Anandoham: Unterschied zwischen den Versionen
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Version vom 15. August 2025, 10:33 Uhr

Der Gedanke ist Glückseligkeit
Ich bin der Gedanke
Ich bin Glückseligkeit
Anandoham ist Beginn und Titel eines Mantra in der Sprache Sanskrit und setzt sich zusammen aus ānanda „Glückseligkeit“ und aham „Ich“. In der spirituellen Literatur wird ānanda auch mit „höchste Wonne“, „Wonne“, „Freude“ oder einfach mit „Seligkeit“ übersetzt.
Interpretationen des Mantra weisen darauf hin, dass Glückseligkeit im tieferen Sinn nicht vergleichbar ist mit schönen Emotionen, die der Mensch erfährt. Glückseligkeit hat vielmehr etwas mit der ewigen Wesensnatur des Menschen zu tun und diese geht über die Gefühle des Körpers und der Psyche hinaus.
Aus geistiger Forschung ist ānanda mit dem reinen Gedanken verknüpft. Erlebt der Mensch den Gedanken auf bewusste Weise als eigenständige Seinsexistenz, kann er zu dem Erleben kommen, dass er selbst der Gedanke ist. Er erfährt real die glückselige Identität des Gedankens und weiß dann: ānandoham – „Ich bin Glückseligkeit“, weil Glückseligkeit die Wesensnatur des Gedanken ist.
Textlaut und Übersetzung
Die Sprache des Mantra ist Sanskrit und der Text lautet in der Transliteration (IAST):
- ānandoham, ānandoham, ānandambrahm, ānandam
Das Mantra setzt sich aus den Einzelwörtern ānanda, aham und brahman zusammen. Diese bedeuten wörtlich:
Sanskrit IAST Übersetzung आनन्द ānanda „Glückseligkeit“[1] अहम् aham „Ich“[2] ब्रह्मन् brahman „das Absolute“, „der universale Schöpfergeist“[3]
Nach den Lautgesetzen des Sanskrit werden die Worte ānanda und aham zu ānandoham zusammengezogen. Ebenso wird die Verbindung von ānanda und brahman verschmolzen zu ānandambrahm. Als wörtliche Übersetzung des Mantra ergibt sich daher:
- „Ich bin Glückseligkeit, Glückseligkeit bin Ich, Brahman ist Glückseligkeit, Glückseligkeit.“
Eine Melodie zum Mantra
Die folgende Melodie ist aus dem Sat-Chit-Ananda Ashram – auch bekannt als Shantivanam Ashram – überliefert. Bede Griffiths (1906–1993), englischer Benediktinermönch und bedeutender Versöhner zwischen den Weltreligionen,[4] übernahm im Jahr 1968 die Leitung dieses Ashrams und führte ihn bis zu seinem Tod.

Interpretation
Sukadev Bretz, der Gründer von Yoga Vidya, zielt in seiner Interpretation des Mantra ānandoham „Ich bin Glückseligkeit“ darauf ab, dass der Mensch Wonne und Freude erlebt, wenn er sich nicht mit dem Körper oder der Psyche identifiziert. Die wahre Identität des Menschen ist ewig, die „Freude an sich“:
- „Und der dritte Teil dieser Überlegungen ist Ananda: Ich bin Wonne. Darüber war ja eine ganze Lektion: Das Selbst als Ananda, als Freude. Auch die Unterscheidung zwischen Ananda und Sukha Dukkha. Ich bin Freude, Ananda. Ich bin nicht Vergnügen, ich bin nicht der vergnügte Gemütszustand, ich bin die Freude an sich. Woher weiß ich das, dass ich Freude bin? Wenn ich mich nicht identifiziere mit dem Körper. Wenn ich mich nicht identifiziere mit der Psyche. Wenn ich ganz bei mir bin. Wenn ich mich erkenne als ohne Grenze. Als ewig. Und wenn ich dann voll bewusst bin, dann ist dort reine Freude. Und deshalb weiß ich: Anandoham, ich bin Freude.“[5]
„Durch seine Gedanken erlebt der Mensch eine Welt, die ihn über diese Erde hinausführt. In der Form, in welcher sich im Menschen die Gedanken entzünden, erlebt kein anderes irdisches Wesen die Gedanken.“ |
Heinz Grill stellt in seiner Interpretation den Bezug zum Gedanken her. Der Gedanke ist nach seinen geistigen Forschungen die Grundlage des Ich-Selbst des Menschen:
- „Wer ist der Gedanke? Der Gedanke ist in der Regel ein Fremder. Gedanken sind zunächst nicht diese Dinge, die wir hier auf der Erde sehen. Wer sieht den Gedanken? Wer kann den Gedanken greifen? Wir können nur all diese Sachen, all diese Gegenstände greifen, die tatsächlich dieser sinnesgefälligen Welt angehören, aber den Gedanken können wir nicht ergreifen. Den Gedanken können wir eigentlich gar nicht sehen und wir können ihn auch noch nicht richtig als eine wahre Existenz definieren, da er sich nicht leicht in eine Definition zwängen lässt.
- Dennoch ist der Gedanke die Grundlage des Ich-Selbstes. Das Ich-Selbst wäre nicht existent, wenn es keinen Gedanken geben würde. Das Ich-Selbst könnte gar nicht als ein Selbstwertgefühl auftreten, wenn es nicht Gedanken geben würde. Diese feinen Lichtwesenheiten, diese feinen Existenzwesenheiten, diese Seinsexistenzen sind göttlicher Art.“[7]
Es ist nun ein Unterschied, ob der Mensch einen Gedanken reflektiert oder ob er ihn bewusst als eigenständige Seinsexistenz erlebt, ihn beobachtet und ihn konzentriert. Durch einen bewussten Umgang mit dem Gedanken, beispielsweise in der Meditation, kann der Mensch zu dem Erleben kommen, dass er selbst der Gedanke ist:
- „Woher kommen sie? Sie kommen aus einer geistigen Welt und sie zeigen an, dass wir selbst geistig sind. Indem wir Gedanken automatisch reflektieren, sind wir noch nicht geistig tätig.
- Indem wir aber Gedanken bewusst erleben, indem wir langsam nicht nur die Reflektion erleben, sondern in den Prozessen des Gehirns ein Erlebnis finden, dass der Gedanke für sich eine eigene Existenzeinheit darstellt, den Gedanken nun zu führen, zu beobachten und zu konzentrieren beginnen, bemerken wir, dass es ein inneres Licht gibt, dass das Licht selbst tätig ist und wir werden bald, wenn der Prozess in der Meditation fortschreitet, feststellen, dass wir selbst dieser Gedanke sind.“[7]
Das Mantra Anandoham kann nach Heinz Grill in die Erkenntnis gelangen, wenn der Gedanke als „tiefe, geistige Seinsexistenz erfahren wird“. Er formuliert, dieser Logik folgend, eine übertragene Übersetzung:
- „Ich lebe im Gedanken, der Gedanke bin ich, ich bin wirkend im Gedanken, der Gedanke ist Glückseligkeit.“[7]
Diese erweiterte Übersetzung lässt sich der obigen Melodie aus Shantivanam unterlegen:
![\layout { \context { \Score \omit BarNumber } { #(layout-set-staff-size 19) }}
\relative c' {
\key c \major
\time 4/4
c2 c4 c e8( d) e( d) c( b) a4
d d e8( g) g4 d e8( d) c2
g'4 g g g b8( a) b( a) g( fis) e4
d d \autoBeamOff e8 g g g d4 e8[( d)] c2
\bar "|."
}
\addlyrics {
Ich le -- be im Ge -- dan -- ken, \break
der Ge -- dan -- ke, der bin ich, \break
ich bin wir -- kend im Ge -- dan -- ken, \break
der Ge -- dan -- ke ist Glück -- se -- lig -- keit.
}](/images/lilypond/5/d/5dh86ujpp5gxwptfmu4r7on9hyijurn/5dh86ujp.png)
Glückseligkeit, Seligkeit oder Wonne in der Literatur
In der Literatur wird ānanda nicht immer mit Glückseligkeit übersetzt. Es werden in Übersetzungen auch die Begriffe „höchste Wonne“, „Wonne“, „Freude“ oder einfach „Seligkeit“ verwendet.
Im Yogasutra erwähnt Patanjali ānanda im 17. Vers des 1. Kapitels:
- वितर्कविचारानन्दास्मितारूपानुगमात्सम्प्रज्ञातः || 1.17 ||
- vitarka-vicārānandāsmitā-rūpānugamāt samprajñātaḥ || 1.17 ||
Nach vitarka (Nachdenken) und vicāra (prüfende Überlegung) folgt das Wort ānanda vor asmitā (Einheitswahrnehmung). Das letzte Wort ist saṁprajñāta (vollkommenes Wissen).[8] Am Anfang der Glückseligkeit steht nach Patanjali das Denken des Menschen.
Swami Sivananda, der ānanda folgend in der Übersetzung mit „höchster Wonne“ gebraucht, dass :
- „Menschen, denen kein äußerst scharfsinniger und reiner Verstand, kühnes Verstehen und anhaltendes Wissen zueigen ist, werden aus Studium der Shastras keinen Nutzen ziehen. Ein Bad im Ganges, Askese und eine Pilgerreise reinigen nur das Herz, aber sie helfen nicht dabei, direkt den unbefleckten Thron Brahmas zu erreichen. Es geschieht nur unter größter persönlicher Anstrengung sowie dem Ausrichten des Geistes auf das Höchste Selbst und mittels ununterbrochener, langanhaltender Meditation, dass man die höchste Wonne erreichen kann.“[9]
oder (Wortlaut muss noch überprüft werden)
- „Glückseligkeit ist nur von Weisen erfahrbar. Sie ist höchste Glückseligkeit oder die Glückseligkeit der Seele und sie ist transzendent. Spirituelle Glückseligkeit ist nicht von Objekten abhängig, sie ist immerwährend, immer existent und nur in einer Form vorhanden.
- Der Ursprung von Sinnesvergnügen sind Emotionen, wohingegen die Seelenwonne pure Freude ist. Sie ist Atmans Urzustand. Während Vergnügen zeitlich beschränkt ist und schnell vorübergeht, ist Wonne ewig und immer vorhanden. Freude ist mit Schmerz vermischt, Wonne ist pures Glück. Nerven, Geist und Objekte haben einen Einfluss auf Vergnügen. Nichts hat einen Einfluss auf die Glückseligkeit. Sie existiert aus sich selbst heraus. Anstrengung ist notwendig, um Sinnesfreuden zu erreichen, Seelenwonne ist mühelos zu erfahren. Der Tropfen fließt in den Ozean. Der Jiva fließt in den Ozean der Wonne.“ (aus: Swami Sivananda: Göttliche Erkenntnis.)
- „Welche Einblicke über die Natur gewähren die Spektralanalyse, die Entdeckung Röntgens, die Studien über das Alter des Menschengeschlechtes, die organische Entwickelungstheorie und anderes, auf dessen Anführung ich hier naturgemäß verzichte, da es mir nur darauf ankommt, auf diese Dinge hinzudeuten.
- Trotz aller dieser und manch anderer Errungenschaften, zum Beispiel auf dem Gebiete der Kunst, kann aber der tiefer blickende Mensch gegenwärtig doch nicht recht froh über den Bildungsinhalt der Zeit werden. Unsere höchsten geistigen Bedürfnisse verlangen nach etwas, was die Zeit nur in spärlichem Maße gibt.
- Im Sinne Goethes kann man von der Bildung sagen, daß sie durch die reinste Kultur zur höchsten Glückseligkeit führen müsse. Unsere Bildung führt zu dieser Glückseligkeit nicht. – Sie läßt die feinsten Geister im Stich, wenn diese die Befriedigung der intimsten Bedürfnisse ihres Gemütes suchen.“[10]
Einzelnachweise
- ↑ Suchergebnisse für „Ananda“. In: learnsanskrit.cc. Abgerufen am 12. Juli 2025 (englisch).
- ↑ Suchergebnisse für „aham“. In: learnsanskrit.cc. Abgerufen am 12. Juli 2025 (englisch).
- ↑ Suchergebnisse für „braman“. In: learnsanskrit.cc. Abgerufen am 12. Juli 2025 (englisch).
- ↑ Bede Griffiths.Vita. In: Sheema Verlagshaus. Abgerufen am 12. Juli 2025.
- ↑ Sukadev Bretz: Ich bin Ananda – Wonne. Vortrag aus dem Jahr 2019. In: wiki.yoga-vidya.de. Abgerufen am 12. Juli 2025.
- ↑ Rudolf Steiner: Das Prinzip der spirituellen Ökonomie im Zusammenhang mit Wiederverkörperungsfragen. GA 109. 3., neu durchgesehene Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 2000, ISBN 3-7274-1090-6, S. 99. (Online)
- ↑ 7,0 7,1 7,2 Heinz Grill: Die Bedeutung von ānanda. Lammers-Koll-Verlag, 2006, ISBN 978-3-941995-51-2, S. 30–32.
- ↑ Raja Yoga Sutra von Patanjali. Kapitel 1, Vers 17. Deutsche Übersetzung. In: yoga-vidya.de. Abgerufen am 25. Juli 2025.
- ↑ Swami Sivananda: Stories from Yoga Vasishtha. Mumukshu Prakarana – Von der Sehnsucht nach Befreiung. 2. Kapitel. ISBN 81-7052-033-9 (englisch). (Online auf yoga-vidya.de in deutscher Übersetzung)
- ↑ Rudolf Steiner: Methodische Grundlagen der Anthroposophie. GA 30. 3. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1989, ISBN 3-7274-0300-4, S. 380. (Online)
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