An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen

Das Wort Jesu Christi „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“ steht im Gleichnis vom Baum und seinen Früchten in der Bergpredigt im Evangelium nach Matthäus (Mt 7,15–20). Ein ähnliche Passage findet sich in der Feldpredigt des Evangeliums nach Lukas (Lk 6,43–45).
Theologische Interpretationen geben zu erkennen, dass die Früchte sowohl in Taten als auch in Worten des Menschen zu erkennen sind. In Bezug auf Joh 7,24 besteht für die Beurteilung der „Früchte“ die Anforderung, nicht nach dem (äußeren) Schein zu urteilen, sondern ein „gerechtes Gericht“ zu erringen.
Aus geistiger Forschung ist der innere Seelenzustand bzw. der authentisch gewordene Wesenszustand des Menschen für die Frucht, die er erbringt, entscheidend.
Textstellen und Kontext im Neuen Testament
Evangelium nach Matthäus

Das Gleichnis vom Baum und seinen Früchten ist Teil der Bergpredigt (Mt 5,1–7,29) und steht dort vor dem abschließenden Gleichnis vom Hausbau auf Felsen oder auf Sand.
Jesus Christus spricht in Mt 7 verschiedene ernste Worte aus und warnt in diesem Gleichnis vor falschen Propheten. Er vergleicht einen falschen Propheten mit einem faulen Baum, der schlechte Früchte bringt. Der Satz „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“ steht in Vers 16:
- „Hütet euch vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen! Inwendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Liest man etwa von Dornen Trauben oder von Disteln Feigen? So bringt jeder gute Baum gute Früchte, aber der faule Baum bringt schlechte Früchte. Ein guter Baum kann nicht schlechte Früchte bringen, noch kann ein fauler Baum gute Früchte bringen. Jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Deshalb, an ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“
(Mt 7,15–20)[1]
Parallelstelle im Evangelium nach Lukas
Das Bild vom Baum mit den Früchten ist auch Teil des Lukasevangeliums. Im dritten Teil der Feldrede finden sich verschiedene Gleichnisse, darunter jenes vom unfruchtbaren Baum, das deutliche, teils wörtliche Parallelen zum Gleichnis in der Bergpredigt aufweist:
- „Denn es gibt keinen guten Baum, der faule Frucht bringt, noch andererseits einen faulen Baum, der gute Frucht bringt; denn jeder Baum wird an seiner eigenen Frucht erkannt; denn von Dornen sammelt man keine Feigen noch liest man von einem Dornbusch eine Traube. Der gute Mensch bringt aus dem guten Schatz des Herzens das Gute hervor, und der böse bringt aus dem bösen das Böse hervor; denn aus der Fülle des Herzens redet sein Mund.“ (Lk 6,43–45)[2]
Im Matthäusevangelium bezieht sich der Kontext auf die Prüfung eines Propheten, wohingegen Lukas das Gleichnis auf das Erkennen von Menschen ausweitet, die „böse“ sind.[3] Der schottische Minister William Robertson Nicoll legt nahe, dass „der Schlüssel wahrscheinlich in dem Wort ὑποκριτά [Anm.: hypokrita „heuchlerisch, Heuchler“] zu finden ist, das auf jemanden angewendet wird, der durch seine Tadelsucht behauptet, heilig zu sein, aber in Wirklichkeit ein größerer Sünder ist als diejenigen, die er beschuldigt. Diese Kombination aus Heiliger und Sünder wird durch diese Aussprüche als unmöglich erklärt.“[4]
Theologische Interpretationen (Auswahl)

Mosaik in Sant’Ambrogio (Mailand), womöglich noch zu Lebzeiten entstanden
Ambrosius von Mailand (339–397), einer der vier lateinischen Kirchenlehrer der Spätantike der Westkirche, lehrt bei der Auslegung des Psalms 118 (Bezug nehmend auf Mt 7,16), dass es für ein vollkommenes Bekenntnis sowohl einer Hingabe der Seele als auch einem Bekenntnis der Lippen bedürfe:
- […] perfecta enim confessio et aninii io quaerit deuotionem et uocis professionem; corde enira crediturad iustitiani, ore autem confessio fit ad salutem.
- „[…] denn vollkommenes Bekenntnis erfordern sowohl Hingabe der Seele als auch Bekenntnis der Lippen; denn mit dem Herzen glaubt man zur Gerechtigkeit, aber mit dem Mund bekennt man sich zur Erlösung.“[5]
Die heutigen theologischen Interpretationen des Satzes aus dem Matthäusevangelium, was nun die „Früchte“ im menschlichen Leben offenbart, beziehen sich sowohl auf das Handeln, die Taten oder die Werke des Menschen als auch auf seine Worte oder Botschaft. Unter Bezugnahme auf Joh 7,24 besteht die Anforderung, nicht nach dem (äußeren) Schein zu urteilen, sondern ein „gerechtes Gericht“ zu erringen:
Der katholische Steyler Missionar P. Michael Kreuzer SVD weist darauf hin, dass falsche Propheten schwer zu erkennen seien, da sie äußerlich harmlos auftreten können. Da Innere eines Menschen sei schwer einsichtig, jedoch kehre sich das Innere im Handeln nach außen und „daran können wir sehr wohl ablesen, ob es Gutes oder Schlechtes bewirkt“. Er nennt als Beispiel das Verhältnis von Eltern zu ihrem Kind. Man könne ein Kind herzen und liebkosen und es kann dabei sowohl aufblühen als auch sich erdrückt fühlen. Gleichermaßen kann das Kind ermahnt und gescholten werden und wieder werde sich beim Kind das Ergebnis, die Frucht, zeigen: es kann wachsen und bewusster werden oder sich erschlagen und eingeschüchtert fühlen. Er kommt aus diesen Überlegungen zu dem Schluss: „Ob ich dir guttue oder nicht, kannst nur du wissen, und ich muss es mir von dir sagen lassen: in deinen Worten, in deiner Gestik, in deiner Mimik, in deiner Körpersprache.“[6]
Zane Hodges, amerikanischer evangelikaler Theologe, geht von der Frage aus, woran man einen falschen Propheten wirklich erkenne. Er kommt zu dem Ergebnis, dass es die Botschaft sei, die er bringt: „Ein falscher Prophet wird nicht durch seine Werke, sondern durch seine Worte entlarvt.“ Dabei ist es ihm wichtig festzustellen, dass Jesus nicht über bekennende Christen spreche, sondern es ihm um die Beantwortung der Frage gehe, wie wir einen falschen Propheten erkennen können. „Gute Propheten und falsche Propheten werden durch die Botschaft, die sie bringen, geprüft. Der gute Prophet bringt keine falsche Botschaft und der falsche Prophet bringt keine gute Botschaft.“[7]
Ein anderer Kommentar geht von Vers 15 aus, in dem steht, dass falsche Propheten sich als Schafe verkleiden, in Wahrheit aber reißende Wölfe sind. Da Qualitäten wie Klugheit, Autorität, Moral oder Freundlichkeit eines Menschen nicht automatisch den Schluss zulassen, dass dessen Worte wahr sind, erinnert der Kommentar an eine Aussage von Jesus im Evangelium nach Johannes 7,24: „Richtet nicht nach dem Schein, sondern richtet ein gerechtes Gericht!“ Bei selbsternannten Lehrern oder Propheten würde dies bedeuteten, auf ihre Lehre und ihr Leben zu achten und beispielsweise die Frage zu stellen, ob ihre Taten mit ihren Lehren übereinstimmen. „Wenn die Pflanze keine Trauben trägt, ist sie kein Weinstock.“[8]
Verwendung des Gleichnisbilds der Früchte in der Anthroposophie

Rudolf Steiner (1861–1925), Begründer der Anthroposophie, gebraucht das Bildnis der Früchte für die Beurteilung und den Wert einer Kultur oder Geistesströmung:
- „Denn mehr als auf irgendeinem anderen Gebiete scheint mir hier das Wort wahr zu sein: «An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!» Mitteleuropäisches Kulturleben, die deutsche Kultur, an ihren Früchten muß man sie erkennen – und an ihrer reifsten Frucht, an Goethe.“[9]
Weiterhin erschien eine Sammlung von Vorträgen von Rudolf Steiner unter dem Titel Anthroposophie, ihre Erkenntniswurzeln und Lebensfrüchte, die aufzeigt, wie die anthroposophische Geisteswissenschaft konkrete, positive Auswirkungen auf das Leben und auf verschiedene Fachgebiete wie Pädagogik, Medizin oder Landwirtschaft haben kann.[10]
Marc Desaules, Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft Schweiz, weist darauf hin, dass in der Anthroposophie die Möglichkeit enthalten ist, Früchte hervorzubringen, Anthroposophen ihr aber die Möglichkeit geben müssten, sich zu manifestieren.[11]
Emil Molt (1876–1936), zusammen mit Rudolf Steiner Gründer der ersten Waldorfschule, sagte in Anspielung auf den Gleichnisspruch der Früchte anlässlich eines Diskussionsabends der Arbeiterausschüsse in Stuttgart:
- „An ihren Taten sollt ihr sie erkennen! Früher sagte man: – An ihren Früchten. – Wenn man eine Schule begründet, damit der wahre Sozialismus durchgeführt wird, wenn man das, was man erspart hat durch saure Arbeit – wirklich durch Arbeit, nicht durch Kapitalismus –, wenn man das dazu verwendet, daß die heranwachsende Generation auch andere Dinge kennenlernt, als was wir kennengelernt haben, so würde ich eben das die praktische Frucht einer guten Idee nennen.“[12]
Analogie zum Mantra Yad bhavan tad bhavati
Das, was oben hineinkommt, das wird auch unten herauskommen.
(yad ... tad heißt übersetzt „wenn ... dann“)
Aus geistiger Sicht ist der innere Seelenzustand bzw. der authentisch gewordene Wesenszustand des Menschen für das Ergebnis oder die Frucht im seelisch-geistigen Sinn entscheidend. Nach den Forschungen von Heinz Grill, spiritueller Lehrer und Begründer des Schulungsweges Neuer Yogawille, kann der Mensch einen Sinn für die inhaltliche Gestaltungskraft entwickeln, die innerhalb des Aufmerksamwerdens für die Objekte und Betrachtungen der Welt bestehe. Ein Individuum realisiere damit die Möglichkeit, „die das geführte Bewusstsein bietet“ und fördere so auf allen Ebenen des Lebens einen seelischen Aufstieg. Bald wird es „selbst zum Zeugnis eines produktiven Seelenlebens werden.“ Heinz Grill erwähnt und interpretiert in diesem Zusammenhang ein Mantra des Yoga:
- „Yad bhāvan tad bhāvati besagt die Weisheit des Yoga: «Dasjenige, was in Gedanken und Gefühlen in der Seele lebt oder was diese hinzubildet, was sie über die normalen Gewohnheiten hinzufördert, wird zum authentischen Wesenszustand des Daseins werden.» Das Seelenleben mit der geformten Aufmerksamkeit schenkt eine aufsteigende und sympathische Entwicklung.“[13]
Verwendung außerhalb des biblischen Kontextes
Der englische Schriftsteller George Orwell (1903–1950) verwendete den Satz in Bezug auf die für England repräsentative und besonders hochwertige Apfelsorte Cox Orange. In den 1930er-Jahren pflanzte er einen Cox-Baum in seinem Garten und sagte später: „Ich hatte noch nie einen Apfel von diesem Baum. Aber jemand anderes wird dort eines Tages ernten. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen, und Cox ist eine gute Frucht, um daran erkannt zu werden.“[14]
Der biblische Ausspruch wird auch in der Politik,[15] in der Rechtsprechung für unrechtmäßig erlangte Beweise,[16] im Management[17] oder in der Ethik verwendet. Die „Früchte“ stehen bildlich für die Ergebnisse und diese gelten als entscheidendes Kriterium für die Bewertung von Charakter, Kompetenz oder Absichten.
Die philosophische Strömung des Pragmatismus bewertet Ergebnisse höher als Absichten und Theorien. William James (1842–1910), amerikanischer Psychologe und Philosoph sowie einer der wichtigsten Vertreter philosophischen Pragmatismus, argumentiert in seiner Schrift The Varieties of Religious Experience, dass die Herkunft (Wurzeln) einer religiösen Erfahrung weniger wichtig sind als die praktischen Auswirkungen und moralischen Ergebnisse (Früchte): “By their fruits ye shall know them, not by their roots.”[18]
Siehe auch
Einzelnachweise
- ↑ Matthäus 7. In: Elberfelder Übersetzung. Edition CSV. Abgerufen am 21. Dezember 2025.
- ↑ Lukas 6. In: Elberfelder Übersetzung. Edition CSV. Abgerufen am 21. Dezember 2025.
- ↑ Jemanden oder etwas an seinen Früchten erkennen. In: logo-buch.de. Abgerufen am 21. Dezember 2025.
- ↑ William Robertson Nicoll: Expositor's Greek Testament on Luke 6. 1897, siehe Vers 6,43. In: biblehub.com. Abgerufen am 21. Dezember 2025.
- ↑ Corpus scriptorum ecclesisticorum latinorum. Vol. LXII. Pars V: Expositio psalmi CXVIII. 49, S. 469. In: archive.org. Abgerufen am 26. Dezember 2025.
- ↑ Pater Kreuzer erklärt die Bibel: An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. In: Leben jetzt. Abgerufen am 22. Dezember 2025.
- ↑ An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen (Matthäus 7:15-20). In: GES. Grace Evangelical Society. Abgerufen am 22. Dezember 2025.
- ↑ Was bedeutet Matthäus 7,16? Verskommentar. In: bibleref.com. Abgerufen am 23. Dezember 2025 (deutsche Übersetzung durch Google).
- ↑ Rudolf Steiner: Aus schicksaltragender Zeit. GA 64. 1. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1959, ISBN 3-7274-0640-2, S. 17. (Online)
- ↑ Rudolf Steiner: Anthroposophie, ihre Erkenntniswurzeln und Lebensfrüchte. Mit einer Einleitung über den Agnostizismus als Verderber echten Menschentums. GA 78. 3. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1986, ISBN 3-7274-0780-8. (Online)
- ↑ Mitteilung VII/VIII – 2020. In: Anthroposophie Schweiz. Abgerufen am 23. Dezember 2025.
- ↑ Rudolf Steiner: Betriebsräte und Sozialisierung. GA 331. 1. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1989, ISBN 3-7274-3310-8. S. 259 (Online)
- ↑ Heinz Grill: Die Seelendimension des Yoga. 7., unveränderte Auflage. Stephan Wunderlich Verlag, Sigmaringen 2022, ISBN 978-3-948193-00-3, S. 76–77.
- ↑ David Ehrenfeld: Beginning Again: People and Nature in the New Millennium. Oxford University Press, 1995, ISBN 0-19-509637-1, S. 17
- ↑ „ An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. “ In: Stadt Wien. ADV e-Government Konferenz 2019. Abgerufen am 26. Dezember 2025.
- ↑ Lehre vom vergifteten Baum: unrechtmäßig erlangte Beweise. In: fukurolegal.com. Abgerufen am 26. Dezember 2025.
- ↑ Christoph Rüdesheim: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“ (Mt 7,16). In: futur2. Abgerufen am 26. Dezember 2025.
- ↑ The Varieties of Religious Experience. In: wright-house.com. Abgerufen am 26. Dezember 2025.
Dieser Artikel basiert teilweise auf dem Artikel The Tree and Its Fruits aus der freien Enzyklopädie en.wikipedia.org und steht dort unter der Lizenz Creative-Commons Namensnennung-ShareAlike 4.0 International. In Wikipedia ist eine Liste der Autoren einsehbar.
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