Benutzer:Equiseto/Rispenhirse
Auch Echte Hirse (Panicum miliaceum), engl. ugs. Proso millet u. w.; eine Pflanzenart aus der Gattung Rispenhirsen (Panicum).[1]
Geschichte
Erste Hinweise auf eine Domestizierung der Rispenhirse stammen aus China etwa um 6000 v. Chr.. Da Hirse wenig Wasser benötigt und sowohl in hohen wie auch in tiefen Lagen gedeiht, breitete sich ihr Anbau schnell aus.[2]
Ab etwa 2500 v. Chr. ist der Anbau von Hirse in den westlich von China gelegenen Ländern Kasachstan, Turkmenisatan und dem Kaschmirtal durch Funde fossiler Hirsekörner belegt. Aufgrund neuerer Untersuchungen mittels Radiokarbondatierung von 75 Hirseproben aus verschiedenen archäologischen Fundstätten Europas, konnten Forschende der Universität Kiel belegen, dass die Rispenhirse ab etwa 1600 v. Chr. (Beginn mittlere Bronzezeit) in Europa als ein Hauptnahrungsmittel angebaut wurde. Es wird angenommen, dass sie durch Halbnomaden aus Steppen Zentralasiens nach Mitteleuropa kam, welche zu dieser Zeit einwanderten. Hirse konnte infolge ihrer sehr kurzen Vegetationszeit von nur 60 - 90 Tagen auch von ihnen angebaut werden.[2]
Zunächst ist der Hirseanbau in der südwestlichen Ukraine belegt. Ab 1500 v. Chr. verbreitete sie sich dann im heutigen Rumänien, Ungarn, Kroatien und nördlichem Italien. Bis 1350 v. Chr. war die Hirse schon in Mitteleuropa angekommen und auch bis in die Ägäis. Während der gesamten Bronzezeit war sie ein Hauptnahrungsmittel.[2] Um 1150 v. Chr. war Sie in Polen und Norddeutschland schon weit verbreitet.[3]
Die Hirse war in der Antike ein weit verbreitetes Grundnahrungsmittel.[4]
Im Mittelalter war sie ein wichtiges Nahrungsmittel in Mitteleuropa, besonder für arme Menschen. Der Anbau verlagerte sich schwerpunktmäßig Richtung Osteuropa. Da Hirse wenig Kleber enthält, wurde sie vor allem als Brei gegessen. Als die Kartoffel nach Mitteleuropa kam und der Mais nach Südeuropa, verdrängten sie die Hirse. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts wurde sie aber noch in sandigen Gebieten, wie in Brandenburg, Pommern, Thüringen, Posen und in den unteren Donauländern angebaut; ebenfalls im südlichen Russland.[5]
Im Süden Afrikas wird Hirse bis heute angebaut und stellt ein Grundnahrungsmittel dar, das als Brei, Brot, Bier und anderen Produkten täglich von einem großen Teil der Bevölkerung gegessen wird. Die langen Halme werden teilweise wie Bambus zum Bauen verwendet.[6]
Die Römer nannten (wie auch die pharmazeutischen Literatur bis in die Frühe Neuzeit[7]) die Rispenhirse Milium[8] und verwendeten sie für Brot und Brei.[9] In Ägypten ist Hirse seit römischer Zeit belegt, zum Beispiel in Kellis in der Oase Dachla, wo sie nach Isotopenstudien als Viehfutter eingesetzt wurde[10].
Beschreibung und Ökologie



Unterer Hüllspelze (Glu')
Oberer Hüllspelze (Glu")
Deckspelze der sterilen Blüte (Lem')
Deckspelze der fertilen Blüte (Lem")
Vorspelze der fertilen Blüte (Pal)
Vegetative Merkmale
Die Rispenhirse ist eine einjährige krautige Pflanze und erreicht Wuchshöhen von 30 bis 100, selten bis 150 Zentimetern. Ihre aufrechten Stängel sind meist an den unteren Knoten verzweigt, gerieft, 2 bis 5 Millimeter dick und unterhalb der Knoten 2 bis 3 Millimeter lang behaart. Die vier bis acht Knoten sind 1 bis 2 Millimeter lang behaart. Die Blattscheiden sind deutlich gerippt und zwischen den Rippen rauhaarig. Das Blatthäutchen ist häutig und 1 bis 2 Millimeter lang bewimpert. Die Blattspreiten sind 10 bis 40 Zentimeter lang und 8 bis 25 Millimeter breit. Sie sind flach, gerippt, im unteren Bereich rauhaarig, ansonsten zerstreut kurz behaart, Rippen und Rand sind rau.
Generative Merkmale
Der rispige Blütenstand ist 10 bis 30 Zentimeter lang, aufrecht bis überhängend, locker bis dicht. Im unteren Bereich ist er häufig von der obersten Blattscheide eingehüllt. Die Seitenäste sind rau und kantig. Die 2 bis 6 Millimeter lang gestielten Ährchen sind 4,5 bis 5 Millimeter lang und zugespitzt. Die untere Hüllspelze ist fünf- bis siebennervig, zwei Drittel so lang wie das Ährchen und zugespitzt. Die obere Hüllspelze ist neun- bis elfnervig und zugespitzt. Das untere Blütchen ist steril, seine Deckspelze ist neun- bis elfnervig. Die Deckspelze des oberen, zwittrigen Blütchens ist rund einen mm kürzer als das Ährchen, hellgelb, schwärzlich oder weiß, glänzend und knorpelig verdickt. Die Staubbeutel sind 1,2 bis 1,5 Millimeter lang und dunkelviolett. Die Blütezeit reicht von Juni bis September. Es erfolgt Selbstbestäubung.
Die Karyopse ist etwas kleiner als die Deckspelze, hat einen kreisförmigen Umriss und ist rund 3 Millimeter lang. Ihre Farbe reicht von strohfarben über rötlichbraun, olivbraun bis schwärzlich, kann aber auch weiß sein. Das Tausendkorngewicht liegt zwischen 4 und 8 Gramm.[11] Der Eiweißgehalt beträgt bis zu 10 (selten sogar bis 18) Prozent, der Fettgehalt rund 4 Prozent. Manche Sorten sind sogar Kleber-haltig und liefern somit backfähiges Mehl.[11]
Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 36.
Vorkommen
Das ursprüngliche Verbreitungsgebiet der Rispenhirse liegt in Zentralasien. Nach anderen Autoren stammt sie aus dem Gebiet vom indischen Subkontinent bis Myanmar.[12] Sie wird in der Alten Welt seit Jahrtausenden als Getreidepflanze angebaut und ist vielfach verwildert. Sie ist weniger wärmebedürftig als andere Hirse-Arten.
In Mitteleuropa wächst sie verwildert auf Schuttplätzen, Bahnanlagen und in Häfen. In Gärten verwildert sie meist aus Vogelfutter. Sie kommt vor allem auf nährstoffreichen, leichten und sandigen Lehmböden der kollinen, seltener auch der montanen Höhenstufe vor. Sie steigt in den Alpen bis 1000 Meter und im Himalaja bis 3000 Meter Meereshöhe auf.[13]
Die ökologischen Zeigerwerte nach Landolt et al. 2010 sind in der Schweiz: Feuchtezahl F = 2 (mäßig trocken), Lichtzahl L = 4 (hell), Reaktionszahl R = 3 (schwach sauer bis neutral), Temperaturzahl T = 5 (sehr warm-kollin), Nährstoffzahl N = 4 (nährstoffreich), Kontinentalitätszahl K = 3 (subozeanisch bis subkontinental).[14]
Taxonomie und Systematik
Die Echte Hirse wurde 1753 von Carl von Linné in Species Plantarum Tomus I, S. 58 als Panicum miliaceum erstbeschrieben.[15]
Es werden drei Unterarten unterschieden[16]:
- Kulturhirse (Panicum miliaceum subsp. miliaceum) oder Echte Hirse[16]: Die Ährchen fallen zur Fruchtreife nicht aus- oder ab, die Ährchenachse zerbricht nur unter Druck. In Mitteleuropa gibt es hier drei (Con)Varietäten:
- Panicum miliaceum convar. effusum Alef., die Flatter-Rispenhirse, mit ausgebreiteter und sehr lockerer Rispe. Sie ist die ursprünglichste Kulturhirse.
- Panicum miliaceum convar. contractum Alef., die Klump-Rispenhirse, mit zusammengezogener Rispe, die oben dichter ist als am Grund. Die Zweige sind überhängend.
- Panicum miliaceum var. compactum, die Dicke Hirse, mit zusammengezogener, überall gleich dichter Rispe, alle Zweige stehen aufrecht.
- Unkraut-Hirse (Panicum miliaceum subsp. ruderale (Kitagawa) Tzvelev) oder Ruderale Hirse: Die Rispe steht aufrecht, ihre Äste stehen steif ab. Die Ährchenachse zerfällt unter der oberen Blüte, auch der Ährchenstiel ist gegliedert. Zur Reife fallen die Scheinfrüchte und auch die Spelzen ab. Die Spelzfrüchte sind dunkel gefärbt. Diese Unterart wächst in Maisfeldern und auf Schuttplätzen. In Deutschland ist sie seit 1982 nachgewiesen und kommt heute an Rhein, Main, Isar und Elbe vor.[16]
- Unechte Unkraut-Hirse (Panicum miliaceum subsp. agricola H.Scholz & Mikoláš) oder Bauern-Hirse: Die Rispe ist stärker zusammengezogen und nickend. Die Ährchen fallen zur Reife aus den stehenbleibenden Hüllspelzen aus, die häutigen Spelzen bleiben aber stehen. Sie ist aus Kärnten, Steiermark, Tschechien, Baden-Württemberg[16] und dem Elsass bekannt.
Anbau und Nutzung
Die Rispenhirse wird vor allem in Zentralasien, im nördlichen China, Japan und Indien angebaut. Die Vegetationszeit beträgt je nach Standort und Sorte 60 bis 90 Tage, der Wasseranspruch ist relativ gering. Die nördliche Anbaugrenze ist die 20 °C-Juli-Isotherme. Im Himalaja wird die Rispenhirse bis in Höhenlagen von 3000 Metern angebaut.[9] Die Körner reifen in den Rispen nicht gleichzeitig, wegen hoher Ausfallgefahr erfolgt die Ernte vor der Vollreife. Die Erträge liegen meist bei rund 1 Tonne pro Hektar und können unter günstigen Bedingungen bis 5 Tonnen betragen.[11]
Die Früchte werden als Korn, Brei und Brot verzehrt oder zu Hirsebier verarbeitet.[17] In Nordchina werden sie auch für Hirsewein (ähnlich dem Reiswein Huang Jiu 黄酒) verwendet. Das Stroh ist als Futter für Wiederkäuer geeignet.[11]
Literatur
- Hans Joachim Conert: Pareys Gräserbuch. Die Gräser Deutschlands erkennen und bestimmen. Blackwell, Berlin/Wien 2000, ISBN 3-8263-3327-6.
Weblinks
- Millet. In: Wikipedia 25 years of the free encyclopedia.
Einzelnachweise
- ↑ Rispenhirse. In: Lexikon des Agrarraums. Abgerufen am 10. Juni 2026.
- ↑ 2,0 2,1 2,2 Wie die Rispenhirse nach Europa kam. In: Bilder der Wissenschaft.de. Abgerufen am 3. Juni 2026.
- ↑ Neue AMS- 14C -Datierungen dokumentieren die Ankunft und Verbreitung des Anbaus von Rispenhirse sowie den Wandel der Landwirtschaft im prähistorischen Europa. In: scientific reports. Abgerufen am 3. Juni 2026.
- ↑ Getreide ABC: Hirse. In: Bundeszentrum für Ernährung. Abgerufen am 5. Juni 2026.
- ↑ Udelgard Körber-Grohne: Nutzpflanzen in Deutschland von der Vorgeschichte bis heute. Theiss, Stuttgart 1995. ISBN 3-933203-40-6 (Nachdruck).
- ↑ Hirse, die unbeachtete Ernährerin. Hirsetagung vom VERN e.V.. September 2023. In: Der Verein zur Erhaltung und Rekultivierung von Nutzpflanzen VERN e.V. Abgerufen am 5. Juni 2026.
- ↑ Otto Zekert (Hrsg.): Dispensatorium pro pharmacopoeis Viennensibus in Austria 1570. Hrsg. vom österreichischen Apothekerverein und der Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie. Deutscher Apotheker-Verlag Hans Hösel, Berlin 1938, S. 147 (Milium).
- ↑ Vgl. auch Otto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Mathematisch-naturwissenschaftliche Habilitationsschrift, Halle an der Saale 1959, S. 189 (Geguers sive milium – hyrsen, dochen = Panicum miliaceum L.)
- ↑ 9,0 9,1 Udelgard Körber-Grohne: Nutzpflanzen in Deutschland von der Vorgeschichte bis heute. Theiss, Stuttgart 1995 (Nachdruck ISBN 3-933203-40-6)
- ↑ Tosha L. Dupras, Henry P. Schwarcz, Scott I. Fairgrieve, Infant Feeding and weaning Practices in Roman Egypt. American Journal of Physical Anthropology 115/3, 2001, 208
- ↑ 11,0 11,1 11,2 11,3 Gunther Franke (Hrsg.): Nutzpflanzen der Tropen und Subtropen. Band 2: Spezieller Pflanzenbau. Ulmer, Stuttgart 1994, S. 107f. ISBN 3-8252-1768-X
- ↑ Vorlage:WCSP
- ↑ Hans Joachim Conert: Familie Poaceae. In Gustav Hegi: Illustrierte Flora von Mitteleuropa. 3. Auflage, Band I, Teil 3, Seite 41–43. Verlag Paul Parey, Berlin und Hamburg 1979. ISBN 3-489-52020-3.
- ↑ Vorlage:InfoFlora
- ↑ B.Valdés, H.Scholz; with contributions from E. von Raab-Straube & G.Parolly (2009+): Poaceae (pro parte majore). Datenblatt Panicum miliaceum In: Euro+Med Plantbase - the information resource for Euro-Mediterranean plant diversity.
- ↑ 16,0 16,1 16,2 16,3 Michael Koltzenburg: Panicum. In: Schmeil-Fitschen: Die Flora Deutschlands und angrenzender Länder. 97. Auflage. S. 342. Verlag Quelle & Meyer, Wiebelsheim 2019. ISBN 978-3-494-01700-6
- ↑ Wolfgang Franke: Nutzpflanzenkunde. Nutzbare Gewächse der gemäßigten Breiten, Subtropen, und Tropen. 4. Auflage, Thieme, Stuttgart 1989, S. 101. ISBN 3-13-530404-3
