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Als Ursprungsgebiet der Gerste gilt der Fruchtbare Halbmond (Wiege der Landwirtschaft) im Nahen Osten und der östliche [[w:Balkanhalbinsel|Balkan]] (Bulgarien, Rumänien, Griechenland). Sie wurde vor rund 10.000 Jahren ausgehend von der Wildgerste (''Hordeum spontaneum'') domestiziert, d.h. züchterisch zum besseren Nutzen des Menschen verändert. Als Wildgerste wurde sie jedoch nachweislich bereits um 48 000 vor Christus gesammelt. <ref name=":FACA" /> Bei Wildgerste fallen die reifen Körner aus der Ähre, was die Ernte mühsam macht. Kulturgerste entstand wahrscheinlich durch eine nicht gezielte Auslese der Menschen, die bevorzugt eine [[w:Mutation|Mutation]] ernteten und pflegten, bei der die reifen Körner in der Ähre blieben.<ref name="Mithen" /> | Als Ursprungsgebiet der Gerste gilt der Fruchtbare Halbmond (Wiege der Landwirtschaft) im Nahen Osten und der östliche [[w:Balkanhalbinsel|Balkan]] (Bulgarien, Rumänien, Griechenland). Sie wurde vor rund 10.000 Jahren ausgehend von der Wildgerste (''Hordeum spontaneum'') domestiziert, d.h. züchterisch zum besseren Nutzen des Menschen verändert. Als Wildgerste wurde sie jedoch nachweislich bereits um 48 000 vor Christus gesammelt. <ref name=":FACA" /> Bei Wildgerste fallen die reifen Körner aus der Ähre, was die Ernte mühsam macht. Kulturgerste entstand wahrscheinlich durch eine nicht gezielte Auslese der Menschen, die bevorzugt eine [[w:Mutation|Mutation]] ernteten und pflegten, bei der die reifen Körner in der Ähre blieben.<ref name="Mithen" /> | ||
Die starke Anpassungsfähigkeit der Gerste an verschiedene klimatische Zonen bewirkte einen großen Formenreichtum, der sich darin ausdrückt, dass es 2-, 4- und 6zeilige Gersten gibt. Die Gerste entwickelte diesen Formenreichtum an drei Stellen der Erde und zwar vor allem im Hochland von Erythrea und Abessinien, im Osten Tibets, dem östlichen Himalaja bis Japan hin auslaufend sowie in Westpersien, Armenien und Ostanatolien. | Die starke Anpassungsfähigkeit der Gerste an verschiedene klimatische Zonen bewirkte einen großen Formenreichtum, der sich darin ausdrückt, dass es 2-, 4- und 6zeilige Gersten gibt. Die Gerste entwickelte diesen Formenreichtum an drei Stellen der Erde und zwar vor allem im Hochland von Erythrea und Abessinien, im Osten Tibets, dem östlichen Himalaja bis Japan hin auslaufend sowie in Westpersien, Armenien und Ostanatolien.<ref name=":UR">Udo Renzenbrink: ''Die sieben Getreide.'' S. 76-79.</ref> | ||
Seit der Jungsteinzeit (5500 v. Chr.) wird auch in Mitteleuropa Gerste angebaut. Hier gedeiht sie am besten im sommerkühlen Klima auf fruchtbaren, mäßig trockenen, basenreichen, neutralen, tiefgründigen Lehmböden mit einer guten Wasserführung.<ref name="Conert1997" /> | Seit der Jungsteinzeit (5500 v. Chr.) wird auch in Mitteleuropa Gerste angebaut. Hier gedeiht sie am besten im sommerkühlen Klima auf fruchtbaren, mäßig trockenen, basenreichen, neutralen, tiefgründigen Lehmböden mit einer guten Wasserführung.<ref name="Conert1997" /> | ||
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== Verbreitung == | == Verbreitung == | ||
Infolge ihrer klimatischen Anpassungsfähigkeit, sie verträgt sowohl Trockenheit als auch Frost und sogar salzhaltigen Boden,<ref name="Conert1997" /> gedeiht Gerste in den verschiedensten klimatischen und geografischen Verhältnissen gut und ist daher über fast alle Länder der Erde verbreitet. Sie gedeiht noch auf den Alkaliböden der tief liegenden Wüsten in Ägypten, Turkestan und Australien sowie auf den Hochebenen Südafrikas und Südamerikas.<ref name="Conert1997" /> Sie wächst bei 5 bis 10° C Bodenwärme ebensogut wie bei 30° C. Von allen Getreidearten wächst sie am weitesten im Norden. Ihre nördlichste Grenze ist deshalb identisch mit der Polargrenze des Getreidebaues insgesamt. Ebensogut gedeiht sie in den Subtropen des östlichen und südlichen Mittelmeergebietes und ist hier sehr stark verbreitet; man findet sie ebenfalls in weiten Gebieten Südrußlands.<br>An Wasser stellt sie geringe Ansprüche und gedeiht noch bei einem Jahresniederschlag von nur 370 bis 400 mm.<br>Gerste hat eine sehr kurze Vegetationszeit (mit 110 Tagen die kürzeste Vegetationszeit unter den Getreiden) und kann auch deshalb von allen Getreidearten am höchsten in gebirgige Lagen mit ihren kürzeren Vegetationsperioden vordringen. So gedeiht sie in den Alpen bis in Höhen von 1900 m, im Kaukasus bis 2700 m, im Hindukusch bis 3050 m und in Tibet sogar bis in 4700 m Höhe.<ref>[https://kreis-ahrweiler.de/kvar/VT/hjb1967/hjb1967.12.htm ''Die Gerste in der Geschichte und im Leben der Völker. VON DR. V. BRANDENBURGER.''] In: ''Kreisverwaltung Ahrweiler.'' Abgerufen am 25. Januar 2026</ref><ref | Infolge ihrer klimatischen Anpassungsfähigkeit, sie verträgt sowohl Trockenheit als auch Frost und sogar salzhaltigen Boden,<ref name="Conert1997" /> gedeiht Gerste in den verschiedensten klimatischen und geografischen Verhältnissen gut und ist daher über fast alle Länder der Erde verbreitet. Sie gedeiht noch auf den Alkaliböden der tief liegenden Wüsten in Ägypten, Turkestan und Australien sowie auf den Hochebenen Südafrikas und Südamerikas.<ref name="Conert1997" /> Sie wächst bei 5 bis 10° C Bodenwärme ebensogut wie bei 30° C. Von allen Getreidearten wächst sie am weitesten im Norden. Ihre nördlichste Grenze ist deshalb identisch mit der Polargrenze des Getreidebaues insgesamt. Ebensogut gedeiht sie in den Subtropen des östlichen und südlichen Mittelmeergebietes und ist hier sehr stark verbreitet; man findet sie ebenfalls in weiten Gebieten Südrußlands.<br>An Wasser stellt sie geringe Ansprüche und gedeiht noch bei einem Jahresniederschlag von nur 370 bis 400 mm.<br>Gerste hat eine sehr kurze Vegetationszeit (mit 110 Tagen die kürzeste Vegetationszeit unter den Getreiden) und kann auch deshalb von allen Getreidearten am höchsten in gebirgige Lagen mit ihren kürzeren Vegetationsperioden vordringen. So gedeiht sie in den Alpen bis in Höhen von 1900 m, im Kaukasus bis 2700 m, im Hindukusch bis 3050 m und in Tibet sogar bis in 4700 m Höhe.<ref>[https://kreis-ahrweiler.de/kvar/VT/hjb1967/hjb1967.12.htm ''Die Gerste in der Geschichte und im Leben der Völker. VON DR. V. BRANDENBURGER.''] In: ''Kreisverwaltung Ahrweiler.'' Abgerufen am 25. Januar 2026</ref><ref name=":UR" /> | ||
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Version vom 26. Januar 2026, 23:17 Uhr





Die Gerste (Hordeum vulgare) ist eine Pflanzenart aus der Gattung der Gersten (Hordeum) innerhalb der Familie der Süßgräser (Poaceae). Als Kulturgerste ist sie eine der wichtigsten und ältesten Getreide-Arten. Sie kommt als Spelzgerste sowie als Nacktgerste vor und ist weltweit das am meisten verbreitete Getreide.[1]
Die Grannen der Gerste sind meist deutlich länger als bei Roggen und Weizen. Durch die Lichtbrechung der Grannen liegt über Gerstenfeldern besonders im Gegenlicht ein Schimmer, der sich wieder verliert, wenn die Reife eintritt und die Ähren sich nach unten senken.
Die Bezeichnung Gerstenkorn wird nicht nur für die Samen der Pflanze verwendet, sondern auch für eine Form der Augenlidentzündung (Hordeolum).
Geschichte und Sortenentwicklung
Als Ursprungsgebiet der Gerste gilt der Fruchtbare Halbmond (Wiege der Landwirtschaft) im Nahen Osten und der östliche Balkan (Bulgarien, Rumänien, Griechenland). Sie wurde vor rund 10.000 Jahren ausgehend von der Wildgerste (Hordeum spontaneum) domestiziert, d.h. züchterisch zum besseren Nutzen des Menschen verändert. Als Wildgerste wurde sie jedoch nachweislich bereits um 48 000 vor Christus gesammelt. [1] Bei Wildgerste fallen die reifen Körner aus der Ähre, was die Ernte mühsam macht. Kulturgerste entstand wahrscheinlich durch eine nicht gezielte Auslese der Menschen, die bevorzugt eine Mutation ernteten und pflegten, bei der die reifen Körner in der Ähre blieben.[2]
Die starke Anpassungsfähigkeit der Gerste an verschiedene klimatische Zonen bewirkte einen großen Formenreichtum, der sich darin ausdrückt, dass es 2-, 4- und 6zeilige Gersten gibt. Die Gerste entwickelte diesen Formenreichtum an drei Stellen der Erde und zwar vor allem im Hochland von Erythrea und Abessinien, im Osten Tibets, dem östlichen Himalaja bis Japan hin auslaufend sowie in Westpersien, Armenien und Ostanatolien.[3]
Seit der Jungsteinzeit (5500 v. Chr.) wird auch in Mitteleuropa Gerste angebaut. Hier gedeiht sie am besten im sommerkühlen Klima auf fruchtbaren, mäßig trockenen, basenreichen, neutralen, tiefgründigen Lehmböden mit einer guten Wasserführung.[4]
Als klassisches Getreide der Antike (800 v. Chr. - 600 n. Chr.)
Im Mittelalter diente die Gerste als ertragreiches Viehfutter und teilweise wichtigstes Grundnahrungsmittel zur Zubereitung von Brei. Durch Züchtung anspruchsloser Sorten können die Erträge an manchen Standorten mit denen von Weizen konkurrieren. Neben der Qualitätssteigerung versuchte die Züchtung, auch eine technisch besser handhabbare grannenlose Gerste zu erzeugen. Dies ist mit Sorten wie Ogra und Nudinka zwar gelungen. Diese haben jedoch keine weite Verbreitung gefunden. Da auch die Grannen zur Photosynthese beitragen, haben sie möglicherweise einen Einfluss auf den Ertrag. Auch die sogenannte Kapuzengerste (engl. hooded barley) hat nur kurze Fortsätze und keine Grannen.[5]
Verbreitung
Infolge ihrer klimatischen Anpassungsfähigkeit, sie verträgt sowohl Trockenheit als auch Frost und sogar salzhaltigen Boden,[4] gedeiht Gerste in den verschiedensten klimatischen und geografischen Verhältnissen gut und ist daher über fast alle Länder der Erde verbreitet. Sie gedeiht noch auf den Alkaliböden der tief liegenden Wüsten in Ägypten, Turkestan und Australien sowie auf den Hochebenen Südafrikas und Südamerikas.[4] Sie wächst bei 5 bis 10° C Bodenwärme ebensogut wie bei 30° C. Von allen Getreidearten wächst sie am weitesten im Norden. Ihre nördlichste Grenze ist deshalb identisch mit der Polargrenze des Getreidebaues insgesamt. Ebensogut gedeiht sie in den Subtropen des östlichen und südlichen Mittelmeergebietes und ist hier sehr stark verbreitet; man findet sie ebenfalls in weiten Gebieten Südrußlands.
An Wasser stellt sie geringe Ansprüche und gedeiht noch bei einem Jahresniederschlag von nur 370 bis 400 mm.
Gerste hat eine sehr kurze Vegetationszeit (mit 110 Tagen die kürzeste Vegetationszeit unter den Getreiden) und kann auch deshalb von allen Getreidearten am höchsten in gebirgige Lagen mit ihren kürzeren Vegetationsperioden vordringen. So gedeiht sie in den Alpen bis in Höhen von 1900 m, im Kaukasus bis 2700 m, im Hindukusch bis 3050 m und in Tibet sogar bis in 4700 m Höhe.[6][3]
Beschreibung
Gerste ist ein Dunkelkeimer und einjähriges Gras, das Wuchshöhen von 0,7 bis 1,2 m erreicht. Die Pflanze ist glatt und unbehaart. Der Halm ist aufrecht. Die wechselständig und zweizeilig (distich) angeordneten Laubblätter sind einfach und parallelnervig. Die flache Blattspreite weist eine Länge von 20 bis 45 Zentimeter und eine Breite von 8 bis 12 Millimeter auf.[4] Die wichtigsten morphologischen Erkennungsmerkmale sind die zwei langen, unbewimperten Blattöhrchen der Blattscheide, die den Halm vollständig umschließt. Das schmale und leicht gezähnte Blatthäutchen (Ligula) ist 1 bis 2 mm lang. Das Tausendkorngewicht liegt bei 35–50 Gramm.
Der ährige Blütenstand besitzt eine flexible, also nicht zerbrechliche Rhachis, darin unterscheidet sie sich von den anderen Hordeum-Arten. Er ist (ohne die Grannen) 6 bis 12 Zentimeter lang und 1 bis 2 Zentimeter breit.[4] Die in Reihen stehenden, ungestielten Ährchen sind alle gleich und fertil. Die Ährchen enthalten meist nur eine Blüte, selten zwei. Die Hüllspelzen des mittleren Ährchens stehen vor den Blüten; sie sind untereinander gleich, dreinervig, lanzettlich, zugespitzt und in eine 8 bis 12 Millimeter lange Granne auslaufend.[4] Die Deckspelze ist fünfnervig, breit eiförmig und läuft in eine gerade, starre, raue, 8 bis 15 Zentimeter lange Granne aus.[4] Die Vorspelze ist zweinervig und so lang wie die Deckspelze. Die Staubbeutel sind 2 bis 3 Millimeter lang. Die beiden seitlichen Ährchen sind entweder dem mittleren Ährchen gleich und fruchtbar oder die Spelzen sind kleiner oder verkümmert und die Blüten männlich oder steril.[4]
Der ährige Fruchtstand mit langen Grannen ist im reifen Zustand geneigt bis hängend. Ebenso wie beim Weizen und Roggen sind die Körner botanisch betrachtet Karyopsen, also einsamige Schließfrüchte.[5]
Gerste wird anhand der unterschiedlichen Ähren in zwei- und mehrzeilige Formen unterschieden. Die zweizeiligen Formen („Hordeum distichon“) entwickeln pro Ansatzstelle nur ein Korn, das voll und kräftig ausgeprägt ist. Bei den mehrzeiligen Formen von Hordeum vulgare treten drei Körner pro Ansatzstelle auf, die sich schwächer entwickeln.[5] Zweizeilige Gerstensorten (überwiegend Sommergerste) enthalten besonders viel Stärke und wenig Protein. Sie finden vorwiegend bei der Bierherstellung als Braugerste Verwendung (Malz) und werden zu Gerstengraupen verarbeitet. Vier- und sechszeilige Gerstensorten sind überwiegend Wintergerstensorten, die (im Gegensatz zu dem im Frühjahr ausgesäten Sommergetreide) im Herbst gesät werden und eine Vernalisation zum Schossen benötigen. Durch die längere Vegetationsphase und die effektive Nutzung der Winterfeuchtigkeit sind die Erträge höher und die Nährstoffe günstig für die Verwendung als Futtergerste. Neuere Wintergerstensorten mit hohen Gehalten an Protein und Ballaststoffen werden nur für die menschliche Ernährung angebaut.
Unterarten und Varietäten
- Wildgerste (Hordeum vulgare subsp. spontaneum (K.Koch) Asch. & Graebn.)
- Kulturgerste (Hordeum vulgare subsp. vulgare):
- Zweizeilige Gerste (Hordeum vulgare f. distichon)
- Mehrzeilige Gerste:
- Hordeum vulgare f. hexastichon
- Hordeum vulgare f. agriocrithon
- Hordeum vulgare var. coeleste L.
- Hordeum vulgare var. trifurcatum
Die ökologischen Zeigerwerte nach Landolt et al. 2010 sind in der Schweiz für die Vierzeilige Saat-Gerste (Hordeum vulgare L. subsp. vulgare): Feuchtezahl F = 2+ (frisch), Lichtzahl L = 4 (hell), Reaktionszahl R = 3 (schwach sauer bis neutral), Temperaturzahl T = 4 (kollin), Nährstoffzahl N = 3 (mäßig nährstoffarm bis mäßig nährstoffreich), Kontinentalitätszahl K = 4 (subkontinental).[7]
Die ökologischen Zeigerwerte nach Landolt et al. 2010 sind in der Schweiz für die Sechszeilige Saat-Gerste (Hordeum vulgare subsp. hexastichon (L.) Čelak.): Feuchtezahl F = 2+ (frisch), Lichtzahl L = 4 (hell), Reaktionszahl R = 4 (neutral bis basisch), Temperaturzahl T = 3+ (unter-montan und ober-kollin), Nährstoffzahl N = 4 (nährstoffreich), Kontinentalitätszahl K = 4 (subkontinental).[7]
Nutzung
Sommergerste
Für die menschliche Ernährung kommt überwiegend Sommergerste (Aussaat im Frühjahr) zum Einsatz. Ein großer Anteil davon wird als Braugerste zur Bierherstellung verwendet. Zu diesem Zweck sollte der Rohproteingehalt möglichst niedrig sein, da die Biere sonst zur Trübung bzw. zum Ausflocken neigen. Dies ist nicht schädlich, aber meist optisch unerwünscht.
In nicht gemälzter Form wird Gerste zu Grütze oder Graupen verarbeitet und gelegentlich auch zu Mehl gemahlen. Speziell für die menschliche Ernährung gezüchtete Gerste mit einem Gehalt an Beta-Glucan von mehr als 4 g pro 100 g wird als Korn, als Flocken oder verarbeitet zu Mehl angeboten. Daraus werden auch Gerstenbrote hergestellt.
Wintergerste
Wintergerste wird bereits im Herbst, also noch vor dem Winter ausgesät. Da sie gegenüber der Sommergerste höhere Erträge und mehr Proteine (12–15 %) aufweist, wird sie überwiegend als Tierfutter verwendet (Futtergerste).
Health Claims (Gesundheitsbehauptungen)
Der Gerste werden auch Heilwirkungen zugesprochen. Gestampfte Gerste (Ptisane) wird schon von Hippokrates von Kos ausführlich beschrieben. Medizinisch interessant sind die löslichen Gerstenballaststoffe. Gerstensorten mit hohem Gehalt an Beta-Glucanen (β-Glucanen) werden zur Aufrechterhaltung eines normalen Cholesterinspiegels angeboten. Beta-Glucane werden von den Darmbakterien als Energiequelle genutzt. Beta-Glucane aus Gerste verringern den Anstieg des Blutzuckerspiegels nach den Mahlzeiten. Eine tägliche Aufnahme von 3 g Beta-Glucanen aus Gerste reduziert nachweislich den Blutcholesterinspiegel.[8] Entsprechend kann für Gerstensorten mit einem hohen Gehalt an Gerstenballaststoffen, insbesondere den löslichen Beta-Glucanen (mehr als 4 g pro 100 g), ein Health Claim ausgelobt werden. Folgende Kennzeichnungen auf verzehrfertigen Lebensmitteln dürfen angegeben werden:[9]
| Nährstoff/Substanz/Lebensmittel | Angabe (VO 432/2012) | Bedingungen für die Verwendung (VO 432/2012) |
|---|---|---|
| Beta-Glucane | „Beta-Glucane tragen zur Aufrechterhaltung eines normalen Cholesterinspiegels im Blut bei“ | Die Angabe darf nur für Lebensmittel verwendet werden, die mindestens 1 g Beta-Glucane aus Hafer, Haferkleie, Gerste oder Gerstenkleie bzw. aus Gemischen dieser Getreide je angegebener Portion enthalten. Damit die Angabe zulässig ist, sind die Verbraucher darüber zu unterrichten, dass sich die positive Wirkung bei einer täglichen Aufnahme von 3 g Beta-Glucanen aus Hafer, Haferkleie, Gerste oder Gerstenkleie bzw. aus Gemischen dieser Getreide einstellt. |
| Beta-Glucane aus Hafer und Gerste | „Die Aufnahme von Beta-Glucanen aus Hafer oder Gerste als Bestandteil einer Mahlzeit trägt dazu bei, dass der Blutzuckerspiegel nach der Mahlzeit weniger stark ansteigt“ | Die Angabe darf nur für Lebensmittel verwendet werden, die mindestens 4 g Beta-Glucane aus Hafer oder Gerste je 30 g verfügbare Kohlenhydrate in einer angegebenen Portion als Bestandteil der Mahlzeit enthalten. Damit die Angabe zulässig ist, sind die Verbraucher darüber zu unterrichten, dass sich die positive Wirkung einstellt, wenn Beta-Glucane aus Hafer oder Gerste als Bestandteil der Mahlzeit aufgenommen werden. |
Als nachwachsender Rohstoff wird Gerste kaum genutzt. Die Körner könnten als Quelle für Stärke genutzt werden. Durch Züchtung konnte bei sogenannten „waxy Gersten“ der für technische Nutzungen interessante Anteil verzweigtkettiger Stärke Amylopektin auf über 95 % der Gesamtstärke erhöht werden.[10] Waxy Gersten enthalten rund 50 % mehr Beta-Glucan als Brau- und Futtergersten.
Früchte
Aufbau der Körner
Die Körner sind, außer bei der Nacktgerste, fest mit den Spelzen verwachsen. Vor der Zubereitung für die menschliche Ernährung müssen sie daher entspelzt werden. Dies geschah früher in der Mühle durch einen Gerbgang, heute wird dieser Arbeitsschritt in einer Schälmühle erledigt. Der gesundheitswirksame lösliche Ballaststoff Beta-Glucan ist in Gerste anders als beim Hafer nicht in den Randschichten des Korns (Kleie), sondern im hellen Korninneren konzentriert. Gerste enthält Gluten, was bei Personen mit Glutenunverträglichkeit zu gesundheitlichen Problemen führen kann.
Durchschnittliche Zusammensetzung (Gerste, entspelzt, ganzes Korn)
Die Zusammensetzung von Gerste schwankt naturgemäß, sowohl in Abhängigkeit von den Umweltbedingungen (Boden, Klima) als auch von der Anbautechnik (Düngung, Pflanzenschutz).
Angaben je 100 g essbarem Anteil:[11]
| Bestandteile | |
|---|---|
| Wasser | 12,7 g |
| EiweißVorlage:FN | 9,8 g |
| Fett | 2,1 g |
| KohlenhydrateVorlage:FN | 63,3 g |
| Ballaststoffe | 9,8 g |
| Mineralstoffe | 2,3 g |
| Mineralstoffe | |
|---|---|
| Natrium | 18 mg |
| Kalium | 445 mg |
| Magnesium | 115 mg |
| Calcium | 40 mg |
| Mangan | 1,5 mg |
| Eisen | 2,8 mg |
| Kupfer | 0,42 mg |
| Zink | 2,8 mg |
| Phosphor | 340 mg |
| SelenVorlage:FN | 7 µg |
| Vitamine | |
|---|---|
| Retinol (Vit. A1) | 165 ng |
| Thiamin (Vit. B1) | 430 µg |
| Riboflavin (Vit. B2) | 180 µg |
| Nicotinsäure (Vit. B3) | 4800 µg |
| Pantothensäure (Vit. B5) | 680 µg |
| Vitamin B6 | 560 µg |
| Folsäure | 65 µg |
| Vitamin EVorlage:FN | 670 µg |
| essentielle und semi-essentielle Aminosäuren |
|
|---|---|
| ArgininVorlage:FN | 560 mg |
| HistidinVorlage:FN | 210 mg |
| Isoleucin | 460 mg |
| Leucin | 800 mg |
| Lysin | 380 mg |
| Methionin | 180 mg |
| Phenylalanin | 590 mg |
| Threonin | 430 mg |
| Tryptophan | 150 mg |
| Tyrosin | 390 mg |
| Valin | 580 mg |
1 mg = 1000 µg
1 mg = 1.000.000 ng
Vorlage:FNBox
Der physiologische Brennwert beträgt 1320 kJ je 100 g essbarem Anteil.
Produkte aus geschälten Gerstenkörnern
- Gerstengrütze. Hierfür werden die geschälten Gerstenkörner zu Grütze geschnitten. Grütze wird in unterschiedlicher Körnung in den Handel gebracht. Gerstengrütze wird u. a. in der traditionellen russischen Küche verwendet, wo diese Grütze einen Eigennamen jatschnewaja (Vorlage:RuS) hat.[12]
- Graupen (Rollgerste oder Kochgerste) erhält man durch Schleifen der Gerstenkörner, wobei auch die Spitzen gerundet werden. Am bekanntesten sind die „Perlgraupen“. Dazu wird Grütze auf Schleifmaschinen bearbeitet, bis sie ihre rundliche Form erhalten.
- Gerstenflocken werden aus hydrothermisch behandelten Gerstenkörnern gewalzt.
- Gerstenflockenmehl (von mittelhochdeutsch gërsten mël Gerstenmehl[13]) wird aus den Samen von Hordeum-Arten (vor allem H. vulgare bzw. H. distichon)[14] durch die Vermahlung von Gerstenflocken hergestellt.
- Gerstenpops werden aus den geschälten Gerstenkörnen über das Puffingverfahren erzeugt.[15]
- Gerstenkaffee / Malzkaffee als koffeinfreies Kaffee-Ersatzgetränk.
- Tsampa ist ein Pulver aus gerösteten und gemahlenen Gerstenkörnern, ein tibetisches Grundnahrungsmittel.
- Bestimmte Gerstensorten haben einen hohen Gehalt an dem löslichen Ballaststoff Beta-Glucan (mehr als 4 g pro 100 g).
Stroh
Je nach Arbeitsgerät kann Gerstenstroh im Vergleich zum Weizenstroh zwar weicher und saugfähiger sein, ist aber als Einstreu nur bedingt verwendbar. Reste von Grannen können bei empfindlichen Tieren (Pferde, Schweine) u. a. zu Reizungen der Atemwege führen.
Gerstengras
Gerstengras wird manchmal in der Tiermast eingesetzt. Es enthält neben den Vitaminen B und C auch Kalzium, Kalium und Eisen in größeren Konzentrationen.
Für den menschlichen Verzehr werden die Blätter der jungen Gerstenpflanze gefriergetrocknet. Dieses Pulver wird in kühlem Wasser aufgelöst und eingenommen. Der Geschmack erinnert ein wenig an verdünnten Spinat.[16]
Gerstenkorn als Grundmaß
Da ein Gerstenkorn eine relativ konstante Größe hat, bildete es früher die Grundlage für einige Maße und Gewichte, z. B. für die arabische Habba und den persischen Dschou, siehe auch Gerstenkorn (Einheit).
Anbau
Anbauzyklus und Ernte
Die Gerste zählt zu den Selbstbefruchtern; man unterscheidet zwischen Winter- und Sommergerste. Wintergerste, die im September gesät wird, ist ertragreicher. Ideale Wachstumsbedingungen für die Wintergerste sind Temperaturen unter 10 °C. Bei länger anhaltenden Temperaturen unter −15 °C erfriert die Wintergerste.[17] Die Ausbildung von Nebentrieben (Bestockungstrieben) ist vor dem Winter abgeschlossen. Aus ihnen entwickeln sich im nächsten Frühjahr die Ähren tragenden Halme. Gerste gedeiht am besten auf tiefgründigen, gut durchfeuchteten Böden, aber auch mit ungünstigeren Bedingungen kommt sie zurecht. In der Regel beginnt die alljährliche Getreideernte mit der Wintergerste.
Die Aussaat der Sommergerste erfolgt Ende Februar bis Anfang April. Sie reift in weniger als 100 Tagen heran. Nach den Phasen der Bestockung, des Schossens und des Ährenschiebens folgen Blüte und Ernte.
Die Ernte erfolgt bei Voll- bis Totreife. Wintergerste liefert je nach Standort zwischen 50 und 90 dt/ha, Sommergerste 40–65 dt/ha Fruchtertrag. In Deutschland wird die Wintergerste auf ca. 1,24 Mio. Hektar angebaut, während die Sommergerste auf ca. 0,5 Millionen Hektar angebaut wird.[17]
Krankheiten und Schädlinge
Viren und Pilzkrankheiten
- Das Gelbverzwergungsvirus (Barley yellow dwarf virus) und das Barley stripe mosaic virus sind die bedeutendsten Viruskrankheiten der Gerste.
- Der Echte Mehltau (Blumeria graminis) ist die wirtschaftlich wichtigste Pilzkrankheit der Gerste in Mitteleuropa.
- Schwarzrost (Puccinia graminis)
- Zwergrost (Puccinia hordei)
- Gerstenflugbrand (Ustilago hordei)
- Mutterkorn (Claviceps purpurea)
Schädlinge
- Die Gerste wird von verschiedenen Nematodenarten befallen.
- Wichtige Schädlinge an der Gerste sind Läuse, v. a. als Virusvektoren.
Lagerung

Wie alle Getreidearten muss auch Gerste vor der Einlagerung auf Feuchtigkeit überprüft werden, da ansonsten Schimmelbefall droht (Mykotoxingefahr). Die Obergrenze der Kornfeuchte liegt für die Einlagerung bei 15 %.
Wirtschaftliche Bedeutung
Literatur
- Vorlage:Deutsches Wörterbuch
- Elisabeth Schiemann: Weizen, Roggen, Gerste. Systematik, Geschichte und Verwendung. Gustav Fischer, Jena 1948.
- information.medien.agrar e. V. (Hrsg.): Pflanzen in der Landwirtschaft. 2004 (ima-agrar.de PDF).
- Vorlage:Literatur
- Chen Shouliang, Zhu Guanghua: Hordeum. In: Vorlage:BibISBN, (flora.huh.harvard.edu PDF, Hordeum vulgare).
Weblinks
- ProPlanta. Das Informationszentrum für die Landwirtschaft (Hrsg.): Infothek Gerste.
- Vorlage:Mercks Warenlexikon
- Alexander Wudtke, Ch. Reichmuth: Entwicklung eines Expertensystems für den Vorratsschutz von Braugerste. 1998, Vorlage:Webarchiv
- Darzau Getreidezüchtungsforschung (Hrsg.): Von Speisegersten, Tsampa, Giotta und Gofio. (Anschauliche Informationen zur Speisegerste.)
- Redaktion Pflanzenforschung.de: Dem Genom der Gerste auf der Spur.
- Redaktion Pflanzenforschung.de: HvCEN-Gen diskriminiert Sommer- und Wintergerste.
Einzelnachweise
- ↑ 1,0 1,1 Gerste. In: Save foundation. FUNDUS AGRI-CULTURA ALPINA. Abgerufen am 24. Januar 2026.
- ↑ Steven Mithen: After the Ice: A Global Human History, 20,000 – 5000 BC. Harvard 2012, ISBN 978-0-7538-1392-8.
- ↑ 3,0 3,1 Udo Renzenbrink: Die sieben Getreide. S. 76-79.
- ↑ 4,0 4,1 4,2 4,3 4,4 4,5 4,6 4,7 Hans Joachim Conert: Familie Poaceae. In Gustav Hegi: Illustrierte Flora von Mitteleuropa. 3. Auflage, Band I, Teil 3, S. 821–827. Verlag Paul Parey, Berlin und Hamburg 1997, ISBN 3-489-52020-3.
- ↑ 5,0 5,1 5,2 Referenzfehler: Es ist ein ungültiger
<ref>-Tag vorhanden: Für die Referenz namenschlondwurde kein Text angegeben. - ↑ Die Gerste in der Geschichte und im Leben der Völker. VON DR. V. BRANDENBURGER. In: Kreisverwaltung Ahrweiler. Abgerufen am 25. Januar 2026
- ↑ 7,0 7,1 Vorlage:InfoFlora
- ↑ European Food Safety Authority (EFSA) Panel on Dietetic Products, Nutrition and Allergies (NDA): Scientific Opinion on the substantia of a health claim related to barley beta-glucans and lowering of blood cholesterol and reduced risk of (coronary) heart disease pursuant to Article 14 of Regulation (EC) No 1924/2006. In: EFSA Journal. 9, Nr. 12, 2011, S. 2470 (efsa.onlinelibrary.wiley.com).
- ↑ Vorlage:EU-Verordnung, siehe Anhang, auf EUR-Lex. Abgerufen am 5. April 2017.
- ↑ Gerlinde Nachtigall: Verbund aus Wissenschaft und Wirtschaft erforscht stoffliche Anwendungen für waxyGerste. Julius Kühn-Institut 2009, Pressemitteilung.
- ↑ Vorlage:Literatur
- ↑ Vorlage:Literatur
- ↑ Vgl. Gundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 389 (gerstenmel: Mehl aus den Samen von Hordeum spec., auch girstin mel und lateinisch farina hordei).
- ↑ Jürgen Martin: Die ‚Ulmer Wundarznei‘. Einleitung – Text – Glossar zu einem Denkmal deutscher Fachprosa des 15. Jahrhunderts. Königshausen & Neumann, Würzburg 1991 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 52), ISBN 3-88479-801-4 (zugleich Medizinische Dissertation Würzburg 1990), S. 131 f.
- ↑ Wiedemann/Wolf: Wunderkorn Gerste, Juli 2024 1. Auflage
- ↑ Vorlage:Internetquelle
- ↑ 17,0 17,1 Süddeutsche Zeitung. 28. Februar 2012 (Nr. 48), S. 2.
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