Sammelt euch nicht Schätze auf der Erde, wo Motte und Rost zerstören

„Sammelt euch nicht Schätze auf der Erde, wo Motte und Rost zerstören“ ist der Beginn eines Gedankengangs über das Sammeln irdischer oder himmlischer Schätze, den Jesus Christus in der Bergpredigt im Matthäusevangelium (Mt 6,19–21) an seine Jünger richtet. Eine ähnliche Passage findet sich im Evangelium nach Lukas (Lk 12,33–34).
Der Evangelist Lukas fordert zusätzlich auf, die eigene Habe zu verkaufen und Almosen zu geben. Beiden Evangelisten gemeinsam ist die Aussage, dass dort, wo der Schatz des Menschen ist, auch sein Herz sein wird.
In theologischen Bibelauslegungen findet sich häufig zu dieser Evangelienstelle die Interpretation, dass Gott an erster Stelle im Leben stehen müsse, verbunden mit der Warnung vor Anhäufung großer Besitztümer, dem gierigen Streben nach Reichtum oder nach persönlichem Ansehen in der Welt. Die Gläubigen sollten den Blick auf Christus richten und nicht auf die sichtbaren, vergänglichen Dinge, dann würden sie die größten Schätze sammeln. Die Menschen können sich zwar an irdischen Dingen erfreuen, jedoch sollten sie ihr Herz nicht daran hängen, weil alles Irdische keinen bleibenden Wert hat. Sie sollten sich vielmehr mit dem Worte Gottes beschäftigen, das heißt jene himmlischen Schätze sammeln, die ihnen niemand zerstören oder stehlen kann.
Nach geisteswissenschaftlicher Forschung bezieht sich das Sammeln irdischer Schätze nicht alleinig oder vordergründig auf materielle Dinge, sondern sie weist auf die seelische Ebene hin, wo der Mensch in der Regel von subjektiven Neigungen, Emotionen, Begierden, Gewohnheiten und Projektionen geleitet ist. Dadurch ist er in seiner eigenen Hülle wie abgeschirmt bzw. wie gefangen. Durch eine intensive Hinwendung zu universalen Gedanken und damit einhergehenden objektiven Sinnes- und Wahrnehmungsprozessen beginnt die geistige Ebene der Gedanken allmählich Realität im Menschen zu werden. Der Mensch sammelt Schätze im Himmel, wenn er sich mit weisheitsvollen Gedanken intensiv und ausdauernd auseinandersetzt. Der ursprünglich außen stehende Gedanke gelangt in seinem Herzen zum Auferstehen.
Dies ist vom Standpunkt der geistigen Forschung der Schatz im Himmel und auf diese Weise entwickelt sich das sogenannte Herzzentrum (Anahata-Chakra), das feinstofflicher Art ist, und sich in der Nähe des physischen Herzens befindet.
Textstellen und Kontext im Neuen Testament
Evangelium nach Matthäus
Die Elberfelder Übersetzung bringt dieses Kapitel mit folgenden Worten zum Ausdruck:
- „Sammelt euch nicht Schätze auf der Erde, wo Motte und Rost zerstören und wo Diebe einbrechen und stehlen; sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo weder Motte noch Rost zerstören und wo Diebe nicht einbrechen und nicht stehlen; denn wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein.“ (Mt 6,19–21)[1]
Parallelstelle im Evangelium nach Lukas
- „Verkauft eure Habe und gebt Almosen; macht euch Geldbeutel, die nicht veralten, einen Schatz, unvergänglich, in den Himmeln, wo kein Dieb sich nähert und keine Motte verdirbt. Denn wo euer Schatz ist, da wird auch euer Herz sein“. (Lk 12,33–34)[2]
Theologische Interpretationen (Auswahl)

Der Kirchenlehrer und Erzbischof von Konstantinopel, Johannes Chrysostomos (344 oder 347–407), sieht in diesem Zusammenhang die Unfreiheit, in die sich der Mensch begibt, wenn er nur noch an Geld, Profit und irdischen Dingen hängt und nicht mehr fähig ist, einen geistigen Gedanken zu fassen. Dazu findet sich von ihm in der Bibliothek der Kirchenväter, in der zwanzigsten Homilie, folgende Interpretation:
- „Grabe nicht nach Gold in der Erde, noch nach sonst etwas Derartigem; du sammelst es ja doch bloß für Motten, Rost und Diebe. Wenn du aber auch solchen Feinden entgehst, dem wirst du nicht entrinnen, dass dein Herz in Sklaverei verfällt und an alle irdischen Dinge sich heftet. Denn: „Wo des Menschen Schatz ist, da ist auch sein Herz.“ Wenn du also deinen Schatz im Himmel hinterlegst, so hast du davon nicht nur den Vorteil, dass du den Lohn erhältst, der dafür verheißen ist; du findest einen solchen auch schon hienieden, darin, dass du in den Himmel verpflanzt bist, an Himmlisches denkst und um das Himmlische besorgt bist. Denn es ist klar, dass du mit deinen Gedanken da bist, wo du deinen Schatz hinterlegt hast. Wenn du hingegen deinen Schatz in dieser Welt hinterlegst, so wirst du ebenso das Gegenteil erfahren.“[3]

Jakob Lorber (1800–1864), christlicher Mystiker und Verfasser zahlreicher Schriften, bringt diese Passage im Evangelium unmittelbar in Beziehung zum Leben nach dem Tode und dem, was dann an wirklichen Werten im seelisch-geistigen Sinne Bestand haben wird. Er stellt sich die Frage, ob es denn für den Menschen von Nutzen sein könne, alle Kenntnisse und Wissenschaften der Welt zu besitzen, sich selber aber nicht ausreichend bis in die tiefste Lebenswurzel zu kennen?
- „Denn was kann es dem Menschen nützen, so er auch gewönne alle Schätze der Erde, an seiner Seele aber Schaden litte? Weg somit mit allem, was der Rost und die Motten zerstören können! Nur was des Geistes ist, bleibt für ewig unwandelbar; alles Angehörige der Materie aber ist noch oft zahllosen Verwandlungen unterworfen, bis es den Standpunkt des Geistigen erreicht haben wird. Darum fragt um Geistiges und Seelisches, aber nimmer um Irdisches!“ [GEJ.04_140,04-06][4]

Augustinus von Hippo (354–430), Kirchenlehrer und römischer Bischof, äußert dazu, dass Geist und Materie nicht vermischt werden dürften. Das wäre dann der Fall, wenn nicht der Geist die Führung über die Materie hat, sondern beispielsweise die Gier führend ist und damit die Materie, die an sich rein wäre, beschmutzt wird.
- „Denn wenn jemand mit dem Geist arbeitet, dadurch ein irdisches Gut zu erlangen, wie soll sein Herz rein sein, solange es so auf Erden wandelt? Denn alles, was mit einer minderwertigen Natur vermischt ist, ist damit verschmutzt, auch wenn diese untergeordnete in ihrer Art rein sei. So wird Gold legiert, wenn es mit reinem Silber gemischt wird; und ebenso wird unser Geist von der Begierde nach irdischen Dingen befleckt, obwohl die Erde in ihrer Art rein ist.“[5]
Pastor Roland Bohlen sieht im Gottvertrauen und in der Beziehung zu Gott, die an erster Stelle im Leben stehen müssen, die wahren Schätze im Himmel. In Geld und materiellen Wohlstand, mit dem sich die Menschen absichern wollen, in dem Wunsch, alles zu schaffen, in der Suche nach Glück in einer Partnerschaft und in der Neigung, sich an andere Menschen anzuhängen, erkennt er die vergänglichen Schätze auf Erden. In folgendem Gebet drückt er den Bezug aus:
- „Jesus, ich danke dir, dass wir dich als unseren größten Schatz annehmen sollen. Alle anderen Schätze halten nicht, was sie versprechen. Hilf mir, von meinem Anspruch loszulassen, alle Aufgaben immer fertig zu haben und alles gut zu machen. Es gibt Dinge, die ich nicht schaffe, die ich nicht kann. Hilf mir, das anzunehmen und zu lernen, dass mein Schatz in dir liegt und nicht im Erfüllen von Aufgaben.“[6]
Der christliche Philosoph Dallas Willard bringt diese Evangelienstelle mit der Fähigkeit des Menschen, grundsätzlich etwas wertschätzen zu können, in Zusammenhang. Er kommt zu folgender Aussage:
- „Dies ist ein wesentlicher Teil des Menschseins. Nichts zu haben, was man schätzt, ist ein unmenschlicher Zustand, und nichts entwürdigt Menschen mehr, als ihre Schätze zu verachten, zu zerstören oder ihnen diese zu nehmen.“[7]
Interpretation aus geistiger Forschung
Heinz Grill, Begründer des geistigen Schulungsweges Neuer Yogawille und Autor spiritueller Schriften, vertritt den Standpunkt, dass sich in der Regel das Bewusstsein des Menschen in den irdisch-materiellen Verhältnissen bewegt, eingebettet ist in den Strom des Alltags und sich ganz mit seinem physischen Körper und den Bedingungen des Daseins identifiziert. Da seine Aufmerksamkeit maßgeblich darauf gerichtet ist, sammelt er auch Schätze im Irdischen.[8]
In der Meditation verlässt der Übende diese Ebene, denn er richtet für eine bestimmte Zeit seine ganze Aufmerksamkeit auf einen weisheitsvollen, universalen Gedanken. Da ein weisheitsvoller Gedanke gleichbedeutend mit der himmlischen Ebene ist, beginnt er, seine Schätze dort zu sammeln.[8]
Am Anfang dieser Übungspraxis, die einer ersten Stufe entspricht, wird der Gedanke den Menschen erst einmal nur begleiten und eine erste Ahnung in ihm wachrufen, dass er eine verborgene Weisheit in sich trägt. Mit zunehmender Auseinandersetzung, verbunden mit Selbstkritik und Korrekturbereitschaft durch den Gedanken, kommt der Gedanke näher und der Mensch findet erste praktische Bezüge zum Leben. Durch eine weitere Intensivierung kann eine dritte Stufe eintreten, in der der Meditierende sich zunehmend im Gedanken gründet. Durch eine rege und intensive Tätigkeit, den Gedanken zu richtigen Vorstellungen zu erbauen, wird dieser immer mehr zu einem Zentrum in ihm und strahlt schließlich authentisch durch seine Handlungen und sein ganzes Wesen wieder nach außen auf seine Umgebung und die Mitmenschen aus.[8]
Heinz Grill drückt dies in folgendem Meditationssatz aus:
- „Eine universale Wahrheit, die immer Gültigkeit hat, gewinnt durch Konzentration und erkenntnisvolle Strebsamkeit eine individuelle Kraft. Sie wird Teil des Herzens und wird eine ausstrahlende Mitte. Sie macht den Menschen frei. Das Evangelium drückt aus: „Sammelt euch aber Schätze im Himmel, […] denn wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein“. Eine universale Wahrheit kann ganz zum Herzen des Menschen werden und sie schenkt ihm eine unabhängige und große Handlungskraft. Die persönlichen Existenzängste dürfen hierfür keine determinierende Rolle besitzen.“[8]
Mit dieser Art der Hinwendung entwickelt sich das Herzzentrum (Anahata-Chakra). Je mehr der Mensch sich in diesem Zentrum inhaltlich zu gründen vermag und seine persönlichen Sorgen, Emotionen und Existenzängste an die zweite Stelle rückt, umso freier wird er:
- „Der einzelne Mensch ist erst dann frei und unabhängig, wenn er richtige Vorstellungen entwickelt, nach diesen lebt und ein größeres Gesamtes in seinen Handlungsraum einbeziehen kann. Je mehr er wahre Inhalte und Vorstellungsbilder über Geist und Welt erringt, desto mehr kann er sich im Herzen gründen und das Zentrum in seiner Mitte erleben.“[8]
Außerbiblische Parallelen

Leo Tolstoy (1828–1910), russischer Schriftsteller, bezeichnete sich selber als ein großer Bekenner zu den Lehren Jesu Christi, insbesondere der Bergpredigt. Er erzählt in seinem Buch Wie viel Erde braucht der Mensch? die Geschichte von Pachom, einem Bauern, der glaubt, dass er nur glücklich sein kann, wenn er immer mehr Land anhäufen und besitzen kann. In seiner Gier nach Besitz vergisst er jedoch die Grenzen seiner eigenen Kräfte und sein maßloses Streben führt ihn am Ende zur eigenen Zerstörung. Von einem Moment auf den anderen fällt er tot um und es bleibt ihm am Ende gerade soviel Stück Land, wie es für ein Grab benötigt.
Leo Tolstoy ist der Überzeugung, dass menschliches Glück nicht an erster Stelle durch Besitz erreicht wird, sondern durch innere Werte im Herzen, wie Bescheidenheit und Zufriedenheit. Gleichnishaft steht dafür der Schatz auf Erden, der zerstört wird und der Schatz im Himmel, der bleibenden Wert hat.[9]
Siehe auch
- An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen (Mt 7,15–20)
- Gleichnis vom Haus auf dem Felsen oder auf Sand (Mt 7,24–29)
Einzelnachweise
- ↑ Matthäus 6. In: Elberfelder Übersetzung. Edition CSV. Abgerufen am 19. April 2026.
- ↑ Lukas 12. In: Elberfelder Übersetzung. Edition CSV. Abgerufen am 19. April 2026.
- ↑ Johannes Chrysostomos: Kommentar zum Evangelium des Hl. Matthäus. In: Bibliothek der Kirchenväter. Abgerufen am 19. April 2026.
- ↑ Falsche und echte Schätze. In: jakob-lorber.info. Abgerufen am 19. April 2026.
- ↑ Kommentar zum Evangelium des Hl. Matthäus. In: Catena aurea. Kommentar zu den vier Evangelien. Abgerufen am 19. April 2026.
- ↑ Roland Bohlen: Sammelt euch nicht Schätze hier auf der Erde. In: tagesimpuls.org. Abgerufen am 19. April 2026.
- ↑ Dein Schatz und dein Herz. In: Universität-Bibel-Freundschaft Heidelberg. Abgerufen am 19. April 2026.
- ↑ 8,0 8,1 8,2 8,3 8,4 Heinz Grill: Meditationsinhalt 138 vom 14. Mai 2022 (PDF). Über die E-Mail-Adresse meditationsinhalte@mail.de kann die PDF erbeten und eingesehen werden.
- ↑ Leo Tolstoi: Wie viel Erde braucht der Mensch? Liwi Verlag, Göttingen 2024, ISBN 978-3-9654286-9-0, S. 18. (Online)
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