen Prozesse den Sinnesprozess, erfahren die gesamten Nerven eine Schwächung und der Mensch ist gleich einem Spielball den verschiedenen Reizen, Suggestionen und Meinungen ausgesetzt.<ref name=":4">[https://heinz-grill.de/krebs-sonnenlicht-meditation/ ''Die Sinneslenkung und ihre heilsame Bedeutung.''] In: ''Beiträge zu einem neuen Yogawillen.'' Abgerufen am 11.&nbsp;November 2025.</ref>
:„(…) so ist jedem Naturforscher die vollständigste Kenntnis von Licht und Schatten und den Linien- und Luftperspektiven unerläßlich, da man ohne den Besitz dieser Kenntnisse weder richtige mikroskopische Beobachtungen machen kann, indem diese keine Überzeugung durchs Getaste gestatten, noch irgendeine Abbildung richtig zu beurteilen vermag. Die vollkommenste Kenntnis der Gesetze des Sehens, woraus hier das Wesen der Erscheinungen erkannt wird, (…) kann in der Naturwissenschaft nicht als eine unwesentliche Äußerlichkeit betrachtet (…) werden.<ref>[https://www.hartmutboehme.de/media/HB_Metaphysik_der_Erscheinungen.pdf, Hartmut Böhme: ''Die Metaphysik der Erscheinungen.''] (PDF; 3,4 MB), 2016, S. 371, abgerufen am 13. November 2025.</ref>


Goethe sieht den Menschen mit seinen Sinnen als höchst bedeutsam für die Naturwissenschaft an und bemängelt, dass diese den Menschen aus ihrer Forschung heraushalten möchte:
=== Antikanzerogene Wirkung ===
:„Der Mensch an sich selbst, insofern er sich seiner gesunden Sinne bedient, ist der größte und genaueste Apparat, den es geben kann; und das ist eben das größte Unheil der neuern Physik, daß man die Experimente gleichsam vom Menschen abgesondert hat und bloß in dem, was künstliche Instrumente zeigen, die Natur erkennen, ja, was sie leisten kann, dadurch beschränken und beweisen will.“<ref>Johann Wolfgang v. Goethe: ''Wilhelm Meisters Wanderjahre.'' 1. Auflage. Insel Verlag, Frankfurt am Main 1982, ISBN 978-3-458-322757, S. 479.</ref>


Auch Rudolf Steiner sieht den Menschen als zentrales Element und beschreibt, wie die Naturvorgänge Fragen im Menschen wecken, wodurch er angeregt wird, sich tiefer mit diesen auseinanderzusetzen. Dieses Bedürfnis, eine Sache nach ihrem Wesen zu ergründen ist für ihn wirkliche Wissenschaft, während er Forschungen, die einem äußeren Zweck dienen, beispielsweise der Weiterentwicklung der Technik davon abgrenzt:
Heinz Grill vergleicht die Wirkungen von Pratyahara, der Sinneslenkung mit denen des natürlichen Sonnenlichtes, das allgemein strukturierend und formgebend auf den Menschen wirkt und so dem formlosen Wucherwachstum und der Zelldegeneration bei Tumorerkrankungen entgegenwirkt:
:„Man muß den Mut haben, sich alles das gegenüber der Naturwissenschaft der Gegenwart zu gestehen, trotz der gewaltigen, bewundernswürdigen Errungenschaften, die dieselbe Naturwissenschaft auf technischem Gebiet zu verzeichnen hat. Denn diese Errungenschaften haben mit dem wahrhaften Bedürfnis nach Naturerkenntnis nichts zu tun. Wir haben es ja gerade an Zeitgenossen erlebt, denen wir Erfindungen verdanken, deren Bedeutung für die Zukunft sich noch lange gar nicht einmal ahnen läßt, daß ihnen ein tieferes wissenschaftliches Bedürfnis abgeht. Es ist etwas ganz anderes, die Vorgänge der Natur zu beobachten, um ihre Kräfte in den Dienst der Technik zu stellen, als mit Hilfe dieser Vorgänge tiefer in das Wesen der Naturwirksamkeit hineinzublicken suchen. Wahre Wissenschaft ist nur da vorhanden, wo der Geist Befriedigung seiner Bedürfnisse sucht, ohne äußeren Zweck.“<ref>Rudolf Steiner: ''Einleitungen zu Goethes naturwissenschaftlichen Schriften.'' 4. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach, Schweiz 1987, ISBN 3-7274-0011-0, S. 260.</ref>
:„Das natürliche Sonnenlicht, ungefiltert und rein, mild und erwärmend, schenkt für den menschlichen Organismus eine natürliche Anregung der Peripherie, die im Allgemeinen strukturierende Prozesse bis in das organische Innere fortleitet. […] Diese Entwicklungen eines gesunden Wahrnehmungs- und Sinnesprozesses, verbunden mit Gedankeninhalten, die nicht aus der motorischen und emotionalen Sphäre der menschlichen Wunschwelt kommen, geben wachsende Formkräfte, die sowohl bei Entzündungen als auch bei Zelldegenerationen eine heilsame Atmosphäre eröffnen.“<ref name=":4" />


== Wirkungen auf die Gesundheit ==
<gallery class="center" widths="275px" heights="270px">
=== Tiefenentspannung und Regeneration ===
  Rainforest Regenwald Australia (22865104000).jpg|Im Regenwald kommt durch die Vegetation nur wenig Licht in Bodennähe an. Daher sind große Blattgebilde und üppiges Wachstum typisch.
Sukadev beschreibt, wie durch pratyahara eine Tiefenentspannung herbeigeführt werden kann, die wiederum sehr bedeutsam für die Regenerationsfähigkeit des menschlichen Körpers ist:
Datei:Soldanella alpina.jpeg|Alpen-Soldanelle<br>Die Pflanzen in [[Alpenflora|Bergregionen]] sind starken Lichtwirkungen ausgesetzt und zeigen dadurch einen kleinere und strukturiertere Wuchs sowie eine intensive Farbe.
   
</gallery>
Tiefenentspannung führt dann dazu, dass die Beta-Wellen im Gehirn weniger werden, die Alpha-Wellen werden höher. Manchmal werden sogar Delta- oder Theta-Wellen höher. Andere Hirnregionen werden aktiv, die selektive Aktivierung einer Hirnregion in der Stressreaktion wird heruntergefahren, Stresshormone werden abgebaut, Glückshormone ausgeschüttet. Der ganze Organismus zieht sich nach innen zurück. Das ist wirklich Pratyahara. Dadurch werden Reparatur-Vorgänge verbessert, es werden Krankheitserreger besser vernichtet, das Immunsystem wird verbessert. Die innere Kreativität wird verbessert. In diesem Sinne heißt Tiefenentspannung ein Rückzug nach innen, und der gesamte Organismus kann sich besser regenerieren.  


Heinz Grill beschreibt eine Stärkung der sensorischen Nerven, die entsteht, wenn die mehr triebhaften, motorischen Nerven zunächst zu einem Zurückweichen gebracht werden:
=== Psychische Stabilisierung ===
:„Das sensible Nervensystem gewinnt eine deutliche Stärkung durch objektive und geführte Wahrnehmungen und in der Folge können auch die motorischen Nerven eine Stärkung erfahren. Überwiegen aber von allem Anfang die motorisch automatisierten Prozesse in den Sinnen, schwächen sich im Allgemeinen die gesamten Nerven und der Mensch ist wie ein Spielball von vielen Reizen, Meinungen und Suggestionen.“<ref>[https://heinz-grill.de/krebs-sonnenlicht-meditation/ ''Die Sinneslenkung und ihre heilsame Bedeutung.''] In: ''Beiträge zu einem neuen Yogawillen.'' Abgerufen am 11. November 2025.</ref>


=== Strukturbildende Kräfte und ihre antikanzerogene Wirkung ===
Die Bhagavadgita beschreibt im Kapitel II, Verse 64–65 als weiteren positiven Effekt von Pratyahara die Entwicklung der menschlichen Vernunft, für die eine objektive Anschauungsbildung eine notwendige Grundlage darstellt:
Heinz Grill vergleicht die Wirkungen von Pratyahara, der Sinneslenkung mit denen des natürlichen Sonnenlichtes, das allgemein strukturierend und formgebend auf den Menschen wirkt und so dem formlosen Wucherwachstum und der Zelldegeneration entgegenwirkt:
<poem style="margin-left:31px">
:„Das natürliche Sonnenlicht, ungefiltert und rein, mild und erwärmend, schenkt für den menschlichen Organismus eine natürliche Anregung der Peripherie, die im Allgemeinen strukturierende Prozesse bis in das organische Innere fortleitet. Das Gegenteil von formenden, strukturierenden Kräftewirkungen bilden die vielen Auflösevorgänge, die beispielsweise bei Entzündungen und zuletzt sogar bei der wuchernden Tumorkrank heit, bei der das Gewebe nicht nach geordnetem Aufbau eine natürliche und schöne Form gewinnt, sondern sich in chaotisierendem, undiffe renziertem Wachstum fortbewegt.(...) Diese Entwicklungen eines gesunden Wahrnehmungs- und Sinnesprozesses, verbunden mit Gedankeninhalten, die nicht aus der motorischen und emotionalen Sphäre der menschlichen Wunschwelt kommen, geben wachsende Formkräfte, die sowohl bei Entzündungen als auch bei Zelldegeneratio nen eine heilsame Atmosphäre eröffnen.“<ref>[https://heinz-grill.de/krebs-sonnenlicht-meditation/ ''Die Sinneslenkung und ihre heilsame Bedeutung.''] In: ''Beiträge zu einem neuen Yogawillen.'' Abgerufen am 11. November 2025.</ref>
''rāga dveṣa vimuktais tu viṣayā nindriyaiś caran ātmavaśyair vidheyātmā prasādam adhigacchati''
=== Psychische Stabilisierung und Resilienz ===
''prasāde sarvaduḥkhānāṃ hānirasyopajāyate  prasannacetaso hyāśu buddhiḥ paryavatiṣṭhate''
Die Bhagavadgita beschreibt als weiteren positiven Effekt von Pratyahara die Entwicklung der menschlichen Vernunft, für die eine objektive Anschauungsbildung eine notwendige Grundlage darstellt:
</poem>
:„Wer mit den Sinnen über die Gegenstände nur hinstreift, mit Sinnen, die dem Selbst untertan sind, und befreit von Begierde und Ablehnung, gelangt in eine weite und heitere Klarheit von Seele und Temperament. Leidenschaft und Kummer haben dort keinen Raum mehr. Die Vernunft eines solchen Menschen wird rasch und fest (an ihrem eigentlichen Ort) gegründet.“<ref> Sri Aurobindo: ''Bhagavadgita.'' 4. Auflage. Verlag Hinder + Deelmann, Gladenbach (Hessen) 2005, ISBN 3-87348-163-4, S. 21.</ref>
:„Wer mit den Sinnen über die Gegenstände nur hinstreift, mit Sinnen, die dem Selbst untertan sind, und befreit von Begierde und Ablehnung, gelangt in eine weite und heitere Klarheit von Seele und Temperament. Leidenschaft und Kummer haben dort keinen Raum mehr. Die Vernunft eines solchen Menschen wird rasch und fest (an ihrem eigentlichen Ort) gegründet.“<ref>Sri Aurobindo: ''Bhagavadgita'' (II, 64–65). S.&nbsp;21.</ref>


Durch diese „Gründung“ der Vernunft erfährt der Mensch insgesamt eine psychische Stabilität und er wird fähig, sowohl den angenehmen als auch den unangenehmen Erscheinungen der Welt bewusst gegenüberzutreten.
Durch diese „Gründung“ der Vernunft erfährt der Mensch insgesamt eine psychische Stabilität und er wird fähig, sowohl den angenehmen als auch den unangenehmen Erscheinungen der Welt bewusst gegenüberzutreten. Die Psychologie [[Viktor Emil Frankl|Viktor Frankl]]s beispielsweise beschäftigt sich mit der Sinnfrage, einer Frage, die für den Menschen von existenzieller Bedeutung ist. Um zu erkennen, welche Handlung in einer Situation sinnvoll ist, muss diese in ihrer ganzen Realität gesehen werden. In der sogenannten [[w:Sinnerfassungsmethode|Sinnerfassungsmethode]], eine von [[w:Alfried Längle|Alfried Längle]] (* 1951) im Rahmen der Logotherapie 1988 entwickelte Methode, bildet die Wahrnehmung der Realität den ersten Schritt, um über weitere Schritte schließlich zu einem adäquaten Handeln zu gelangen, zu dem sich der Mensch frei und selbstbestimmt entscheidet.<ref>Helene Drexler: [https://www.existenzanalyse.org/service/gle-downloads/forschungspublikationen/quantitative-forschung/?wppcp_file_download=yes&wppcp_private_file_id=158&wppcp_post_id=6844 ''Schritte zum Sinn. Die Methode zur Sinnerfassung.''] (PDF; 177 KB), 2004, S.&nbsp;36&nbsp;f. Abgerufen am 18.&nbsp;Dezember 2025.</ref>


== Literatur ==
== Literatur ==
* Ralph Skuban: ''Patanjalis Yogasutra: Der Königsweg zu einem weisen Leben.'' ARKANA Verlag, Göttingen 2011, ISBN ‎ 978-3442341078.
* Rudolf Steiner: ''Grenzen der Naturerkenntnis.''  [[a:GA&nbsp;322|GA&nbsp;322]] (1981), ISBN 3-7274-3220-9


== Siehe auch ==
== Siehe auch ==
* [[Interesse]]
* [[Geschmackssinn]]
* [[Grundlagen der Meditation]]
* [[a:Wahrnehmung|Wahrnehmung]] in AnthroWiki
* [[:Kategorie: Yoga]]
* [[:Kategorie: Entwicklung des Menschen]]
{{Gesundheitshinweis}}


== Einzelnachweise ==
== Einzelnachweise ==
<references />
<references />
{{Wikipedia|Pratyahara}}
{{Normdaten|TYP=s|GND=4033229-9}}
{{Button 'zurück nach oben'}}
{{Button 'zurück nach oben'}}
[[Kategorie:Yoga]]
[[Kategorie:Entwicklung des Menschen]]

Aktuelle Version vom 26. Februar 2026, 10:22 Uhr

Zitat des indischen Philosophen und Yogameisters Sri Aurobindo (1872–1950) aus „Briefe über den Yoga“[1]

Pratyahara ist die 5. Stufe der insgesamt acht Stufen des Ashtanga Yoga oder Raja Yoga, der von Patanjali im Yoga-Sutra beschrieben wurde. Pratyahara folgt auf Pranayama, der Beherrschung des Atems, gefolgt von den nächsten Stufen Dharana (Konzentration) Dhyana, der Meditation.

Es geht bei Pratyahara um die Disziplinierung der Sinne, wie Geschmack, Sehen, Hören, Riechen, Fühlen und des Geistes durch ein Sich-nach-innen-Richten.[2]

Durch diese Verinnerlichung des Bewusstseins werden Sinneseindrücke bewusst und kontrollierbar. Der Geist des Menschen soll zur Wahr­nehmung von Feinheiten geschult werden, die normalerweise den Sinnen verborgen sind.

Auf fortgeschrittenem Niveau wird auch gelehrt, wie die Aktivität der unwillkürlichen Muskulatur beeinflusst werden kann. Diese Techniken gehen fließend in das Pranayama über. Eine andere Technik des Pratyahara ist die Konzentration auf den Punkt zwischen den Augen­brauen, das Ajna-Chakra (drittes Auge).

Aus geistiger Sicht ist für Pratyahara der bewusst geführte Sinnesprozess von Bedeutung. Dieser findet im Prozess von „Loslösung und Neuanfang“ statt, bei dem in allen Beziehungsformen, Übungen oder Gesprächen der Mensch sein Bewusstsein von den alten bekannten Formen loslöst und durch die Existenz eines bewusst gedachten Gedankens eine Erfahrung gewinnt, die über die alte Form hinausgeht.

Etymologie und Interpretationen in alter Yogaliteratur

„Wer die Sinne von den Gegenständen der Sinne zurückzieht, so wie die Schildkröte ihre Glieder in ihren Panzer einzieht, – dessen Einsicht ruht auf starkem Fundament in der Weisheit.“
Bhagavad Gita (II, 58)[3]

Der Sanskrit-Begriff Pratyahara (Sanskrit प्रत्याहार, IAST pratyāhāra m.) leitet sich von der Verbwurzel hr „nehmen“ ab und erfährt eine Abwandlung zu hāra. Davor stehen die beiden Vorsilben ā „hin, zu, in Richtung“ und prati „zurück“, wobei prati durch das folgende ā zu praty wird. Pratyahara bedeutet wörtlich „Zurücknehmen“ oder „Zurückziehen“.[4]

Patanjali schreibt in Kapitel 2, Vers 54 und 55 des Yoga-Sutra:

svaviṣaya-asaṁprayoge cittasya svarūpānukāra-iv-endriyāṇāṁ pratyāhāraḥ ||54||
tataḥ paramā-vaśyatā indriyāṇām ||55||

„Wenn die Sinne nicht in Kontakt mit den Objekten treten, und gleichsam in die Natur des Geistes eingehen, dann entsteht Pratyahara (Zurückziehen der Sinne).“
„So entsteht die höchste Meisterschaft über die Sinne.“[5]

In den alten Schriften des Yoga finden sich unterschiedliche Interpretationen von Pratyahara. In den Yogasutras erklärt Patanjali, dass der Geist durch Pranayama eine Sammlung und Ausrichtung erfährt. Die Prashna Upanishad gebraucht für diesen Vorgang in Kapitel II, Vers 4 das Bild von den Bienen, die der Bienenkönigin überall hin folgen. Nachfolgend eine Übersetzung dieses Verses von Swami Sivananda:

„Aus Stolz stieg Prana sozusagen aus dem Körper empor. Als es emporstieg, stiegen auch alle anderen empor, und als es sich wieder niederließ, ließen sich auch alle anderen nieder. So wie Bienen ausfliegen, wenn ihre Königin ausfliegt, und zurückkehren, wenn sie zurückkehrt, so verhielten sich auch Sprache, Geist, Auge und Ohr. Zufrieden lobten sie Prana.“[6]

In der Gherandasamhita (17. Jahrhundert) findet sich im 4. Kapitel zu Pratyahara eine Interpratation, nach der man sich von guter oder schlechter Rede, von süßen oder schlechten Gerüchen, von süßem, saurem, bitterem oder zusammenziehendem Geschmack zurückziehen und alles unter die Kontrolle des Selbst bringen soll.[7]

Illustrierte Manuskriptdarstellung von Gorakhnath mit Ganesha

Die Vasishtha Samhita, die Yogayajnavalkya Samhita und die Shandilya Upanishad sprechen von einem „kraftvollen Zurückziehen“ (balat aharana), das der Mensch bei Pratyahara leisten muss, da es die Natur der Sinne sei, zu den Sinnesobjekten zu wandern.[4]

Nach Uwe Bräutigam gibt es eine weitere Interpretation von Pratyahara bei Gorakhnath (Anfang 11. Jh.), einem der Begründer des Hatha Yoga. „Bei ihm wird Pratyahara zu einer körperlichen Übung (Asana), nämlich zur Umkehrhaltung Viparita Karani.“ Hier komme die Vorstellung ins Spiel, dass der Kopf eine Schale sei, die mit dem Nektar der Unsterblichkeit Amrita (Sanskrit अमृत, IAST amṛta) gefüllt ist. Dieser Nektar tropfe stetig herunter zum Nabel und werde dort in der Region des Sonnengeflechts (Manipura Chakra) vom Feuer der Sonne verzehrt. Pratyahara ist nach Gorakhnath das Zurückhalten dieses Nektars durch das Einnehmen der Umkehrstellung.[4]

Die Entwicklung der Sinnesorgane

Die Sinnesorgane dienen dem Wahrnehmen und der Orientierung in der Außenwelt. Über sie nimmt der Mensch die physisch-sinnliche Welt wahr. Aus einer geistigen Sichtweise ist der Mensch nicht nur Teil der physischen, sondern gleichzeitig auch einer seelischen und geistigen Welt. Will er diese, den äußeren Sinnen unsichtbaren Welten wahrnehmen, so bedarf es nach Rudolf Steiner (1861–1925), dem Begründer der Anthroposophie, der Ausbildung seelisch-geistiger Wahrnehmungsorgane. Im Unterschied zur Entwicklung der physischen Sinnesorgane, die ganz natürlich vonstatten geht, muss der Mensch die Ausprägung feinerer Wahrnehmungsorgane selbst vollbringen:

„Allerdings ist das Verhältnis des Menschen zu diesen höheren Sinnen etwas anders als zu den körperlichen. Daß diese letzteren in ihm vollkommen ausgebildet werden, dafür sorgt in der Regel die gütige Mutter Natur. Sie kommen ohne sein Zutun zustande. An der Entwickelung seiner höheren Sinne muß er selbst arbeiten. Er muß Seele und Geist ausbilden, wenn er die Seelen- und Geisteswelt wahrnehmen will, wie die Natur seinen Leib ausgebildet hat, damit er seine körperliche Umwelt wahrnehmen und sich in ihr orientieren könne.“[8]

Hierfür ist es notwendig, dass der Mensch sich selbst als geistiges Wesen begreift und seinen Körper als relativ nimmt. Der Körper spiegelt allerlei Begehrensformen, jedoch zeigt der Körper im Grunde nur den Hunger nach dem Geiste:

„Man muß sich mit einem seelischen Ruck aus dem Körper heben, um das Verlangen, das der Körper erzeugt, im Geiste zu befriedigen.“[9]

Verzicht im Irdischen ist Voraussetzung für Geist-Erleben. Wenn der Mensch zu stark an das Irdische gebunden ist, ist es ihm im Weg auf der Suche nach dem Geistigen. In diesem Sinne kann Pratyahara als ein Element gesehen werden, die physischen Sinne in ihrer Dominanz zum Zurückweichen zu bringen und ein feineres Wahrnehmen zu entwickeln.

Verschiedene Aspekte von Pratyahara

Pratyahara, die Lenkung der Sinne, kann unterschiedlich interpretiert und praktiziert werden. Ebenso gibt es darüber verschiedene Aspekte und Ausarbeitungen, die von der Entwicklung des einzelnen Menschen bis hin zu einem zukünftigen Wissenschaftsverständnis reichen.

Praktische Umsetzung im Alltag

Nach Sukadev Bretz kann Pratyahara eine Zeit des physischen Rückzugs bedeuten

Laut Sukadev Bretz, dem Begründer von Yoga Vidya, ist eine Bedeutung des Begriffes Pratyahara der Rückzug, englisch retreat, beispielsweise eine Zeit, in der man nicht in Kontakt tritt mit Außenobjekten.

Konkret bedeute Pratyahara jedoch auch die Fähigkeit, seine Sinne von der Außenwelt zurückzuziehen. Normalerweise sind die fünf Sinne des Menschen dazu ausgerichtet, etwas wahrzunehmen. Die Augen wollen etwas sehen, die Ohren wollen etwas hören. Damit verbunden ist meist eine darauffolgende Reaktion, die Sukadev als würdeloses Verhalten bezeichnet: auf einen Außenreiz sofort zu reagieren.

Eine weitere Bedeutung von Pratyahara beschreibt Sukadev in der Fähigkeit, seinen Geist in eine meditative Stimmung zu versetzen, in welchem der Kontakt der Sinne mit der Umgebung keine Wichtigkeit mehr besitzt. Diesen Zustand erlangt man durch hohe Konzentration, bei der die Außenwelt in ihrer Wirkung zurückweicht und der Mensch beispielsweise Wärme oder Kälte kaum mehr wahrnimmt. Auch während des Schlafes sind die Sinne kaum in Kontakt mit der Umgebung.

„Wenn du konzentriert bist oder dein Gemütszustand auf einer anderen Ebene ist, dann kommen deine Sinne nicht in Kontakt mit den Objekten. Und das bewusst herbeiführen zu können, das ist dann Pratyahara.“[10]

Sukadev benennt zwei Techniken für den Alltag, um die Reiz-Reaktions-Mechanismen zu durchbrechen, denen der Mensch meist unterliegt. Wenn durch einen Außenreiz ein Wunsch, ein Begehren oder auch Ablehnung geweckt werden, kann man

  • seinen Geist auf etwas Anderes richten, auf etwas Spirituelles, beispielsweise ein Mantra, und so die Aufmerksamkeit bewusst führen,
  • die Sinneswahrnehmung so lenken, dass man die Aufmerksamkeit in das Sinnesorgan selbst zurückzieht. Wenn also eine Störung durch das Sehen entsteht, soll man sich auf die Augen konzentrieren. So zieht man die Energie des Sehorgans zurück in das Auge selbst.

Ziel ist, dass kein Frust entsteht, sich selbst einen Wunsch zu untersagen, sondern frei vom Wunsch selbst zu werden.[11] Zum Erzeugen des Pratyahara, beispielsweise zu Beginn der Meditation, nennt er folgende mögliche Mittel:

  • Das Gebet im Sinne einer Hinwendung zu Gott,
  • Visualisierungen, beispielsweise die Vorstellung, dass Licht in den Menschen einströmt,
  • Positive Affirmationen, indem man beispielsweise bewusst macht, wozu Meditation gut ist,
  • Bodyscan, bei dem man bewusst von unten nach oben durch den Körper geht,
  • Tiefenentspannung üben.[12]

Voraussetzung für erfolgreiche Meditationspraxis

Swami Sivananda

Swami Sivananda (1887–1963), indischer Arzt und spiritueller Meister, beschreibt den Prozess von Pratyahara als eine herausfordernde Disziplin, die Geduld und Ausdauer verlangt, jedoch mit der Zeit zu einer immensen Willensstärke führen kann. Dabei ist eine gewisse Behutsamkeit geboten in der Art, wie der Übende die Sinne zurückzieht:

„Beim Üben von Pratyahara (Zurückziehen der Sinne von äußeren Objekten) musst du die nach außen strebenden Sinne wieder und wieder von den sinnlich wahrnehmbaren Dingen abziehen und den Geist auf dein Lakshya (Konzentrationspunkt) ausrichten, so wie ein Wagenlenker die ungestümen Ochsen am Zaum nimmt und sie ans Joch bindet. Du musst die Sinne sanft in die Spur ziehen. Manche Schüler zerren rüde an ihnen. Das ist der Grund, warum sie manchmal leichte Kopfschmerzen verspüren.“[13]

Er gebraucht für die Beschreibung des Zusammenwirkens der Sinne mit dem Geist das Bild vom Oberbefehlshaber und den Soldaten:

„Der Geist ist der Oberbefehlshaber. Die Sinne sind die Soldaten. Die Sinne können ohne die Mithilfe des Geistes überhaupt nichts ausrichten. Die Sinne können nichts unabhängig selbst tun. Sie können nur mit dem Geist zusammen arbeiten. Wenn du den Geist von den Sinnen trennen kannst, werden sich die Sinne automatisch zurückziehen.“[13]

Swami Sivananda sieht in Pratyahara die Voraussetzung für eine erfolgreiche Meditationspraxis. Generell empfiehlt er, mit der Praxis von Pratyahara zu beginnen, wenn man mit den ersten vier Stufen (Yama, Niyama, Asana, Pranayama) bereits erste erfolgreiche Schritte absolviert hat. Derjenige, der sofort zur Meditationspraxis übergeht, ohne sich in Pratyahara zu üben, wird laut Sivananda keinen Erfolg in der Kontemplation haben.

Dabei hat bereits das Üben von Pranayama, der Regulierung des Atems, eine Wirkung auf die Sinne, die zu einem ersten Zurückweichen gebracht werden:

„Wenn die Lebenskraft durch die Regulierung oder das Anhalten des Atems kontrolliert wird, werden die Sinne ausgedünnt. Man lässt sie verhungern. Sie mergeln aus. Sie können jetzt nicht mehr fauchen, wenn sie mit den Objekten in Kontakt kommen.“[13]

Loslösung und Neuanfang im Bewusstsein

Kurmasana (Sanskrit कूर्मासन, IAST kūrmāsana), deutsch „Schildkrötenstellung“, ist eine Yogastellung, bei deren Ausführung ein zusammengezogenes Zentriertsein empfunden werden kann.[14]

Heinz Grill (* 1960), Autor und spiritueller Lehrer, beschreibt Pratyahara neben der Voraussetzung für die Meditationstätigkeit als Möglichkeit, eine Synthese zwischen Geist und Welt zu fördern, die weder einen Rückzug von der Außenwelt noch eine Weltverhaftung darstellt. Dieser Prozess ist dem natürlichen Sinnesprozess entgegengesetzt und durch eine gedanklich geführte Wahrnehmung motiviert:

„Pratyahara ist eine Art Umkehrung der natürlichen Strömungsrichtung der Sinne, und sie geschieht durch die Initiation aus dem Geiste.“[15]

Für das Üben von Pratyahara empfiehlt er, die Augen geöffnet zu halten, um ein Träumen zu vermeiden. Als nächsten Schritt sollte sich der Übende bewusst werden, dass er über die Augen unbewusste Emotionen, Wünsche und intellektuelles Wissen transportiert:

„Er blickt beispielsweise auf eine Waldlandschaft und überträgt sofort das Bedürfnis, dorthin einen Spaziergang zu unternehmen, mit seinem Sinnesprozess auf die gesehenen Bäume und Formen. Genau genommen erlebt sich der Mensch durch viele Bedürfnisse der Sympathie oder Antipathie und durch inneliegende Emotionen nicht in der Wirklichkeit der betrachteten Außenwelt, sondern er erlebt zu einem hohen Grade seine Innenwelt. […] Der erste Prozess, die Sinne frei von den eigenen Emotionen und den daraus entstehenden Projektionen zu machen, besteht darin, dass man ein Objekt in der Außenwelt oder beispielsweise eine Textstelle objektiv für längere Zeit, vielleicht für zwei bis fünf Minuten beobachtet. Schließlich wendet man den Blick von diesem Objekt hinweg und versucht, das Gesehene nach objektiven Kriterien zu beschreiben. Was und welche Worte standen in dem Text, wie ist der Hauptgedanke, die Aussage, das Satzgefüge nach gegebener Wirklichkeit? Unsicherheiten, die sich schließlich ergeben, können jederzeit durch eine Wiederholung der Sinnesbetrachtung überwunden werden, sodass die Wirklichkeit, wie sie ist, ganz zur Realität erscheint. Der sich so Übende gewinnt den Standpunkt des sogenannten Zeugen, der beispielsweise im Yoga sakshi genannt wird.“[16]

Pratyahara bedeutet hier nicht, die Sinne vollständig zurückzuziehen oder die Augen zu schließen, sondern bezeichnet einen bewusst vorgenommenen Wahrnehmungsprozess, der das unbewusste und automatisch reagierende Innenleben zurückhält. In der Folge entwickelt der Mensch richtige, dem Sinnesobjekt entsprechende Vorstellungen:

„Durch die sorgfältige Herangehensweise zu den verschiedenen Betrachtungen und ihrer Wiederholung, erweitert sich das Bewusstsein des Aspiranten und es entstehen relativ zügig die ersten richtigen Vorstellungen. Die betrachteten Sinnesobjekte sprechen sich mit der Disziplin der Wiederholung gegenüber der Seele des Menschen aus.“[17]

Bei Heinz Grill entspricht der Rückzug der Sinne, den Pratyahara beschreibt, dem Prozess von „Loslösung und Neuanfang“, einer Charakteristik des 5. Zentrums, des Vishuddha Chakra (Sanskrit विशुद्धचक्र, IAST viśuddha-cakra). In allen Beziehungsformen, Übungen oder Gesprächen löst sich das Bewusstsein von den alten bekannten Formen los und gewinnt durch die Existenz des Gedankens eine Erfahrung, die über die alte Form hinausgeht.[18] Die sensorischen Nerven mit ihrer afferenten (von lateinisch affere „hintragen, zuführen“) Funktion gewinnen durch die Loslösung von Altem und dem Neuanfang im Gedanken gegenüber den motorischen Nerven mit ihrer efferenten (von lateinisch effere „hinaustragen, hinausführen“) Funktion die Oberhand.

Sinneswahrnehmung und geistiger Inhalt führen zu Erkenntnis und Verbindung

Die Bhagavad Gita heißt übersetzt „Gesang des Erhabenen“

Die Bhagavad Gita unterscheidet eine bloße Enthaltsamkeit, die noch nicht den Trieb in den Sinnen herauszunehmen vermag, von einer tieferen Erkenntnis, die läuternd auf die Sinne einwirkt. Im Kapitel II, Vers 59 steht:

viṣayā vinivartante nirāhārasya dehinaḥ rasavarjaṃ raso.apyasya paraṃ dṛṣṭvā nivartate
„Wenn jemand sich der Nahrung enthält, hören wohl die Gegenstände seiner Sinne auf zu wirken. Die Neigung in den Sinnen selbst, rasa, bleibt jedoch bestehen. Wenn das Höchste geschaut wird, hört auch rasa auf.“[19]

Rudolf Steiner sagt, dass die sinnliche Wahrnehmung die Betrachtungsobjekte all dessen entkleidet – er gebraucht auch das Wort „auslöschen“ – was nichtsinnlich ist. Durch Hinzunahme eines geistigen Inhalts kann der Mensch wieder eine Verbindung zu dem Wesen der Sache schaffen:

„Die sinnliche Wahrnehmung schaltet alles Nichtsinnliche von den Dingen aus. Die Dinge werden durch sie alles dessen entkleidet, was an ihnen nichtsinnlich ist. Schreite ich dann zu dem geistigen, dem ideellen Inhalt fort, so stelle ich nur dasjenige wieder her, was die sinnliche Wahrnehmung an den Dingen ausgelöscht hat. Somit zeigt mir die sinnliche Wahrnehmung nicht das tiefste Wesen der Dinge; sie trennt mich vielmehr von diesem Wesen. Die geistige, ideelle Erfassung verbindet mich aber wieder mit diesem Wesen.“[20]

Grundlage für effektives Lernen

Die Disziplin des Pratyahara kann außerdem einen großen Einfluss auf die Lernfähigkeit eines Menschen haben. Bekannt ist, dass Kinder in den ersten Lebensmonaten und Lebensjahren enorme Lernschritte machen. Dies zeigt sich auch in der Synapsenbildung im Gehirn, die im Schnitt im 3. Lebensjahr einen Höhepunkt erreicht. Danach nimmt die Anzahl der Synapsen wieder ab, was bedeutet, dass der Mensch nicht mehr für alle Außenreize offen ist, sondern bereits erlernte und angelegte Bahnen bevorzugt. Er greift also tendenziell auf bereits bekannte Erfahrungen zurück. Dabei wird im emotionalen Erfahrungsgedächtnis beständig abgeglichen, ob eine Handlung mit dem Empfinden von Lust verbunden ist. Ist dies der Fall, so fühlt sich der Mensch motiviert, diese Handlung auch auszuführen.[21]

Durch die Anwendung von Pratyahara, dem geführten Sinnesprozess, lernt der Mensch, sich einer Sache hinzuwenden und eigene Sympathie- oder Antipathiegefühle zurückzustellen. Der Übende macht sich auf diese Weise unabhängig von seinen persönlichen Vorlieben oder Abneigungen und entwickelt eine Offenheit und ein erhöhtes Interesse.

Die intensive Auseinandersetzung mit einem Thema, geführt von Interesse, führt zu sehr wirkungsvollen Lernprozessen und der Lernende verbindet sich in besonderem Maße mit dem selbst errungenen Wissen. Die hohe Anstrengung, die damit verbunden ist, erlebt der Lernende als angenehm und er kann sich leicht auf den Lernstoff konzentrieren.[22]

Pratyahara und Naturwissenschaft

Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832), dessen naturwissenschaftliche Schriften im Vergleich zu seiner Dichtkunst noch relativ wenig beachtet sind, legte in seiner intensiven Forschung ebenfalls großen Wert auf die Art des Sinnesvorgangs. Ihm war es wichtig, innerhalb des Wahrnehmungs- und Erkenntnisprozesses den Menschen nicht vom Betrachtungsobjekt zu trennen, sondern beide in einem Gesamtzusammenhang zu sehen. Auf diese Weise würden sich Natur und Geist miteinander verbinden und gleichzeitig sich einander gegenüberstellen.[23]

Antikes Teleskop aus El Centro Histórico de Quito (Historisches Zentrum in Quito)

Die gängige Forschung des 17. Jahrhunderts jedoch wurde mit der Entwicklung des Mikroskops und Teleskops maßgeblich beeinflusst und die Faszination, bisher Unsichtbares sichtbar zu machen, brachte es in der Folge mit sich, dem menschlichen Sinnesprozess zu misstrauen und somit auch die Objekte immer mehr vom Betrachter zu isolieren.[24]

Goethe war kein Gegner der physikalischen Apparate, er machte im Gegenteil selbst davon Gebrauch, jedoch betonte er, dass es auf den Menschen ankomme, auf dessen Kenntnis und Fähigkeit, das Gesehene richtig zu deuten. Widmet sich jemand beispielsweise mikroskopischen Betrachtungen, so benötigt es Kenntnisse über die Gesetze des Sehens, über Licht und Schatten oder Perspektiven.[25]

So sieht Goethe den Menschen mit seinen Sinnen als höchst bedeutsam für die Naturwissenschaft an und bemängelt, dass diese den Menschen aus ihrer Forschung heraushalten möchte:

„Der Mensch an sich selbst, insofern er sich seiner gesunden Sinne bedient, ist der größte und genaueste Apparat, den es geben kann; und das ist eben das größte Unheil der neuern Physik, daß man die Experimente gleichsam vom Menschen abgesondert hat und bloß in dem, was künstliche Instrumente zeigen, die Natur erkennen, ja, was sie leisten kann, dadurch beschränken und beweisen will.“[26]

Auch Rudolf Steiner sieht den Menschen als zentrales Element und beschreibt, wie die Naturvorgänge Fragen im Menschen wecken, wodurch er angeregt wird, sich tiefer mit diesen auseinanderzusetzen. Dieses Bedürfnis, eine Sache nach ihrem Wesen zu ergründen, ist für ihn wirkliche Wissenschaft, während er Forschungen, die einem äußeren Zweck dienen, beispielsweise der Weiterentwicklung der Technik, davon abgrenzt:

„[…] Es ist etwas ganz anderes, die Vorgänge der Natur zu beobachten, um ihre Kräfte in den Dienst der Technik zu stellen, als mit Hilfe dieser Vorgänge tiefer in das Wesen der Naturwirksamkeit hineinzublicken suchen. Wahre Wissenschaft ist nur da vorhanden, wo der Geist Befriedigung seiner Bedürfnisse sucht, ohne äußeren Zweck.“[27]

Wirkungen auf die Gesundheit

Tiefenentspannung und Regeneration

Sukadev Bretz beschreibt, wie durch Pratyahara eine Tiefenentspannung herbeigeführt werden kann, die wiederum sehr bedeutsam für die Regenerationsfähigkeit des menschlichen Körpers ist. Beta-Wellen, die im Wachzustand auftreten und in entsprechenden Situationen sogenannte Stresshormone erzeugen, werden weniger. Alphawellen, die beruhigende Neurotransmitter erzeugen, werden höher und es können sogar teilweise sogenannte Delta- oder Theta-Wellen auftreten, die bei tiefer Meditation oder im Schlaf aktiv sind. Dadurch wird die Regenerationsfähigkeit gefördert und das Immunsystem gestärkt.[28]

Laut Heinz Grill stärken sich die sensorischen Nerven, wenn es gelingt, die mehr triebhaften, motorischen Nerven zunächst zu einem Zurückweichen zu bringen. Dominieren jedoch von Anfang an die automatisch ablaufenden, motorischen Prozesse den Sinnesprozess, erfahren die gesamten Nerven eine Schwächung und der Mensch ist gleich einem Spielball den verschiedenen Reizen, Suggestionen und Meinungen ausgesetzt.[29]

Antikanzerogene Wirkung

Heinz Grill vergleicht die Wirkungen von Pratyahara, der Sinneslenkung mit denen des natürlichen Sonnenlichtes, das allgemein strukturierend und formgebend auf den Menschen wirkt und so dem formlosen Wucherwachstum und der Zelldegeneration bei Tumorerkrankungen entgegenwirkt:

„Das natürliche Sonnenlicht, ungefiltert und rein, mild und erwärmend, schenkt für den menschlichen Organismus eine natürliche Anregung der Peripherie, die im Allgemeinen strukturierende Prozesse bis in das organische Innere fortleitet. […] Diese Entwicklungen eines gesunden Wahrnehmungs- und Sinnesprozesses, verbunden mit Gedankeninhalten, die nicht aus der motorischen und emotionalen Sphäre der menschlichen Wunschwelt kommen, geben wachsende Formkräfte, die sowohl bei Entzündungen als auch bei Zelldegenerationen eine heilsame Atmosphäre eröffnen.“[29]

Psychische Stabilisierung

Die Bhagavadgita beschreibt im Kapitel II, Verse 64–65 als weiteren positiven Effekt von Pratyahara die Entwicklung der menschlichen Vernunft, für die eine objektive Anschauungsbildung eine notwendige Grundlage darstellt:

rāga dveṣa vimuktais tu viṣayā nindriyaiś caran ātmavaśyair vidheyātmā prasādam adhigacchati
prasāde sarvaduḥkhānāṃ hānirasyopajāyate prasannacetaso hyāśu buddhiḥ paryavatiṣṭhate

„Wer mit den Sinnen über die Gegenstände nur hinstreift, mit Sinnen, die dem Selbst untertan sind, und befreit von Begierde und Ablehnung, gelangt in eine weite und heitere Klarheit von Seele und Temperament. Leidenschaft und Kummer haben dort keinen Raum mehr. Die Vernunft eines solchen Menschen wird rasch und fest (an ihrem eigentlichen Ort) gegründet.“[30]

Durch diese „Gründung“ der Vernunft erfährt der Mensch insgesamt eine psychische Stabilität und er wird fähig, sowohl den angenehmen als auch den unangenehmen Erscheinungen der Welt bewusst gegenüberzutreten. Die Psychologie Viktor Frankls beispielsweise beschäftigt sich mit der Sinnfrage, einer Frage, die für den Menschen von existenzieller Bedeutung ist. Um zu erkennen, welche Handlung in einer Situation sinnvoll ist, muss diese in ihrer ganzen Realität gesehen werden. In der sogenannten Sinnerfassungsmethode, eine von Alfried Längle (* 1951) im Rahmen der Logotherapie 1988 entwickelte Methode, bildet die Wahrnehmung der Realität den ersten Schritt, um über weitere Schritte schließlich zu einem adäquaten Handeln zu gelangen, zu dem sich der Mensch frei und selbstbestimmt entscheidet.[31]

Literatur

  • Ralph Skuban: Patanjalis Yogasutra: Der Königsweg zu einem weisen Leben. ARKANA Verlag, Göttingen 2011, ISBN ‎ 978-3442341078.
  • Rudolf Steiner: Grenzen der Naturerkenntnis. GA 322 (1981), ISBN 3-7274-3220-9

Siehe auch

Bitte beachten Sie den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

Einzelnachweise

  1. Briefe über den Yoga. Erfahrung und Verwirklichung. Band 4. S. 128. Abgerufen am 20. Dezember 2025.
  2. B. K. S. Iyengar: Licht auf Yoga. Das grundlegende Lehrbuch des Hatha-Yoga. Nikol-Verlag, Hamburg 2013, ISBN 978-3-86820-175-8, S. 39–41
  3. Sri Aurobindo: Bhagavadgita (II, 58). 4. Auflage. Verlag Hinder + Deelmann, Gladenbach (Hessen) 2005, ISBN 3-87348-163-4, S. 20.
  4. 4,0 4,1 4,2 Einführung in den Kriya-Yoga. In: paranormal.de. PDF, S. 25. Abgerufen am 21. Dezember 2025.
  5. Raja Yoga Sutra von Patanjali. In: Yoga Vidya Schriften. Siehe Verse 54 und 55. Abgerufen am 18. November 2025.
  6. Prashna Upanishad – II – Discussion of Devas – 4. In: shlokam.org. Abgerufen am 21. Dezember 2025.
  7. Gheranda Samhita, Sanskrit-English. Sri Satguru Publications, SSP Edition, Delhi 1979, S. 36.
  8. Rudolf Steiner: Theosophie. GA 9. 6. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1987tb (Taschenbuchausgabe), ISBN 3-7274-0090-0, S. 77–78. (Online)
  9. Rudolf Steiner: Der Goetheanum-Gedanke inmitten der Kulturkrisis der Gegenwart. GA 36. 1. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1961, ISBN 3-7274-0360-8, S. 74–75. (Online)
  10. Pratyahara im Patanjali Yoga Sutra – YVS518 – Kap. 2, Verse 54-55 (Min. 11:20–11:40). Abgerufen am 17. November 2025.
  11. Pratyahara im Patanjali Yoga Sutra – YVS518 – Kap. 2, Verse 54-55 (Min. 14:20–15:10). Abgerufen am 17. November 2025.
  12. Pratyahara im Patanjali Yoga Sutra – YVS518 – Kap. 2, Verse 54-55 (Min. 20:45–21:42). Abgerufen am 17. November 2025.
  13. 13,0 13,1 13,2 Swami Sivananda: Samadhi Yoga. Online verfügbar in: Yoga Vidya. Abgerufen am 17. November 2025.
  14. Yoga: kurmasana – Schildkröte – la tartaruga – the tortoise pose. In: Yoga Arte (YouTube-Kanal). Abgerufen am 18. Dezember 2025.
  15. Heinz Grill: Die Vergeistigung des Leibes. 1. Auflage. Verlag für Schriften von Heinz Grill, Soyen 1995, ISBN 3-9802935-9-9, S. 121.
  16. Die Sinneslenkung und ihre heilsame Bedeutung. In: Beiträge zu einem neuen Yogawillen. Abgerufen am 11. November 2025.
  17. Heinz Grill: Die 7 Lebensjahrsiebte und die 7 Chakren. Ein praktischer Weg zur übersinnlichen Erkenntnisentwicklung. 5. Auflage. Synergia Verlag, Basel, Zürich, Roßdorf 2019, ISBN 978-3-907246-05-4, S. 137.
  18. Heinz Grill: Die Seelendimension des Yoga. 7., unveränderte Auflage. Stephan Wunderlich Verlag, Sigmaringen 2022, ISBN 978-3-948193-00-3, S. 58.
  19. Sri Aurobindo: Bhagavadgita (II, 59). S. 21.
  20. Rudolf Steiner: Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens und ihr Verhältnis zur modernen Weltanschauung. GA 7. 6. Auflage. Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung, Dornach 1987, ISBN 3-7274-0070-6, S. 43. (Online)
  21. Dr. Edwin Ullmann: Lernen aus neurobiologischer Perspektive. S. 15. Abgerufen am 13. November 2025.
  22. Andreas Krapp: Interesse, Lernen und Leistung. Neue Forschungsansätze in der pädagogischen Psychologie. Zeitschrift für Pädagogik. (PDF; 1,7 MB), 1992, S. 765. Abgerufen am 14. November 2025.
  23. Ernst Cassirer: Goethe und die mathematische Physik. Eine erkenntnistheoretische Betrachtung. In: Projekt Gutenberg. Aus seinem Werk: Idee und Gestalt. Goethe • Schiller • Hölderlin • Kleist. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1971. Abgerufen am 12. November 2025.
  24. Hartmut Böhme: Die Metaphysik der Erscheinungen. (PDF; 3,4 MB), 2016, S. 367. Abgerufen am 13. November 2025.
  25. Hartmut Böhme: Die Metaphysik der Erscheinungen. S. 371. Abgerufen am 13. November 2025.
  26. Johann Wolfgang v. Goethe: Wilhelm Meisters Wanderjahre. 1. Auflage. Insel Verlag, Frankfurt am Main 1982, ISBN 978-3-458-322757, S. 479.
  27. Rudolf Steiner: Einleitungen zu Goethes naturwissenschaftlichen Schriften. GA 1. 4. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1987, ISBN 3-7274-0011-0, S. 260. (Online)
  28. Pratyahara im Patanjali Yoga Sutra – YVS518 – Kap. 2, Verse 54-55 (Min. 17:23–18:22). In: Yoga Vortrag – Yoga Vidya (YouTube-Kanal). Abgerufen am 17. November 2025.
  29. 29,0 29,1 Die Sinneslenkung und ihre heilsame Bedeutung. In: Beiträge zu einem neuen Yogawillen. Abgerufen am 11. November 2025.
  30. Sri Aurobindo: Bhagavadgita (II, 64–65). S. 21.
  31. Helene Drexler: Schritte zum Sinn. Die Methode zur Sinnerfassung. (PDF; 177 KB), 2004, S. 36 f. Abgerufen am 18. Dezember 2025.
Dieser Artikel basiert teilweise auf dem Artikel Pratyahara aus der freien Enzyklopädie de.wikipedia.org und steht dort unter der Lizenz Creative-Commons Namensnennung-ShareAlike 4.0 International. In Wikipedia ist eine Liste der Autoren einsehbar.


zurück nach oben